Mein Fukushima: Kernenergie? Jetzt erst recht!

Von Rainer Reelfs

Das Reaktorunglück in Fukushima ließen den Kernkraftprofi Rainer Reelfs innehalten. Es erschütterte ihn, dass in Japan Notfalleinrichtungen und -prozeduren fehlten, die in deutschen Kernkraftwerken selbstverständlich sind. Aus dieser Beklemmung wurde dann aber stille Wut auf die politischen Entscheider, die diese Unterschiede nicht sahen oder nicht sehen wollten, sondern die Kernenergie auf dem Altar ihrer ideologischen Agenda opferten.

Nukleares Notfalltraining im Simulator

An den 11. März 2011 erinnere ich mich noch sehr genau. An diesem Freitag war ich mit meinen Kollegen im Simulatorzentrum in Essen. Dort gibt es für alle deutschen Kernkraftwerke Simulatoren, die eins zu eins den wirklichen Anlagen entsprechen. Die Leitstände sind originalgetreut nachgebaut, und man kann dort sogenannte Anlagentransienten reproduzieren. Zweimal im Jahr musste ich, so wie jeder andere Kollege des verantwortlichen Schichtpersonals, an diesem Simulator Szenarien trainieren, die im Normalbetrieb nicht passieren und extrem unwahrscheinlich sind. Dadurch sind wir immer in der Lage, in der Realität gut vorbereitet auch mit solchen unwahrscheinlichen Szenarien umzugehen. Diese Schulungen sind Teil der gesetzlich vorgeschriebenen Fachkunde. Sie lassen sich mit der Simulatorpflicht für Piloten vergleichen.

Die letzte Übung an diesem Freitag war, im Nachhinein Ironie der Geschichte, das Szenario Auslegungserdbeben. Natürlich haben wir dieses Erdbeben mit den vorhandenen und etablierten Prozeduren sicher beherrscht und die Anlage am Simulator in den sicheren Zustand überführt. Nach Beendigung dieser Übung begab ich mich nach einer anstrengen Woche am Simulator ins Wochenende. Ich fühlte mich gut. Ich hatte zusammen mit den Kollegen wieder einmal bewiesen, dass wir unser Geschäft beherrschen. Doch die Tage danach verliefen völlig anders als gedacht.

Nukleare Katastrophe in Japan

Am selben Abend besuchte ich meine Mutter. Von den aktuellen Nachrichten wusste ich noch nichts. Sie nahm mich aufgeregt in Empfang und erzählte etwas von »Erdbeben, Japan, Kernschmelze, Katastrophe«. Mit dem Selbstverständnis, das man als Nuklearingenieur in verantwortlicher Position in einem Kernkraftwerk besitzt, beruhigte ich sie und sagte ihr, dass man auch in Japan auf diesen Fall vorbereitet sei und die Anlage jetzt gemäß Betriebshandbuch in den sicheren Zustand bringe. Die deutschen Medien würden wie immer maßlos übertreiben.

Damit war die Sache für mich erst einmal erledigt. Aber es kam dann doch anders. Am nächsten Tag sah ich im Fernsehen, dass die Probleme vor Ort riesig waren. Ich sah verwackelte Bilder einer riesigen Flutwelle, die die japanische Ostküste und auch das Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi überrollte. Es gab Probleme, Wasser in den Kern der Reaktoren 1–3 zu bringen, um die Kühlung aufrechtzuerhalten. Es war von Schwierigkeiten mit dem Brennelementlagerbecken von Block 4 die Rede. Die Nachrichten überschlugen sich.

Notfalleinrichtungen und -maßnahmen fehlten in Fukushima-Daiichi

Und dann sah ich die Explosion des ersten Reaktorgebäudes. Mir war sofort klar, dass es sich um eine Wasserstoffexplosion handelte, die ihren Ursprung in einer Zirkon-Wasser-Reaktion an den Brennelementhüllrohren durch den Ausfall der Kernkühlung hatte. Sofort dachte ich an die passiven Wasserstoffrekombinatoren in unseren Kernkraftwerken, die Wasserstoffansammlungen und -explosionen verhindern sollen. Ich dachte an unsere in Deutschland vorgesehenen Notfallmaßnahmen, die so etwas sicher verhindern. Wo waren die in Japan? Hatten die einen solchen Notfallschutz etwa nicht? Wieso passierte ein Blackout? Hatten die denn keine acht Dieselgeneratoren, die gegen Hochwasser und Erdbeben usw. verbunkert sind? Nein, das alles gab es in Japan nicht. Mir wurde klar, dass meine Welt nicht mehr so war wie zuvor. Ich wusste, dass uns eine Zäsur erwarten würde, eine Zäsur, die vor allem dem medialen Druck geschuldet sein würde.

Kein Interesse an den Ursachen

An den folgenden Tagen tauchten überall in den Medien die bekannten »Experten« auf. Die Maschinerie gegen die Kernenergie lief an, eine Maschinerie, die das Ende der deutschen Kernkraft unbedingt und unbedingt jetzt besiegeln wollte. Niemand fragte mehr nach dem Warum. Keiner wollte wissen, wieso es zum sogenannten Station-Blackout (SBO) gekommen war, was also zum Verlust der gesamten Drehstromversorgung geführt hatte. Niemand interessierte sich dafür, was genau falsch gelaufen war. Und niemand fragte danach, ob so etwas in Deutschland überhaupt möglich wäre. Auch Frau Dr. Merkel nicht, sie, die mit voller Überzeugung die deutschen Kernkraftwerke für die sichersten der Welt gehalten hatte – bis zum 10. März 2011. In der Folge erließ die Bundesregierung ein Moratorium, das die sieben ältesten Kernkraftwerke sowie das Kernkraftwerk Krümmel unmittelbar vom Netz nahm. Der Rest ist bekannt und Geschichte.

Meine persönlichen Schlüsse

Ich habe an diesen Ereignissen gesehen, wie wenig es den deutschen Medien um eine sachliche Berichterstattung in Bezug auf die Kernkraft ging. Es ging primär nur um die Abschaltideologie. Eine sachliche Auseinandersetzung mit der Kernenergie stand nie im Fokus. Von der »Brücke in die Dekarbonisierung«, von der im Zuge der Laufzeitverlängerung die Rede gewesen war, wollte niemand mehr etwas wissen.

Ich beschloss, dieser Desinformation den Kampf anzusagen. Dazu konzentrierte ich mich auf die Facebook-Gruppe »Pro Kernkraft«, die ich gegründet hatte. Wir begannen, in Diskussionen die Dinge richtigzustellen. Und wir wuchsen. Wir waren eine typische Graswurzelbewegung, die sich aus allen Gruppen der Gesellschaft speiste. Ich lernte Rainer Klute kennen, der in der Piratenpartei die AG Nuklearia leitete. Im Oktober 2013 war ich einer der Gründungsmitglieder des Vereins Nuklearia e. V. Inzwischen haben wir einiges erreicht. Und unser Weg beginnt gerade erst.

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Titelbild: Brücke Nr. 1 der Tadami-Eisenbahnlinie in Fukushima. Quelle: Wikimedia Commons

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