Mehr verstehen so dass wir uns weniger zu fürchten brauchen…

Im Internet brodeln seit einigen Tagen Diskussionen rund um die Fukushima-Beiträge der Netzfrauen.

Natürlich erscheinen Leuten, die sich mit der Materie auskennen, Behauptungen wie „ganz Japan wird entvölkert“, „die Existenz der Menschheit steht auf dem Spiel“ bestenfalls grotesk – als könnten die Urheber Roland-Emmerich-Filme nicht von der Realität unterscheiden. Dass die Netzfrauen sich weigern, Kommentare freizuschalten, die an ihren Aussagen Zweifel anmelden, wirkt ebenfalls nicht sehr professionell.

Es ist jedoch eine gute und nützliche Sache, Konflikte durch die Augen des Gegners zu betrachten zu versuchen. Zum einen, weil auch der Gegner ein Mensch ist, zum anderen, weil dies einen befähigt, die eigene Position besser zu vertreten und zu verteidigen.

Nicht nur den Netzfrauen, vielen Kernkraftgegnern – genannt sei Helen Caldicott, oder auch Kevin Meyerson – kommen die Aussagen von Kernkraftbefürwortern vor wie die Aussagen von Wahnsinnigen. Wie kann jemand für eine Technik sein, die die ganze Menschheit zu zerstören droht? Bestimmt werden diese Leute von der „bösen Atomindustrie“ bezahlt, oder sie sind einfach zynisch oder verrückt!

Das muss man verstehen. Viele Umweltschutzorganisationen verkünden seit Jahrzehnten Antikernkraftbotschaften. Für Kernkraftgegner sind diese zu Selbstverständlichkeiten geworden, zu elementaren „wissenschaftlich erwiesenen“ Tatsachen, ähnlich wie „die Sonne befindet sich im Brennpunkt der Planetenbahnen“, „das Sauerstoffatom verbindet sich kovalent mit zwei Wasserstoffatomen zum Wassermolekül“ oder „Pflanzen erzeugen in ihren Chloroplasten mittels Photosynthese Glucose aus Kohlendioxid und Wasser“.

Würde jemand unter einen meiner Artikel als Kommentar schreiben: „Du irrst dich, die Erde läuft nicht um die Sonne sondern um den unsichtbaren Planeten Kunigunde“, so würde ich den Kommentator für einen Scherzbold oder für übergeschnappt halten.

Genau so kommen vielen Kernkraftgegnern aber unsere Hinweise und Überlegungen vor. Sie widersprechen dem, was sie für zweifelsfrei erwiesen halten. Die Betonung liegt bei ihnen natürlich nicht so sehr auf „Scherzbold“ sondern auf „Bösewicht“ („Lakai der Atommafia“ o. ä.), da ja aus ihrer Sicht die Kernenergie die größte Gefahr für die Menschheit darstellt, vergleichbar mit dem Einschlag eines 10-km-Asteroiden, und diejenigen, die sie nicht sofort abschaffen wollen, daher mutwillig die ganze Zivilisation aufs Spiel setzen.

Haben wir die Möglichkeit, dagegen anzukommen? Können wir diesen Leute, oder zumindest einigen von ihnen, zeigen, dass wir nicht einfach verrückt oder böse sind, sondern dass unsere Aussagen Hand und Fuß haben?

Das kommt darauf an. Ich vermute, Kernkraftgegner (oder sogar generell jegliche Aktivisten-für-etwas, d.h. auch wir! 😉 ) lassen sich grob in drei Gruppen gliedern:

  • Die Fanatiker: Sie hängen ihren Vorstellungen mit quasi-religiösem Eifer an. Ihre Überzeugungen haben sie zu unveräußerlichen Teilen ihrer Persönlichkeit gemacht. Bei den Kernkraftgegnern zeigen die Fanatiker sich oft als radikale Ökologisten, die die Menschheit als eine Kraft des Bösen ansehen und auf der Erde die Bedingungen von vor zwanzigtausend Jahren wiederhergestellt wissen wollen. Bei den Kernkraftbefürwortern hören die Fanatiker u. a. auf den Namen LaRouche-Movement (in Deutschland: BüSo). Mit Fanatikern zu diskutieren ist sinnlos. Für sie ist es prinzipiell undenkbar auch nur einen Millimeter von ihrem ideologischen Kurs abzuweichen.
  • Die Mitläufer: Für diese Leute ist kein hohes emotionales Potential an ihre Auffassungen geknüpft. Sie haben – im Falle der Kernkraftgegner – eben von den Eltern, den Lehrern, Journalisten und Politikern gehört, dass Kernenergie „irgendwie schlecht, schädlich, gefährlich“ sei und sehen dies daher als selbstverständliche Erkenntnis an. Wenn sie von der Gegenposition hören, sind sie meist erstmal befremdet: „Was, die Erde ist ein Würfel?!“ Bekommen sie Lust, sich eingehender mit der Materie zu befassen, sehen sie sich als Laien in der Mitte zwischen zwei Lagern von (so wahrgenommenen oder tatsächlichen) Profis. Gegebenenfalls werden sie sich dem Lager anschließen, das überzeugender wirkt – eine Herausforderung, die wir annehmen sollten: Wenn es uns gelingt, durch wissenschaftliche Argumente zu überzeugen, können wir dem einen oder anderen „Mitläufer“ helfen, mehr als nur Mitläufer zu sein.
  • Die Nachdenklichen: Auch wenn manche Kernkraftbefürworter es gerne so darstellen – nicht alle Antis sind wissenschaftliche Analphabeten, die den Unterschied zwischen Kernspaltung und -fusion nicht kennen. Viele haben solide Grundkenntnisse in den Wissenschaften, sind vielleicht sogar wissenschaftlich ausgebildet oder würden sich selbst als „Wissenschafts-Fans“ bezeichnen. Sie haben oft ein optimistisches Zukunftsbild: Mithilfe von Erneuerbaren, insbesondere Solarenergie, soll eine Nachknappheitsgesellschaft erschaffen, die Besiedlung des Sonnensystems in Gang gesetzt werden. Sie weisen darauf hin, dass die Erneuerbaren mengenmäßig kaum zu übertreffen sind: 16 Millionen Gigawatt Sonneneinstrahlung fallen schließlich auf die Weltkontinentalfläche, rund tausend mal mehr als unser jetziger Primärenergieverbrauch.

Ohne jeden Zweifel sind die Nachdenklichen unter den Kernkraftgegnern diejenigen, denen wir uns zuwenden sollten: Denn wir haben prima facie die gleichen Ziele – technologische Weiterentwicklung der Menschheit. Aufbruch ins All. Verringerung der Abhängigkeit von Erdöl, Gas und Kohle. Wohlstand und billige Energie für alle Menschen auf der Erde aus sauberen, fast unbegrenzten Quellen, so wie Solarenergie, Wasserkraft, Windparks, Geothermie… und, hups, Kernreaktoren! Denn diese weisen eine phantastische Energieflussdichte auf, sind grundlast- und, bei modernen Varianten, sogar lastfolgefähig, liefern Neutronenstrahlung und Prozesswärme für viele industrielle Anwendungen, darunter moderne „grüne“ Technologien wie z. B. Recyclingverfahren und Erzeugung von Synfuel, was sie zu einer sehr wertvollen Komponente im postfossilen Energiemix macht!

Können nachdenkliche Kernkraftgegner angesichts solcher Erwägungen ihre Meinung ändern?

Ja, sie können: Robert Stone. Mark Lynas. Bryony Worthington. Stewart Brand. Michael Moore. Atomhörnchen. Wie bitte? Ja, es ist noch nicht allzu lange her, dass auch ich gegen Kernenergie war. Bis ich mich näher mit dem Thema befasste… Für einen „Wissenschafts-Fan“ darf es keine Dogmen, keine heiligen Kühe geben. Auch eine zunächst unglaublich erscheinende Aussage, die dem, was man bisher gelernt hat widerspricht, sollte untersucht werden. Sonst gibt es keine neuen Erkenntnisse.

Ich weiß nicht, zu welcher der drei oben geschilderten Gruppen die Autorinnen bei den Netzfrauen gehören. Leider scheinen sie in ihrer Argumentationsweise, bzw. ihrem Abblocken jeglicher Diskussion, eher dem ersten Lager, den Fanatikern, nahezustehen. Das wäre natürlich schade. Gerade für Frauen sind, wie schon Simone des Beauvoir erörterte, die Errungenschaften von Industrie und moderner Technologie ein wichtiges Mittel zum Erlangen von Freiheit und Gleichberechtigung: Maschinen helfen die biologisch bedingten Kraftunterschiede zwischen Männern und Frauen auszugleichen, ermöglichen den Frauen dadurch die Mitarbeit an der Gestaltung der Welt, und somit die Transzendenz, die für wahre Freiheit unverzichtbar ist.

Eine Bäuerin präindustrieller Zeit war aufgrund kleinerer Muskelmasse den Männern im Durchschnitt unterlegen, ihre Fähigkeit, die Welt zu beeinflussen, durch Bestellung der Felder, durch Bau von Scheunen etc., war geringer. Eine Fabrikarbeiterin im 19. Jahrhundert dagegen, die eine von Dampf- oder Wasserkraft getriebene Drehmaschine bediente, konnte bereits in der gleichen Liga spielen wie die Männer, da die Mechanisierung den körperlichen Unterschied nivelliert hatte. Der Chefingenieurin eines modernen Kernkraftwerks stehen mehrere Gigawatt Leistung an der Fingerspitze zur Verfügung – Elektrizität, die Häuser beleuchtet oder warm hält, Fabriken antreibt, Krankenhäuser versorgt in denen lebensrettende Operationen durchgeführt werden: sie hat um Größenordnungen mehr Einfluss auf die Gestaltung der Welt als der Großgrundbesitzer, der ihre bäuerlichen Vorvorvorfahrinnen beherrschte. Eine Astronautin, die im Jahr 2079 mit einem von Gaskernreaktoren angetriebenen Raumschiff zum Titan fliegt, an der Spitze der aus dem irdischen Gravitationspotentialtopf herauskletternden Menschheit, überflügelt jeden heutigen Menschen.

Die Netzfrauen schreiben, das Internet sei nicht männlich. Richtig: Ohne Ada Lovelace, Betty Jennings, Admiral Grace Hopper gäbe es keine moderne IT. Die Kernenergie ist ebenfalls eine „weibliche Technologie“ – ohne die grundlegenden Arbeiten von Marie Curie und Lise Meitner wäre sie nicht denkbar. Beauvoir sah die Beziehung zwischen Joliot und Marie Curie als Prototyp der Beziehung der Zukunft an – auf Augenhöhe, gemeinsam die Welt enträtselnd und gestaltend: „Vor nichts im Leben braucht man sich zu fürchten, man muss es nur verstehen. Nun ist es an der Zeit, mehr zu verstehen so dass wir uns weniger zu fürchten brauchen!“ – so Mme. Curie. Vielleicht beherzigen auch die Netzfrauen diesen Rat, so wie es viele andere nachdenkliche Kernkraftgegner bereits getan (und damit ihre Meinung geändert) haben!

2 Gedanken zu „Mehr verstehen so dass wir uns weniger zu fürchten brauchen…

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