Kernkraft in der EU-Finanztaxonomie: Nuklearia fordert Konsequenzen für Deutschland

Der Nuklearia e. V. begrüßt die Entscheidung des EU-Parlaments, die Kernenergie in der EU-Finanztaxonomie zu belassen.

Am Mittwoch war im Parlament ein Antrag gescheitert, die Einstufung von Kernkraft und Gas als »grüne« Energiequellen rückgängig zu machen. Nur 278 Abgeordnete stimmten für diesen Antrag, 328 dagegen, 33 enthielten sich.

Theoretisch können nun noch die EU-Mitgliedstaaten mit qualifizierter Mehrheit den sogenannten Delegated Act ablehnen. Doch da die Kernenergie unter den Mitgliedstaaten viel Zuspruch erfährt, ist dies nicht zu erwarten.

Kernkraft ist klimafreundlich

»Die Einstufung der Kernenergie als nachhaltig ist völlig richtig. Ich bin begeistert über diese Entscheidung des EU-Parlaments, und ich danke allen Aktivisten in ganz Europa und darüber hinaus, die sich dafür eingesetzt haben«, kommentiert Rainer Klute, Vorsitzender der Nuklearia.

Kernkraft ist eine klimafreundliche Energie. Sie hat von allen Energiequellen den geringsten CO₂-Fußabdruck. Das gilt für den gesamten Lebenszyklus, also von der Urangewinnung über den Betrieb des Kernkraftwerks bis hin zur Endlagerung oder dem Recycling des Atommülls. »Auch der Atommüll ändert nichts daran. Denn die Mengen sind gering, gut verwahrt, schaden niemandem und lassen sich in künftigen Kernkraftwerken als Brennstoff nutzen«, erläutert Klute.

Diese positive Bewertung hat eine wissenschaftliche Grundlage. Das Joint Research Centre, der wissenschaftliche Dienst der EU-Kommission, hatte die Kernenergie auf Herz und Nieren geprüft. Herausgekommen war ein 387-seitiger Bericht. Die wesentliche Erkenntnis findet sich auf Seite 7: »Die Analysen ergaben keinerlei wissenschaftlich fundierte Beweise dafür, dass die Kernenergie die menschliche Gesundheit oder die Umwelt stärker schädigt als andere Stromerzeugungstechnologien, die bereits als Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels in der Taxonomie enthalten sind.« Weniger verklausuliert: Kernenergie ist so nachhaltig wie Wind und Solar.

Doch auch für eine zuverlässige Stromversorgung ist die Kernenergie entscheidend, jedenfalls dann, wenn der Strom klimafreundlich und CO₂-arm erzeugt werden soll. Sonne und Wind liefern zwar sauberen Strom, können dies aber nicht jederzeit. Wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, müssen andere Kraftwerke einspringen. Einige Länder können dazu Wasserkraft nutzen, aber in einem Land wie Deutschland geht das nur sehr begrenzt. Regelbare Kraftwerke, die Deutschland nutzen könnte, sind entweder nuklear und CO₂-arm oder fossil und CO₂-intensiv. Andere Alternativen haben wir nicht.

Bedeutung der Taxonomie

Welche Folgen hat es, dass Kernenergie und Erdgas als umweltverträglich und nachhaltig gelten? Zunächst einmal keine. Die Taxonomie ist ein Gütesiegel, an dem sich Investoren orientieren können, die auf der Suche nach nachhaltigen Investitionsmöglichkeiten sind. Für viele Investoren wird die Taxonomie ein wichtiges Entscheidungskriterium sein. Dies erschließt Kernkraftprojekten zusätzliche Finanzmittel. Dies führt zu geringeren Kapitalkosten und damit zu kostengünstigeren Kernkraftwerken.

Erdgas nachhaltig? Ein schwerer Fehler!

Die Einstufung auch von Erdgas als nachhaltig sei allerdings ein schwerer Fehler, meint Rainer Klute: »Erdgas ist klimaschädlich. Wegen seiner CO₂- und Methan-Emissionen ist es für das Klima nicht besser als Kohle. Das ist auch allen bewusst.« Wenn Erdgas trotzdem in der Taxonomie ist, liegt das hauptsächlich an Deutschland. Denn durch den Atomausstieg fehlen Deutschland die Kernkraftwerke. Eine verlässliche Stromquelle ist aber unabdingbar in den Zeiten, in denen Solar- und Windenergie nichts oder nur wenig liefern. Dann sollte das CO₂-intensive Erdgas einspringen, so der Plan der Energiewende. Doch daraus wird nun nichts. Denn die Abhängigkeit von Russland kappt der Energiewende die Gasversorgung und stürzt Deutschland in eine schwere Energiekrise.

Nach Ansicht von Rainer Klute begrenzt dies aber zugleich den Schaden, den Erdgas in der Taxonomie anrichten kann: »Erdgas ist jetzt knapp und teuer, und das wird auch auf Jahre hinaus so bleiben. Ich glaube darum nicht, dass es viele taxonomiekonforme Erdgasprojekte geben wird, wenn überhaupt.« Auch die Taxonomieverordung selbst stellt hohe Hürden auf. So ist ein Gaskraftwerk, das als grün gelten will, nur dann zulässig, wenn es ein vorhandenes Kohlekraftwerk ersetzt und enge Emissionsgrenzen einhält. Außerdem muss es nach einer Übergangszeit vollständig auf Gas aus sauberen Quellen umgestellt sein.

Folgen für Deutschland

Ohne genügend Erdgas für die Stromversorgung kann Deutschland ohnehin keinen Nutzen aus der Taxonomie ziehen. Die Frage ist nicht mehr, ob Erdgas grün ist oder nicht, sondern ob genügend davon zur Verfügung steht, um die Stromversorgung zu sichern. Wenn Sonne und Wind nicht liefern und die Gaskraftwerke keinen Brennstoff haben, reicht die übrige Stromproduktion nicht aus. Das gilt auch dann, wenn alle klimaschädlichen Kohlekraftwerke mit voller Leistung laufen. Deutschland ist dann zwingend auf Stromimporte aus dem Ausland angewiesen. Ob diese Importe jederzeit und im nötigen Umfang zur Verfügung stehen, ist allerdings die Frage.

Frankreich beispielsweise, das sonst typischerweise bis zu drei Reaktorblöcke für Deutschland laufen lässt, muss gerade selbst damit klarkommen, dass 12 seiner 56 Kernreaktorblöcke wegen Spannungsrisskorrosion unplanmäßig nicht am Netz sind. Verblüffenderweise sehen es selbst Atomkraftgegner in den sozialen Medien als Problem an, wenn Kernkraftwerke keinen Strom liefern. Im Hinblick auf die letzten deutschen Kernkraftwerke lassen sie dies dann allerdings nicht mehr gelten.

Was knapp ist, das ist auch teuer. Der Börsenpreis für Strom, der im ersten Quartal 2023 produziert werden muss, hat gerade die Marke von 400 Euro pro Megawattstunde überschritten. Eine Kilowattstunde kostet dann also über 40 Cent. Steuern, Netzentgelte usw. kommen noch dazu.

Derart hohe Strompreise können sich gerade energieintensive Industrien nicht mehr leisten. Viele werden abwandern oder aufgeben müssen. Arbeitsplätze werden verlorengehen. Die Steuereinnahmen werden schwinden und damit auch die Handlungsfähigkeit des Staates, Notlagen abzufedern.

Umso wichtiger ist es daher, jede einzelne Stromerzeugungsanlage in Betrieb zu halten. Für die Kernkraftwerke gilt das besonders, da sie nicht einfach nur Strom erzeugen, sondern dies CO₂-frei und rund um die Uhr tun, unabhängig von Tageszeit und Wetter.

Neue Kernkraftwerke braucht das Land

Die Nuklearia fordert daher den Bundestag auf, umgehend das Atomgesetz zu ändern. Die Kernkraftwerke Emsland, Neckarwestheim 2 und Isar 2 müssen weiterlaufen. Weiter sollten die Ende 2021 abgeschalteten Kernkraftwerke Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C wieder in Betrieb gehen. Die Betriebsgenehmigung dieser Anlagen ist noch nicht erloschen, der Aufwand zur Wiederinbetriebnahme überschaubar.

Drei oder sechs Kernkraftwerke können Deutschlands Energieproblem zwar abmildern, aber allein können sie es nicht lösen. Darum ist auch ein Neubau von Kernkraftwerken erforderlich. Das können Großreaktoren sein wie Frankreichs EPR2, Südkoreas APR-1400 oder der US-amerikanische AP1000. Diese Anlagen bieten eine elektrische Leistung zwischen 1.000 und 1.600 Megawatt (MW). Denkbar sind auch modulare Kleinreaktoren (Small Modular Reactors, SMR) im Leistungsbereich 50–300 MW. SMR sind für ein Industrieland wie Deutschland von der Effizienz her zwar nicht unbedingt erste Wahl. Da sie aber in Serie in Reaktorfabriken gefertigt werden, sind sie eine interessante Option für den schnellen Wiedereinstieg in die Kernenergie.

Erforderlich ist auch eine Ausbildungskampagne, um den Personalbedarf einer neuen Kernenergie in Deutschland langfristig zu decken. Heute hat Deutschland bei Betreibern und Behörden nur noch nukleare Kompetenzen für Betrieb und Rückbau – und in gewissen Ministerien weniger als das. Wir müssen auch wieder in die Lage kommen, Kernkraftwerke genehmigen und bauen zu können. Das alles wird nicht von heute auf morgen gehen. Es wird Zeit brauchen und die Hilfe internationaler Partner. Umso wichtiger ist es, heute damit anzufangen!


Über die Nuklearia

Nuklearia

Der Nuklearia e. V. ist ein gemeinnütziger, industrie- und parteiunabhängiger Verein zur Förderung der Kernenergie. Wir sehen in der Kernenergie eine wesentliche Säule der Energieversorgung und des Umweltschutzes. Fortschrittliche Reaktoren arbeiten sicher, sauber und nachhaltig. Atommüll lässt sich in Schnellen Reaktoren als Brennstoff nutzen.

Anders als erneuerbare Energien steht Kernenergie jederzeit in ausreichender Menge zur Verfügung und verbraucht keine großen Landflächen. Im Unterschied zu Kohle oder Gas ist Kernenergie CO₂-arm und vermeidet Luftverschmutzung. Dadurch trägt Kernenergie erheblich zum Umwelt- und Klimaschutz bei.

Kenntnisse über Kernenergie sind in Deutschland rar geworden. Das wollen wir ändern.


Titelfoto: Am Abend des 6. Juli 2022 demonstrieren Kernkraftbefürworter vor dem EU-Parlament in Straßburg für die Aufnahme der Kernenergie in die EU-Taxonomie. Foto: Ola Czarnecka.

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