Das Baufeld für Polens erstes Kernkraftwerk in Lubiatowo-Kopalino im Februar 2026. Im Hintergrund entsteht der Offshore-Windpark Baltic Power. Foto: Polskie Elektrownie Jądrowe (PEJ).
Polens erstes Kernkraftwerk nimmt Gestalt an. Der NDR erweckte jedoch den Eindruck, ein Windpark für fünf Milliarden Euro könne ungefähr dasselbe leisten wie das Kernkraftwerk für 45 Milliarden Euro. Tatsächlich würde dieselbe Strommenge aus Windparks über die gleiche Betriebsdauer rund 65 Milliarden Euro kosten. Die zusätzlichen Systemkosten der Windkraft sind dabei noch nicht berücksichtigt.
Der Vergleich beruhte auf vier Fehlern: Der NDR setzte maximale Leistung mit tatsächlich erzeugtem Strom gleich, verglich einen Reaktor mit einem Windpark, verwendete anschließend aber die Kosten aller drei Reaktoren, ließ die doppelte Betriebsdauer des Kernkraftwerks außer Acht und verschwieg die Systemkosten der wetterabhängigen Windkraft.
Nach einer Programmbeschwerde hat der NDR den Beitrag an mehreren Stellen geändert. Einen Hinweis auf diese Änderungen gibt es nicht. Und obwohl einige Formulierungen jetzt genauer sind, stehen weiterhin fünf Milliarden Euro für den Windpark direkt neben 45 Milliarden Euro für das Kernkraftwerk. Das falsche Bild bleibt.
Unsere Freunde von der polnischen Umweltorganisation FOTA4Climate begleiten das Kernkraftwerksprojekt seit Jahren. Sie unterstützen es nicht nur mit öffentlichen Aktionen, sondern auch mit eigener Umwelt-Expertise.
Inhalt
- Polen macht Ernst mit Kernkraft
- Richtig gerechnete Investitionskosten: 65 Milliarden Euro für Windkraft, 45 Milliarden für Kernkraft
- Update vom 14. September: NDR ändert den Vergleich ohne Hinweis
- Die Programmbeschwerde im Wortlaut
- Quellen
Polen macht Ernst mit der Kernkraft
Auf dem Gelände in Lubiatowo-Kopalino ist inzwischen deutlich zu sehen, dass Polen sein Kernkraftwerksprojekt umsetzt. Die staatliche Projektgesellschaft PEJ hat das vorbereitete Baufeld an den Generalunternehmer Bechtel übergeben. Nun beginnen die nächsten Arbeiten auf dem Gelände.
Geplant sind drei AP1000-Reaktoren von Westinghouse mit zusammen 3.750 Megawatt Bruttoleistung. Das Kraftwerk soll Polen zuverlässig mit sauberem Strom versorgen und die Abhängigkeit des Landes von der Kohle verringern.
Wir freuen uns besonders mit unseren Freunden von FOTA4Climate / WePlanet PL. Sie setzen sich in Polen seit Jahren für Kernenergie als Teil des Klima- und Naturschutzes ein und haben zur über 90% Zustimmung der Polen zu Kernkraft einiges beigetragen.
Dabei verlassen sie sich nicht nur auf öffentliche Aktionen. FOTA4Climate ließ den Umweltbericht für das geplante Kernkraftwerk von unabhängigen Fachleuten prüfen. Die 2023 veröffentlichte Expertise untersucht unter anderem die Folgen für Wälder, Tiere, Pflanzen, Meeresumwelt, Tourismus und Lärmbelastung. Ihr Ergebnis: Unter Beachtung der vorgesehenen Schutz- und Ausgleichsmaßnahmen kann das Kraftwerk unter Wahrung des Umweltschutzes gebaut werden. Damit setzte FOTA4Climate den pauschalen Behauptungen polnischer Kernkraftgegner eine fundierte ökologische Prüfung entgegen.

Richtig gerechnete Investitionskosten: 65 Milliarden Euro für Windkraft, 45 Milliarden für Kernkraft
Auch der NDR berichtete über das Projekt. Sein Vergleich erweckte den Eindruck: Ein Windpark für fünf Milliarden Euro leistet ungefähr dasselbe wie das Kernkraftwerk für 45 Milliarden Euro.
Dabei wechselte der NDR mitten im Vergleich die Bezugsgröße. Zuerst verglich er den Windpark mit einem einzelnen Reaktor. Bei den Kosten nannte er dann aber den Preis des gesamten Kernkraftwerks mit drei Reaktoren.
Entscheidend ist außerdem nicht, wie viel eine Anlage höchstens leisten kann, sondern wie viel Strom sie tatsächlich erzeugt. Baltic Power soll jährlich bis zu vier Terawattstunden liefern. Das Kernkraftwerk mit seinen drei Reaktoren kommt auf rund 26 Terawattstunden. Dafür wären etwa 6,5 Windparks nötig. Sie würden zusammen rund 32,5 Milliarden Euro kosten.
Doch die Windparks müssten nach etwa 30 Jahren ersetzt werden. Das Kernkraftwerk ist für 60 Jahre ausgelegt. Über diesen Zeitraum steigen die Investitionskosten der Windkraft deshalb auf rund 65 Milliarden Euro.
Damit stehen 65 Milliarden Euro für Windkraft gegen 45 Milliarden Euro für Kernkraft.
Auch der wirtschaftliche Wert des erzeugten Stroms unterscheidet sich. Windparks produzieren meist gleichzeitig mit vielen anderen Windkraftanlagen. Und das auch nur, wenn gerade Wind weht. Dann ist besonders viel Strom verfügbar und der Börsenpreis entsprechend niedrig oder sogar negativ. Kernkraftwerke liefern dagegen unabhängig vom Wetter rund um die Uhr. Ihr Strom ist deshalb besser planbar und erzielt im Durchschnitt einen höheren Marktwert. Das Kernkraftwerk erzeugt also nicht nur mehr Strom, sondern kann diesen in der Regel auch zu besseren Preisen verkaufen.
Zusätzliche Kosten der Windkraft für Netzausbau, Speicher und gesicherte Reserveleistung, die wegen der wetterabhängigen Windstromproduktion benötigt werden, sind dabei noch nicht enthalten.
Der NDR vemittelt also ein grob falsches Bild, in dem er behauptet Kernkraft wäre teurer als Windkraft, obwohl es genau anders herum ist.
Alexander Schröder hat deshalb eine förmliche Programmbeschwerde beim NDR eingereicht. Auf seinen Wunsch und mit seiner Zustimmung dokumentieren wir sie weiter unten vollständig.
Update vom 14. September: NDR ändert den Vergleich ohne Hinweis
Der NDR-Beitrag trägt inzwischen den Stand 10. September 2026. Die beanstandete Passage wurde deutlich verändert.
Nun heißt es:
„Mit 1.140 Megawatt entspricht die installierte Leistung des Windparks ungefähr der eines einzelnen der drei geplanten Reaktoren. Der Windpark kostet rund fünf Milliarden Euro. Für das gesamte Kernkraftwerk mit allen drei Reaktoren werden rund 45 Milliarden Euro veranschlagt.“
Damit stellt der NDR jetzt genau das klar, was in der Programmbeschwerde gefordert wurde: Die 1.140 Megawatt sind nur die installierte Leistung des Windparks. Sie werden mit einem einzelnen Reaktor verglichen. Immer noch unterbleibt aber die Erklärung, dass diese Leistung nur erreicht wird, wenn ausreichend Wind weht. Der Windparkbetreiber Northland Power selbst rechnet mit bis zu 40% Kapazitätsfaktor.
Der Vergleich bleibt irreführend
Noch immer stehen sich aber die zwei Zahlen gegenüber: 5 Milliarden für den Windpark, 45 Milliarden für das Kernkraftwerk. Um dieselbe Menge Strom zu erzeugen müsste es noch immer eigentlich heißen: Statt 65 Milliarden für Windparks kostet das Kernkraftwerk nur 45 Milliarden und man spart zusätzlich Milliarden für den flexiblen Ersatzstrom samt seiner Systemkosten. Wer das Kleingedruckte nicht genau liest und selbst mitrechnet, erfährt davon nichts.
Einen Hinweis auf diese Änderungen gibt es am Beitrag nicht. Auch auf der Korrekturseite des NDR ist der Vorgang bislang nicht aufgeführt. Dort erklärt der Sender selbst, inhaltliche Korrekturen direkt am betreffenden Beitrag zu kennzeichnen und zusätzlich in einer Liste zu dokumentieren.
Ganz behoben ist das Problem zudem nicht. Jahresproduktion, Betriebsdauer und Systemkosten fehlen weiterhin. Der Vergleich wurde nur ein klein wenig korrekter formuliert, hinterlässt beim flüchtigen Lesen aber genau denselben falschen Eindruck, Windkraft sei billiger.
NDR bestreitet den Vergleich
In einer ersten Stellungnahme vom 14. September behauptet der NDR, der Beitrag sei „nicht auf einen direkten Vergleich“ angelegt gewesen. Es habe sich lediglich um ein Stimmungsbild aus der Region gehandelt.
Das passt weder zum ursprünglichen Wortlaut noch zur späteren Änderung. Der Beitrag stellte zuerst die Leistung des Windparks der Leistung eines Reaktors gegenüber und verglich unmittelbar danach Bauzeit und Kosten. Das Wort „hingegen“ machte die Gegenüberstellung ausdrücklich kenntlich.
Der NDR schreibt in seiner Antwort außerdem selbst, ein umfassender Vergleich müsse unter anderem Jahreserzeugung, Lebensdauer, Finanzierung und Netzintegration berücksichtigen. Genau deren Fehlen war Gegenstand der Beschwerde.
Auf die Änderung des Beitrags geht die Stellungnahme nicht ein. Alexander Schröder hält seine Programmbeschwerde deshalb aufrecht und verlangt Auskunft darüber, wann und warum die Passage geändert wurde und weshalb dies nicht transparent gekennzeichnet ist. Das Verfahren beim Landesrundfunkrat Mecklenburg-Vorpommern läuft weiter.
Die Programmbeschwerde im Wortlaut
Betreff: Förmliche Programmbeschwerde gemäß § 14 NDR-Staatsvertrag
Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit erhebe ich förmliche Programmbeschwerde gegen den Online-Beitrag:
„Baufreiheit für Polens erstes Kernkraftwerk“
veröffentlicht am 23. August 2026, Stand 20:42 Uhr
https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/baufreiheit-fuer-polens-erstes-kernkraftwerk,polen-546.html
Ich beanstande insbesondere folgende Passage:
„Ende des Jahres sollen 76 Turbinen mit 1.140 Megawatt am Netz hängen. Das entspricht ungefähr der Leistung eines Reaktors des geplanten KKW.
Bauzeit des Windparks: drei Jahre bei ungefähr fünf Milliarden Euro Kosten. Für das Kernkraftwerk hingegen sind zehn Jahre Bauzeit und 45 Milliarden Euro Kosten kalkuliert.“
Die einzelnen Zahlen mögen isoliert betrachtet zutreffen. Durch ihre unmittelbare Gegenüberstellung entsteht jedoch der sachlich unzutreffende Eindruck, der Windpark erbringe ungefähr dieselbe energiewirtschaftliche Leistung wie das Kernkraftwerk, koste aber lediglich rund ein Neuntel.
Tatsächlich werden hier unterschiedliche Bezugsgrößen miteinander vermischt:
Die 1.140 MW des Windparks Baltic Power sind dessen installierte Nennleistung. Der Betreiber erwartet eine Jahresproduktion von bis zu 4 TWh. Daraus ergibt sich ein Kapazitätsfaktor von rund 40 Prozent, entsprechend etwa 3.510 Volllaststunden und lediglich rund 457 MW mittlerer Leistung.
Das geplante Kernkraftwerk besteht nicht aus einem, sondern aus drei AP1000-Reaktoren mit zusammen 3.750 MW Bruttoleistung. Die genannten 45 Milliarden Euro beziehen sich auf diese vollständige Anlage mit drei Reaktoren, nicht auf den zuvor zum Vergleich herangezogenen einzelnen Reaktor.
Ein AP1000 besitzt rund 1.110 MW elektrische Nettoleistung. Bei einem angenommenen Kapazitätsfaktor von 90 Prozent würde ein Reaktor ungefähr 8,75 TWh jährlich erzeugen und damit mehr als doppelt so viel wie der gesamte Windpark Baltic Power.
Das vollständige Kernkraftwerk würde unter derselben Annahme rund 26 TWh jährlich erzeugen. Das entspricht energetisch ungefähr 6,5 Windparks der Größe von Baltic Power und nicht einem einzigen Windpark.
Hinzu kommen grundlegend unterschiedliche Eigenschaften der bereitgestellten Leistung. Die durchschnittliche Produktion des Windparks ist wetterabhängig und nicht mit gesicherter, planbarer Kraftwerksleistung gleichzusetzen. Ebenso unterscheiden sich die vorgesehenen Betriebszeiträume erheblich: Offshore-Windparks werden typischerweise für etwa 25 bis 30 Jahre betrieben, der AP1000 ist für 60 Jahre ausgelegt.
Der Beitrag stellt zunächst eine vermeintliche Gleichwertigkeit zwischen einem Windpark und einem Reaktor über deren Nennleistung her. Direkt danach werden jedoch die Kosten des einen Windparks mit den Kosten des gesamten Kernkraftwerks aus drei Reaktoren verglichen. Jahresproduktion, mittlere Leistung, Verfügbarkeit, Anzahl der Reaktoren und Betriebsdauer bleiben unerwähnt.
Diese Darstellung ermöglicht aus meiner Sicht keine sachgerechte selbstständige Urteilsbildung. Ich sehe darin einen Verstoß gegen das Gebot der sachlichen und umfassenden Unterrichtung gemäß § 8 Absatz 1 NDR-Staatsvertrag sowie gegen die Anforderungen an eine sachliche Berichterstattung gemäß § 8 Absatz 2 NDR-Staatsvertrag.
Ich bitte daher um:
- eine redaktionelle Überprüfung der beanstandeten Passage,
- eine Ergänzung beziehungsweise Korrektur des Online-Beitrags mit eindeutiger Kennzeichnung der jeweiligen Bezugsgrößen,
- die Klarstellung, dass sich die 45 Milliarden Euro auf drei Reaktoren mit insgesamt 3.750 MW beziehen,
- die Ergänzung der erwarteten Jahresproduktion und des daraus resultierenden Kapazitätsfaktors von Baltic Power,
- eine schriftliche und nachvollziehbar begründete Bescheidung dieser Programmbeschwerde gemäß § 14 Absatz 2 NDR-Staatsvertrag.
Die Beschwerde richtet sich nicht gegen die Berichterstattung über Offshore-Windkraft oder Kernenergie als solche. Sie richtet sich ausschließlich gegen einen technisch und wirtschaftlich nicht konsistenten Vergleich, dessen wesentliche Einordnungen dem Publikum vorenthalten werden.
Mit freundlichen Grüßen
Alexander Schröder
Ein Kommentar
Sehr gut Herr Schröder!
Man muss sie bei der Wirtschaftlichkeit packen. Auch unsere Berechnungen zeigen immer wieder, dass die Schönrechnungen der Öko-Eneregien auf falschen Eingangsgrössen beruhen, wie auch bei den LCOE des Fraunhofer Instituts. Egal ob das auf Unfähigkeit, Indoktrination oder bewusster Manipulation beruht: dass Sie es dem öffentlich rechtlichen Medium nicht durchgehen lassen, ist höchste Zeit. Jochen Michels, http://www.gaufrei.de