Heise liefert die Gruselpreise, Harald Lesch den Bombenschreck, CORRECTIV den Atommüllspuk. Zu Halloween zeigen wir, warum acht häufig anzutreffende Atommonster gar nicht so gruselig sind oder sich schlicht als Illusion entpuppen. Um arglose Leser zu erschrecken, nutzen sie falsche Vergleiche, unrealistische Annahmen und machen große Angst vor kleinen Zahlen. Wir zeigen, wo die Fehler stecken und warum die Argumente für Kernkraft stärker sind.
Inhalt
- 1. Das 49-Cent-Gespenst
- 2. Der Bombenschreck
- 3. Die dreiköpfige Kostenhydra
- 4. Die Vier-Stunden-Mumie
- 5. Der Schrumpf-Zombie
- 6. Das Müll-Phantom
- 7. Die Horror-Ärzte
- 8. Das Hitze-Monster
- Licht an. Spuk vorbei.
1. Das 49-Cent-Gespenst
Kernenergie sei die teuerste Art der Stromerzeugung, heißt es im Oktober bei Heise. Als Beleg dient eine Spanne des Fraunhofer ISE: 13,6 bis 49 Cent je Kilowattstunde für neue Kernkraftwerke. Die obere Zahl eignet sich prächtig zum Erschrecken. Dagegen steht die beruhigende Realität: Deutsche Kernkraftwerke produzierten für weniger als drei Cent pro Kilowattstunde, wie die Nuklearia in diesem Blogartikel zeigt. Reaktivierte Kernkraftwerke wären auch mit den Investitionen in Instandsetzung und Modernisierung konkurrenzlos preiswert, wie der Bericht der Radiant Energy Group zur Wiederinbetriebnahme zeigt. Beim Vergleich mit Wind und Sonne fehlen außerdem die Ausgaben für Netze, Speicher und Reservekraftwerke. Kernkraft bietet gesicherte Leistung: planbaren Strom auch bei Windstille und Dunkelheit. Wer diese Leistung aus der Rechnung streicht, rechnet die Konkurrenz billig und die Kernkraft teuer.
Bei Heise nachlesen: Atomkraft gilt vielen als günstig – Experten widersprechen
Unsere Gegenrede auf X: Nuklearia zu Kostenannahmen, Laufzeiten und Auslastung in Kernkraftvergleichen
Was Atomstrom in Deutschland wirklich kostete: 2,5 Cent pro Kilowattstunde: So günstig war deutscher Atomstrom
Die Modellannahmen zum Nachrechnen: Stromgestehungskosten Erneuerbare Energien, Juli 2024 (Fraunhofer ISE), Tabellen 2 und 4

2. Der Bombenschreck
„Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke“, erklärt Harald Lesch im Oktober in einem Interview (Tages-Anzeiger, übernommen von der WELT). Als Ausnahme nennt er Staaten, die Bombenmaterial wollen.
Polen, Schweden, Tschechien: Offenbar hat Lesch gleich mehrere Länder für unzurechnungsfähig erklärt. Sie setzen auf Kernkraft, weil sie verlässlichen, CO₂-armen Strom brauchen. Genau dafür werden zivile Kernkraftwerke gebaut. Wer diesen Nutzen ausblendet, kann sich die Welt nur noch mit einem Bombenverdacht erklären.
Das Interview bei WELT: Harald Lesch: „Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke“
Unsere Gegenrede auf X: Nuklearia zum weltweiten Ausbau der Kernenergie für den Klimaschutz
3. Die dreiköpfige Kostenhydra
Der NDR vergleicht einen Windpark mit Polens erstem Kernkraftwerk. Bei der Leistung steht der Windpark einem einzelnen Reaktor gegenüber. Bei den Kosten werden ihm dann alle drei Reaktoren des geplanten Kraftwerks gegenübergestellt. Die Kostenhydra bekommt mitten in der Rechnung zwei zusätzliche Köpfe.
Nuklearia hat dieselbe Strommenge über denselben Zeitraum verglichen. Die Rechnung setzt 30 Jahre Betriebsdauer für Windparks und 60 für das Kernkraftwerk an, also einen Ersatz der Windparks nach der Hälfte der Zeit. Über diese 60 Jahre stehen in der Rechnung rund 65 Milliarden Euro für Windparks gegen 45 Milliarden für das Kernkraftwerk. Zusätzliche Systemkosten der Windkraft sind noch nicht enthalten. Der vermeintliche Kostensieger verliert, sobald auf beiden Seiten fair gerechnet wird. Nach einer Programmbeschwerde änderte der NDR seinen Beitrag, ohne die Änderungen kenntlich zu machen.
Der beanstandete NDR-Vergleich: Baufreiheit für Polens erstes Kernkraftwerk
Unser Blogbeitrag dazu: Polens erstes Kernkraftwerk nimmt Gestalt an: NDR stellt Kostenvergleich auf den Kopf
4. Die Vier-Stunden-Mumie
Heise berichtet über Batteriespeicher am früheren AKW Grohnde mit mindestens 1,4 Gigawatt Leistung und 6 Gigawattstunden Kapazität. Der Teaser stellt einen Energiecluster in Aussicht, der mehr leisten soll als einst das Kraftwerk. Das klingt nach Ersatz. Die entscheidende Frage lautet aber: für wie lange?
Gigawatt beschreiben die elektrische Leistung, Gigawattstunden den gespeicherten Energievorrat. Teilt man 6 durch 1,4, reicht dieser rechnerisch gut vier Stunden. Dann muss Strom aus anderen Anlagen nachgeladen werden. Grohnde erzeugte 2020 brutto 10,4 Milliarden Kilowattstunden. Das entspricht rund 1.700 vollen Ladungen des geplanten Speichers, also knapp fünf pro Tag. Anders als das Kernkraftwerk kann der Speicher Strom nur verschieben, erzeugen tut er ihn nicht.
Zum Heise-Beitrag über den Speicher: Mehr als 1,4 Gigawatt: Riesige Batteriespeicher am ehemaligen AKW Grohnde
Unsere Einordnung: Unschlagbare Argumente (Nuklearia), Abschnitt „Kernkraft ist die ideale Basis der Stromversorgung“
Grohndes Erzeugung 2020: Rückbau im Fokus: Jahresbericht 2020 (PreussenElektra), Standort Grohnde

5. Der Schrumpf-Zombie
Die Kernkraft stirbt aus, heißt es regelmäßig. Der World Nuclear Industry Status Report 2026 dient als Vorlage für den nächsten Abgesang. Nuklearia hat in einem Rundgang durch den Bericht die Gegenbelege zusammengestellt: mehr Leistung, neue Baustarts und weitere Länder, die auf Kernkraft setzen.
2025 erzeugten die Kernkraftwerke weltweit 2.703 Milliarden Kilowattstunden Strom, ein neuer Rekord. Im Bau sind weltweit 73 Reaktoren mit zusammen 74,4 Gigawatt (Stand 01.07.2026), zehn mehr als ein Jahr zuvor. Kernkraft nutzen derzeit 31 Länder. Ägypten, Bangladesch, die Türkei und Usbekistan bauen gerade ihre ersten Kernkraftwerke. Gehen sie wie geplant ans Netz, nutzen Anfang der 2030er Jahre 35 Länder Kernkraft, mehr als je zuvor.
Der Bericht hinter dem Abgesang: World Nuclear Industry Status Report 2026
Unsere Gegenrede auf X: Nuklearias elfteiliger Rundgang durch den World Nuclear Industry Status Report 2026
Der Rekord im Bericht selbst: Nuclear Electricity Generation in the World… and China, WNISR 2026, Abbildung 2
6. Das Müll-Phantom
Auf einem Foto aus Maine Yankee stehen die Behälter mit abgebranntem Kernbrennstoff auf einer überschaubaren Fläche. Das Bild zeigt einen großen Vorteil der Kernkraft: Viel Strom hinterlässt erstaunlich wenig Reststoff. Auf X wird daraus ein Parkplatzvergleich. CORRECTIV versieht die zugespitzte Aussage mit dem Etikett „Größtenteils falsch“ und rückt die Endlagersuche in den Vordergrund.
CORRECTIV nennt selbst 60 Behälter mit abgebrannten Brennelementen in Maine Yankee. Für seinen Flächenvergleich zieht der Beitrag aber das gesamte Lagergelände samt Sicherheits- und Verwaltungsgebäude heran. Geländegröße und Brennstoffvolumen sind verschiedene Dinge. Nuklearia beziffert den hochaktiven Anteil des deutschen Atommülls auf einen Würfel mit 30 Metern Kantenlänge. Diese kleinen Stoffmengen lassen sich in widerstandsfähigen Behältern kontrolliert lagern. Eine lange Endlagersuche macht daraus keinen riesigen Müllberg.
Der sogenannte „Faktencheck“ von CORRECTIV: Warum sich der Atommüll der Welt nicht auf einem „Parkplatz in der Wüste“ entsorgen lässt
Unsere Gegenrede auf X: Nuklearia zu Abfallmengen, Behältersicherheit und dem Parkplatzvergleich
Unsere Blogbeiträge dazu: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk mit Strohmann gegen Kernkraft · Ungestörter CASTOR-Transport zeigt: Deutschland ist bereit für den Wiedereinstieg
7. Die Horror-Ärzte
Die Anti-Atom-Organisation IPPNW warnt 2026 mit einer ganzseitigen Anzeige in der Süddeutschen Zeitung vor der „Zeitbombe Atomenergie“. Eine lange Liste medizinischer Berufsbezeichnungen soll der Kampagne Autorität verleihen. Hier spricht politische Werbung unter dem Deckmantel weißer Kittel.
Die UN-Strahlenkommission UNSCEAR erwartet in der Bevölkerung Fukushimas keine statistisch erkennbaren Zunahmen gesundheitlicher Schäden durch die Strahlenexposition. Die Strahlendosen waren dafür zu niedrig. Auch der größte Teil um Tschernobyl ist längst wieder bewohnbar und wird seit Jahrzehnten von Menschen bewohnt. Nuklearia hat diese Bilanz und die Behauptungen der Anzeige aufgearbeitet. Kernkraft schützt außerdem Gesundheit, indem sie fossile Verbrennung und deren Luftverschmutzung verdrängt.
Die IPPNW-Kampagne: Zeitbombe Atomenergie
Unser Blogbeitrag dazu: Kernkraft schützt Leben – die Gesundheitsbilanz nach Tschernobyl und Fukushima
Der Befund der UN-Strahlenkommission: Fukushima Daiichi Nuclear Power Station Accident (UNSCEAR)

8. Das Hitze-Monster
Euronews schreibt: „Ohne eine konstante, verlässliche Wasserquelle droht ein Reaktor zu überhitzen“. Es folgen Reaktorschäden und Strahlungsfreisetzung als Schreckensbild. Golem sieht schon das wichtigste Versprechen der Kernkraft scheitern. Aus einzelnen Drosselungen wird die nächste Geschichte über eine angeblich unzuverlässige Energiequelle.
Häufig begrenzt der Gewässerschutz die Wärmeabgabe an einen Fluss. Das betrifft die Kühlung des Dampfes nach der Turbine, nicht eine versagende Sicherheitskühlung des Reaktors. Die Nachkühlung eines abgeschalteten Reaktors hat eigene Systeme und gesicherte Wasservorräte. Während der Höhepunkte der untersuchten Hitzewellen produzierten mindestens 90 Prozent der europäischen Kernreaktoren planmäßig. Frankreich exportierte im Juli 2026 sogar Strom nach Deutschland. Die Kernkraft lieferte weiter, während die Schlagzeilen ihren Zusammenbruch verkündeten.
Die Golem-Schlagzeile: Atomkraft kann ihr wichtigstes Versprechen nicht einlösen
Der Euronews-Beitrag: Hitzewellen und verdeckte Emissionen: Wie grün ist Atomkraft wirklich?
Unser Blogbeitrag dazu: Hitze und Dürre: Mindestens 90 Prozent der europäischen Kernreaktoren produzieren planmäßig
Unsere Analyse zur Donau: Niedrigwasser an der Donau: Kernkraftwerke produzieren weiter und passen ihre Wasserzufuhr an
Licht an. Spuk vorbei.
Wer zu Halloween eine Tafel Zartbitterschokolade abstaubt, nascht darin etwa so viel natürliches radioaktives Kalium-40 wie in eineinhalb Bananen. Schon eine einzige Banane entspricht nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA rechnerisch der Strahlendosis, die man laut US-Atomaufsicht NRC in einem ganzen Jahr im Umkreis von 80 Kilometern um ein Kernkraftwerk zusätzlich abbekommt. Das Gruselige daran ist höchstens die Vorstellung, jemand könnte daraus den nächsten Anti-Atom-Faktencheck bauen.
Teilt diese Gespensterjagd mit jemandem, der Kernkraft bisher nur aus den Schreckensgeschichten kennt. Unsere Argumente-Seite liefert das passende Gegenmittel für die nächste Diskussion.
Unsere Argumente: Unschlagbare Argumente (Nuklearia)
Zum Bananenvergleich: Natural Radioactivity in Food (US EPA)
Zur mittleren Zusatzdosis im Kraftwerksumfeld: Frequently Asked Questions About Radiation Protection (US NRC)