Mein Fukushima: Zweifel an der Kernenergie kamen auf

Von Dirk Egelkraut

Der Reaktorunfall in Japan erschütterte die Grundüberzeugungen von Dirk Egelkraut, so dass er seine Haltung als Kernkraftbefürworter infrage stellte. Doch weitere Überlegungen und wichtige Fakten bestärkten ihn darin, dass wir mit der Kernenergie auf dem richtigen Weg sind. Was ihn bewegte, erzählt er in Teil 8 unserer Reihe »Mein Fukushima«.

Jetzt ist es bereits 10 Jahre her – die Reaktorunfälle im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi infolge des Auftreffens eines Tsunamis an der japanische Küste, ausgelöst durch ein sehr starkes Erdbeben.

Ich war damals gerade krank zu Hause, kurierte eine Grippe aus und schlief auf der Couch, weil ich die paar Meter zum Bett nicht angetreten hatte. Am Morgen des 11. März schreckten mich die Nachrichten auf. Von einem sehr starken Erdbeben nahe der Stadt Sendai in Japan wurde berichtet. Ich begann sofort, erste Infos zu recherchieren. Zuerst hatte ich an die Region Satsuma-Sendai in der Präfektur Kagoshima gedacht. Das stellte sich aber als falsch heraus. Hier hätte es nur das Kernkraftwerk Sendai mit zwei Reaktorblöcken gegeben.

Nein, es ging um einen Tsunami an der japanischen Ostküste. Das war für mich erschreckend, da an diesen Teil der Küste sehr viele Kernkraftwerke liegen. Die ersten Meldungen waren milde: Viele Reaktoren waren heruntergefahren, darunter auch mehrere Blöcke des Kernkraftwerks Fukushima-Daiichi oder Fukushima-1, wie die Anlage übersetzt heißt.

Erschütternde Bilder

Doch dann kamen immer mehr Informationen herein, und der Alptraum begann: Ausfall der Stromversorgung, damit Blackout. Radioaktivität und Druck im Sicherheitsbehälter steigen an, Angestellte versuchen, mit Autobatterien die Spannung aufrecht zu halten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich auf die Sicherheitssysteme vertraut. Gleichzeitig wusste ich aber, dass diese Systeme ohne Spannungsversorgung nur begrenzt funktionieren konnten.

Trotz Grippe hatte ich mich wach gehalten. Einige Stunden später kam dann die Schreckensmeldung: Explosion in Block 1! Da hatte ich lange einen Three-Mile-Island-Verlauf im Kopf, aber dann kam doch das Schlimmere! Als Kernkraftbefürworter verunsicherte mich das stark, und ich fing an zu zweifeln. Diese Zweifel gingen bei mir so tief, dass ich mir ernsthaft darüber Gedanken machte, ob ich die eigentlich die richtige Seite unterstützte.

Ich habe mir damals viele Film- und Fotoaufnahmen angesehen, stand auch mit einem Journalisten in Kontakt, der mich nach meinen Einschätzung befragte, dem ich technische Hintergrundinformationen lieferte und dessen Artikel ich reviewte, ohne selbst in Erscheinung zu treten. Dabei habe ich dann doch die Kerntechnik verteidigt. Mitunter habe ich nur drei Stunden geschlafen, um dann wieder 20 Stunden wach zu sein, um auf dem Stand zu bleiben.

Fukushima-Daiichi entsprach nicht internationalen Sicherheitsstandards

Man kann sagen, was man will, ich bin weiterhin Befürworter der Kerntechnik. Jedoch hat mich der Unfall persönlich mitgenommen. Ich habe sehr viel Filmmaterial dazu gesammelt in allen möglichen Sprachen. Ich traue mich aber kaum an das Material heran, da es für mich schwer ist, es anzusehen. Es ist für mich eine ganz andere Situation, ein Thema theoretisch zu behandeln, wie etwa Tschernobyl, oder die Explosionen der Reaktorblöcke zu sehen, was ich in den ersten Stunden als unmöglich eingestuft hatte. Denn ich hatte schon gedacht, dass die Blöcke mit Wasserstoffrekombinatoren ausgestattet seien. Die Geschichte zeigte: Ich lag falsch.

Dass es trotz aller Sicherheitsmängel in Fukushima-Daiichi keine Strahlenopfer durch den Unfall gab, zeigt den hohen Stand der nuklearen Sicherheit, der sich seit Jahrzehnten etabliert hat. Zwar denke ich, dass Fukushima die nukleare Renaissance massiv zurückgeworfen hat. Die zusätzlichen Sicherheitsanforderungen sehe ich allerdings eher positiv. Auch finde ich interessant, dass es Konzepte gibt, die stark auf passive Sicherheit in Unfallszenarien setzen. Die passive Sicherheit macht sie nicht nur zuverlässiger, sondern auch einfacher und damit kostengünstiger. Dennoch halte ich große Reaktoren mit einer ausgewogenen Sicherheitsphilosophie und einer Kombination aus aktiven und passiven Sicherheitssystemen für die bessere Lösung.

Moderne Reaktoren hätten das Fukushima-Unfallszenario beherrscht

Letztlich haben mich die Reaktoren der Generation III+ darin bestärkt, auch weiterhin für die Kernenergie zu sein. Denn viele dieser Reaktorkonstruktionen erfüllten in Sicherheitsanalysen bereits vor dem Unfall die Anforderungen, die Fukushima-Daiichi hätte aufweisen müssen, um den Unfall zu beherrschen oder gar nicht erst eintreten zu lassen. Heute sind es bei Reaktorneubauten diese Anlagen, die in Europa, Asien Afrika und Amerika den Markt, von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Mein Fazit: Der Unfall in Fukushima hat dem Neubaumarkt kurzfristig einen Dämpfer verpasst und zu teils jahrelangen Verzögerungen geführt, allerdings kaum Auswirkungen auf den Umfang an Neubauten gehabt. Unbeirrt sehen die meisten Staaten in der Kernenergie nach wie vor einen wichtigen Pfeiler, insbesondere zur Erfüllung ihrer Klimaziele. Das sehe ich genauso.

10 Jahre nach Fukushima fühle ich mich auch weiterhin darin bestärkt, dass wir als Menschheit mit der Kernenergie auch nach dem Unfall auf dem richtigen Pfad sind und der deutsche Sonderweg in die Irre führt.

Alle Beiträge der Reihe »Mein Fukushima«:


Titelbild: Brücke Nr. 1 der Tadami-Eisenbahnlinie in Fukushima. Quelle: Wikimedia Commons

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