Barclays Capital rät Investoren zur Kernenergie

Wer die Website der Nuklearia ansurft, wundert sich nicht, wenn er vor allem Pro-Kernkraft-Argumente liest. Was Atomkraftgegner äußern, ist anderswo zu finden. Wer hat nun recht? Der Laie kann das nur schwer beurteilen. Vielleicht hilft die emotionslose Einschätzung einer Investmentbank.

Anfang Juni gab die Investmentbank Barclays Capital einen Bericht zur Kernenergie heraus. Er will Investoren helfen, die Kernenergie besser einzuschätzen. Sie sollen dadurch besser in der Lage sein, fundierte Investitionsentscheidungen in Sachen Kernenergie zu treffen, um von künftigen Entwicklungen zu profitieren. Es geht also vor allem ums Thema Geld. Das verspricht eine rigorose Bewertung ohne störende Emotionen in der einen oder anderen Richtung. Für viele Investoren ist aber auch die Nachhaltigkeit ihres Investments wichtig. Diese spielt bei Barclays Capital daher ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Bericht bietet auf 34 Seiten interessante Lektüre. Im Folgenden kann ich die natürlich nur anreißen.

CO₂-arme Kernenergie

Das Wichtigste zuerst: Kernenergie sei eine CO₂-arme Technik, hebt Barclays hervor. Vielen Investoren sei das gar nicht bewusst. Sie glaubten, durch Uranabbau und -anreicherung sei die CO₂-Bilanz der Kernkraft schlechter als die von Windkraft, Solarenergie, Wasserkraft oder Geothermie. Das sei aber keineswegs der Fall, so Barclays. Daher komme Kernenergie als Mittel zum Erreichen von CO₂-Zielen grundsätzlich in Frage.

Investoren seien heute außerdem überwiegend der Ansicht, der bis 2050 nötige Aufbau einer CO₂-armen Stromerzeugung werde allein aus erneuerbaren Energien bestehen, schreibt die Bank. Diese Meinung teilt Barclays nicht: »Wir glauben, dass dies eine allzu simplifizierende Einschätzung ist.«

In der Tat reicht der Zubau von billigen Wind- und Solaranlagen allein nicht aus, um den Strombedarf zu decken. Speicher sind nötig, die zu solchen Zeiten Strom liefern, in denen die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht. Speicher sind mit zusätzlichen Kosten verbunden. Diese fallen zusätzlich zu den Kosten der Wind- und Solaranlagen an. Das muss man in der Gesamtbetrachtung berücksichtigen.

Der Barclays-Bericht diskutiert das Thema Speicher nicht wirklich tiefgreifend. Er lässt auch das spezielle Problem sehr großer, saisonaler Stromspeicher außer Acht. Es sei jedenfalls ein Vorteil der Kernenergie, so Barclays, dass sie nach Bedarf Strom liefern könne. Speicher brauche sie daher gar nicht, und entsprechende Kosten fielen nicht an.

Atomkraft teuer? Keineswegs, sagt Barclays Capital

Überhaupt, die Kosten! Atomkraftgegner behaupten häufig, Kernkraft sei viel zu teuer. Das sieht Barclays anders. Nein, teuer sei sie nicht, die Kernenergie. Vielmehr sei sie eine durchaus erschwingliche Energiequelle. Das gelte erst recht, wenn man die Speicherkosten für erneuerbare Energien berücksichtige.

Dass die Kapitalkosten für den Bau von Kernkraftwerken höher sind als für die meisten anderen Energiequellen, weiß Barclays natürlich auch. Allerdings schnitten Kernkraftwerke bei den Stromgestehungskosten (LCOE) trotzdem besser ab. Das liege an ihrer langen Lebensdauer, ihrer bedarfsgerechten Stromerzeugung, ihrer hohen Verfügbarkeit und ihrem hohen Kapazitätsfaktor.

Atomkraftgegner dürften an dieser Stelle protestieren: Es sei doch bekannt, dass die Stromerzeugung aus Windkraft und Photovoltaik die kostengünstigste Option sei. Richtig, gibt Barclays zu, gegenwärtig stimme das. Aber dies werde sich in dem Maße ändern, indem immer mehr erneuerbare Energien im Stromnetz integriert seien. Ab einem bestimmten Punkt müsse nämlich jede zusätzliche Stromerzeugung aus einer abrufbaren Stromquelle stammen. Das leuchtet ein: Wer in einer windstillen Nacht Strom braucht, kann nicht warten, bis der Wind wieder auflebt oder die Sonne aufgeht und die EE-Anlagen Strom liefern.

Abrufbare CO₂-arme Stromquellen sind zum Beispiel Wasserkraft oder Kernenergie. Alternativ könne aber auch eine kombinierte Technik zum Einsatz kommen, sagt Barclays. Ein Beispiel dafür ist eine Photovoltaikanlage mit ein- oder angebauten Akkuspeicher. Eine solche Kombination besitzt die gleiche Funktion wie eine »an sich« abrufbare Stromquelle. Allerdings liegen durch den Speicher die Kosten höher als für die Photovoltaik allein. Hier könne die Kernenergie punkten, meint Barclays.

Kosten der Kernenergie sinken

Die Kosten von Kernkraftwerken werden sich verringern, je mehr neue Anlagen gebaut werden, prognostiziert die Bank. Denn mehr Erfahrung im Bau von Kernkraftwerken bedeute kürzere Bauzeiten. Und die wiederum bedeuten geringere Kosten. Barclays Capital ist auch optimistisch, was neue Technologien in der Kernenergie betrifft. Sie würden kostensenkende Wirkungen entfalten.

Insgesamt geht die Bank geht davon aus, dass die Kernenergie in bestimmten Strommärkten künftig eine wichtigere Rolle spielt als heute. Das gelte besonders dort, wo der Staat klar hinter der Kernkraft steht.

Ist Kernenergie nachhaltig? Investoren sind geteilter Meinung

Ist Kernenergie eigentlich nachhaltig oder nicht? In dieser Frage seien Investoren geteilter Meinung, stellt Barclays fest. Bedenken bestünden vor allem hinsichtlich möglicher Störfälle und der Entsorgung des Atommülls. Der größte Teil der Debatte in der EU drehe sich um den Atommüll und dessen Entsorgung. Dafür eine Lösung zu finden, werde ein wichtiger Schritt sein. Er könne die Akzeptanz der Kernenergie bei denjenigen Investoren erhöhen, die auf Nachhaltigkeit Wert legen.

Die nuklearen Abfälle rückt Barclays schon mal ins richtige Verhältnis: Zwar seien die Abfälle der Erneuerbaren nicht radioaktiv, aber sie seien erheblich umfangreicher als die der Kernenergie. Aus den 2020 in Betrieb gegangenen Solaranlagen sei ein 940 Mal größeres Abfallvolumen zu erwarten als aus den bestehenden Kernkraftwerken.

Dauerbrenner EU-Finanztaxonomie

In puncto Nachhaltigkeit hält Barclays die noch ausstehende Entscheidung der Europäischen Union zur Taxonomie für nachhaltige Investments für sehr wichtig. Andere Energieformen wurden bereits als »grün« eingestuft und in die Taxonomie aufgenommen. Ob dies auch für die Kernenergie gelten soll, muss die EU noch entscheiden.

Joint Research Centre (JRC),  wissenschaftlicher Dienst der Europäischen Kommission: »Die Analysen ergaben keinerlei wissenschaftlich fundierte Beweise dafür, dass die Kernenergie die menschliche Gesundheit oder die Umwelt stärker schädige als andere Stromerzeugungstechnologien, die bereits als Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels in der Taxonomie enthalten sind.«
Joint Research Centre (JRC), wissenschaftlicher Dienst der Europäischen Kommission, zur Kernenergie

Das Joint Research Center hat hier bereits wichtige Vorarbeit geleistet. Der wissenschaftliche Dienst der EU-Kommission hatte die Kernenergie genau unter die Lupe genommen. In einem ausführlichen Bericht stellte er fest, dass die Kernenergie die Unbedenklichkeitskriterien der EU erfüllt. Sie sei für Mensch und Natur nicht schädlicher als die übrigen Energieformen, die die EU bereits als »grün« eingestuft habe, zum Beispiel Solar- und Windenergie.

Fazit

Barclays kommt zu folgendem Schluss:

Insgesamt ist die Kernenergie zwar nicht perfekt, aber wir glauben, dass sie unter allem, was gegenwärtig skalierbar ist, die beste Lösung für ein verlässliches Stromnetz bietet und innerhalb der Netto-Null-Frist bis 2050 funktionieren kann. Die Frage nach der langfristigen Lösung für die Abfälle bleibt eindeutig offen, aber dies könnte ein Zeichen für die fehlende Entschlossenheit und/oder die uneinheitliche Haltung der Länder in der Atompolitik sein. Angesichts der langen Vorlaufzeiten für den Bau neuer oder die Erweiterung bestehender Kapazitäten werden diese Entscheidungen im kommenden Jahrzehnt in den Vordergrund rücken. Wir erwarten, dass es in der Zwischenzeit weltweit unterschiedliche Haltungen geben wird. Die Fallstudien am Ende dieses Berichts zeigen die tatsächlichen Probleme auf, denen die Nuklearindustrie heute gegenübersteht.


Rainer Klute

Rainer Klute ist Diplom-Informatiker, Nebenfach-Physiker und Vorsitzender des Nuklearia e. V. Seine Berufung zur Kernenergie erfuhr er im Jahr 2011, als durch Erdbeben und Tsunami in Japan und das nachfolgende Reaktorunglück im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi auch einer seiner Söhne betroffen war.

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