Vor 30 Jahren: Tschernobyl, ein Rückschlag für die Menschheit

Gastbeitrag von Manfred Haferburg

Was war geschehen?

Am 25. April 1986 gegen 01:00 Uhr nachts begann der Reaktor des Blocks Vier des KKW Tschernobyl in der Ukraine bei Kiew seine Leistungsabsenkung zur großen Zweijahres-Revision und Brennstoffbeladung. Das Abfahrprogramm sah unter anderem einen Auslaufversuch der Turbine vor. Mit diesem Versuch sollte getestet werden, wie die Rotationsenergie der schweren Turbogeneratorläufer genutzt werden kann, um bei Stromausfall die Kühlmittelumwälzpumpen des Reaktors ein paar Minuten weiter drehen zu lassen, bis die startenden Dieselgeneratoren den Strom dafür liefern können. Immerhin dreht sich so ein Teil durch sein enormes Gewicht noch 30 Minuten weiter, auch wenn es keinen Dampfantrieb mehr hat.

Aber so weit kam es in dieser Nacht gar nicht. Der Lastverteiler meldete sich nach ein paar Stunden und unterbrach die Lasteinsenkung bei etwa der Hälfte der Nennleistung – das schwache Landesnetz brauchte jetzt am Morgen die Energie unbedingt. Erst 12 Stunden später, also nach der Abendspitze, konnte die Leistungsabsenkung fortgesetzt werden.

Was weiß schon ein Lastverteiler über die Kernphysik? In den 12 Stunden, in denen die Lasteinsenkung gestoppt wurde, war die Xenonvergiftung auf ihren höchstmöglichen Wert angestiegen. Xenon ist ein Spaltprodukt und entsteht durch die natürlichen Weiterzerfallsketten im Reaktorkern. Normalerweise wird es sofort wieder ausgebrannt. Nur bei niedriger Leistung reichert es sich 12 Stunden lang an und klingt erst danach durch Eigenzerfall wieder ab. Es wird als »Neutronengift« bezeichnet, weil es Neutronen »auffrisst«, die somit nicht mehr für die Kernspaltung zur Verfügung stehen. Der Reaktor war am »Ausgehen«, da am Ende der Kampagne nicht mehr genug frischer Brennstoff zum Kompensieren des Xenonverlustes zur Verfügung stand. Durch diesen Effekt und einen Bedienfehler fiel die Reaktorleistung auf weniger als 5%, weit unter die für den Versuch geforderte Leistung.

Jetzt hätte das sicherheitsbewusste Personal den Versuch absagen und den Reaktor konsequent herunterfahren müssen, und kein Mensch würde den Namen Tschernobyl heute kennen. Aber es sollte ja unbedingt der geplante Auslaufversuch gefahren werden.

Inzwischen war es wieder Nacht geworden und die Operateure bemühten sich, das für den Versuch erforderliche Leistungsniveau von 30 Prozent zu erreichen. Der leitende Ingenieur Djatlow setzte den Schichtleiter Aleksandr Akimow und seinen Reaktorfahrer Leonid Toptunow massiv unter Druck. Djatlow war berüchtigt, hatte er doch immer ein Notizbuch mit »schwarzen« und »weißen« Listen bei sich, in das er die Mitarbeiter eintrug. Das sorgte für Unmut und Angst. Die Betriebsschichten auf den Warten hatten ein Warnsystem entwickelt, wenn Djatlow im Anmarsch war. Sie nutzten den kilometerlangen D-Korridor, an dem die Warten hintereinanderlagen, um sich gegenseitig zu warnen, wenn er auftauchte.

Das Einhalten der Sicherheitsvorschriften konnte in einem solchen Kommandosystem nicht zu den alltäglich gepflegten Gewohnheiten gehören – wichtiger als Sicherheit war im Sozialismus stets »Produktivität für den Sieg des Sozialismus« und das Ausführen der Befehle von oben. Altgediente Kernkraftwerker aus der ehemaligen Sowjetunion erzählen, dass die Schichten häufig ihre liebe Not damit hatten, idiotische Befehle von Vorgesetzten, die nur aufgrund ihres Parteibuchs auf ihrer Stelle saßen, nicht auszuführen und das dann im Schichtbuch so zu tarnen, dass es nicht auffiel. Nur war dieser heimliche Ungehorsam in der Versuchsnacht offenbar nicht möglich.

Das Notkühlsystem wurde unwirksam gemacht, damit es bei Druckabfall nicht den Versuch störte. Für den folgenden Verlauf war dies weniger relevant. Viel schwerwiegender war die Entscheidung, alle acht Umwälzpumpen einzuschalten und verbotenerweise gleichzeitig zu viele Regelstäbe schnell aus dem Reaktor zu ziehen, um mehr Neutronen für die geforderte Leistungssteigerung zu gewinnen. Eine solche Fahrweise war mit gutem Grund nicht erlaubt – wurde aber unter dem ständigen Produktionsdruck häufiger praktiziert und war – in anderen Reaktorzuständen – auch gut gegangen. Insgesamt befand sich der Reaktor durch die Xenonvergiftung und die verschiedenen Maßnahmen nun in einem höchst instabilen und schwer regelbaren Zustand.

Die Leistungssteigerung funktionierte – nur viel zu schnell. Ein Teil des Reaktorkerns wurde durch diese Handlungen prompt kritisch – das heißt, die Leistung stieg so blitzartig an, dass ein Gegenregeln und Abschalten mit den Regelstäben nicht mehr möglich war. Es kam zu einem sprungartigen Temperaturanstieg im Reaktor – gefolgt von einem Dampfdruckanstieg, einer heftigen Dampfexplosion, die einige hundert Druckröhren bersten ließ. Eine zweite Explosion schloss sich an. Der Explosionsdruck war so stark, dass die tausend Tonnen schwere Abdeckung oberhalb des Reaktorkerns angehoben wurde und schräg offen hängenblieb. Das Kerninventar mitsamt den angeschlossenen Wasser-Dampf-Leitungen flog heraus. Es entstand ein sehr großes Leck aus dem Reaktor in den darüber liegenden Apparatesaal, dessen Dach einstürzte. Das Schutzgas, bestehend aus Helium und Stickstoff, welches ein Entzünden des Graphitkerns im Reaktor verhindern sollte, entwich vollständig. Die 1700 Tonnen schweren radioaktiven Graphitziegel des Reaktorkerns begannen zu brennen. Das Feuer entfachte eine Sogwirkung, von der die aus dem Reaktorleck entweichende Radioaktivität in große Höhen getragen und somit weltweit verbreitet wurde. Der nicht mehr gekühlte Brennstoff schmolz zum Teil, und Spaltmaterial wurden freigesetzt.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, der gefürchtete GAU, war am 26. April 1986 um 01:23:40 Uhr eingetreten. Und er konnte trotz großer Anstrengungen des kommunistischen Sowjetsystems nicht mehr verheimlicht werden.

Warum konnte es geschehen?

Der Tschernobyl-Reaktor ist ein RBMK (Реактор Большой Мощности Канальный – Reaktor großer Leistung in Kanalbauweise), ein russischer graphitmoderierter Siedewasser-Druckröhrenreaktor, einer von insgesamt 15 ausschließlich in der Sowjetunion gebauten Anlagen dieses Typs. Elf von ihnen sind noch heute in Russland in Betrieb; der letzte soll 2034 geschlossen werden.

Es ist interessant zu wissen, dass Vorläufer des RBMK keine »zivilen« Reaktoren waren. Es handelte sich in den 1940er bis 1960er Jahren um Militäranlagen, die in den geheimen Plutoniumproduktionsstätten betrieben wurden. Die Konstruktion erlaubt es, während des Betriebs den Brennstoff zu dem Zeitpunkt zu bergen, wenn die Isotopenzusammensetzung des Plutoniums am günstigsten ist. Das geht bei Druckwasser- und Siedewasserreaktoren anderer Typen nicht. Der Dampf war ursprünglich nur ein Abfallprodukt. So hatte man an die ersten Plutonium-Reaktoren zunächst gar keine Turbine angeschlossen und mit der Abwärme einfach einen Fluss aufgeheizt. Später gab es in der UdSSR zwar genug Bombenplutonium, aber viel zu wenig Strom. Das militärische Druckröhren-Design wurde umgewidmet, und so, wie man mit einem Panzer einen Pflug ziehen könnte, entstanden die RBMKs als kommerzielle Reaktoren zur Stromproduktion. Hinzu kam das Problem, dass beim eiligen Ausbau der Kernenergie in der Sowjetunion die komplizierte Produktion von Reaktordruckgefäßen nicht mit dem Kraftwerksbau mithalten konnte und daher die Druckröhrenkonstruktion eine willkommene Alternative darstellt, wenn auch eine unsichere – Wirtschaftlichkeit schlug Sicherheit.

Ein RBMK besteht nicht aus einem einzigen Druckgefäß, sondern aus 1661 miteinander verbundenen Druckröhren. Jede Druckröhre kann während des Leistungsbetriebs abgesperrt und geöffnet werden, um die zwei darin befindlichen Brennelemente zu bergen – das Umladen der Brennelemente unter Last galt als wirtschaftlicher Vorteil des RBMK, und war notwendig, um die Leistungsverteilung im Kern gleichmäßig zu halten und den Brennstoff optimal zu nutzen.

Weil durch diese Bauweise aber den Brennstoff im Reaktor viel weniger Wasser umgibt als in einem kommerziellen Siedewasser- oder Druckwasserreaktor, benötigt man einen zusätzlichen Graphit-Moderator. Graphit, das ist reiner Kohlenstoff, war zu einem schweizerkäseartigen zylindrischen Block von 7 m Höhe und 12 m Durchmesser aufgeschichtet, in dessen Löchern die Druckröhren saßen. Dadurch war das Volumen des RBMK-Reaktorkerns mehr als 10-mal größer als bei einem normalen Reaktor der Bundesrepublik Deutschland.

Dieses Design barg enorme Sicherheitsmängel:

  • Der RBMK hatte keinen negativen Reaktivitätskoeffizienten. Das heißt, er steigerte bei Kühlwasserverlust seine Leistung, statt zu verlöschen, wie es normale, mit leichtem Wasser moderierte Reaktoren (die DWR und SWR im Westen und die WWER im Osten) tun.
  • Tausende absperrbare Verbindungen der 1661 Druckröhren sind ein konstruktiver und instandhaltungstechnischer Albtraum. Die Radioaktivitätsabgabe ist um ein Vielfaches höher als bei anderen Anlagen.
  • Der riesige Graphitblock stellt eine extreme Brandgefahr dar. Deshalb muss er unter Schutzgas gehalten werden.
  • Der RBMK hat auch keinen Sicherheitseinschlussbehälter, genannt Containment, welches das Entweichen von Radioaktivität im Störfall verhindert. Und das sind nur die wichtigsten Sicherheitsschwächen.

So unsicher, wie der Reaktor konstruiert war, wurde er auch betrieben. Die Anlage war so störanfällig, dass das Personal sich daran gewöhnt hatte, um nicht funktionierende Einrichtungen herumzuarbeiten oder sie außer Betrieb zu setzen. Das betraf auch Sicherheitssysteme. Der in der sowjetischen Atomindustrie übliche militärische Kommandostil mündete in einem eklatanten Mangel an Sicherheitskultur, denn Fehlerdiskussion im geschützten Raum war fast unmöglich. Das war in der UdSSR beileibe nicht nur in der Kernenergie so. Zu Gorbatschows Zeiten erfuhr die Welt durch »Glasnost«, die neue Offenheit, von einer sich immer schneller drehenden Spirale großer Industrieunfälle, die im Westen ironisch als »Katastroika« bezeichnet wurde, statt »Perestroika«, das für »Umgestaltung« stand. Wobei ich glaube, dass seinerzeit im Westen nur ganz wenige Menschen die Zusammenhänge, die zum GAU führten, überhaupt verstehen konnten. Schließlich waren die Details der RBMK-Technologie weitgehend unbekannt, da die Fachliteratur nur auf Russisch vorlag und schwer zu beschaffen war.

Gravierende Konstruktionsmängel in Verbindung mit unsicherer Betriebsführung führte am 26. April 1986 zum GAU des Blocks 4 im Kernkraftwerk Tschernobyl, bei dem mindestens 60 Menschen den Tod fanden.

Was waren die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe?

Für mich ist es schlimm genug, dass bei der Tschernobyl-Katastrophe laut einem Untersuchungsbericht der Vereinten Nationen zufolge mindestens 60 Menschen den Tod fanden. Schlimm genug ist auch, dass die Schilddrüsenkrebsrate bei Kindern stark anstieg, eine Krebsart, die zum Glück heilbar ist. Es ist schlimm genug, dass Hunderttausende ihre Heimat durch Umsiedlung verloren, entwurzelt wurden und leiden mussten. Das alles ist furchtbar und traurig genug. Ich mag nicht teilnehmen an dem Wettbewerb: »Wer schätzt die meisten Todesopfer von Tschernobyl?«. Es gibt abenteuerliche Zahlen von ebenso abenteuerlichen Studien, wo von Millionen Toten die Rede ist.

GAU heißt »Größter anzunehmender Unfall«. Nach meinem Wissen lässt sich das Wort »größter« nicht mehr steigern. Trotzdem gibt es Leute, die den Super-GAU erfunden haben. Ist für sie »Super-größter anzunehmender Unfall« überzeugender, weil furchteinflößender?

Der Block 4 des KKW Tschernobyl wurde in einer mörderischen Anstrengung provisorisch eingesargt. Dabei wurde auf die Tausenden dort arbeitenden Menschen wenig Rücksicht genommen. Sie wurden als die »Liquidatoren« berühmt für ihre Opferbereitschaft.

Derzeit errichtet man ein neues Einschlussgebäude, das New Safe Confinement, ein Euphemismus für den neuen Sarkophag, der 100 Jahre halten soll. Die anderen Blöcke wurden weiter betrieben und sukzessive bis zum Jahre 2000 zum Rückbau abgeschaltet. Die halbfertig im Bau befindlichen Blöcke 5 und 6 sind konserviert; für sie liegt eine Abrissgenehmigung vor. Am 23. April 2008 war der Kernbrennstoff aus der Anlage Tschernobyl entfernt. Am gleichen Tag nahm dort die Atommüllverarbeitungsanlage »Vektor« den Betrieb auf, die die kontaminierten Teile für eine Endlagerung vorbereitet.

Foto »Elephantenfuß«

»Elefantenfuß« aus Corium im havarierten Kernkraftwerk Tschernobyl. Quelle: Rare Historical Photos

Um das Kraftwerk herum wurde eine Zone von 30 km Radius evakuiert, um die Bevölkerung vor radioaktivem Fallout zu schützen. Insgesamt wurden bis zu 350.000 Menschen umgesiedelt. Die Stadt Prypjat wurde zu einer Geisterstadt. Die Zone wurde abgesperrt und sich selbst überlassen. Von 190,3 Tonnen radioaktiven Materials, welches sich im Reaktorkern befand, wurden nach Schätzungen in den ersten zehn Tagen vom 26. April bis 5. Mai 1986 rund 6,7 Tonnen in die Umwelt freigesetzt. Auch über die Auswirkungen der freigesetzten Radioaktivität auf Mensch, Tier und Pflanzenwelt gibt es je nach Überzeugung der Autoren und Interpreten höchst unterschiedliche und widersprüchliche Angaben.
Die Tschernobyl-Katastrophe bestätigte die Besorgnisse der Bevölkerung vieler Länder Europas gegenüber der Nutzung der Kernenergie und gab der grünen Bewegung großen Auftrieb. In einigen Ländern brach eine regelrechte Strahlenangst aus. Die katastrophal restriktive und beschönigende Informationspolitik der Sowjets und der Medien in den Ostblock-Staaten trug dazu bei, das Misstrauen und die Angst der Menschen ins Pathologische zu steigern. Die Westmedien hingegen steigerten die Panik der Bevölkerung durch immer neue Horrormeldungen. Auch im Krieg der Meinungen über Kernkraftwerke war die Wahrheit das erste Opfer. Eine vernünftige Diskussion über die Tschernobyl-Folgen scheint bis heute unmöglich zu sein.

Tschernobyl leitete das Ende der Kernenergieeuphorie in vielen Staaten ein. Italien und Österreich stiegen endgültig aus, bevor sie überhaupt richtig einstiegen. Es brauchte noch eine zweite Katastrophe in Fukushima, bis auch Deutschland panisch beschloss, endgültig aus der Kernenergie auszusteigen.

Tschernobyl aus heutiger Sicht

Tschernobyl war die furchtbarste Katastrophe der Nuklearindustrie und wurde zum Mythos der Gefährlichkeit der Nukleartechnologie. Fukushima war schlimm, aber harmlos im Vergleich mit Tschernobyl. Die »Zone« von Fukushima ist bereits zu großen Teilen wieder besiedelt. Kein einziges Strahlenopfer ist zu beklagen. Japan ist nicht die Sowjetunion. Trotzdem wurden in Deutschland durch Fukushima mehr Reaktoren zerstört als in Japan. Wir Deutschen haben eine Neigung zu Extremreaktionen – wir tun Dinge ganz oder gar nicht.

Als Resultat von Tschernobyl und Fukushima haben wir unsere einsame Energiewende. Derweil befindet sich die Welt inmitten einer energetischen Revolution, die Fracking heißt. In Deutschland verbieten wir Fracking vorsichtshalber erstmal, ohne dass wir uns weiter den Kopf darüber zerbrechen, dass die USA durch Fracking zum großen Ölexporteur aufgestiegen sind, was die geopolitische Weltlage dramatisch verändert hat. Öl und Gas wurden billig wie lange nicht mehr. Dies macht die deutsche Energiewende noch absurder. Noch können die meisten Deutschen sich die extrem hohen Stromkosten leisten und weiter von ökologischen Kreisläufen träumen. Die Physik spricht da eine andere Sprache, aber wen interessiert schon die langweilige Physik? So muss es eben die Zeit richten.

Die »Todeszone« von Tschernobyl wurde zum riesigen Naturschutzpark. Hier leben auf 4200 Quadratkilometern gerade mal etwa 120 Menschen. Sie sind heimlich zurückgekommen und werden stillschweigend geduldet. Die Zone ist heute ein Tummelplatz diverser Forschungsteams und ein Touristenmagnet. Die Bestände von Elch, Reh, Rotwild, Wildschwein und Wolf wachsen und gedeihen, trotz Kontamination und Strahlung. Offensichtlich ist die Störung durch den Menschen für die Natur schlimmer als die Schädigung durch Strahlung, die sich bei den Tieren und Pflanzen in der Zone nicht erkennbar auswirkt. Britische Forscher fanden gerade heraus, dass die Population seltener Vögel profitiert und weniger Erbgutschäden hat als anderswo. Tiere und Pflanzen messen halt keine Becquerel und passen sich an. Vielleicht wird die gesundheitsschädigende Wirkung geringer Strahlendosen überschätzt. Großangelegte Langzeitstudien zu den Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki lassen diesen Schluss zu. In Hiroshima und Nagasaki konnte bisher bei Nachkommen der bestrahlten Atombomben-Überlebenden keine erhöhte Rate vererbbarer Erkrankungen im Vergleich zur übrigen japanischen Bevölkerung festgestellt werden. Aber auch hier weisen andere Studien das genaue Gegenteil aus.

Die Welt steht erst am Anfang der Nukleartechnologie, ob Kernspaltung oder Kernfusion. Beide Prozesse erzeugt Radioaktivität und Abfälle. Viele Menschen denken, dass dieses Feuer ausschließlich den Göttern vorbehalten sei und der Mensch lieber seine Finger davon lassen solle. Und vielleicht stimmt das ja auch, zumindest für manche Länder.

Die Zukunft der Nukleartechnologie wird nicht in Deutschland entschieden. Erst weltweit wird sich künftig zeigen, ob die Kernenergie eine saubere, sichere und ökonomische Technologie der Energiegewinnung zum Wohle der Menschheit ist. Ist sie nicht sauber, sicher und ökonomisch, wird sie verdientermaßen untergehen. Ist sie aber auf Dauer akzeptabel, wird sie ihren Beitrag zur Versorgung mit Energie leisten, so wie es all die anderen Energieträger auch tun. Gegebenenfalls dann eben außerhalb Deutschlands.

Eines ist für mich sicher: es macht keinen Sinn, Technologien zur Energieerzeugung in Freund und Feind einzuteilen. Jede hat ihre Vor- und Nachteile. Durch jede Technologie können Menschen umkommen, durch jede Technologie können aber auch Menschen versorgt werden. Technologie ist keine Frage von Ideologie, sondern der Abwägung von Nutzen und Risiken. Das Falsche zu tun, ist Sünde. Nicht das Nötige zu tun, ist auch Sünde.

Aber wenn irgendwo Menschen auf der Erde hungern, ist es fast immer das Resultat eines Mangels an Energie. Ohne Energie kann man nicht pflügen, sähen, düngen, ernten, transportieren, Nahrung verarbeiten und lagern. Wenn ein Land arm ist, ist es in erster Linie arm an Energie. Schauen Sie auf die nächtliche Weltkarte: Afrika ist der »dunkle Kontinent«, weil dort kein Licht zu sehen ist. Deshalb wird um Energie in Kriegen und Bürgerkriegen gekämpft. Wir werden bald neun Milliarden Menschen sein. Die Menschheit braucht jeden Zipfel Energie, den sie bekommen kann.

Tschernobyl war eben nicht nur ein GAU der Nukleartechnologie, sondern ein Rückschlag für das Wohl der Menschheit.


Titelbild: RBMK-Reaktor im inzwischen stillgelegten Kernkraftwerk Ignalina, Litauen. Quelle: Wikimedia Commons


Manfred Haferburg

Manfred Haferburg ist Kernenergetiker und hat viele Jahre lang für eine internationale Organisation Kernkraftwerke und andere Risikoindustrien weltweit bei der Verbesserung der Sicherheitskultur und Organisationseffektivität unterstützt. Er hat so viele Kernkraftwerke von innen gesehen wie kaum ein anderer Mensch.

Er gehört zum Autorenteam der »Achse des Guten«, einem der meistgelesenen deutschen Internet-Blogs. Sein Roman »Wohn-Haft« mit einem Vorwort von Wolf Biermann erschien im KUUUK-Verlag.

9 Gedanken zu „Vor 30 Jahren: Tschernobyl, ein Rückschlag für die Menschheit

  1. Ich erinnere ein technisches Gepräch im Kernforschungszentrum Karlsruhe als (unmittelbar nach dem Unfall) jemand das Zimmer betrat mit einer Anfrage der Betroffenen: „Kennt sich jemand von Euch mit Graphitbränden aus?“ – Niemand konnte helfen. – Die gemeinsame Recherche deckte dann später die verborgene Ursache auf, die noch heute nicht korrekt kolportiert wird:
    Das Kraftwerk war ursprünglich zur Herstellung von Plutonium für Kernwaffen konstruiert gekoppelt mit der Nutzung der Wärme zur Erzeugung von Strom, um die Herstellungskosten der Waffen zu senken. Der kontinuierlich erforderliche Wechsel des Kernbrennstoffes erzwang den Verzicht auf ein „Containment“, einen Sicherheitseinschluss. Der Reaktor war jedoch „mit einem negativen Reaktivitätskoeffizienten“ in soweit korrekt konstruiert, dass eine Explosion des Brennstoffes (als Folge menschlichen oder technischen Versagens) unmöglich war!!! – Das änderte sich erst, als der Bedarf an Plutoium gedeckt war. Um nun die Stromerzeugung wirtschaftlicher zu machen, wurden von Dilettanten lediglich die Spaltstoffmenge und der Abbrand erhöht. Als Folge ging die (ursprünglich auch in dieser Konstruktion wirkende) „inhärente Rückwirkung“eines negativen Koeffizienten verloren. – Mit geringen technischen Änderungen hätte das verhindert werden können. )Nun galt „Murphy`s Law“: „Was geschehen kann, geschieht auch (irgendwann)!“

    • Lieber Ulrich Wolf, haben Sie dafür evtl eine schriftliche Quelle? ZB Literatur, die Sie damals nutzten, über die Vorläuferanlagen des RBMK, die in direkter Linie übrigens auch schon zivile waren, (nämlich jene in Bjelojarsk-1,-2) aber auch die militärischen Anlagen, sozusagen die Großväter des RBMK? Ich habe hier die russische Fachliteratur über den RBMK vorliegen, und dass es einzig so ein Deppenfehler beim Hochprojektieren war, das kann ich mir bei den wissenschaftlichen Schwergewichten, die im NIKIET diesen Reaktor konzipierten, nicht so recht vorstellen. Womöglich kalkulierte man den positiven Void-Koeff. der Reaktivität schlicht ein, und glaubte, das Problem beherrschen zu können. Zumal der nicht die einzige Unfallursache war. Das Tragische ist, dass man wusste, was man tat, und die Aufrüstungspläne bereitlagen, bes hinsichtlich des Abschaltsystems (dessen „positiver Abschalteffekt“ unter gewissen Transienten kam noch hinzu), das nach dem Unfall in den RBMK verändert wurde; auch höher angereicherter Brennstoff und BE mit selbstabbrennendeNeutronengiften wurden danach eingeführt. Dh meine Einschätzung ist eher: da waren keine Idioten am Werk, sondern Wissenschaftler und Ingenieure mit hochriskanter und auch kaltschnäuziger can-do-Haltung, die sie damals für notwendig hielten, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, und weil in diesem System der Zweck die Mittel heiligte.

      • Liebe Frau Dr. Wendland,
        zunächst meine Anerkennung für Ihren ausgezeichneten Artikel zur Sache auf gleicher Plattform. – Die Ergebnisse der seinerzeit von uns durchgeführten Recherchen zu den Ursachen des Unfalls in Block 4 wurden nicht veröffentlicht. – Sie wurden jedoch letztlich bestätigt mit der später durchgeführten Analyse der (recht geringfügigen und hier von Ihnen zum Teil genannten) erforderlichen Veränderungen in den übrigen Anlagen. An der Kompetenz meiner russischen Kollegen hatte ich übrigens niemals Zweifel! – Manchmal stören halt Politiker und oder sog. „Apparatschiks“.

  2. laut UNO/WHO sollen jährlich sieben Millionen Menschen wegen zu schlechter Luft den Tod finden. Durch weniger fossile Energiequellen könnte dies drastisch verbessert werden.
    Wie Herr Haferburg sagt:das Nötige zu unterlassen, ist auch Sünde.

    • sinnvoll genutzte fossile Energie erzeugt nicht „schlechte Luft“, sondern mehr Kohlendioxid, mehr Nahrung und weniger Hunger!

  3. Guten Morgen Herr Haferburg,
    zu Ihrem guten Beitrag eine Klärungsfrage. Sie sprechen von negativem Reaktivitätskoeffizient. Bisher kenne ich in diesem Zusammenhang den neg. Temperaturkoeffizient.
    Ist es das Gleiche oder meinen Sie etwas anderes ?
    Danke im Voraus
    Jochen Michels

  4. Es wurden sehr viele Menschen evakuiert in Tschernobyl. Das hatte Folgen für diese Menschen, die nicht bekannt sind. Aber in Fukushima sind die Folgen der Evakuierung bekannt. Dort gab es zwar keine Opfer durch Strahlung, aber es gab StrahlenSCHUTZopfer, sofort etwa 50, später weitere etwa 100. Es wurden die Krankenhäuser evakuiert, insgesamt sind gut 150 Intensiv-Patienten gestorben, weil deren ärztliche Versorgung abgebrochen wurde (per Gesetz angeordneter Tod von Unschuldigen, durchgeführt von gehorsamen Untertanen).

    Zusätzlich 1000 oder mehr Tote unter den Evakuierten später durch deren psychische Probleme — das ist alles menschliches Versagen, auf einfachste Weise zu vermeiden, wenn man will/darf. Hier in Nuklearia wurde darüber berichtet, es gibt eine Zusammenfassung dazu von mir in EIKE und BfT.

    In Tschernobyl wurden etwa doppelt so viele Menschen evakuiert wie in Fukushima. Es liegt nahe, die Zahl der StrahlenSCHUTZopfer in Tschernobyl auch doppelt so hoch wie in Japan anzusetzen.

    • Sehr geehrter Herr Niemann,
      Kernenergie hat bekanntlich einen Januskopf, der auch ihre Unfälle unterscheidet: Militärtechnik nutzt Brennstoff Explosion (z. B. in Hiroshima) zum Töten und erlebt gleiches in Tschernobyl!. – Stromerzeugung nutzt der Bürger in Fukushima und erfährt Brennstoff Schmelzen verbunden mit einer erhöhten Strahlendosis – Evakuiert wurde in Fukushima (leider) lediglich, um zu vermeiden, dass die gesetzlich festgeschriebene Lebensdosis der Anwohner in der Folgezeit (rechnerisch prognostiziert) überschritten worden wäre.
      Nach dem Stand der Wissenschaft ist allerdings zu beachten, dass tatsächlich den Evakuierte dadurch eine Strahlen Dosis entgangen ist, die ihr Risiko an Krebs zu erkranken nicht erhöht, sondern gesenkt hätte! (Auch bei EIKE nachzulesen.) – Immerhin hatten die unnötig durch Evakuierung Geschädigten in Fukushima das Glück, nicht zu den fast 20.000 Opfern des Tsunami zu gehören. – Fazit: Die Revision der Grenzwerte im Strahlenschutz ist mehr als überfällig!!

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