Scientists for Future mit unwissenschaftlichen Methoden von vorgestern

Von Dr. med. Peter Kegel und Rainer Klute

Kernenergie sei gefährlich und tauge nicht als Mittel gegen den Klimawandel. Das ist häufig in Presseartikeln zu lesen. Oft verweisen die auf die »Scientists for Future«, die dies in einem im Herbst 2021 veröffentlichten Papier behaupteten. Aber stimmt das eigentlich? Nein, einem Faktencheck halten die Behauptungen der »Scientists« nicht stand. Um zu dem von ihnen gewünschten Ergebnis zu kommen, müssen die »Scientists« wissenschaftliche Standards verletzen und verbiegen, weist Technikhistorikerin Dr. Anna Veronika Wendland nach.

Seit etwa drei Jahren nimmt die Diskussion um die friedliche Nutzung der Kernenergie weltweit an Fahrt auf. Der Grund: Kernenergie bietet eine sehr emissionsarme Möglichkeit der Stromerzeugung in großem Maßstab. Daher betrachten viele Länder die friedliche Nutzung der Kernenergie als wichtigen Teil einer Lösung auf dem Weg zur Klimaneutralität.

Der Weltklimarat (IPCC) beschreibt die Kernenergie als wichtigen Schritt auf dem Weg zur Dekarbonisierung. Die EU-Kommission hat sie jüngst als »grün« eingestuft und in ihre Taxonomie für nachhaltige Finanzierungen aufgenommen. Das Joint Research Center (JRC), der wissenschaftliche Dienst der EU-Kommission, hatte im April 2021 bestätigt, dass Kernenergie in Bezug auf ihre CO₂-Emissionen und ihre Auswirkungen auf Mensch und Natur den erneuerbaren Energien insgesamt in nichts nachstehe.

Im Gegensatz dazu veröffentlichte die Initiative »Scientists for Future« im Oktober 2021 ein Positionspapier mit dem Titel »Kernenergie und Klima«. Die Autoren erörtern auf ca. 100 Seiten, warum die Kernenergie aus ihrer Sicht kein geeignetes Instrument im Kampf gegen den Klimawandel darstellt.

»Scientists« analysieren Fakten nicht objektiv und nüchtern

Doch wie stichhaltig sind die Argumente der »Scientists for Future«? Die Technikhistorikerin Dr. Anna Veronika Wendland unterzog die Veröffentlichung der »Scientists« einer wissenschaftlichen Prüfung. Das Ergebnis ihrer Untersuchung ist ernüchternd: Die »Scientists« verstoßen gegen grundlegende Standards wissenschaftlichen Arbeitens und Publizierens. An die Stelle einer objektiven, nüchternen Analyse der Fakten tritt bei den »Scientists« eine Selektion der Quellen und eine voreingenommene Interpretation der Daten. Dadurch führen die Autoren ein von ihnen erwünschtes Ergebnis herbei, das sicherlich bereits im Vorfeld bestand.

Wissenschaftler müssen unvoreingenommen und neutral vorgehen

Wissenschaft erhebt keinen Anspruch auf absolute Wahrheit. Sie ist ein Prozess des Erforschens und der geordneten Aneignung von Erkenntnissen über Zustände und Zusammenhänge. Essentiell ist, dass Wissenschaftler dabei unvoreingenommen und neutral vorgehen. Das gilt, wenn sie im Labor forschen oder am Schreibtisch Publikationen erarbeiten. Das gilt, wenn sie eigene Ergebnisse interpretieren, und das gilt, wenn sie Quellen auswählen und interpretieren. Denn längst nicht alle Quellen sind objektiv, frei von Verzerrung und methodisch sauber. Autoren, die fragwürdige Quellen nutzen, schaffen damit weitere Verzerrungseffekte. Die ziehen sich dann wie ein Krebsgeschwür durch die wissenschaftlichen Datenbanken und lassen keine objektive Wissenschaft mehr zu. Sie können sogar zu falschen Ergebnissen und in der Folge zu Fehlentscheidungen führen.

In der wissenschaftlichen Community haben sich deshalb Regeln und Standards etabliert, die für objektiv richtige und brauchbare Ergebnisse sorgen sollen. Wendland sieht in dem Positionspapier der »Scientists for Future« gleich mehrere dieser Standards verletzt.

So geben die Autoren an, das Papier sei in einem Diskussionsprozess entstanden und von weiteren Wissenschaftlern im Peer-Review-Verfahren gesichtet worden. Peer-Review bedeutet, dass unabhängige Wissenschaftler eine Arbeit vor ihrer Veröffentlichung sichten und etwaige methodische Schwächen oder andere Verstöße gegen gute wissenschaftliche Praxis aufdecken. Wichtig ist, dass diese Wissenschaftler tatsächlich unabhängig sind, nicht von den Autoren ausgesucht werden und anonym bleiben. Im Papier der »Scientists for Future« hingegen werden die mit dem Peer-Review beauftragten Personen namentlich benannt.

Falsche Annahmen führen zu falschen Schlussfolgerungen

Wendland erläutert, dass und welche falschen Annahmen die »Scientists« treffen und wie sie daraus falsche, aber von ihnen gewünschte Schlüsse ziehen. So wollen die »Scientists« etwa nachweisen, Kernenergie sei »gefährlich«. Dazu nehmen sie an, ein Reaktordruckbehälter könne spontan und ohne vorherige Symptome versagen – eine falsche Voraussetzung, die zu einer falschen Schlussfolgerung führt.

Ein wesentlicher Punkt in der ökologischen Bewertung von Energiequellen sind die Opferbilanzen über die gesamte Wertschöpfungskette. Hierzu gibt es einige mittels Peer-Review-Verfahren begutachteter Studien (u. a. Markandya, Wilkinson, 2007, The Lancet). Sie bescheinigen der Kernenergie eine sehr geringe Opferbilanz pro erzeugter Strommenge, die auf dem Niveau der erneuerbaren Energien liegt.

Wissenschaftliches Vorgehen der »Scientists« wäre gewesen, diese Erkenntnisse angemessen zu berücksichtigten. Doch das machen die Autoren nicht. Stattdessen degradieren sie diese anerkannten Studien zu in ihren Augen unbelegten Aussagen. Wären sie wissenschaftlich vorgegangen, könnten sie ihre These von der »gefährlichen« Kernkraft angesichts der Faktenlage nicht mehr halten.

Und es wird nicht besser: In ihrer »Studie« verletzen die »Scientists« weitere wissenschaftliche Standards. Beispielsweise greifen sie bei den wichtigen Berechnungsgrundlagen und Berechnungsgrößen der Reaktorsicherheitsforschung nur ganz bestimmte heraus, deuten sie teilweise um oder interpretieren sie falsch. Die »Scientists« widmen sich z. B. ausgiebig dem Thema wahrscheinlichkeitsbasierter Sicherheitsanalysen (Probabilistic Safety Assessment, PSA). Dabei unterstellen sie mit dem Verweis auf nicht vorhersehbare chemische Prozesse beim Einsatz neuer Werkstoffe dem Forschungsrat der EU-Kommission das Herunterrechnen von Unfallrisiken. Sie unterstellen PSA-Anwendern Ziele, die nie Bestandteil und Funktion der PSA waren, etwa die allumfassende Realitätsabbildung oder gar Prognosen kommender Ereignisse. Die »Scientists« deuten PSA falsch und entreißen sie ihrem Kontext, nämlich der Berechnung von Schadensfrequenzen einzelner Komponenten. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: Die »Scientists« stützen ihr kritisches Urteil über die PSA lediglich auf zwei NGO-Publikationen. Und an denen waren wiederum zwei Autoren der »Scientists« beteiligt.

Ergebnis stand schon vorher fest

Nehmen wir uns noch ein weiteres Beispiel heraus: Die »Scientists« diskutieren auch modulare Kleinreaktoren (Small Modular Reactors, SMR). Sie lehnen (welch Überraschung) auch solche Reaktoren grundsätzlich ab und scheuen keine Mühen, eine entsprechende Herleitung zu finden: So behaupten sie, es gebe nur begrenzte Erfahrungen mit dem Betrieb passiver Sicherheitssysteme. Wenn man aber bedenkt, dass die aktuell in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke passive Sicherheitssysteme wie reaktordampfbetriebene Notkühlpumpen, eigenmediumgesteuerte Sicherheitsventile oder Druckspeicher regulär an Bord haben, ist diese Aussage nicht nachvollziehbar.

Summa summarum: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich die Initiative »Scientists for Future« der Kernenergie keineswegs mit neutraler Sachlichkeit und wissenschaftlicher Korrektheit widmet. Vielmehr versucht sie, eine bereits im Vorfeld gefasste Meinung durch eine pseudowissenschaftliche »Studie« zu legitimieren und ihr einen Anstrich von Wissenschaftlichkeit zu verpassen. Einer wissenschaftlichen Überprüfung hält ihr Papier aber nicht stand.

Quellen

Dr. Peter Kegel

Dr. Peter Kegel, Jahrgang 1981, ist Facharzt für Arbeitsmedizin und strahlenschutzermächtigter Arzt. Seine Dissertation in der Biophysik schrieb er zur biologischen Wirksamkeit verschieden-energetischer Photonenstrahlung.

Rainer Klute

Rainer Klute ist Diplom-Informatiker, Nebenfach-Physiker und Vorsitzender des Nuklearia e. V. Seine Berufung zur Kernenergie erfuhr er im Jahr 2011, als durch Erdbeben und Tsunami in Japan und das nachfolgende Reaktorunglück im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi auch einer seiner Söhne betroffen war.

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