Warum wir die deutschen Kernkraftwerke jetzt noch brauchen

Nach Streit um die Kernenergie: Wissenschaftler finden gemeinsame Position zum Atomausstieg

Deutschland solle zügig Braunkohlekraftwerke stilllegen und die CO2-armen Kernkraftwerke unter Staatsregie einstweilen weiterlaufen lassen. Das fordern die Wissenschaftler Dr. Rainer Moormann und Dr. Anna Veronika Wendland. Der als Whistleblower bekannt gewordene Atomkraftgegner und die Historikerin und Kernkraftbefürworterin hatten sich nach langem, öffentlich auf Twitter ausgetragenem Streit auf eine gemeinsame Position geeinigt. Diese veröffentlichten sie nun in einem wissenschaftlichen Memorandum. Gleichzeitig rufen die beiden Autoren in der Wochenzeitung DIE ZEIT zu einer Revision der jetzigen Klima- und Energiepolitik auf und stellen dafür einen 10-Punkte-Plan vor.

Um rund 10 Prozent senken ließen sich die deutschen CO2-Emissionen durch einen Weiterbetrieb der Kernkraftwerke und eine gleichzeitige Schließung von Braunkohlekraftwerken, rechnen Moormann und Wendland vor. Immerhin liefern die noch am Netz befindlichen sechs deutschen Kernkraftwerke (»GER6«) mit 8.500 Megawatt (MW) etwa genauso viel Strom wie alle Braunkohlekraftwerke in Nordrhein-Westfalen zusammen. Kernenergie sei aber so gut wie CO2-frei, Braunkohle aber besonders klimaschädlich, sind sich Atomkraftgegner und -befürworterin einig.

Fortschritte vermissen die beiden Wissenschaftler auf dem Weg zu großen Stromspeichern, die für eine erfolgreiche Energiewende unerlässlich seien. Falls es auf diesem Gebiet bis 2030 keine wesentlichen Fortschritte gebe, müsse zwangsläufig auch über einen Neubau von Kernkraftwerken nachgedacht werden, zusätzlich zum Ausbau der Erneuerbaren.

Mit ihren Forderungen brechen Moormann und Wendland ein Tabu der deutschen Klimadiskussion, die sich seit Jahren um eine simple Tatsache herumdrückt: Kernenergie ist ein hochwirksames Instrument gegen klimaschädliche Emissionen in der Energiewirtschaft.

Die Autoren

Moormann und Wendland kommen von völlig entgegengesetzten Positionen der Energiediskussion. Der physikalische Chemiker Moormann arbeitete fast vier Jahrzehnte am Kernforschungszentrum Jülich und machte sich einen Namen als Kritiker der Atomindustrie. Die Historikerin Anna Veronika Wendland arbeitet an einem Marburger Forschungsinstitut zur vergleichenden Geschichte und Gegenwart der Reaktorsicherheit und forscht häufig in Kernkraftwerken. Das hat sie über die Jahre von einer Atomgegnerin zur Kernenergiebefürworterin gemacht, weshalb sie sich auch im Vorstand des Nuklearia e. V. engagiert.

Die beiden Wissenschaftler fanden nach langen Streitgesprächen zusammen, weil sie angesichts des Klimanotstandes radikale und unkonventionelle Schritte für dringend notwendig halten.

Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen

Politische Konsense seien keine heiligen Kühe, meinen Wendland und Moormann. Unter neuen Rahmenbedingungen müsse man sie immer wieder neu in Frage stellen. »Ohne ausgereifte Speichermöglichkeiten für Grünstrom nützt es nichts, immer mehr Wind- und Solaranlagen zu bauen«, sagt Anna Veronika Wendland. »Bis dahin sollten zur Absicherung der Erneuerbaren nicht Kohle oder Gas zum Einsatz kommen, sondern die CO2-arme Kernergie.« Wer wie Fridays for Future auf Klimademos »Follow the science!« fordere, müsse zur Kenntnis nehmen, dass die Wissenschaft im Weltklimarat (IPCC) der Kernenergie eine bedeutende Rolle bei der Verlangsamung der Erderwärmung zuspreche, so Wendland.

Einen Weiterbetrieb der sechs Kernkraftwerke halten die beiden Wissenschaftler daher für dringend geboten. Rainer Moormann: »Stattdessen sollten im selben Umfang besonders klimaschädliche Braunkohlekapazitäten rasch stillgelegt werden. Das würde die deutschen CO2-Gesamtemissionen um ca. 10 % senken. Erdgas als Backup für Erneuerbare, wie es die Bundesregierung plant, ist keine Alternative, denn es ist wegen seiner Methan-Emissionen genauso klimaschädlich wie die Kohleverbrennung.«

Fehlentscheidungen sind reversibel

»Wir wissen, dass die Betreiberfirmen nach all dem Hü und Hott rund um die Laufzeitverlängerungen den Ausstieg nun durchziehen wollen«, sagt Wendland auf die Frage, ob eine solche Idee überhaupt realistisch sei. »Der Rückbau ist längst minutiös durchgeplant, bis hin zum Abbau jeder einzelnen Rohrleitung – und leider auch der Abbau des Personals. Doch solange nichts verschrottet ist, sind falsche politische Entscheidungen umkehrbar. Die Erfinder des Atomausstiegs wollen die Sache schnell durchziehen und Fakten schaffen, die sich nicht mehr ändern lassen. Doch nun sagt uns das Weltklima: Halt, das ist ein Fehler!«

Deswegen schlagen die Wissenschaftler vor, die Kernkraftwerke in öffentliche Regie zu übernehmen, so wie man es auch mit den Zwischenlagern gemacht hat. Die Aufgabe der Kernkraftwerke wäre in erster Linie die CO2-neutrale Absicherung der Energiewende. Sie würden im öffentlichen Auftrag für die Versorgungssicherheit einstehen. Sicherheitstechnisch seien die Anlagen auf dem Stand von Wissenschaft und Technik, betont nicht nur Wendland, sondern auch der Kernkraftkritiker Moormann. Allerdings müssten die nach dem Ausstiegsbeschluss zurückgestellten Modernisierungsmaßnahmen dann zügig durchgeführt werden.

Der 10-Punkte-Plan der Wissenschaftler

Moormann und Wendland stellen in ihrem Memorandum einen 10-Punkte-Plan vor:

  1. Der Atomausstieg sollte für ca. zehn Jahre ausgesetzt werden, indem die Laufzeit der verbliebenen Anlagen in § 7 Abs. 1 Atomgesetz entsprechend verlängert wird.
  2. Die Anlagen sollten nach dem Vorbild der Zwischenlager in staatliche Obhut überführt werden. Ihr Auftrag sollte allein darin bestehen, die schwankenden Erneuerbaren durch CO2-freies Backup abzusichern.
  3. Die Unabhängigkeit der Aufsichtsbehörden sollte gestärkt werden.
  4. Statt der Kernkraftwerke sollten zügig die emissionsstärksten Braunkohlekraftwerke vom Netz genommen werden. Systemrelevante Braunkohlekraftwerke, die Fernwärme für ihre Regionen bereitstellen, sollten weiterbetrieben werden können, bis Ersatz gefunden ist.
  5. Anpassungen und Nachrüstungen der Kernkraftwerke sollten staatsfinanziert durchgeführt werden. Sie waren im Zuge der Laufzeitverlängerung 2010 vorgesehen, wegen des Atomausstiegs aber zurückgestellt worden.
  6. Es sollten massive Anstrengungen erfolgen, die Großspeichertechnik voranzutreiben.
  7. Es sollte eine Risikostudie erstellt werden über die Verwundbarkeit eines EE-Speichersystems mit digitaler Netzleittechnik, und zwar durch eine unabhängige Forschungsinstitution im Ausland.
  8. Nach zehn Jahren sollte evaluiert werden, ob wesentliche Fortschritte bei der Verwirklichung von Großspeichern gemacht wurden. Sollten dann begründete Zweifel an der Machbarkeit eines weitgehend EE-basierten Systems bestehen, ist zu überlegen, ein erneuerbar-nukleares Energiesystem mit modernen Kernreaktoren anzustreben.
  9. Die EEG-Umlage sollte durch eine steuerfinanzierte Förderung von Dekarbonisierungstechnologien ersetzt werden, einschließlich der notwendigen Modernisierung der verbliebenen Kernkraftwerke sowie für Forschung, Entwicklung und Installierung von Stromspeichern.
  10. Diesen Prozesses sollte ein Gremium aus Befürwortern und Kritikern sowohl der Kernenergie als auch der erneuerbaren Energien begleiten und Evaluierungsergebnisse in die Öffentlichkeit kommunizieren.

Das Moormann-Wendland-Memorandum einschließlich des 10-Punkte-Plans in voller Länge steht unter https://saveger6.de/ zur Verfügung.

Über die Nuklearia

Nuklearia

Der Nuklearia e.V. ist ein gemeinnütziger, industrie- und parteiunabhängiger Verein zur Förderung der Kernenergie. Wir sehen in der Kernenergie eine wesentliche Säule der Energieversorgung. Fortschrittliche Reaktoren arbeiten sicher, sauber und nachhaltig. Atommüll lässt sich in Schnellen Reaktoren als Brennstoff nutzen.

Anders als erneuerbare Energien steht Kernenergie jederzeit in ausreichender Menge zur Verfügung und verbraucht keine großen Landflächen. Im Unterschied zu Kohle oder Gas ist Kernenergie CO2-arm und vermeidet Luftverschmutzung.

Kenntnisse über Kernenergie sind in Deutschland rar geworden. Das wollen wir ändern.


Titelbild: Kernkraftwerk Grohnde. Foto: Anna Veronika Wendland

4 Gedanken zu „Warum wir die deutschen Kernkraftwerke jetzt noch brauchen

  1. Erneuerbare Energien sind endlich? Es gibt sie seit ~3Mrd. Jahren/ Entstehung des Universums. In der Folge erst wurde Uran ‘gebacken’.
    Es geht heute nur darum Erneuerbare verfügbar zu halten und keine Umweltverbrechen durch Atom (-mülllagerung, milit. Verwendung, Uranförderung usw.) mehr möglich zu machen. Jede Förderung oder Erhaltung der Atomtechnologie führt zur Verlängerung unhaltbarer Zustände und Gefahren und ist wegen alternativ verfügbarer Technologie völlig unnötig. Es darf keinen Rückfall in alte unbeherrschbare Technologien geben, Zukunftsfähigkeit ist dringend nötig.

    • @Kurt Reuter
      Nous parlons ici d’électricités “renouvelables”, éolien et solaire. Le choix n’est pas entre électricités renouvelables et électricité , mais entre électricité nucléaire et électricité produite avec du charbon et du gaz. Car les électricités dites renouvelables sont inutilisables ( et donc invendables) sans le soutien constant de centrales pilotables, nucléaire, charbon, gaz. L’Allemagne supprime le nucléaire, mais garde et même augmente sa puissance en charbon et gaz, qui enfument l’Europe entière.
      Les Allemands prennent leurs désirs pour des réalités, et feront payer leurs fantasmes à l’Europe entière. Réveillez-vous avant qu’il ne soit trop tard.

  2. Ja, das waere ein erster und notwendiger Schritt. In einem zweiten Schritt muessten die Forschungen fuer Reactoren der Generation IV oeffentlich gefoerdert werden! Aber so verbohrt Gruene und Linke leider sind und so mut- und orientierungslos eine CDU ist, wird es nur ein Weiter-So ins energiepolitische Nirgendwo geben.

  3. Das sollte auch der Dümmste kapieren,
    aber dazu müssen von der Regierung die Zahlen offengelegt werden und das werden sie nicht tun.
    Es würde die absolute Unfähigkeit und Kozeptlosigkeit in der Energiewende zu Tage kommen.
    Es gibt genügend unabhängige Experten die gefragt werden könnten und die einen umsetzbaren Plan erstellen könnten.

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