Tschernobyl: »Panik kann schlimmer sein als Strahlung«

Interview mit Prof. Dr. Geraldine Thomas zu Tschernobyl und den Folgen

Vor 34 Jahren ereignete sich der Reaktorunfall von Tschernobyl. Mittlerweile ist klar, dass er weit weniger Tote gefordert hat als allgemein befürchtet. Die britische Krebsforscherin Geraldine (»Gerry«) A. Thomas spricht im Nuklearia-Interview über Opferzahlen, die Gefahr von Panik und Parallelen zur Corona-Krise.

Gerry Thomas ist Professorin für molekulare Pathologie am Imperial College in London und Leiterin der Chernobyl Tissue Bank, einem multilateralen Projekt zur Erforschung von strahlenbedingtem Krebs nach Tschernobyl.

Prof. Geraldine Thomas

Nuklearia: Mrs. Thomas, manche Quellen sagen, dass Tschernobyl über eine Million Opfer gefordert hat. Andere Quellen geben nur zweistellige Zahlen an. Was sind Ihre Erkenntnisse?

Prof. Gerry Thomas: Als unmittelbare Folge der Explosion verstarben drei Mitarbeiter des Kraftwerks. Von den sogenannten Liquidatoren, die kurz danach das Feuer löschten und aufräumten, bekamen 134 eine sehr hohe Strahlendosis ab und entwickelten ein akutes Strahlensyndrom. 28 von ihnen starben bald darauf. Bis heute sind weitere 19 Personen aus dieser Gruppe verstorben; allerdings erlagen sie auch Verkehrsunfällen, Alkoholvergiftungen oder Lungenkrebs, nachdem sie lange geraucht hatten. Es ist nicht immer klar, inwieweit diese Todesfälle auf die Strahlenexposition zurückgehen.

Iod-131 führte bei Kindern zu Schilddrüsenkrebs

N: Was ist mit der Bevölkerung, die in der Nähe des Reaktors wohnte?

GT: Hier gab es eine Zunahme von Schilddrüsenkrebs – allerdings nur bei denjenigen, die zum Zeitpunkt des Unfalls Kinder waren. Bei Erwachsenen wächst die Schilddrüse nicht mehr, ihr Krebsrisiko steigt daher auch bei hoher Strahlenbelastung, in diesem Fall durch Iod-131, nicht an.

N: Wie viele Kinder waren oder sind betroffen?

GT: Schilddrüsenkrebs ist glücklicherweise eine der am besten behandelbaren Krebsarten überhaupt: Von hundert betroffenen Patienten stirbt einer innerhalb von 50 Jahren. Da wir erstens die Strahlendosen der Bewohner aus den Risikogebieten kennen und zweitens die Zahl der betroffenen Bewohner, können wir sagen: Es gibt wahrscheinlich 16.000 Fälle von strahleninduziertem Schilddrüsenkrebs. Das heißt, dass etwa 160 Menschen daran verstorben sind oder noch sterben werden.

Kein Anstieg bei anderen Krebsarten

N: Was ist mit anderen Krebsarten?

GT: Bisher hat keine Studie eine Zunahme anderer Krebsarten gezeigt; nicht einmal unter den Aufräumarbeitern, die 10- bis 20-mal höhere Dosen als die Bevölkerung abbekamen. Der Grund dafür dürfte sein, dass neben Iod-131 vor allem Caesium freigesetzt wurde. Caesium verhält sich aber völlig anders als Iod-131: Es hat eine lange physikalische Halbwertszeit von etwa 30 Jahren. Das heißt: Wenn es in den Körper gelangt, gibt es dort nur sehr langsam Strahlung ab. Gleichzeitig ist seine biologische Halbwertszeit kurz: Der Organismus hat nach etwa 100 Tagen bereits die Hälfte wieder ausgeschieden. Daher haben die Anwohner von Tschernobyl lediglich eine Dosis von etwa zehn Millisievert durch Caesium abbekommen – so viel wie bei einem einzigen CT-Scan, verteilt über 25 Jahre. Das ist so wenig, dass wir unmöglich einen Effekt daraus ableiten können.

N: Eine im British Medical Journal veröffentlichte Analyse von 2013 fand aber das individuelle Krebsrisiko durch eine einzige Computertomografie (CT) um circa 24 Prozent erhöht. Widerspricht das nicht Ihrer Aussage?

GT: Man muss mit diesen Zahlen vorsichtig sein. In diese Analyse gingen nur Daten von Patienten ein, die zum Zeitpunkt des CTs jünger als 19 Jahre waren. Schon aus diesem Grund kann man die Ergebnisse nicht verallgemeinern. Zweitens entspricht die untersuchte Kohorte gesundheitlich nicht dem Durchschnitt – wenn ein Arzt ein CT verordnet, besteht bereits der Verdacht einer schwerwiegenden Erkrankung. Drittens ist auffällig, dass der Krebs bei einigen Patienten schon nach weniger als fünf Jahren auftrat. Das ist sehr ungewöhnlich und legt den Verdacht nah, dass ein minimaler Tumor schon zum Zeitpunkt des CTs vorlag und nicht erkannt wurde. Viertens trat bei keinem der erkrankten Patienten Brustkrebs oder Leukämie auf. Das würde man aber erwarten, wenn tatsächlich die Röntgenstrahlung des CTs die Ursache wäre. Wir sehen also eine Menge Fragezeichen im Zusammenhang mit dieser Analyse. Schließlich sollte man noch bedenken, dass CT-Untersuchungen in der Regel einen großen Nutzen haben und kein Selbstzweck sind.

Angst vor Kernenergie ist verständlich, aber unbegründet

N: Auch wenn Tschernobyl weniger Opfer forderte als allgemein angenommen wird – diese Menschen würden ohne Kernkraft noch leben. Haben Sie Verständnis für die Angst vor atomaren Unfällen?

GT: Ja, durchaus. Aber Menschen haben vor einer Menge Dinge Angst, weil sie sie nicht richtig einordnen können. Bei Licht betrachtet rettet Kernkraft viele Menschenleben, weil sie Elektrizität auf sehr saubere Weise erzeugt. Kernkraft beschleunigt nicht den Klimawandel und tötet weniger Menschen als irgendeine andere Form der Energieerzeugung. Manche wollen das nicht wahrhaben, aber es gibt gute Belege dafür.

N: Viele fürchten sich aber schon vor der Strahlung, die ein Kernkraftwerk im normalen Betrieb abgibt.

GT: Diese Strahlendosen sind absolut winzig. Über die tägliche Nahrung nehmen wir mehr auf. Was kurios erscheint, aber wenig bekannt ist: Kernkraftwerke geben im Betrieb weniger Strahlung ab als Kohlekraftwerke. Das ist so, weil beim Verbrennen von Kohle radioaktive Isotope in die Atmosphäre gelangen, die vorher in der Kohle gebunden waren. Und ja: Tschernobyl hat Menschenleben gekostet. Gleichzeitig verursachen aber Kohlekraftwerke Erkrankungen der Atemwege, die weit mehr Opfer fordern.

Mutationen in der Tierwelt?

N: Was ist mit Forschern, die angeblich genetisch veränderte Insekten rund um Kernkraftwerke gefunden haben?

GT: Hier sehe ich ein statistisches Problem, denn solchen Untersuchungen fehlen die Kontrollgruppen. Die Natur verändert sich ständig, das ist normal. Man hat auch rund um Tschernobyl und Fukushima Veränderungen der Fauna und Flora gefunden. Sie sind aber nicht auf Strahlung zurückzuführen, sondern auf die Tatsache, dass es dort keine Menschen mehr gibt und auch keine Landwirtschaft. Tatsächlich kann man um Tschernobyl herum heute viele seltene Tiere beobachten, Bären zum Beispiel. Und ein paar Kilometer weiter weg leben längst wieder Menschen.

N: Ist das sicher?

GT: Selbstverständlich. An vielen Stellen der Erde ist die natürliche Strahlung weit höher als in Tschernobyl, sieht man einmal vom Kraftwerksgelände selbst ab. Daher ist es auch kein Problem, dort zu leben. Ein großes Problem ist allerdings, dass dort seit dem Reaktorunfall niemand mehr investiert hat und die Wirtschaft nach wie vor am Boden liegt.

Aus Tschernobyl lernen – auch für die Corona-Krise

N: Welche Lehren kann man aus Tschernobyl ziehen?

GT: Ein wesentlicher Punkt ist: Wissenschaftler müssen lernen, Gesundheitsrisiken durch Strahlung korrekt und effektiv zu kommunizieren. Nach Tschernobyl waren sehr viele Menschen wegen schlechter Berichterstattung und Information verängstigt und gestresst. Vor Ort kollabierte die Wirtschaft, soziale Gemeinschaften wurden durch Flucht und hart durchgesetzte Evakuierung auseinandergerissen. Der daraus entstandene psychische Druck wirkte sich auf die Gesundheit der meisten Betroffenen weit negativer aus als die Strahlung selbst.

N: Wie meinen Sie das?

GT: Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass ein niedriger sozialer und wirtschaftlicher Status mit einem schlechteren Gesundheitszustand einhergeht. Starker Stress, zum Beispiel durch soziale Isolation oder sinkende wirtschaftliche Sicherheit, erhöht das Risiko für körperliche Krankheiten wie Bluthochdruck oder Herzinfarkt. Hier sehe ich übrigens eine Parallele zur Corona-Krise: Die Menschen sind fokussiert auf die Risiken, die die Virusinfektion nach sich zieht. Sie fürchten sich vor dem Tod, auch wenn ihr individuelles Risiko dafür niedrig sein mag. Gleichzeitig ergeben sich aber durch den Lockdown neue Risiken wirtschaftlicher und sozialer Art, die auf lange Sicht die Gesundheit der meisten stärker gefährden könnten als das Virus selbst.

N: Man sollte sich also einen kühlen Verstand bewahren?

GT: Ja, das ist in jeder Notsituation wichtig. Wir müssen Menschen unbedingt davor bewahren, in Panik zu verfallen und dadurch eine gefährliche Situation ganz gravierend zu verschlimmern. Man sollte immer alle Risiken erkennen und sorgfältig gegeneinander abwägen.


Titelbild: Tschernobyl-Sperrzone, (Jorge Franganillo, CC BY 2.0)

Ein Gedanke zu „Tschernobyl: »Panik kann schlimmer sein als Strahlung«

  1. In Deutschland lesen die meisten Menschen keine Zeitungen mehr und deswegen haben sich viele Verlage zusammengeschlossen und die Tageszeitungen kosten heute fast 50.- € pro Monat. Die meisten Menschen glauben den Medien nicht mehr und da sie nichts mehr lesen, kann man sie auch nicht mehr wahrheitsgemäß aufklären. Wass die Kernkraft anbelangt wäre gut, wenn man schlich bliebe und aufklärt, wie hier bei Nulearia.
    Leider werden heute Kinder eingesetzt, die gegen alles sind und auf die Straße gehen und glauben, sie würden gute tun! NEIN – sie verhindern Aufklärung und solche Dummbeutel mit grüner Seele, nutzen diese Schwachköpfe für sich aus!
    Die Medien müssen unbedingt wieder ihrer Aufgabe gerecht werden und das Vertrauen der Menschen wieder gewinnen, dann wir wieder mehr gelesen und das Gelesene geglaubt und so kommen dann auch alle wieder in die richtige Spur!

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