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Niedrigwasser an der Donau: Kernkraftwerke produzieren weiter und passen ihre Wasserzufuhr an

Als die Donau Ende Juli und im August 2026 historische Tiefstände erreichte, entstand in vielen Medien der Eindruck, den Reaktoren gehe das Kühlwasser aus. Tatsächlich begrenzte der niedrige Pegel die Wasserzufuhr der Kondensatoren für die Stromerzeugung. Die drei untersuchten Standorten unterschieden sich deutlich.

Das bulgarische Kernkraftwerk Kosloduj lief auch beim extremen Niedrigwasser mit voller Leistung weiter. Es erzeugt mehr als 40 Prozent des bulgarischen Stroms. Damit stand eine der wichtigsten Stromquellen Bulgariens jederzeit vollständig zur Verfügung. Zum Vergleich: Die zwischenzeitlich beide abgefahrenen Reaktoren von Cernavodă liefern zusammen nur knapp 20 Prozent des rumänischen Stroms.

Im ungarischen Paks war selbst bei Rekordniedrigwasser genug Donauwasser für die Kondensatorkühlung vorhanden. Die zu hoch liegenden Pumpeneinläufe begrenzten jedoch zeitweise die Leistung. Seit dem 14. August läuft Block 2 wieder auf Volllast und ein kleiner Damm lenkt für die kommenden Tage mehr Wasser in den Zulaufkanal.

Im rumänischen Cernavodă floss bei Niedrigwasser ein größerer Teil der Donau in den Bala-Arm. Im alten Donauarm, an dem das Kraftwerk liegt, blieb dadurch weniger Wasser. Rumänien sprengte den Pârjoaia-Felsen, setzte Bagger ein und ließ mit Steinen beladene Lastkähne versenken, damit mehr Wasser zum Kraftwerk gelangte. So blieb Block 2 noch rund zwei Wochen länger am Netz. Der Pegel sank jedoch weiter. Am 13. August begann der Betreiber mit dem kontrollierten Herunterfahren des Blocks.

Inhalt

Warum Niedrigwasser nicht nur Kernkraftwerke betrifft

Kernkraftwerke gehören wie Kohle-, Gas- und Biomassekraftwerke zu den thermischen Kraftwerken. Sie erzeugen zunächst Wärme, aus der Wasserdampf entsteht. Dieser treibt eine Turbine und damit einen Generator zur Stromerzeugung an. Anschließend wird der Dampf wieder zu Wasser kondensiert. Dafür benötigen alle thermischen Kraftwerke Kühlwasser.

Wasserkraftwerke sind sogar noch viel stärker betroffen: Sinkt der Wasserstand oder die Durchflussmenge eines Flusses, erzeugen sie unmittelbar weniger Strom. Die aktuelle Situation zeigt das deutlich: Während über die Abschaltungen von Kernkraftwerken berichtet wird, leidet auch Österreich erheblich unter den Folgen des Niedrigwassers für seine Wasserkraft. Das Land muss deshalb verstärkt Strom importieren – unter anderem aus Tschechien, dessen Stromversorgung maßgeblich auf Kernenergie basiert.

Warum die aktuellen Schlagzeilen in die Irre führen

Die derzeitige Berichterstattung erinnert an die alljährlichen Meldungen über hitzebedingte Leistungsreduzierungen einiger französischer Kernkraftwerke. Dort, ebenso wie beim schweizerischen Kernkraftwerk Beznau, begrenzen wasserrechtliche Vorgaben die zusätzliche Erwärmung der bereits warmen Flüsse. Über das gesamte Jahr machen solche Leistungsreduzierungen in Frankreich durchschnittlich nur rund 0,2 Prozent der Kernstromproduktion aus.

Dabei entsteht häufig ein weiteres Missverständnis: Die großen Wassermengen werden für den Kondensator gebraucht, der den Dampf nach der Turbine wieder verflüssigt. Sie kühlen nicht den Reaktor. Nach einer Abschaltung fällt nur noch ein kleiner Teil der vorherigen Wärmeleistung an. Gesonderte und mehrfach vorhandene Systeme führen diese Nachwärme zuverlässig ab. Je nach Kraftwerk stehen dafür Wasserreserven, kraftwerkseigene Brunnen, zusätzliche Pumpen oder weitere Einspeisemöglichkeiten bereit. Eine Abschaltung wegen Niedrigwassers bedeutet daher lediglich das Ende der Stromproduktion an diesem Block.

Weltweit liegen wetterbedingte Produktionsverluste der Kernenergie nach Angaben der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEA im Mittel bei etwa 0,3 Prozent der Jahresproduktion.

Dieselben Hochdrucklagen führen häufig zu einer Hitzeflaute. Dabei sinkt die Windstromerzeugung in weiten Teilen Europas wesentlich stärker. Dieser Zusammenhang wird in der öffentlichen Berichterstattung nur selten eingeordnet.

Eine Root-cause-Analyse der drei Donau-Kernkraftwerke

🇭🇺 Kernkraftwerk Paks in Ungarn

Die obige Abbildung aus dem EU-Stresstest-Bericht für Paks zeigt, worauf es ankommt: Damit die Kühlwasserpumpen zuverlässig arbeiten, muss der Pegel über einer festgelegten Mindesthöhe liegen. Ende Juli 2026 lag die Donau bei Paks 1,25 Meter unter dem normalen Wasserstand. Deshalb wurde die Leistung der vier Blöcke schrittweise reduziert. Block 2 blieb durchgehend am Netz und produzierte je nach Donaupegel mit einer oder beiden Turbinen. Seit dem 14. August läuft der Block wieder auf Volllast. Außerdem wurde mit dem Bau eines kleinen Damms in der Donau begonnen, um den Wasserstand im Vorlaufkanal anzuheben. (Stand: 16. August)

Nach Angaben des Betreibers wäre selbst bei den aktuellen Rekordniedrigwasserständen noch genügend Donauwasser zur Kühlung im Leistungsbetrieb vorhanden. Der begrenzende Faktor sind vielmehr die Ansaugstutzen der Kühlwasserpumpen, die bei weiter sinkendem Wasserstand ihre Funktion nicht mehr sicher erfüllen können. Deshalb hat der Betreiber bereits mit den technischen Vorbereitungen begonnen, die Ansaugrohre künftig tiefer zu verlegen. Nach Abschluss dieser Maßnahme soll das Kraftwerk auch bei noch niedrigeren Wasserständen weiter betrieben werden können.

🇧🇬 Nicht betroffen: Kernkraftwerk Kosloduj in Bulgarien

Die Donau führte ab Ende Juli 2026 2,03 m Niedrigwasser unter Normal, also sogar noch tiefer unter Normal als in Paks. Die Kühlwasser-Pumpstation wurde bereits für ein 100-jähriges Niedrigwasser ausgelegt. Der niedrigste jemals gemessene Donaupegel lag sogar noch oberhalb dieses Auslegungswertes. Deshalb ist Kosloduj trotz der aktuellen Niedrigwasserlage überhaupt nicht betroffen.

🇷🇴 Kernkraftwerk Cernavodă in Rumänien

In Cernavodă floss bei Niedrigwasser ein größerer Teil der Donau in den Bala-Arm. Dadurch gelangte weniger Wasser durch den alten Donauarm zum Kraftwerk. Block 1 wurde bereits Ende Juli abgeschaltet.

Um Block 2 länger am Netz zu halten, ließ Rumänien den Pârjoaia-Felsen sprengen, setzte Bagger ein und verengte den Bala-Arm mit Lastkähnen. Die Maßnahmen verlängerten den Betrieb um rund zwei Wochen, konnten den sinkenden Pegel aber nicht dauerhaft ausgleichen. Am 13. August begann der Betreiber mit dem kontrollierten Herunterfahren von Block 2.

Die Abschaltung erfolgt vorsorglich an der betrieblichen Grenze. Die Nachwärmeabfuhr bleibt gewährleistet. Langfristig sollen kleinere Zellenkühler den Wasserbedarf des Kraftwerks senken. (Stand: 13. August 2026)

Fazit

Von den drei Kernkraftwerksstandorten an der Donau ist aktuell Kosloduj überhaupt nicht betroffen. Paks und Cernavodă mussten ihre Reaktoren aufgrund der niedrigen Donaupegel vorsorglich teilweise vom Netz nehmen. Die Abschaltungen zeigen jedoch nur, dass die Betreiber ihre konservativen Betriebsgrenzen konsequent einhalten. Die Entwicklung in Paks bestätigt, dass die Einschränkungen vorübergehend sind: Nach dem Anstieg des Donaupegels läuft Block 2 wieder mit voller Leistung. (Stand: 11. August 2026)

Die aktuelle Situation zeigt vor allem eines: Der Klimawandel stellt die gesamte wasserabhängige Energieversorgung vor neue Herausforderungen. Wasserkraftwerke sind von anhaltendem Niedrigwasser sogar noch unmittelbarer betroffen, da sinkende Flusspegel ihre Stromerzeugung direkt verringern. Gleichzeitig führen häufigere Dürreperioden und der Rückgang der Gletscher dazu, dass natürliche Wasserspeicher ihre ausgleichende Wirkung zunehmend verlieren.

Auch in Frankreich und der Schweiz kommt es an heißen Tagen gelegentlich zu Leistungsreduzierungen einzelner Kernkraftwerke. In Frankreich betragen die Verluste durch entsprechende umweltbedingte Leistungsreduzierungen im langjährigen Mittel nur rund 0,2 % der Kernstromproduktion. Hitzebedingte Einschränkungen ändern daher nichts daran, dass Kernenergie eine sehr zuverlässige Form der Stromerzeugung bleibt.

Die Betreiber reagieren bereits mit unterschiedlichen technischen Anpassungen an den Klimawandel, wie die tiefere Entnahme in Paks und die Zellenkühler in Cernavodă. Weitere Maßnahmen werden folgen müssen – nicht nur in der Kernenergie, sondern ebenso bei anderen thermischen Kraftwerken sowie in der Wasserwirtschaft. Gleichzeitig fehlen auf liberalisierten Strommärkten häufig wirtschaftliche Anreize für Investitionen, die nur in seltenen Extremsituationen benötigt werden, für die Versorgungssicherheit aber von großer Bedeutung sind.

Quellen und Bildquelle

  • Offizielle Mitteilung des Betreibers in Paks zur Niedrigwassersituation an der Donau. Erläutert die technischen Ursachen der schrittweisen Leistungsreduzierung, bestätigt, dass ausreichend Kühlwasser vorhanden ist, beschreibt die Begrenzung durch die Ansaugstutzen der Kühlwasserpumpen sowie die bereits begonnenen Planungen zur tieferen Verlegung der Ansaugrohre.
    MVM Paksi Atomerőmű Zrt.: „Szükségessé válik a Paksi Atomerőmű teljes leállítása“ (30.07.2026)
  • Offizielle Mitteilungen der ungarischen Atomaufsicht zur schrittweisen Leistungsreduzierung des Kernkraftwerks Paks während der außergewöhnlichen Niedrigwassersituation. Die OAH stellt bei allen Leistungsreduzierungen ausdrücklich fest, dass diese ausschließlich der Einhaltung betrieblicher Vorgaben dienen und keine Auswirkungen auf die nukleare Sicherheit oder die Umwelt haben. Gleichzeitig informiert sie fortlaufend über die einzelnen Leistungsänderungen der Blöcke und die behördliche Aufsicht über die Anlage.
    Országos Atomenergia Hivatal (OAH, Ungarische Atomenergiebehörde): „Leterhelés a Paksi Atomerőműben“ (27.07.2026) und „További leterhelés a Paksi Atomerőműben“ (02.08.2026).
  • Update zu Cernavodă: TVR Info (Nachrichtenportal des rumänischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens): Operațiune contracronometru pe Dunăre, pentru menținerea în funcțiune a reactorului 2 de la Cernavodă. Participă inclusiv Armata („Rettungsaktion auf der Donau zur Aufrechterhaltung des Betriebs von Reaktor 2 in Cernavodă – auch das Militär ist beteiligt“), 1. August 2026. TVR-Artikel
  • Update 2 zu Cernavodă: Bericht über den erfolgreichen zweiten Sprengversuch am Pârjoaia-Felsen als Teil der wasserbaulichen Maßnahmen zur Verbesserung des Wasserflusses in Richtung des Kernkraftwerks Cernavodă. 3. August 2026. Informat.ro –The Pârjoaia Cliff Has Been Detonated

3 Kommentare

  1. Sind Trockenkühltürme, die kein Wasser verbrauchen, für Kernkraftwerke geeignet? Gibt es Beispiele, wo ein Kernkraftwerk mit Trockenkühlung arbeitet?

    1. Ja, das THTR-Kernkraftwerk hatte einen Trockenkühlturm. Trockenkühllösungen sind auch internatinal gelegentlich nichtnuklearen thermischen Kraftwerken eingesetzt worden.

    2. Prinzipiell ist Trockenkühlung schon eine Option, Nasskühltürme sind aber immer wirtschaftlicher als Trockenkühltürme wenn es genügend Wasser gibt, weil sie höhere Wirkungsgrade erlauben, auch die Baukosten sind geringer. Die direkte Wasserkühlung ist wiederum noch einfacher, billiger, effizienter.

      Bisher gibt bzw. gab es erst zwei KKW mit Trockenkühlung, den THTR-300 und das Kernkraftwerk Bilibino in Sibirien.

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