Arbeitsplätze

In seiner Antwort “Pandora’s Revenge” auf das von Kernkraftgegnern gegen den Film “Pandora’s Promise” verfasste Dokument “Pandora’s False Promises” schreibt Nick Touran:

The fact that renewables can employ more people is not necessarily a good thing. For instance, in the 16th century, 75% of people worked in agriculture. So should we go back to that? Since nuclear is so energy dense, you can get lots of energy with a small footprint, leaving more people to solve other problems of the world. In 2011, renewables and nuclear generated the same amount of electricity in Germany [10], so apparently 30,000 people accomplished the same things as 380,000. I understand jobs are a big deal in this economy, but this isn’t really a very good point.

Dies scheint mir ein sehr interessanter Diskussionspunkt zu sein, insbesondere aus deutscher Sicht – es sei an das ewige politische Gerangel um den Themenkomplex Hartz IV, Arbeitslosigkeit, “Generation Praktikum” u. ä. erinnert.

Bezüglich dieser Fragestellung existieren in Deutschland zur Zeit zwei Schulen, die traditionelle und die alternative. Die traditionelle Sichtweise, die von den meisten Konservativen, Sozialdemokraten, vielen Liberalen und fast allen Sozialisten und Kommunisten vertreten wird, besagt, dass ein ordentlicher Arbeitsplatz in einem Industriebetrieb, einer Universität, einer Klinik, Bibliothek, Gaststätte oder wo auch immer ein essentieller Teil der Existenz ist, sowohl des Einzelnen wie auch für die menschliche Gemeinschaft. Daher ist das Ziel die Vollbeschäftigung – es sollen möglichst viele Arbeitsplätze geschaffen werden.

Die alternative Sicht geht davon aus, dass Vollbeschäftigung als Staatsziel überholt sei, dass vielmehr die Menschen sich sehr wohl auch ohne traditionelle Arbeitsstelle sinnvoll beschäftigen können, sei es beim Schreiben von Blog-Artikeln für eine Webseite, beim Erschaffen von Kunstwerken oder beim Musizieren in einer Band. Da (fast) jeder Mensch irgendeinen interessanten Lebensinhalt finden könne herrsche eigentlich bereits Vollbeschäftigung und es solle eine Bedingungsloses Grundeinkommen o. ä. eingeführt werden, um jedem freie Entfaltung zu ermöglichen. Diese Sichtweise ist bei den Piraten sehr verbreitet, bei einer substantiellen Minderheit der Grünen und einigen Liberalen.

Egal, welcher der beiden Sichtweisen jemand anhängt: Ich denke, es lässt sich aufzeigen, dass Kernenergie, bzw. in diesem besonderen Zusammenhang die durch sie “vermiedene” Arbeit, eine gute Option ist.

Bin ich überzeugt, dass Vollbeschäftigung überholt ist, dass Arbeit vermieden und nicht erschaffen werden solle, dann ist meine Wahl klar: Lieber 30.000 Beschäftigte als 380.000. Für jeden Kerntechniker muss ich fast 13 Windanlagenbauer, Solaringenieure etc. einstellen. Ein BGE’ler würde darauf hinweisen, dass sich auch als Hobby etwas für den Umweltschutz tun lässt, dazu benötige ich keine Anstellung. Mit BGE haben die 12 nicht eingestellten Menschen die Freiheit dazu, seltene Orchideen zu hegen oder ein Buch zu schreiben. Vollbeschäftigung nein danke – Kernkraft ja bitte!

Stelle ich mich dagegen auf den Standpunkt viele Arbeitsplätze, ja sogar Vollbeschäftigung schaffen zu wollen, dann sollte ich mir überlegen, was für Arbeitsplätze dies sein sollen. Ich kann prinzipiell auch Arbeit schaffen, indem ich Leute in einem “Spielzeugsupermarkt” Plastikgemüse verkaufen lasse (kein Scherz, das gab es bereits als “Maßnahme”) oder indem ich wie die Nazis Maschineneinsatz beim Autobahnbau untersage, damit möglichst viele Arbeiter eingesetzt werden müssen.

Die Allermeisten werden mir zustimmen, dass Arbeit sinnvolle Arbeit sein sollte, die der Gemeinschaft etwas bringt und nicht irgendeine sinnlose Beschäftigungsmaßnahme.

Es gibt einen riesigen Berg Arbeit, der in Deutschland darauf wartet, dass jemand ihn übernimmt: Wir benötigen dringend mehr Lehrer, Ärzte (der Mangel an Praxen im ländlichen Raum ist dramatisch!), Sozialarbeiter, Altenpfleger, Psychotherapeuten, Professoren, Wissenschaftler und Wissenschafts-Kommunikatoren. Der deutschen Gesellschaft wäre deutlich mehr gedient, wenn anstelle der 13 WKA-Konstrukteure ein einzelner Kerntechniker eingestellt werden würde und die anderen 12 in einer der oben genannten Sparten Arbeit finden.

Diesen Gedankengang deutet auch Nick Touran an: “Since nuclear is so energy dense, you can get lots of energy with a small footprint, leaving more people to solve other problems of the world.”

Ich möchte nicht sagen, dass wir keine Erneuerbaren bauen sollten, ich halte diese für einen guten postfossilen Zusatz zur Kernkraft (die Photovoltaikanlagen sollten allerdings meines Erachtens nach aus Mitteleuropa entfernt und in zwei- bis dreimal sonnigeren Ländern in Afrika betrieben werden). Was ich vielmehr festhalten möchte: Kernenergie, oder allgemeiner gesagt die Erzeugung von Energie aus konzentrierten, anti-entropen Quellen, ist für beide Lager, BGE’ler und Vollbeschäftigungs-Freunde, eine sinnvolle Wahl!

Welchem von beiden Lagern ich selbst angehöre? Ich stehe zwischen beiden, jedoch näher am BGE.

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