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Kernkraft schützt Leben – die Gesundheitsbilanz nach Tschernobyl und Fukushima 

Bild: Hiroshima heute: Das Friedensdenkmal Genbaku-Dom steht mitten in einer lebendigen Millionenstadt. Foto: Jan Tausch

Zum 15. Jahrestag von Fukushima und 40. Jahrestag von Tschernobyl warnt die Nichtregierungsorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) in einer ganzseitigen Anzeige im Frühjahr 2026 in der Süddeutschen Zeitung vor Atomenergie. Die IPPNW ist eine Anti-Atom-Organisation, die dabei mit der besonderen Autorität von Ärzten und anderen Gesundheitsberufen auftritt. Dabei schürt sie gezielt Angst und betreibt Aktivismus unter dem Deckmantel weißer Kittel.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse ergeben ein erstaunlich anderes Bild: In Fukushima waren die Strahlendosen für die Bevölkerung so niedrig, dass keine gesundheitlichen Folgen daraus erkennbar sind. Die Tschernobyl-Sperrzone ist schon lange in großen Teilen aus radiologischer Sicht bewohnbar. Selbst Hiroshima ist längst eine lebendige Millionenstadt.

Gesundheit bedeutet aber weit mehr als Strahlenschutz. Saubere Luft, verlässliche Energie, Wohlstand und eine funktionierende medizinische Versorgung schützen jeden Tag Gesundheit und Leben. Auch dazu trägt Kernenergie bei.

Umso problematischer ist der medizinische Mantel dieser Kampagne. Eine Unterstützerliste aus Gesundheitsberufen ist keine Fachgesellschaft für Strahlenforschung oder Kerntechnik. Statt unbegründete Ängste abzubauen, nutzt die IPPNW die Autorität des Arztberufs für ihre politischen Ziele.

Denn diese können ausgerechnet Gesundheit, Umwelt und Wirtschaft schaden: Die IPPNW will Kernkraftwerke weltweit sowie die deutsche Urananreicherungsanlage in Gronau und die Brennelementefabrik in Lingen schließen. Kernenergie kann Kohle und andere Verbrennung ersetzen und damit Luftverschmutzung und CO₂ vermeiden. Günstige, verlässliche Energie stärkt zudem Wirtschaft und Wohlstand – und Armut macht krank. Gronaus Erfahrung mit Isotopentrennung kann außerdem für medizinische Radioisotope wichtig werden, die zur Diagnose und Behandlung von Krankheiten gebraucht werden. Europa will bei solchen wichtigen Isotopen unabhängiger von Lieferungen aus Drittstaaten werden.

Kernenergie kann damit auf ganz unterschiedliche Weise Gesundheit und Leben schützen. Ausgerechnet unter dem Deckmantel weißer Kittel wird gegen eine Technologie gearbeitet, die für die Gesundheit der Menschheit wichtig ist.

Inhalt

Fukushima: Was 15 Jahre Gesundheitsforschung zeigen

Fukushima ist wahrscheinlich das überraschendste Beispiel dafür, wie weit öffentliche Wahrnehmung und wissenschaftlicher Kenntnisstand auseinanderliegen können. UNSCEAR, der wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Wirkung ionisierender Strahlung, hat die Gesundheitsdaten über Jahre ausgewertet. Die Strahlendosen für die Bevölkerung waren so niedrig, dass UNSCEAR auch langfristig keine statistisch erkennbaren gesundheitlichen Folgen erwartet.

Besonders gründlich wurde die Schilddrüse von Kindern und Jugendlichen untersucht. Nach dem Unfall wurde in Fukushima mit besonders empfindlichem Ultraschall so intensiv nach Schilddrüsenkarzinomen gesucht wie kaum irgendwo sonst. Dadurch wurden viele Karzinome entdeckt, die ohne dieses Screening vermutlich lange oder dauerhaft unentdeckt geblieben wären. Das beobachtete Muster entspricht einem Screening-Effekt; einen Zusammenhang mit der Strahlendosis fand man nicht.

Ganz anders sieht die Bilanz der Evakuierung aus. Die hastigen Evakuierungen kosteten insbesondere unter alten und pflegebedürftigen Menschen Leben. Studien fanden bei evakuierten Pflegeheimbewohnern eine deutlich erhöhte Sterblichkeit; besonders riskant war die erste, kurzfristig organisierte Evakuierung. Ausgerechnet Fukushima zeigt damit, warum bei Strahlung die tatsächliche Dosis entscheidend ist: Schutzmaßnahmen können selbst gefährlicher werden als die Belastung, vor der sie schützen sollen.

Wie robust Kernkraftwerke auch unter extremen Bedingungen sein können, zeigt Onagawa. Das Kraftwerk lag ebenfalls an der Küste, aber noch näher am Epizentrum als Fukushima Daiichi und wurde von einem ähnlich hohen Tsunami getroffen. Heute ist Onagawa wieder in Betrieb.

Japan setzt heute wieder verstärkt auf Kernenergie. Wie wichtig verlässliche und bezahlbare Energie für die Gesundheit ist, zeigte sich dort nach der Abschaltung der Reaktoren sehr konkret: Steigende Strompreise führten dazu, dass Menschen weniger Energie verbrauchten; Studien fanden dadurch zusätzliche Todesfälle bei extremer Kälte und Hitze. Inzwischen sind 15 Reaktoren wieder in Betrieb gegangen, weitere sollen folgen.

Leben in Tschernobyl 

Noch überraschender dürfte für viele sein, wie es in Tschernobyl aussieht – und dass die Sperrzone schon seit Jahrzehnten bewohnt ist. Bereits kurz nach der Evakuierung kehrten Menschen auf eigene Initiative in ihre Dörfer zurück. 1987 lebten nach Angaben von UNSCEAR rund 900 Menschen in 15 Siedlungen innerhalb der Sperrzone, später waren es zeitweise mehr als tausend.

Auch am Kraftwerk selbst ging der Alltag weiter. Der unmittelbar neben Block 4 liegende und mit ihm baulich verbundene Block 3 produzierte noch bis Dezember 2000 Strom. Die beiden weiteren Reaktoren des Kraftwerks gingen nach dem Unfall ebenfalls wieder in Betrieb. Menschen arbeiteten damit noch viele Jahre direkt am Standort.

Ausführlich gemessen wurde dort 2015 durch den Schweizer Kernphysiker und früheren Chefphysiker der Schweizer Armee Walter Rüegg gemeinsam mit Strahlenfachleuten. Sie maßen in Prypjat, in der Stadt Tschernobyl und rund um das Kraftwerk selbst. Selbst in Prypjat, nur wenige Kilometer vom Reaktor entfernt, fanden sie in Gebäuden und auf befestigten Flächen häufig Werte in der Größenordnung natürlicher Strahlung. Höhere Werte konzentrierten sich vor allem auf einzelne Stellen. Rüeggs Schluss aus den Messungen: Große Teile der Sperrzone sind aus radiologischer Sicht bewohnbar.

Hiroshima liefert einen anderen, aber ebenso bemerkenswerten Befund. Vor 81 Jahren zerstörte eine Atombombe große Teile der Stadt. Ihre ungeheure unmittelbare Zerstörungskraft entstand durch die Kombination aus Druckwelle, extremer Hitze, den folgenden Bränden und ionisierender Strahlung. Hiroshima wurde unmittelbar nach dem Krieg wieder aufgebaut und wuchs über Jahrzehnte weiter; seit 1985 ist es eine Millionenstadt. Und auch aus der jahrzehntelangen Untersuchung der Überlebenden stammt eine Erkenntnis, die erstaunlich wenig bekannt ist: Bei ihren später gezeugten Kindern wurde bis heute kein statistisch nachweisbarer Anstieg erblicher Gesundheitsschäden gefunden.

Direkt am Genbaku-Dom in Hiroshima zeigt das Messgerät 0,13 µSv/h – ein Wert in der Größenordnung der natürlichen Hintergrundstrahlung. Foto: Jan Tausch

Tschernobyl: Strahlenfolgen waren vermeidbar

Die beobachteten gesundheitlichen Folgen konzentrierten sich auf klar erkennbare Gruppen. 134 Beschäftigte und Einsatzkräfte entwickelten eine akute Strahlenkrankheit, 28 starben innerhalb der ersten drei Monate. Sie hatten während und unmittelbar nach dem Unfall extrem hohe Strahlendosen erhalten.

Der wichtigste nachgewiesene langfristige Gesundheitseffekt in der Bevölkerung war Schilddrüsenkrebs bei Menschen, die 1986 Kinder oder Jugendliche waren. Bis 2005 waren in den besonders betroffenen Gruppen mehr als 6.000 Fälle diagnostiziert worden, von denen ein großer Teil auf radioaktives Jod zurückgeführt wird.

Und ausgerechnet dieser Gesundheitseffekt zeigt, wie viel vermeidbar gewesen wäre. Die Einsatzkräfte hätten besser geschützt werden können. Bei Kindern hätte die rechtzeitige Gabe von stabilem Jod die Aufnahme von radioaktivem Jod in die Schilddrüse stark vermindert. Bei bestimmten stark exponierten Aufräumarbeitern wurden weitere Erkrankungen häufiger beobachtet. Einen entsprechenden großen Anstieg von Krebs und Sterblichkeit in der allgemeinen Bevölkerung stellte UNSCEAR dagegen nicht fest.

Tschernobyl in Deutschland

Tschernobyl hat in Deutschland ein tiefes Trauma hinterlassen. Dabei war die zusätzliche Strahlendosis hierzulande extrem klein: Selbst in den am stärksten betroffenen Gebieten lag sie im ersten Jahr nur bei einem Bruchteil der natürlichen Strahlung, die uns innerhalb eines Jahres erreicht.

Für die Kinder von damals bedeutet das: Viele Erfahrungen, die sich tief in eine ganze Generation eingeprägt haben, standen in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Strahlenbelastung. Die Angst der Erwachsenen und die Einschränkungen ihres Alltags wurden für viele zum prägenden Bild von Kernenergie.

Auch zusätzliche Radioaktivität aus menschlichen Quellen war damals keineswegs etwas Neues. Schon die oberirdischen Kernwaffentests der 1950er- und 1960er-Jahre hatten Fallout über die gesamte Nordhalbkugel verteilt. Auf ihrem Höhepunkt erreichte die daraus resultierende durchschnittliche zusätzliche Strahlendosis eine ähnliche Größenordnung wie die durchschnittliche Dosis durch Tschernobyl in Deutschland.

Wie sehr sich diese Quellen bis heute überlagern, zeigt ausgerechnet das bekannte Wildschweinproblem. Moderne Isotopenanalysen können inzwischen unterscheiden, woher das gemessene Cäsium stammt. Bei bayerischen Wildschweinen stammt ein erheblicher Teil noch aus den Kernwaffentests; bei einzelnen untersuchten Tieren hätte dieser alte Fallout sogar allein ausgereicht, den heutigen Grenzwert zu überschreiten.

Kohlekraftwerke strahlen stärker als Kernkraftwerke

Auch Kohle ist radioaktiv. Sie enthält von Natur aus Uran, Thorium und deren Zerfallsprodukte. Bei der Verbrennung werden diese Stoffe in Flugasche und Schlacke konzentriert und teilweise an die Umwelt abgegeben. Untersuchungen haben für Kohlekraftwerke sogar höhere radioaktive Emissionen beziehungsweise daraus resultierende Bevölkerungsdosen gefunden als für Kernkraftwerke im Normalbetrieb.

Das bedeutet nicht, dass Kohlekraftwerke wegen ihrer Radioaktivität ein großes Gesundheitsproblem wären. Ihre erheblichen Gesundheitsschäden entstehen vor allem durch Feinstaub und andere Luftschadstoffe. Aber genau das macht den Vergleich so aufschlussreich: Wir beurteilen Kohlekraftwerke selbstverständlich danach, welche gesundheitlich relevante Belastung tatsächlich bei Menschen ankommt – und nicht danach, ob sich irgendwo Radioaktivität messen lässt.

Für die Bevölkerung in der Umgebung kerntechnischer Anlagen liegen die zusätzlichen Dosen im Normalbetrieb typischerweise im Bereich von Bruchteilen bis wenigen Mikrosievert pro Jahr. Verglichen mit den rund 2.400 Mikrosievert natürlicher Strahlung ist das sehr wenig.

Was wir über niedrige Strahlendosen tatsächlich wissen

Bei niedrigen Strahlendosen wird ein möglicher zusätzlicher gesundheitlicher Effekt so klein, dass er sich statistisch kaum noch von den ohnehin auftretenden Erkrankungen unterscheiden lässt.

Im Strahlenschutz geht man deshalb vorsorglich davon aus, dass sich das bei höheren Dosen beobachtete Krebsrisiko auch zu sehr kleinen Dosen hin fortsetzen könnte. Das ist ein bewusst vorsichtiger Ansatz: Strahlenschutz soll bereits weit unterhalb eindeutig beobachtbarer gesundheitlicher Wirkungen ansetzen.

Ein solches Vorsorgemodell ist jedoch kein empirischer Nachweis, dass jede beliebig kleine zusätzliche Dosis einen Menschen schädigt. Unterhalb von ungefähr 100 mGy bei niedrigen Dosisleistungen reicht die statistische Evidenz nicht aus, um eine krebserzeugende Wirkung nachzuweisen.

Natürliche Strahlung erreicht uns unser ganzes Leben. Die zusätzliche Dosis aus dem Normalbetrieb eines Kernkraftwerks macht nur einen winzigen Bruchteil davon aus.

Fukushima: Was tatsächlich ins Meer gelangt

Das Wasser aus Fukushima wird vor der Ableitung mit dem Advanced Liquid Processing System (ALPS) behandelt. Dabei werden die relevanten Radionuklide so weit entfernt, dass sie die vorgeschriebenen Kriterien für die Ableitung unterschreiten. Wasser, das diese Kriterien nicht erfüllt, wird erneut behandelt. Vor der Ableitung wird es zusätzlich stark mit Meerwasser verdünnt.

Meerwasser selbst ist radioaktiv. Es enthält von Natur aus Kalium-40, Uran und Thorium samt ihren Zerfallsprodukten. Allein Uran ist mit etwa 3 Mikrogramm pro Liter im Meerwasser gelöst – über die Weltmeere verteilt sind das Milliarden Tonnen.

Beim aufbereiteten Wasser aus Fukushima bleibt vor allem Tritium übrig. Tritium sendet extrem energiearme Betastrahlung aus. Als tritiiertes Wasser verhält es sich im Körper weitgehend wie normales Wasser und wird wieder ausgeschieden, statt sich dauerhaft in der Nahrungskette anzureichern. Die IAEA bewertet die daraus entstehende radiologische Belastung für Menschen und Umwelt als vernachlässigbar.

Das ist ein gutes Beispiel für ein Problem, das sich durch die ganze Debatte zieht. Unsere Messtechnik kann heute winzigste Mengen radioaktiver Stoffe nachweisen. Das ist wissenschaftlich großartig. Es bedeutet aber nicht, dass jede messbare Menge gesundheitlich relevant ist.

Kernenergie schont Klima, Fläche und Ressourcen

Kernkraftwerke erzeugen große Mengen Strom ohne Verbrennung – und zwar unabhängig davon, ob gerade die Sonne scheint oder der Wind weht. Auch über Bau, Brennstoffversorgung, Betrieb und Rückbau gerechnet, gehören ihre Treibhausgasemissionen zu den niedrigsten aller Stromquellen. Die UNECE kommt auf rund 5 bis 6 Gramm CO₂-Äquivalent pro Kilowattstunde.

Ein zweiter Vorteil wird oft übersehen: Kernenergie braucht wenig Platz und wenig Material für sehr viel Strom. Der Grund ist die enorme Energiedichte des Kernbrennstoffs. Ein Kernkraftwerk kann auf einer vergleichsweise kleinen Fläche über viele Jahrzehnte große Mengen Strom erzeugen. Entsprechend gering ist auch der Bedarf an Brennstoff und vielen anderen Ressourcen pro erzeugter Kilowattstunde.

Das wird wichtiger, je mehr Energie weltweit gebraucht wird. Fläche, Metalle, Baustoffe und andere Rohstoffe stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung, und auch ihre Gewinnung greift in Natur und Umwelt ein. Eine nachhaltige Energieversorgung muss deshalb nicht nur CO₂ vermeiden, sondern mit möglichst wenig Fläche und Ressourcen möglichst viel Energie bereitstellen.

Die enorme Energiedichte zeigt sich auch bei den Reststoffen: Sehr große Strommengen hinterlassen vergleichsweise kleine und konzentrierte Mengen. Sie können vollständig erfasst, kontrolliert und langfristig von Mensch und Umwelt getrennt gelagert werden. Bei Verbrennung entstehen dagegen große Mengen gasförmiger und fester Abfallstoffe, von denen ein Teil direkt in die Umwelt gelangt.

Für die Gesundheit kommt noch etwas hinzu. Wo Kernenergie Kohle, Öl, Gas oder andere Verbrennung ersetzt, vermeidet sie nicht nur CO₂, sondern auch Luftschadstoffe. Saubere Energie bedeutet eben nicht nur Klimaschutz, sondern auch saubere Luft.

Energie ist auch eine Gesundheitsfrage

Eine moderne Gesellschaft braucht Energie nicht nur für Industrie und Wohlstand. Wir brauchen sie zum Heizen und Kühlen, für sauberes Wasser, Lebensmittel, Krankenhäuser, Medikamente und praktisch jede moderne Infrastruktur. Energiearmut trifft deshalb immer auch die Gesundheit.

Verlässliche und bezahlbare Energie ist selbst ein Gesundheitsfaktor. Kernenergie kann große Mengen Strom rund um die Uhr bereitstellen, ohne dafür Brennstoffe zu verbrennen. Zur gesundheitlichen Bilanz einer Energiequelle gehört deshalb auch, welche Belastungen sie vermeidet.

Kerntechnik hilft auch in der Medizin

Kerntechnik ist nicht nur Stromerzeugung. Radioaktive Isotope gehören längst zum medizinischen Alltag. Ärzte nutzen sie, um Krankheiten sichtbar zu machen und Tumore gezielt zu behandeln.

Dafür braucht man bestimmte Isotope in der richtigen Form. Hier kommt Isotopentrennung ins Spiel: Verschiedene Varianten desselben chemischen Elements müssen voneinander getrennt werden. Genau mit solchen Verfahren gibt es in der Urananreicherungsanlage in Gronau jahrzehntelange industrielle Erfahrung.

Die deutsche kerntechnische Anlage in Gronau stellt heute keine medizinischen Radioisotope her. Aber die dort vorhandene Technik, Infrastruktur und Erfahrung mit industrieller Isotopentrennung könnte künftig auch für Europas Versorgung mit medizinisch benötigten Isotopen wichtig werden. Die EU versucht gerade, bei solchen Stoffen unabhängiger von Lieferungen aus dem nichteuropäischen Ausland zu werden.

Das ist eine bemerkenswerte Ironie: Ausgerechnet eine Ärzteorganisation fordert die Schließung kerntechnischer Infrastruktur, deren Know-how künftig helfen könnte, medizinische Isotope für Diagnose und Behandlung unabhängig in Europa bereitzustellen.

Was hat der Arztberuf damit zu tun?

Damit kommen wir zurück zum Anlass dieses Artikels. Die IPPNW tritt nicht nur als politische Anti-Atom-Organisation auf, sondern ganz bewusst als Organisation von Ärzten und anderen Gesundheitsberufen. Das verschafft ihren Aussagen über Strahlung besonderes Gewicht.

Nur macht eine medizinische Ausbildung noch nicht zum Fachmann für Strahlenepidemiologie, Radioökologie, Reaktorphysik oder Kerntechnik – genauso wenig, wie ein Physiker allein aufgrund seines Studiums Experte für Onkologie ist. Für die gesundheitlichen Wirkungen ionisierender Strahlung gibt es spezialisierte Forschungseinrichtungen und wissenschaftliche Gremien.

UNSCEAR wertet im Auftrag der Vereinten Nationen die Forschung über Strahlenexposition und ihre gesundheitlichen Wirkungen aus. Die Radiation Effects Research Foundation begleitet seit Jahrzehnten die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki und ihre Nachkommen. Die IAEA untersucht die radiologischen Folgen der Wasserableitung von Fukushima. Gerade diese jahrzehntelange Forschung liefert inzwischen viele Erkenntnisse, die wesentlich beruhigender sind als das Bild, das sich in der Öffentlichkeit festgesetzt hat.

Wer die Autorität des Arztberufs nutzt, um vor einer Gesundheitsgefahr zu warnen, sollte solche Erkenntnisse nicht an den Rand stellen, sondern erklären.

Was nach 40 Jahren Tschernobyl und 15 Jahren Fukushima bleibt

Wir wissen heute viel mehr über Strahlung als 1986. Und vieles davon ist beruhigend.

Die Strahlendosen der Bevölkerung in Fukushima blieben so niedrig, dass UNSCEAR auch langfristig keine statistisch erkennbaren gesundheitlichen Folgen erwartet. In Tschernobyl leben seit Jahrzehnten Menschen innerhalb der Sperrzone, am Kraftwerksstandort wurde noch bis 2000 Strom erzeugt, und Messungen zeigen heute in großen Teilen radiologisch gut bewohnbare Bedingungen. Hiroshima wurde unmittelbar nach dem Krieg wieder aufgebaut und ist seit 1985 eine Millionenstadt.

Im Normalbetrieb tragen Kernkraftwerke nur einen winzigen Bruchteil zur natürlichen Strahlung bei. Gleichzeitig erzeugen sie rund um die Uhr große Mengen Strom auf wenig Fläche, mit wenig Material und sehr niedrigen CO₂-Emissionen. Wo sie Verbrennung ersetzen, bleibt auch die Luft sauberer. Verlässliche und bezahlbare Energie trägt zu Wohlstand, moderner Infrastruktur und Gesundheit bei.

Kerntechnik dient der Gesundheit sogar unmittelbar: Radioisotope helfen jeden Tag dabei, Krankheiten zu diagnostizieren und Tumore zu behandeln.

Kernenergie kann damit auf ganz unterschiedliche Weise Gesundheit und Leben schützen: durch saubere Luft und sehr niedrige CO₂-Emissionen, durch verlässliche Energie für eine moderne Gesellschaft und durch Kerntechnik in der Medizin. Jahrzehntelange Forschung erlaubt uns heute zugleich, die gesundheitlichen Folgen von Strahlung sehr viel genauer einzuordnen.

Das sind gute Nachrichten. Gerade Ärzte sollten diese Erkenntnisse über Strahlung und Gesundheit vermitteln. 

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