Mein Fukushima: Abschied von der politischen Heimat

Von Christoph Barthe

Die Reaktorunfälle in Japan verfestigten den Ausstiegskurs in der Politik. Für Christoph Barthe bedeutete dies die Trennung von der SPD, nachdem dort keine Diskussion über die Kernenergie mehr möglich war. In unserer Reihe »Mein Fukushima« erzählt er, wie es dazu kam.

Mit Fukushima begann mein Abschied von der SPD

Ende der 1970er Jahre war ich in die SPD eingetreten. Politiker wie Willi Brandt und Helmut Schmidt hatten mich inspiriert. Die Haltung der Union im Ostwestkonflikt empfand ich als rückständig. In der SPD merkte ich aber bald, dass Politik kein Beruf für mich werden würde. Trotzdem bin dabei geblieben und habe mich gelegentlich auch kommunalpolitisch engagiert.

Als dann 2002 unter einer rotgrünen Bundesregierung der Atomausstieg beschlossen wurde, empfand ich das als einen Fehler, hatte aber zunächst keine Zeit, neben meiner Arbeit in einem Ölunternehmen auch noch politisch aktiv zu werden. Das änderte sich erst einige Jahre später. Und ich fing an, in der SPD für die Kernenergie zu werben. Unter einfachen Genossen fand ich viel Verständnis für meine Argumente. Aber die führenden Leute, zumal im Hamburger Bezirk Eimsbüttel, waren klar auf Antiatomkurs.

Werbung für Kernenergie in der SPD

Im Bundestagswahlkampf 2009 meldete ich mich auf großen SPD-Veranstaltungen zu Wort und warb für Kernenergie. Zu meiner Überraschung reagierte das überwiegend sozialdemokratische Publikum darauf nicht mit Buhrufen, sondern es gab sogar etwas Beifall. 

Das ermutigte mich, nach der Bundestagswahl, die bekanntlich für die SPD verloren ging, verstärkt nach gleichgesinnten Genossen zu suchen. In meinem eigenen Stadtteil waren die Fronten da schon geklärt. So fing ich an, Kontakt zu SPD-Ortsgruppen in anderen Stadtteilen zu suchen – und stieß wiederum kaum auf kategorische Ablehnung und mehrfach auf vorsichtiges Interesse.  

Von den über 70 Ortsgruppen in Hamburg war ich auf diese Weise mit etwa der Hälfte in Kontakt gekommen, als im März 2011 der Unfall in Fukushima passierte. Danach war das Thema in der SPD tot. Eine Diskussion über Kernenergie war da nicht mehr möglich.

Nach Fukushima war die Kernkraft in der SPD tot

Zwei Jahre später gründete sich dann eine neue Partei. Schnell war klar, das ich hier mehr Gleichgesinnte treffen würde. So verließ ich die SPD nach über dreißig Jahren und trat in die neu gegründete Partei ein. Heute ist diese Partei die einzige im Bundestag, die offen für die Nutzung der Kernenergie eintritt. 

Man kann über diese Partei denken, wie man will. Ihr Eintreten für Kernenergie hat wesentlich zur Öffnung der energiepolitischen Diskussion in Deutschland beigetragen. Das ist schon ein Erfolg, finde ich. 

Wenn ich heute gefragt werde, warum ich immer  noch in dieser Partei bin, dann kommt mir ein Hit aus den Achtundsechzigern in den Sinn: 

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, 
sing nicht ihre Lieder, 
geh doch in die Oberstadt, 
mach’s wie deine Brüder.

Und ich frage mich, wiederholt sich da was?

Alle Beiträge der Reihe »Mein Fukushima«:


Titelbild: Brücke Nr. 1 der Tadami-Eisenbahnlinie in Fukushima. Quelle: Wikimedia Commons

5 Gedanken zu „Mein Fukushima: Abschied von der politischen Heimat

  1. Wenn Sie Willens sind Konsequenzen aus dem zu ziehen, was eigentlich offensichtlch ist, sollten Sie ihre aktuelle Partei verlassen. Es ist nicht mehr die selbe wie zu ihrer Gründung 2013.
    Bei der Vorigen haben Sie so gehandelt, obwohl sie vermutlich auch dort nicht mit allem anderen außer der Kernenegienutzung unzufrieden waren.
    Ich gestehe Ihnen selbstverständlich zu zur Gruppe der noch verbliebenen Liberalen oder Konservativen zu gehören, die den Weg der AFD aus dem Bereich, der Aussagen triftt wie “das Soziale mit dem Nationalen zu Versöhnen” zurück in den nicht-diskreminierenden rechtsstaatlichen Bereich zu rücken versucht. In diesem Fall wünsche ich viel Erfolg! Da Sie selber das Soziale ansprechen rate ich allerdings eher dringend darüber nachzudenken den Weg in die alte politische Heimat zu suchen und sich dort von der Basis her ihres Herzensthemas anzunehmen. Sie waren damit schon einmal auf einem guten Weg und diese Zukunftstechnologie hätte eine breite Akzeptanz bitter nötig.

    Die Zuwendung der AFD zur Kernenergie ist meines Erachtens nichts weiter als Manövriermasse, die in möglichen Koalitionsverhandlungen zugunsten dort wirklich wichtiger Politikfelder auf dem Altar des Koalitionskompromisses geopfert werden kann. So wie historisch alle Bürgerrechte von der FDP zugunsten von Steuererleichterungen für Wirtschaft und Wohlhabene aufgegeben wurden.
    Die AFD hat begonnen als Protestpartei, die Einhaltung von Recht und Verträgen gefordert hat, wobei auch da schon erste nationalistische Töne am Rande vorhanden waren. Danach hat sie voll auf Angst vor Nicht-Deutschen gesetzt. Irgendwo dazwischen, immer auf der Suche nach von “Altparteien” nicht abgedeckten Politikfeldern in der Gegnerschaft zu Windrädern auch ihre Verbundenheit mit Kohle- und Kernenergie entdeckt.

    Der Weg den die Nuklearia gegangen ist, also das Thema “Kernenergie” von den anderen Politikfeldern komplett zu trennen, ist der einzig Richtige.
    Es tut mir leid das zuzugeben zu müssen, aber dass in Deutschland die einzige inzwischen ebenfalls etablierte Partei, die in einem Entwicklungssprozess bisher leider stetig in Richtung extremistischerer Posititionen ging, eine eindeutige “Pro-Atom-Position” kommuniziert, lässt Menschen wie mich sogar irgendwo genau daran wieder Zweifeln. Nach dem – wohlgemerkt falschen – Gedanken, dass es doch nicht sein kann, dass die nur in einem einzigen Thema wirklich rein sachlich betrachtet richtig liegen. Das lässt sich vermutlich nicht auflösen. Eine Sammlung aller Kernenergiebeführworter in einer für viele fragwürdigen Partei würde der Kernenergie jedenfalls nicht helfen.

  2. Die AfD ist nur deshalb für Kernenergie, damit sie gegen die Standpunkte der anderen Parteien und vor allem gegen die verhassten Grünen ist. Deshalb ist diese Partei für jemanden, der faktenbasierte Standpunkte vertritt wie ich, niemals eine Option!

    Reformiert lieber die Grünen.

    • das klappt nur mit einer starken Opposition. Von allein werden sich die Grünen nicht bewegen. Die einzig echte Opposition zu den Grünen im Bundestag ist derzeit die AfD. Weder Union noch FDP trauen sich explizit für Kernenergie einzutreten. Linke und SPD sind eh dagegen.

        • Zufall oder nicht, es waren vor allem Themen sozialdemokratischer Autoren, welche die AFD aufgegriffen hat: Thilo Sarrazin, Heinz Buschkowsky, Jan Fleischhauer (Unter Linken), Fritz Vahrenholt, Julian Nida-Rümelin (Akademisierungswahn)

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