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Hitze und Dürre: Mindestens 90 Prozent der europäischen Kernreaktoren produzieren planmäßig

Bild: Frankreichs Strommix mit 70% Kernkraft und erheblicher Stromexport nach Deutschland im Juli 2026. Quelle: Electricity Maps

90 Prozent der europäischen Kernreaktoren produzierten auch während der Höhepunkte der Hitzewellen 2026 wie vorgesehen. Darin sind auch die Einschränkungen durch das Niedrigwasser der Donau bereits eingerechnet. Viele der zeitweisen Ausfälle lassen sich zudem durch Anpassungen weiter verringern oder ganz vermeiden.

Ein aktueller Artikel von Euronews (1.9.26) zeigt, wie hartnäckig ein zentrales Missverständnis ist: Die großen Wassermengen werden im Leistungsbetrieb vor allem am Kondensator gebraucht, um den Dampf nach der Turbine wieder zu verflüssigen. Sie fließen nicht durch den Reaktor. Die Nachkühlung eines abgeschalteten Reaktors erfolgt über eigene Systeme und gesicherte Wasservorräte.

Wie gut sich Kernkraftwerke an ihren Standort anpassen lassen, zeigen Rhône und Donau. Während einige Anlagen ihre Leistung dort zum Teil stark reduzierten, produzierten das französische Kernkraftwerk Cruas an der Rhône und das bulgarische Kernkraftwerk Kosloduj an der Donau voll weiter.

Viele Drosselungen dauerten nur wenige Stunden oder betrafen lediglich einen Teil der Leistung. Häufig begrenzen Umweltauflagen, wie viel Wärme ein Kraftwerk an einen Fluss abgeben darf.

Kernkraft liefert auch bei windarmen Hochdrucklagen verlässlich Strom. Wind- und Wasserkraft können bei derselben Wetterlage großflächig einbrechen, während Gasturbinen durch die heiße Ansaugluft an Leistung verlieren. 

Die allermeisten deutschen Kernkraftwerke wären dank ihrer Kühltürme sowie ihrer Lage an geregelten oder tidebeeinflussten Gewässern weitergelaufen. Isar 2 verfügte zusätzlich über einen Stausee, Emsland über das Speicherbecken Geeste.

Inhalt

Anpassung an Hitze und Niedrigwasser

Wenn das Ziel eine vollständig extremwetterunabhängige Stromversorgung ist, können einzelne Kernkraftwerksstandorte so angepasst werden, dass sie auch bei extremer Hitze und Niedrigwasser jederzeit die vorgesehene Leistung bereitstellen.

Schon die Wahl des Standorts macht einen großen Unterschied. Küstenlagen bieten eine stetige Wasserzufuhr. An Flüssen können Wehre, Staustufen und Wasserkraftwerke die Wasserführung regulieren. Speicherseen schaffen zusätzliche Reserven.

Auch das Kühlsystem lässt sich an die örtlichen Bedingungen anpassen. Nasskühltürme reduzieren den Wärmeeintrag in Flüsse. Trocken- und Hybridkühltürme senken den Wasserbedarf, Zellenkühler können einzelne Kühlwasserströme gezielt rückkühlen. Trockenkühlung ist bei thermischen Kraftwerken in ariden Regionen seit Langem erprobt und derzeit beispielsweise bei Kohlekraftwerken in Südafrika, Australien und China im Einsatz.

Bei extremem Niedrigwasser helfen wasserbauliche Maßnahmen. Dazu gehören tiefere Einläufe, angepasste Pumpenvorläufe und Dämme, die mehr Wasser in den Zulaufkanal lenken. Solche Dämme werden derzeit an den Donau-Kraftwerken Paks und Cernavodă eingesetzt.

Die Auswirkungen von Hitze und Dürre sind daher keine feste Eigenschaft der Kernkraft, sondern hängen von Standort und technischer Auslegung ab.

Bei der Umsetzung von Klimaanpassungen sollten nicht nur betriebswirtschaftliche Interessen des Betreibers eine Rolle spielen, sondern auch die Notwendigkeit, eine wetterunabhängige und klimaresiliente stabile Stromversorgung sicherzustellen.

Der Gewässerschutz setzt die Grenze, nicht der Reaktor

Wenn ein Kernkraftwerk bei Hitze seine Leistung reduziert, betrifft das meist den Kondensator im konventionellen Kraftwerksteil. Dort wird der Dampf nach der Turbine wieder verflüssigt. Die dafür benötigten großen Wassermengen fließen nicht durch den Reaktor.

Diese Kühlung des Kondensators brauchen alle Wärmekraftwerke mit Dampfkreislauf, also auch Kohle-, Biomasse- und GuD-Kraftwerke. Je nach Kühlsystem entnimmt das Kraftwerk dafür Wasser aus einem Fluss oder gibt die Wärme über Kühltürme ab.

Davon zu unterscheiden ist die Nachkühlung des Reaktors nach dem Abschalten. Die verbleibende Nachzerfallswärme ist wesentlich geringer und wird über eigene Systeme abgeführt. Dafür stehen je nach Kraftwerk Wasservorräte, Speicherbecken oder kraftwerkseigene Brunnen bereit.

Bei der Durchlaufkühlung wird das Wasser aus dem Gewässer nach dem Kondensator erwärmt zurückgeleitet. Ist der Fluss bereits sehr warm, begrenzen Umweltauflagen seine zusätzliche Erwärmung. Der Betreiber passt dann die Leistung an, um das Gewässer zu schützen.

Nasskühltürme geben einen großen Teil der Wärme über Verdunstung ab. Trocken- und Hybridkühltürme senken den laufenden Wasserbedarf weiter. Bei Küstenstandorten steht für den Kondensator in der Regel eine stetige Wasserzufuhr zur Verfügung.

Wenn die Stromversorgung es erfordert, können die Behörden nach Abwägung der Auswirkungen zeitlich begrenzte Ausnahmen von den Grenzwerten zulassen.

Schweiz: Fehlender Kühlturm wird zur Kernkraftdebatte

Über die Abschaltung des Schweizer Kernkraftwerks Beznau wurde besonders intensiv berichtet. Das ist auch politisch relevant: In der Schweiz läuft die Auseinandersetzung über die Aufhebung des Neubauverbots, gegen die ein Referendum angekündigt wurde.

Beznau nutzt die Aare zur Durchlaufkühlung. Als der Fluss im Juni 2026 eine Temperatur von 25 Grad erreichte, reduzierte Axpo zunächst die Leistung und nahm später beide Reaktoren vorübergehend vom Netz. Damit begrenzte das Kraftwerk die zusätzliche Erwärmung der Aare.

Die anderen Schweizer Kernkraftwerke in Gösgen und Leibstadt verfügen über Kühltürme und produzierten während der Hitze weiter. Ein Kühlturm könnte auch Beznau künftig weitgehend von der Temperatur der Aare unabhängig machen. Ob sich eine solche Nachrüstung für das kleinste Schweizer KKW lohnt, müsste für den Standort geprüft werden.

Die Meldungen über Beznau beschreiben daher die Kühlung eines einzelnen Kraftwerks, keine allgemeine Eigenschaft der Kernenergie.

Frankreich blieb trotz Hitzewelle Stromexporteur

Auch in Frankreich wurden einzelne Reaktoren zeitweise gedrosselt oder abgeschaltet. Ein Teil der Maßnahmen dauerte nur wenige Stunden, einige Abschaltungen mehrere Tage. Frankreich blieb währenddessen Stromexporteur.

Das obige Bild zeigt die französische Monatsbilanz für Juli 2026: Kernenergie lieferte 70 Prozent des französischen Stroms. Gleichzeitig exportierte Frankreich 1,16 TWh Strom nach Deutschland.

Frankreich benötigt im Sommer deutlich weniger Strom als im Winter und richtet die Einsatzplanung seiner Kernkraftwerke darauf aus. Revisionen und Wartungsarbeiten finden deshalb bevorzugt im Sommer statt. Auch mögliche Einschränkungen durch warme Flüsse werden bereits eingeplant. Entsprechend standen trotz Drosselungen, Abschaltungen und der Quallenschwärme in Gravelines ausreichend Kraftwerke zur Verfügung.

Die Rhône zeigt, wie stark die örtlichen Bedingungen zählen. Bugey, Saint-Alban und Tricastin reduzierten zeitweise ihre Leistung. Cruas produzierte am selben Fluss weiter. Dort führt jeder der vier Reaktoren seine Wärme über einen Kühlturm ab. Zudem führt die Rhône am Standort viel Wasser und erhält oberhalb von Cruas kühleres Wasser aus der Isère.

Auch Kühltürme allein entscheiden nicht über die Verfügbarkeit. An Loire, Vienne und Rhône blieben 18 französische Reaktorblöcke an sechs Standorten von wetterbedingten Einschränkungen verschont. Zwölf produzierten, sechs befanden sich planmäßig in Revision.

Seit dem Jahr 2000 verursachten hohe Wassertemperaturen und niedrige Flusspegel in der französischen Kernkraftflotte im Jahresmittel lediglich 0,3 Prozent Produktionsverlust.

Mit dem ADAPT-Programm bereitet EDF seine bestehenden Anlagen auf höhere Temperaturen und veränderte Flusspegel vor. Bei den geplanten EPR2-Reaktoren fließen künftige Klimabedingungen bereits in die Auslegung ein.

Andere Stromquellen trifft die Hitze stärker

Hitzewellen entstehen häufig bei stabilen Hochdrucklagen. Dann weht in weiten Teilen Europas wenig Wind. Anhaltende Trockenheit senkt zugleich die Stromerzeugung aus Wasserkraft. Beide Effekte können ganze Regionen gleichzeitig erfassen.

Auch Gaskraftwerke verlieren bei Hitze Leistung. Warme Luft ist weniger dicht. Gasturbinen saugen dadurch weniger Luftmasse an, was ihre Leistung und meist auch ihren Wirkungsgrad senkt. Bei GuD-Kraftwerken kommt die Kühlung des Kondensators hinzu.

Bei Kernkraftwerken bleiben die Einschränkungen meist auf einzelne Standorte mit bestimmten Kühlsystemen begrenzt. Während der bisher erfassten Hitzewellen 2026 produzierten zu jedem Zeitpunkt mindestens 90 Prozent der europäischen Reaktorblöcke uneingeschränkt.

Deutsche Kernkraftwerke wären weitgehend durchgelaufen

Die meisten deutschen Kernkraftwerke wären in ihrer früheren Betriebskonfiguration mit geringen oder keinen Einschränkungen durch die Hitzewellen gekommen. Im Sommer 2003 hatte es bereits eine Dürre gegeben, bei der alle deutschen Kernkraftwerke weiterlaufen konnten, außer Isar 1 mit Einschränkung, woraufhin es dort Anpassungen gab.

Brokdorf, Brunsbüttel und Unterweser liegen an tidebeeinflussten Flussabschnitten nahe der Küste. Greifswald wurde über den Greifswalder Bodden gekühlt. Diese Standorte verfügen über eine wetterunabhängige Wasserzufuhr durch das Meer.

Krümmel liegt in einem ursprünglich tidebeeinflussten Abschnitt der Elbe. Die Staustufe Geesthacht entkoppelt den Standort jedoch von der Tide und hält den Wasserstand im Oberwasser weitgehend konstant. Während der aktuellen Dürre lag der Pegel am Kraftwerk zwischen 4,00 und 4,16 Metern und damit im vorgesehenen Bereich.

Isar 2 lag an einem Stausee und verfügte über einen Kühlturm. Emsland bekam zusätzlich zum Kühlturm das Speicherbecken Geeste, welches ausreicht, um das Kraftwerk sechs Monate lang am Laufen zu halten (oder drei Monate mit zwei Reaktoren). Auch Neckarwestheim, Gundremmingen und Grafenrheinfeld hatten Kühltürme. Zudem lagen sie an Flussabschnitten, deren Wasserführung durch Wehre, Staustufen oder Wasserkraftwerke reguliert wurde.

Bei extremem Niedrigwasser wären auch an einzelnen Rhein-Standorten Einschränkungen denkbar gewesen. Wobei Philippsburg 2 am Rhein für sehr extremes Niedrigwasser ausgelegt ist – noch unterhalb des historisch niedrigsten Pegels 172 cm von 1947.

Isar 1 wurde nach der Dürre im Sommer 2003 angepasst. Damals senkte der Block seine Leistung zeitweise auf rund 60 Prozent. Für diesen Leistungsbereich reichte die damalige Zellenkühlanlage aus. Später wurden zusätzliche Kühlzellen eingebaut und die Hauptkühlwasserpumpen umgerüstet. Dadurch sank Rohwasserbedarf um zwei Drittel.

Grohnde wäre möglicherweise betroffen gewesen. Bei hohen Wassertemperaturen konnte das Kraftwerk zwar auf einen geschlossenen Kühlkreislauf umstellen. Das außergewöhnliche Niedrigwasser ließ die Weser jedoch zusätzlich erwärmen. Deshalb wären für einige Tage eine Drosselung oder ein Abfahren denkbar gewesen. Die 2019 geltende Temperaturgrenze, die beinahe zu einer Abschaltung geführt hätte, beruhte auf einer veralteten technischen Vorgabe und wurde später geändert.

Die Bilanz: Mindestens 90 Prozent produzierten wie vorgesehen 

Schlagzeilen wie „Kernkraftwerk wegen Hitze heruntergefahren“ vermittelt den Eindruck einer technischen Schwäche. Meist passt das Kraftwerk seine Leistung an, um die zulässige Erwärmung eines Flusses einzuhalten.

Auch die Zahl der betroffenen Reaktoren kann täuschen. Wer jede kurze Drosselung über mehrere Wochen zusammenzählt, erzeugt eine große Zahl. Für die Stromversorgung zählen jedoch die gleichzeitig fehlende Leistung und die Dauer.

Die Bilanz des Sommers 2026 sieht deshalb anders aus: Zu jedem Zeitpunkt produzierten mindestens 90 Prozent der europäischen Kernreaktoren wie vorgesehen. Wetterbedingte Einschränkungen konzentrierten sich auf wenige Standorte und waren häufig nur von kurzer Dauer. Sie betrafen vor allem die Wärmeabgabe am Kondensator und den Schutz der Gewässer. Die Nachkühlung der Reaktoren blieb jederzeit gewährleistet.

Stand der Auswertung: 30. August 2026. Erfasst wurden Abschaltungen und Drosselungen infolge von Trockenheit oder Hitze. Dazu zählen auch die durch Quallenschwärme während der Hitzeperiode verursachten Einschränkungen in Gravelines. Frankreich plant im Sommer mit einem deutlich geringeren Strombedarf und berücksichtigt mögliche Einschränkungen durch warme Flüsse bereits bei der Planung. Auch Revisionen und Wartungsarbeiten werden bevorzugt in diese Zeit gelegt. Die verfügbare Kernkraftleistung reichte jederzeit aus: Frankreich deckte seinen Strombedarf und blieb ein bedeutender Stromexporteur. Für den deutlich höheren Verbrauch im Winter hält das Land entsprechend mehr Reaktoren verfügbar.

4 Kommentare

  1. Fairerweise muss man Gravelines schon mit einbeziehen. Die Quallenplage ist hitzebedingt, die seit der Plage von 2025 vorgesehenen Maßnahmen brachten nicht den gewünschten Erfolg

    1. Danke für den Hinweis, ist in der Erklärung (ganz unten in kursiv) geändert, denn es spielt keine Rolle, ob man Gravelines mit den Quallen als hitzebedingt einbezieht oder nicht, da Frankreich ohnehin ausreichend viele Reaktoren hat, um im Sommer jegliche Ausfälle mit anderen Reaktoren zu kompensieren. Hitzebedingte Ausfälle sind also ohnehin bereits von vornherein eingeplant, ob durch warme Flüsse oder Quallen bleibt dabei gleich. Solange Frankreich jetzt gerade, auf dem Temperaturhöhepunkt der Gewässer, mit 2-3 Reaktoren allein nach Deutschland exportieren kann, decken die verfügbaren französischen Reaktoren also ohnehin 100% des französischen Bedarfs.

  2. Fairerweise muss man schon einiges richtig stellen
    Auch in Deutschland gab es in heißen Sommern Leistungsreduzierungen und teilweise Abschaltungen.
    Der Kühlturm in KKI 1 hätte den aktuellen Temperaturen nicht standgehalten
    Krümmel liegt 140 km von der Elbemündung entfernt. Da merkt man nichts mehr von der Tide
    Staustufen lösen das Problem nur teilweise. Siehe Cattenom und Mosel. Aufgrund der Aufstauung verringert sich bei Niedrigwasser der Ablauf, der Fluß heizt sich auf, Fauna und Flora sind gefährdet. Die Kühlturmzusatzwasserentnahme wurde auf der Basis von Vereinbarungen Deutschland-Luxemburg reduziert
    In Chooz ist die Maas so von Niedrigwasser betroffen, dass aufgrund zwischenstaatlicher Vereinbarung Belgien- Frankreich die Wasserentnahme als Kühlturmzusatzwasser untersagt wurde

    1. Isar 1 hatte keinen Kühlturm, sondern Zellenkühler. Gerade wegen des Hitzesommers im Jahr 2003 bei der Isar 1 auf die 60% der Leistung, die mit Zellenkühlern erreicht werden konnten, gedrosselt wurde, gab es ja in Isar weitere Anpassungen, also weitere Zellenkühler und die Umrüstung der Hauptkühlwasserpumpen.

      In Deutschland lagen die Kernkraftwerke bewusst an Wasserkraftwerken oder Staustufen oder einem Stausee.

      Danke für den Hinweis zu Krümmel, der entsprechende Absatz wurde angepasst, denn Krümmel lag nur bis 1960 im Tidebereich der Elbe. Als das Kernkraftwerk geplant und gebaut wurde war der Pegel dort aber bereits durch das Wehr der Staustufe Geesthacht auf 4m ü. NN stabilisiert und von der Tide entkoppelt worden. Während der aktuellen Dürre lag der Pegel im Oberwasser der Staustufe Geesthacht, also auch beim KKW Krümmel, zwischen 4m und 4,16m, also im Sollbereich.

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