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Niedrigwasser an der Donau: Kernkraftwerke produzieren weiter und passen ihre Wasserzufuhr an

Als die Donau Ende Juli und im August 2026 historische Tiefstände erreichte, entstand in vielen Medien der Eindruck, den Reaktoren gehe das Kühlwasser aus. Tatsächlich begrenzte der niedrige Pegel die Wasserzufuhr der Kondensatoren für die Stromerzeugung. Die drei untersuchten Standorte unterschieden sich deutlich.

Das bulgarische Kernkraftwerk Kosloduj produzierte während des größten Teils des extremen Niedrigwassers mit voller Leistung. Seit dem 21. August ist Block 5 vorsorglich reduziert, während Block 6 weiter nahezu voll produziert. Dennoch lieferte das Kraftwerk noch gut 90 Prozent seiner Nennleistung. Kosloduj erzeugt im Jahresmittel mehr als 40 Prozent des bulgarischen Stroms.

Im ungarischen Paks war selbst bei Rekordniedrigwasser genug Donauwasser für die Kondensatorkühlung vorhanden. Am Tiefpunkt lief eine von acht Turbinen, später wieder beide Turbinen des Blocks. Zwei versenkte Lastkähne und der Bau einer Sohlschwelle hoben den Wasserstand am Zulauf an. Seit dem 25. August produzieren wieder alle vier Blöcke mit voller Leistung. Paks liefert rund die Hälfte des ungarischen Stroms.

Im rumänischen Cernavodă floss bei Niedrigwasser ein größerer Teil der Donau in den Bala-Arm. Im alten Donauarm, an dem das Kraftwerk liegt, blieb dadurch weniger Wasser. Rumänien sprengte den Pârjoaia-Felsen, setzte Bagger ein und ließ mit Steinen beladene Lastkähne versenken, damit mehr Wasser zum Kraftwerk gelangte. So blieb Block 2 noch rund zwei Wochen länger am Netz. Der Pegel sank jedoch weiter. Am 13. August begann der Betreiber mit dem kontrollierten Herunterfahren des Blocks.

Inhalt

Warum Niedrigwasser nicht nur Kernkraftwerke betrifft

Kernkraftwerke gehören wie Kohle-, Gas- und Biomassekraftwerke zu den thermischen Kraftwerken. Sie erzeugen zunächst Wärme, aus der Wasserdampf entsteht. Dieser treibt eine Turbine und damit einen Generator zur Stromerzeugung an. Anschließend wird der Dampf wieder zu Wasser kondensiert. Dafür benötigen alle thermischen Kraftwerke Kühlwasser.

Wasserkraftwerke sind sogar noch viel stärker betroffen: Sinkt der Wasserstand oder die Durchflussmenge eines Flusses, erzeugen sie unmittelbar weniger Strom. Die aktuelle Situation zeigt das deutlich: Während über die Abschaltungen von Kernkraftwerken berichtet wird, leidet auch Österreich erheblich unter den Folgen des Niedrigwassers für seine Wasserkraft. Das Land muss deshalb verstärkt Strom importieren – unter anderem aus Tschechien, dessen Stromversorgung maßgeblich auf Kernenergie basiert.

Warum die aktuellen Schlagzeilen in die Irre führen

Die derzeitige Berichterstattung erinnert an die alljährlichen Meldungen über hitzebedingte Leistungsreduzierungen einiger französischer Kernkraftwerke. Dort, ebenso wie beim schweizerischen Kernkraftwerk Beznau, begrenzen wasserrechtliche Vorgaben die zusätzliche Erwärmung der bereits warmen Flüsse. Über das gesamte Jahr machen solche Leistungsreduzierungen in Frankreich durchschnittlich nur rund 0,2 Prozent der Kernstromproduktion aus.

Dabei entsteht häufig ein weiteres Missverständnis: Die großen Wassermengen werden für den Kondensator gebraucht, der den Dampf nach der Turbine wieder verflüssigt. Sie kühlen nicht den Reaktor. Nach einer Abschaltung fällt nur noch ein kleiner Teil der vorherigen Wärmeleistung an. Gesonderte und mehrfach vorhandene Systeme führen diese Nachwärme zuverlässig ab. Je nach Kraftwerk stehen dafür Wasserreserven, kraftwerkseigene Brunnen, zusätzliche Pumpen oder weitere Einspeisemöglichkeiten bereit. Eine Abschaltung wegen Niedrigwassers bedeutet daher lediglich das Ende der Stromproduktion an diesem Block.

Weltweit liegen wetterbedingte Produktionsverluste der Kernenergie nach Angaben der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEA im Mittel bei etwa 0,3 Prozent der Jahresproduktion.

Dieselben Hochdrucklagen führen häufig zu einer Hitzeflaute. Dabei sinkt die Windstromerzeugung in weiten Teilen Europas wesentlich stärker. Dieser Zusammenhang wird in der öffentlichen Berichterstattung nur selten eingeordnet.

Eine Root-cause-Analyse der drei Donau-Kernkraftwerke

🇭🇺 Kernkraftwerk Paks in Ungarn

Die obige Abbildung aus dem EU-Stresstest-Bericht zeigt den entscheidenden Zusammenhang: Damit die Kühlwasserpumpen zuverlässig arbeiten, muss die Donau einen bestimmten Mindestpegel erreichen. Ende Juli 2026 lag sie bei Paks 1,25 Meter unter dem normalen Wasserstand. Entscheidend war jedoch nicht die verfügbare Wassermenge, sondern die Höhe der Ansaugstutzen. Bei einem weiter sinkenden Pegel hätten die Pumpen das Wasser nicht mehr zuverlässig erreicht.

Paks deckt rund die Hälfte des ungarischen Strombedarfs. Vollständig abgeschaltet wurde das Kraftwerk zu keinem Zeitpunkt. Block 2 blieb durchgehend am Netz. Am Tiefpunkt lief eine seiner beiden Turbinen. Das entsprach rund zwölf Prozent der gesamten Kraftwerksleistung. Später kamen die übrigen Turbinen schrittweise zurück. Seit dem 25. August 2026 läuft das gesamte Kernkraftwerk wieder auf Volllast. Dafür hoben zwei jeweils 80 Meter lange Lastkähne und eine neu errichtete Sohlschwelle den Wasserstand am Zulauf an.

Für die Nachwärmeabfuhr verfügt Paks über eigene Reserven. Der Stresstest-Bericht nennt neun jeweils 30 Meter tiefe, uferfiltrierte Brunnen im Kiesbett der Donau. Sie können unabhängig vom aktuellen Flusspegel bis zu 810 Kubikmeter Wasser pro Stunde liefern. Hinzu kommen gespeicherte Wasservorräte, mobile Pumpen und nahe gelegene Seen als weitere Wasserquellen.

Nach Angaben des Betreibers wäre selbst bei den aktuellen Rekordniedrigwasserständen noch genügend Donauwasser zur Kühlung im Leistungsbetrieb vorhanden. Der begrenzende Faktor sind vielmehr die Ansaugstutzen der Kühlwasserpumpen, die bei weiter sinkendem Wasserstand ihre Funktion nicht mehr sicher erfüllen können. Deshalb hat der Betreiber bereits mit den technischen Vorbereitungen begonnen, die Ansaugrohre künftig tiefer zu verlegen. Nach Abschluss dieser Maßnahme soll das Kraftwerk auch bei noch niedrigeren Wasserständen weiter betrieben werden können.

🇧🇬 Kernkraftwerk Kosloduj in Bulgarien

Die Donau führte ab Ende Juli 2026 2,03 m Niedrigwasser unter Normal, also sogar noch tiefer unter Normal als in Paks. Die Kühlwasser-Pumpstation wurde bereits für ein 100-jähriges Niedrigwasser ausgelegt. Der niedrigste jemals gemessene Donaupegel lag sogar noch oberhalb dieses Auslegungswertes. Deshalb ist Kosloduj trotz des extremen Niedrigwassers kaum betroffen.

Deshalb produzierte Kosloduj während des größten Teils der Dürre mit voller Leistung. Erst am 21. August reduzierte der Betreiber Block 5 vorsorglich um rund 120 Megawatt. Block 6 produzierte nahezu voll. Zusammen lieferte das Kraftwerk damit weiterhin gut 90 Prozent seiner Nennleistung.

Kosloduj erzeugt im Jahresmittel mehr als 40 Prozent des bulgarischen Stroms. Es zeigt, wie stark eine ausreichende Tiefe der Wasserentnahme und großzügige Auslegungsreserven die Verfügbarkeit bei extremem Niedrigwasser erhöhen.

🇷🇴 Kernkraftwerk Cernavodă in Rumänien

Die beiden Blöcke von Cernavodă liefern im Normalbetrieb zusammen rund 20 Prozent des rumänischen Stroms. Ihr Problem war nicht allein der niedrige Pegel der Donau, sondern die Verteilung des verbliebenen Wassers.

Bei Niedrigwasser floss ein größerer Teil der Donau in den Bala-Arm. Im alten Donauarm, an dem das Kraftwerk liegt, kam entsprechend weniger Wasser an. Rumänien sprengte deshalb den Pârjoaia-Felsen, setzte Bagger ein und versenkte vier mit Steinen beladene Lastkähne. Sie bildeten zwei künstliche Schwellen und lenkten mehr Wasser zum Kraftwerk.

Dadurch konnte Block 2 rund zwei Wochen länger produzieren. Der Pegel sank jedoch weiter. Block 1 war bereits seit Ende Juli vom Netz, am 13. August folgte Block 2. Beide Blöcke sind derzeit abgeschaltet.

Für die Nachwärmeabfuhr werden deutlich geringere Wassermengen benötigt als für die Stromproduktion. Langfristig sollen unter anderem Zellenkühler den Wasserbedarf im Leistungsbetrieb senken. Rumänien prüft außerdem weitere Arbeiten an den Zuläufen und zusätzliche wasserbauliche Maßnahmen.

Fazit

Von den drei Kernkraftwerksstandorten an der Donau war das bulgarische Kernkraftwerk Kosloduj kaum betroffen. Auch das ungarische Kernkraftwerk Paks wurde nie vollständig abgeschaltet: Block 2 blieb durchgehend am Netz. Nach Anpassungen des Wasserlaufs der Donau laufen seit dem 25. August wieder alle vier Blöcke auf Volllast. Die Abschaltungen einiger Reaktoren zeigen, dass die Betreiber ihre konservativen Betriebsgrenzen konsequent einhalten.

Die aktuelle Situation zeigt vor allem eines: Der Klimawandel stellt die gesamte wasserabhängige Energieversorgung vor neue Herausforderungen. Wasserkraftwerke sind von anhaltendem Niedrigwasser sogar noch unmittelbarer betroffen, da sinkende Flusspegel ihre Stromerzeugung direkt verringern. Gleichzeitig führen häufigere Dürreperioden und der Rückgang der Gletscher dazu, dass natürliche Wasserspeicher ihre ausgleichende Wirkung zunehmend verlieren.

Auch in Frankreich und der Schweiz kommt es an heißen Tagen gelegentlich zu Leistungsreduzierungen einzelner Kernkraftwerke. In Frankreich betragen die Verluste durch entsprechende umweltbedingte Leistungsreduzierungen im langjährigen Mittel nur rund 0,2 % der Kernstromproduktion. Hitzebedingte Einschränkungen ändern daher nichts daran, dass Kernenergie eine sehr zuverlässige Form der Stromerzeugung bleibt.

Die Betreiber reagieren bereits mit unterschiedlichen technischen Anpassungen an den Klimawandel, wie die tiefere Entnahme in Paks und die Zellenkühler in Cernavodă. Weitere Maßnahmen werden folgen müssen – nicht nur in der Kernenergie, sondern ebenso bei anderen thermischen Kraftwerken sowie in der Wasserwirtschaft. Gleichzeitig fehlen auf liberalisierten Strommärkten häufig wirtschaftliche Anreize für Investitionen, die nur in seltenen Extremsituationen benötigt werden, für die Versorgungssicherheit aber von großer Bedeutung sind.

Quellen und Bildquelle

  • Offizielle Mitteilung des Betreibers in Paks zur Niedrigwassersituation an der Donau. Erläutert die technischen Ursachen der schrittweisen Leistungsreduzierung, bestätigt, dass ausreichend Kühlwasser vorhanden ist, beschreibt die Begrenzung durch die Ansaugstutzen der Kühlwasserpumpen sowie die bereits begonnenen Planungen zur tieferen Verlegung der Ansaugrohre.
    MVM Paksi Atomerőmű Zrt.: „Szükségessé válik a Paksi Atomerőmű teljes leállítása“ (30.07.2026)
  • Offizielle Mitteilungen der ungarischen Atomaufsicht zur schrittweisen Leistungsreduzierung des Kernkraftwerks Paks während der außergewöhnlichen Niedrigwassersituation. Die OAH stellt bei allen Leistungsreduzierungen ausdrücklich fest, dass diese ausschließlich der Einhaltung betrieblicher Vorgaben dienen und keine Auswirkungen auf die nukleare Sicherheit oder die Umwelt haben. Gleichzeitig informiert sie fortlaufend über die einzelnen Leistungsänderungen der Blöcke und die behördliche Aufsicht über die Anlage.
    Országos Atomenergia Hivatal (OAH, Ungarische Atomenergiebehörde): „Leterhelés a Paksi Atomerőműben“ (27.07.2026) und „További leterhelés a Paksi Atomerőműben“ (02.08.2026).
  • Update zu Cernavodă: TVR Info (Nachrichtenportal des rumänischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens): Operațiune contracronometru pe Dunăre, pentru menținerea în funcțiune a reactorului 2 de la Cernavodă. Participă inclusiv Armata („Rettungsaktion auf der Donau zur Aufrechterhaltung des Betriebs von Reaktor 2 in Cernavodă – auch das Militär ist beteiligt“), 1. August 2026. TVR-Artikel
  • Update 2 zu Cernavodă: Bericht über den erfolgreichen zweiten Sprengversuch am Pârjoaia-Felsen als Teil der wasserbaulichen Maßnahmen zur Verbesserung des Wasserflusses in Richtung des Kernkraftwerks Cernavodă. 3. August 2026. Informat.ro –The Pârjoaia Cliff Has Been Detonated

3 Kommentare

  1. Sind Trockenkühltürme, die kein Wasser verbrauchen, für Kernkraftwerke geeignet? Gibt es Beispiele, wo ein Kernkraftwerk mit Trockenkühlung arbeitet?

    1. Ja, das THTR-Kernkraftwerk hatte einen Trockenkühlturm. Trockenkühllösungen sind auch internatinal gelegentlich nichtnuklearen thermischen Kraftwerken eingesetzt worden.

    2. Prinzipiell ist Trockenkühlung schon eine Option, Nasskühltürme sind aber immer wirtschaftlicher als Trockenkühltürme wenn es genügend Wasser gibt, weil sie höhere Wirkungsgrade erlauben, auch die Baukosten sind geringer. Die direkte Wasserkühlung ist wiederum noch einfacher, billiger, effizienter.

      Bisher gibt bzw. gab es erst zwei KKW mit Trockenkühlung, den THTR-300 und das Kernkraftwerk Bilibino in Sibirien.

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