Ohne Kernkraft keine Lösung der Klimakrise

Gastbeitrag von John Gorman

Erneuerbare Energien müssen mit der Kernenergie zusammengehen, um eine CO2-arme Zukunft zu sichern, meint John Gorman. Er ist Präsident und CEO der Canadian Nuclear Association (Verband der kanadischen Nuklearindustrie) und war zuvor Vorstandsvorsitzender der Canadian Solar Industries Association (Verband der kanadischen Solarindustrie). »Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal ein leidenschaftlicher Verfechter der Kernenergie werden würde. Aber nach 20 Jahren Engagement für erneuerbare Energien habe ich die Irrtümer der Vergangenheit erkannt und hinter mir gelassen. Heute bin ich davon überzeugt, dass wir den Klimawandel ohne Kernenergie nicht bekämpfen können.« – Der Beitrag von John Gorman erschien zuerst in The Globe and Mail.

Als ich Geschäftsführer der Canadian Solar Industries Association war, dachte ich, es sei der »heilige Gral«, erneuerbare Energien wettbewerbsfähig zu machen, damit sie unseren Energiebedarf decken könnten. Wind und Solar gehören heute vielerorts in der Welt zu den preisgünstigsten Energieformen. Die großzügigen Subventionen, die ihr frühes Wachstum gefördert haben, sind nicht länger im Spiel, doch trotzdem geht das Wachstum von Wind und Solar weiter.

Obwohl dieses Wachstum stark ist, ist der Anteil emissionsfreien Stroms weltweit seit 20 Jahren nicht gestiegen. Laut einem aktuellen IEA-Bericht hängt er bei 36 % fest. Denn die globale Stromnachfrage steigt weiter, erneuerbare Energien müssen häufig durch neue fossile Energieträger abgesichert werden, und bestehende Kernkraftwerke werden vorzeitig stillgelegt. Wir müssen uns einer bitteren Wahrheit stellen: Erneuerbare Energien reichen allein schlichtweg nicht aus, um die Klimakrise zu bewältigen.

Eine persönliche Energiewende

Es ist für mich nicht einfach, dies zuzugeben. Im Jahr 2014 hatte ich einen TEDx-Vortrag gehalten, in dem ich unerschütterlich für die Solarenergie eintrat. Ich hatte Solarmodule auf dem Dach meines Hauses installiert und intelligente Batteriespeicher in meinem Keller. Ich hatte ein Elektroauto gekauft. Und ich bin nach wie vor ein Verfechter von Wind und Solar, weil wir jede erdenkliche Lösung zur Erzeugung umweltverträglicher Energie brauchen. Aber jetzt stelle ich fest, dass ich 20 Jahre lang – aus der Sicht des Klimawandels sehr wertvolle Jahre – nur eine Teillösung propagiert habe.

Eine übertrieben optimistische Einschätzung der erneuerbaren Energien hatte großen Einfluss auf die wesentlichen Entscheidungen zu anderen Energiequellen, insbesondere zur Kernenergie. Unsere globale Ausrichtung auf erneuerbare Energien führte dazu, dass bestehende Kernkraftwerke vorzeitig stillgelegt wurden und die Investitionen in neue Projekte zum Erliegen kamen. Sie gab den Menschen ein falsches Gefühl der Sicherheit, nämlich dass wir keine Kernenergie mehr brauchten, obwohl nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte.

Wind und Solar brauchen zuverlässige Stromerzeuger zur Absicherung

Schlimmer noch, weil Wind und Solar variabel sind (sie produzieren nur dann Strom, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint), müssen sie mit anderen Energiequellen kombiniert werden, um die Nachfrage zu decken. Das sind fast immer fossile Brennstoffe. Ohne genügend Kernenergie verlängern erneuerbare Energien effektiv nur die Zeit, in der wir auf Kohle- und Gaskraftwerke angewiesen sind, die rund um die Uhr Strom produzieren können.

Leider glauben viele Kanadier zu Unrecht, dass unser zukünftiger Energiebedarf allein durch erneuerbare Energien gedeckt werden könne. Eine kürzlich von Abacus Data durchgeführte Umfrage ergab, dass mehr als 40 % der Kanadier der Ansicht sind, dass eine zu 100 % erneuerbare Energiezukunft möglich ist. Das ist schlichtweg nicht wahr. Die Deadline zur Rettung des Planeten ist fast abgelaufen, und wir sind einer echten Lösung keinen Schritt näher gekommen.

Falsche Vorstellungen von der Kernenergie sind weit verbreitet

Ein entscheidendes Problem ist, dass die Kernenergie von Politikern und der Öffentlichkeit weitgehend missverstanden wird. Diese wohlmeinenden Menschen – und ich war früher einer von ihnen – halten nach wie vor an Irrtümern, Missverständnissen und sogar an Angstmacherei gegenüber der Kernenergie fest, einschließlich der Behauptung, sie sei teuer und gefährlich und sie produziere große Mengen an radioaktivem Abfall.

In Wirklichkeit ist die Kernenergie, wenn man den gesamten Lebenszyklus der Stromerzeugung betrachtet, eine der kostengünstigsten Energiequellen. Denn Uran ist billig und reichlich vorhanden, und Kernreaktoren – obwohl teuer im Bau – halten viele Jahrzehnte. Außerdem ist Kernenergie sehr sicher: Der gebrauchte Kernbrennstoff ist mengenmäßig gering, wird ordnungsgemäß gelagert, ist streng reguliert und stellt keine Gefahr für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt dar.

Es herrscht ein erschütternder Mangel an Wissen und Verständnis für die Kernenergie. Ich selbst war im Energiegeschäft tätig und habe mein ganzes Leben in einer Provinz gelebt: Ontario. Die Kernenergie macht hier einen erheblichen Teil der Stromversorgung aus, und trotzdem kannte ich bis vor kurzem die Fakten über Kernenergie nicht.

Kernenergie ist die einzige Technik, die erfolgreich dekarbonisiert hat

Die Menschen übersehen, dass die Kernenergie die einzige bewährte Technik ist, die die Volkswirtschaften ganzer Länder, darunter Frankreich und Schweden, dekarbonisiert hat. Wir können erneuerbare Energien und Kernenergie kombinieren und damit beginnen, unsere Energieziele zu erreichen. Aber es bedarf eines Umdenkens und neuer Investitionen in die Kernenergie.

Deshalb bin ich jetzt unterwegs, um Menschen dabei zu helfen, die Kernenergie als umweltfreundliche Technik zur Dekarbonisierung unserer Stromsysteme und zur Lösung der Klimakrise zu verstehen und neu zu entdecken. Wir müssen die Lebensdauer bestehender Anlagen verlängern, anstatt sie vorzeitig zu schließen. Wir müssen in neue, moderne Technologien investieren. Dazu zählen auch kleine modulare Reaktoren (SMR), die dort eingesetzt werden können, wo es kein öffentliches Stromnetz gibt, wie zum Beispiel in entlegenen Ortschaften und Bergbaustandorten. Und wir sollten neben den erneuerbaren Energien auch die Kernkraft nutzen, um das Stromnetz zu versorgen.

Jetzt handeln, jetzt Kernenergie

Wir müssen handeln, bevor es zu spät ist. Und wir können es uns nicht leisten, uns von wirklichen, praktikablen Lösungen durch einen völlig unerreichbaren Traum von 100 % erneuerbaren Energien ablenken zu lassen. Wir wollen nicht später einmal auf diese Zeit zurückblicken und einsehen, dass wir die falschen Entscheidungen getroffen haben. Die Zeit für Kernkraft ist jetzt.


Übersetzung: Rainer Klute


John Gorman

John Gorman ist Präsident und CEO der Canadian Nuclear Association (Verband der kanadischen Nuklearindustrie). Er war zuvor Vorstandsvorsitzender der Canadian Solar Industries Association (Verband der kanadischen Solarindustrie).

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