Die nukleare Gretchenfrage

„Wie hältst du‘s mit der Kernenergie?“ Das ist eine Frage, um die sich die medial omnipräsente Klimastreik-Bewegung bislang herumgedrückt hat. Bis ihre jugendliche Gründerin Greta Thunberg sich dazu äußerte – und von ihrem erwachsenen Umfeld sogleich wieder zurückgepfiffen wurde.

Die derzeit laufende Klimadebatte bringt einiges in Bewegung. Inklusive unerwarteter Wendungen. Dazu gehört, dass der ökologistische Grundkonsens, der Klimawandel dürfe im zentralen Handlungsfeld der Elektrizitätswirtschaft ausschließlich mit Erneuerbaren Energien bekämpft werden, zu wanken beginnt.

Das sieht man an wieder wachsender Zustimmung zur Kernenergie in manchen Umfragen, aber auch an den Diskussionen innerhalb der Bewegung. Interessant ist, dass die Industrie dabei außen vor bleibt: es sind Einzelpersonen und kleine Initiativen, welche das Thema wieder auf den Tisch bringen, nicht die PR-Abteilungen unserer Energiekonzerne. Die haben längst ihren Frieden mit der Energiewende gemacht, und verdienen am Subventionskarussell rund um die Erneuerbaren kräftig mit.

Greta, go nuclear!

Binnen einer Woche ist ganz schön viel passiert. Am Freitag vergangener Woche dachte ich mir für unseren kleinen Atom-Aufklärungs-Verein Nuklearia folgenden Spruch aus:

Der ging zunächst sehr erfolgreich im Netz umher und kursiert inzwischen auch als Postkarte. Die Anti-AKW-Bewegung im Raum Aachen, wo die Mobilisierung dank der nicht aus den Pannen-Schlagzeilen kommenden belgischen Kernkraftwerke sehr hoch ist, war not amused. Ihr Wortführer Walter Schumacher äußerte in einer linken Netz-Postille den Vorwurf, die Postkartenaktion sei von der Atomindustrie und den deutschen Geheimdiensten lanciert, um “die „Klimabewegung zu spalten“. Und, mit Bezug auf meine Person, „Wir halten diese Frau wegen ihrer propagandistischen Wirkung für echt gefährlich!”, man solle also ein „Auge auf sie haben“.

Klimawandel und Kernkraft

Noch während die westdeutschen Anti-Atomiker nach schlapphut-gesteuerten Anti-Gretas fahndeten, kam die richtige Greta selber mit dem Thema an. Da ich nicht davon ausgehe, dass die Schwedin die deutschen Diskussionen verfolgt, nehme ich an, dass es reiner Zufall war.

Aber das zeitliche Zusammentreffen zeigt: Diskurse können sich verändern, und Meinungsumschwünge vollziehen sich manchmal sehr schnell. An vielen Orten kommen verschiedene Menschen unterschiedlicher Generationen zur selben Zeit zu demselben Schluss: man muss alle Instrumente im Kampf gegen die Erderwärmung nutzen, und Kernenergie ist eines von ihnen. Der deutsche Atomausstieg ist nach dieser Lesart ein Fehler.

Ich selbst vertrete die Auffassung, dass diese Form der luftschadstoff- und CO2-armen Stromversorgung anderen, unvollkommenen Formen vorzuziehen ist. Denn Kernkraftwerke produzieren ohne großen Platzverbrauch zuverlässig, und nicht nur dann, wenn das Wetter passt. In einer Zeit zunehmender Wetterextreme, wo eine einzige Hagelfront ganze Photovoltaik-Farmen zerlegen kann, ist das womöglich der entscheidende Unterschied auch diesseits von Dunkelheit und Windstille.

Andere sehen die Kernenergie skeptischer, sind aber hinsichtlich der Risikobewertung Realisten und akzeptieren sie angesichts drängenderer Probleme als kleineres Übel und Übergangstechnologie, bis vielleicht doch der Heilige Gral des Ökostroms, die Langzeitspeicherung, gefunden sei.

Gretas nukleare Exkursion

So ähnlich äußerte sich vergangenen Sonntag auch Greta Thunberg. Was mir schon vorher aufgefallen war: Es gab von ihr anders als bei den deutschen Klima-Alarmisten, die sich explizit als Verfechter des 100 Prozent-Erneuerbar-Ansatzes positionieren, keine negative Aussage über die Kernenergie. Das fand ich angesichts des verkrampften und verhärteten Diskurses daheim bereits bemerkenswert. Sinngemäß kann man Greta Thunbergs Überlegungen folgendermaßen zusammenfassen: Kernenergie könne eine Lösung unter anderen sein; sie sei gegen Grabenkämpfe um Einzellösungen, die wertvolle Zeit kosteten; man müsse den Umbau der Industriegesellschaft ganzheitlich angehen.

Diese Äußerungen wurden sogleich gierig von der Presse aufgegriffen und gaben etlichen deutschen Greta- und Grünen-Hassern Gelegenheit zu ätzen, nun säßen die Ökos aber in der Patsche mit ihrer „Prophetin“ (so hatte Katrin Göring-Eckardt Greta angehimmelt). Andere, so auch ich, waren hoch erfreut, wenn auch angesichts des Original-Posts skeptisch über die plötzliche Verstärkung.

Allerdings währte Gretas Ausflug ins wilde nukleare Leben nur kurze Zeit. Kaum hatte eine Schweizer Boulevard-Zeitung die vorgebliche Atom-Greta-Sensation gemeldet, die angesichts der vielen Einschränkungen aber eigentlich eben keine Sensation, sondern nur ein logisch zuende gedachter Gedanke war, da klingelte auch schon das Redaktionstelefon. Dran war Gretas Sprecher (ich wusste bis dahin überhaupt nicht, dass sie einen hat), und dementierte.

Greta selber äußerte, sie sei missverstanden worden, ungebetene Interpreten zitierten sie unvollständig. Damit hatte sie durchaus recht: Eine flammende Pro-Atom-Rede sieht jedenfalls anders aus. Dann erschien eine bearbeitete Version von Gretas Sonntags-Blog, in der sie klarstellte, sie persönlich sei „gegen Kernenergie“, denn diese sei „extrem gefährlich“. Ihren Hinweis auf die Kernenergie als mögliche Lösung ließ sie aber stehen.

Meinungsbildungs-Prozesse im Hause Thunberg

Diese Meinungsänderung und dieser Gang der Dinge ist durchaus erklärbar. Man kann ihn in fünf Schritten erklären:

  1. hat sich Greta Thunberg noch gar nicht ernsthaft mit Kernenergie beschäftigt. Sie verfügt über das übliche Wissen ihrer Generation, das die meisten Schulen lehren: Kernenergie ist gefährlich. In vielen deutschen Schulen gehören die Nuke-Porns Gudrun Pausewangs zum Lehrplan. Wer danach nicht glaubt, die Kernkraft sei „gefährlich“, steht meist ziemlich allein. Greta spricht, wie alle ihres Alters, von „Kernenergie“, ohne eigentlich zu wissen, wovon sie spricht: von der Kernenergie, so wie sie heute in Schweden gemacht wird? Oder der, wie sie in der Sowjetunion, z.B. in Tschernobyl, vor 40 Jahren gemacht wurde? Viele Atomgegner sehen nur diese Kernenergie. Weiter kann man fragen, ob Greta von Kernspaltung oder Fusion redet? Von Uran oder Thorium? Wir wissen es nicht, doch viele Wege führen zu einer affirmativen Aussage über Kernenergie.
  2. Nun ist Greta aber von ihrem Klima-Thema besessen. Sie saugt also beständig alle verfügbaren Informationen auf und ordnet sie dann ihrer aktionistisch-holistischen Klima-Agenda unter: „Alles muss sich ändern, und zwar sofort.“ Flugs ist die Kernenergie, als CO2arme Technologie für die Elektrizitätswirtschaft, wieder im Spiel, als kleineres Übel. So ist ihre ursprüngliche Aussage entstanden.
  3. Das wiederum haben einige Befürworter der Kernenergie wie ich mit Interesse gehört, aber ohne es überzubewerten. Die Presse hat es als Sensation herausgeblasen, obwohl Gretas Aussage eine Binsenweisheit ist.
  4. Gretas erwachsene Entourage, die Große-Transformation-Interpreten-Wolke, fand diese Wendung der Dinge inakzeptabel. Denn mit Kernenergie kann man die 100 Prozent-Erneuerbar-Transformation abblasen, in die sehr viele dieser Leute ökonomisches, politisches und soziales Kapital investiert haben. Es gab Ärger und viel Angst, die Atommafia könne die Klimabewegung übernehmen. Wozu meiner Beobachtung nach kein Anlass besteht, wenn man den möglichen Beitrag der Kernenergie zur Problemlösung realistisch betrachtet. Doch plötzlich…
  5. … ändert Greta ihren Blog und schreibt pflichtschuldigst, was sie vorher im Grunde auch meinte, aber nicht explizit sagte, weil sie auf andere Dinge fokussiert war: sie finde Kernenergie gefährlich.

Was eine Katastrophe wäre

Wir werden sehen, ob sie sich in die Niederungen der Detail-Arbeit begibt oder auf dem Höhenkamm der Prophetie verbleibt, was ohne Zweifel der intellektuell bequemere Weg ist. Was tatsächlich eine Katastrophe für ihre dunkelgrüne Anhängerschaft wäre, wäre folgendes:

Greta beginnt, sich richtig für Kernenergie zu interessieren, wühlt sich mit der den Asperger-Menschen eigenen hoch-kanalisierten Lernwut in das Thema rein, wird in ein Kernkraftwerk eingeladen und -bing- ist es um sie geschehen. Sie macht ihr Abi, studiert Kernverfahrenstechnik an der Königlichen Technischen Hochschule in Stockholm und wird Ingenieurin, Kraftwerksdirektorin, später Energieministerin, und lässt Schwedens ersten Thorium-Reaktor bauen. Kerntechnik hat oft solche Wirkungen auf denkende, leidenschaftliche Menschen. Ihre Gegner nennen sie dann „verstrahlt“.

Ich würde das verstehen, und ich halte es für möglich. Aber nicht für wahrscheinlich.


Titelbild: Kernkraftwerk Doel, Belgien (Foto: Rainer Reelfs, Bearbeitung: Holger Senechal)

Dieser Beitrag erschien zuerst bei den Salonkolumnisten.


Dr. Anna Veronika Wendland
Dr. Anna Veronika Wendland forscht zur Geschichte und Gegenwart nuklearer Sicherheitskulturen in Ost- und Westeuropa. Für ihre Habilitationsschrift hat sie in mehreren Kernkraftwerken in Osteuropa und in Deutschland Forschungsaufenthalte durchgeführt. Dr. Wendland arbeitet in der Direktion des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg. Sie leitet Arbeitsgruppen im Bereich Technik-, Umwelt- und Sicherheitsgeschichte.

Ein Gedanke zu „Die nukleare Gretchenfrage

  1. Nun ja, hätte sich Greta Thunberg asperger-mäßig in die CO2-Klimyhypothese eingearbeitet, dann hätte ihr zumindest auffallen müssen dass z.b. die Berechnungen des Weltklimarates auf eine Verdoppelung der “Anthropogenen CO2-Emissionen” (durchschnittlich 36,7Gt, anteilig an den 550Gt des natürlichen Kohlenstoffzyklus) basieren, wozu erstmal die technischen Voraussetzungen (Doppelte Anzahl an CO2-Emitter) bestehen müssten, um dieses Szenario überhaupt erst zu ermöglichen. Oder aber die natürlich-ökologische CO2-Funktion, dass wenn der atmosphärische CO2-Gehalt eine derartige Größenordnung für eine (wovon wir noch sehr weit entfernt sind) “Globale Erwärmung” erreicht, die energetische Rückkopplung über die Ozeane ebenfalls eine höhere (durch den größeren Verdunstungsgrad) “Globalen Verdunkelung” verursacht, was dann im extremsten Klimafall wiederum in eine neue “Globale Eiszeit” führt.

    Ansonsten sollte man vielleicht einfach erstmal damit aufhören, massenweise Biomassen-CO2-Speicher freizusetzen (1 Hektar gerodeter Regenwald emittiert exkl. Bodenerosionen 220-300t Kohlenstoffe) und dann dafür Monokulturen wie Palmöl Plantagen oder Eukalyptus Wälder (welche nur ca. 1/4 des zuvor freigesetzten CO2 aus der Atmosphäre rekupieren) anzulegen.

    mfg

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