Mein Fukushima: Argumente statt Bauchgefühl

Von Martin Knipfer

Martin Knipfer erlebte den Reaktorunfall von Fukushima-Daiichi als 12-Jähriger. Er nahm die Strahlenangst seiner Mutter auf und war erleichtert über den Beschluss zum Atomausstieg. Doch gute Argumente und Debattenerfahrung überzeugten ihn später vom Gegenteil.

Der 11. März 2011 war ein schöner, klarer Tag. Ich weiß noch genau, wie ich damals mit 12 Jahren mit Mutter und Bruder auf der A8 zu den Großeltern in Offenburg unterwegs war. Im Autoradio hatten wir gehört, dass es in Japan ein sehr schweres Erdbeben und einen Tsunami gegeben hat, was eine gewisse Betroffenheit auslöste. Als dann aber die Meldung kam, dass es im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi Probleme mit der Kühlung der Reaktoren gab und eine Kernschmelze drohte, schlug die Stimmung meiner Mutter am Steuer schlagartig um. Mein Bruder und ich waren damals noch zu jung, um die Geschehnisse einzuordnen, aber wir hatten bemerkt, dass dieses Ereignis meiner Mutter offenbar nackte Angst einjagte.

Schreckliche Strahlung

Als wir dann in Offenburg bei unseren Großeltern angekommen waren, verfolgten wir ungläubig mit, wie die Bilder der Wasserstoffexplosionen über den alten Röhrenmonitor flimmerten. In der Tagesschau wurde die Wirkung radioaktiver Strahlung auf den menschlichen Körper erklärt, doch meine Mutter schaltete kurzerhand den Fernseher aus – anscheinend musste diese Strahlung zu schrecklich, zu todbringend sein, um sie mir und meinem Bruder zeigen zu können.

Auf der Heimfahrt nach Augsburg war der Unfall immer noch nicht vorbei. Die Meldungen im Autoradio überschlugen sich: Vom Abklingbecken in Block 4 ging jetzt die größte Gefahr aus, immer mehr Gebiete wurden evakuiert, angeblich drohte jetzt auch in Fukushima-Daini eine Kernschmelze – und dann tauchte vor unserer Windschutzscheibe dieses Ding auf: KGG, Kernkraftwerk Gundremmingen. Zwei Siedewasserreaktoren mit je 1300 MW Leistung und zwei gigantischen Kühltürmen, aus denen riesige Dampfwolken in den Himmel stiegen.

Ab diesem Moment bekam auch ich es mit der Angst zu tun. Was wäre, wenn uns das gleiche passierte? Was wäre, wenn auch hier Menschen in weißen Strahlenschutzanzügen mit Sauerstoffmaske herumliefen? Das war ein Moment, der mich nachhaltig mitnahm und den ich so schnell nicht wieder vergessen werde. Auch wenn ich mit 12 Jahren nicht wirklich über die Kernenergie Bescheid wusste, war ich innerlich sehr erleichtert, als bekanntgegeben wurde, dass die sieben ältesten deutschen Kernkraftwerke abgeschaltet wurden.

Erst ein paar Jahre später erfuhr ich vom Flüssigsalzreaktor. Der weckte mein Interesse. Die alten Kernkraftwerke wie in Fukushima waren für mich damals immer noch schlecht, aber diese »neuen« Reaktoren ohne Unfallrisiko – wieso eigentlich nicht?

100 Gute Antworten

Schließlich kam die Zeit, in der wir in der Schule viele Debatten im Unterricht hatten. Zu einem bestimmten Thema wird die Pro- oder die Contra-Position vorgegeben; jeder Teilnehmer muss diese Haltung verteidigen, egal, ob sie sich mit der persönlichen Meinung deckt oder nicht. Die besseren Argumente zählen, kein Bauchgefühl. Als Teilnehmer erlebst du nicht selten, dass etwas, das du bislang »instinktiv« für richtig gehalten hast, sich im Schlagabtausch einfach als nicht haltbar erweist. Du bist davon überzeugt, dass irgendetwas gut oder schlecht ist, aber hat die Gegenseite nicht vielleicht doch die stichhaltigeren Argumente?

Zu diesem Zeitpunkt stieß ich auf die »100 Guten Antworten«, die mehr oder weniger alle »gefühlten Wahrheiten« der Anti-Atom-Bewegung völlig auseinandernehmen. Ich weiß noch, wie ich damals bis spät in die Nacht aufblieb, weil ich diese Seite förmlich verschlang. Konnte es wirklich sein, dass ich und so viele andere uns beim Atomausstieg derart fundamental geirrt hatten? Aber dank meiner Debattenerfahrung wurde mir klar: Die Pro-Kernenergie-Seite hat – entgegen jeder Intuition, die ich und viele andere damals nach Fukushima hatten – argumentativ eindeutig die Nase vorne!

Anti-Atom-Bewegung meidet Debatten

Der Atomausstieg in Deutschland ist ein schwerer Fehler. Auch die Reaktoren, die wir heute haben, sind mit die beste Art und Weise, um Strom zu erzeugen! Je besser ich verstand, wie ein Kernkraftwerk funktioniert, desto stärker wandelte sich meine Meinung darüber ins Positive. Die Anti-Atom-Bewegung versucht, Debatten bewusst zu unterdrücken, weil sie ganz genau weiß, dass dieser Modus Operandi kritisches Denken förmlich provoziert.

Als mich die Lehrerin  im Englisch-Abitur 2017 nach meiner Meinung zum Thema “Should we use nuclear power to fight climate change?” fragte, konnte ich mit einem beherzten “Yes” antworten.

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Titelbild: Brücke Nr. 1 der Tadami-Eisenbahnlinie in Fukushima. Quelle: Wikimedia Commons

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