Kernenergie: Mehr Nutzen als Subventionen

Im September 2020 veröffentlichte das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) eine Studie über die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten der Atomkraft. Demnach sollen sich diese hierzulande seit den 1950er Jahren auf über eine Billion Euro belaufen. Doch die Annahmen der Studie sind unrealistisch, das Ergebnis entsprechend ebenfalls.

Unter dem Titel „Gesellschaftliche Kosten der Atomenergie in Deutschland“ rechnete das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) im Auftrag von Greenpeace Energy die Kosten der Kernenergie auf über eine Billion Euro hoch. Um zu diesem Betrag zu gelangen, mussten gedankliche Brücken konstruiert werden, die unter näherer Betrachtung in sich zusammenbrechen. Dies reiht sich ein in die berechtigte Kritik an einem früheren Werk des Instituts.

Hauptkostentreiber: Atomunfälle, die nie stattgefunden haben

Die größte Position im FÖS-Papier sind vermeintliche Kosten für Atomunfälle, die es in Deutschland allerdings nie gegeben hat, und die bauartbedingt und physikalisch nicht denkbar sind: Durch kluge Nutzung von Naturgesetzen und Technik bleiben in deutschen Kernkraftwerken die Auswirkungen selbst des größten anzunehmenden Unfalls, der Kernschmelze, stark begrenzt. Der Reaktorkern mag zerstört werden, es tritt aber keine gefährliche Radioaktivität aus. Als Quelle für die abenteuerlich hohen Kosten von »21 bis 34 Ct/kWh«, die auf die von der Kernenergie insgesamt über 5.000 produzierten Terawattstunden hochgerechnet werden, nutzt das FÖS eine höchst spekulative Studie des Umweltbundesamts. Diese konnte für die Kernenergie keinen Kostensatz ermitteln, und »erfühlte« daher einen Kostensatz auf Höhe der Braunkohle, obwohl die Kosten der Braunkohlestromproduktion auf Basis von Emissionen berechnet wurden, die es bei der Kernenergie ja gerade nicht gibt, und deren Kosten willkürlich mit einem Faktor 100 aufgebläht wurden. Im Ergebnis wurde die Kernenergie also so gerechnet, als hätte es in der Geschichte ihrer Nutzung in Deutschland mehrere Tschernobyl-Ereignisse gegeben, obwohl diese bauartbedingt in Deutschland nicht vorkommen können.

Kernkraftwerke sind voll versichert, nur nicht gegen unmögliche Ereignisse

Tatsächlich müsste wie im Versicherungswesen die mögliche Schadenshöhe (Zerstörung des Reaktors) mit der Eintrittswahrscheinlichkeit (nahezu ausgeschlossen) multipliziert werden, um zu einer realistischen Einschätzung der durchschnittlichen Schadenshöhe zu gelangen. Dies ist in der Kerntechnik geübte Praxis. Entgegen lang kolportierter Behauptungen einschlägiger Nichtregierungsorganisationen (NGO) besteht volle Versicherungspflicht bei Kernkraftwerksbetreibern. Die Betreiber müssen alle technisch denkbaren Schäden versichern – aber nicht physikalisch unmögliche Schäden, die von NGO einfach behauptet werden. Die Versicherungsprämien liegen im niedrigen zweistelligen Millionenbereich je Kraftwerk und Jahr und sind im Strompreis bereits voll eingepreist.  Kosten darüber hinaus sind frei erfunden und sollten von Instituten, die sich wissenschaftlich geben, nicht übernommen werden.

FÖS verkehrt Gewinne in Verluste

Noch abenteuerlicher wird es, wenn das FÖS positive Effekte der Kernkraft ins Negative verkehrt. So sind die an einem freien Markt zustande gekommenen Preise für abgesetzten Strom volkswirtschaftliche Gewinne, das FÖS rechnet sie aber als gesellschaftliche Kosten. Auch der unbestrittene Vorteil der CO2-freien Stromerzeugung wird vom FÖS ins Gegenteil verkehrt, wenn die gesellschaftlich gewünschte Reduktion an CO2-Ausstoß als staatliche Förderung verbucht wird. Denn im Gegensatz zur FÖS-Behauptung haben sich durch die Kernenergie CO2-Zertifikate maßgeblich verbilligt.

Ähnlich intellektuell kühn argumentiert das FÖS, wenn es Rücklagen, die die Kernkraftwerksbetreiber zwingend aufbauen mussten, als Rückstellungen miss-interpretiert, aus denen die Betreiber einen finanziellen Vorteil gewonnen hätten, den es aber nicht gab. (Rücklagen können für nichts anderes als ihren Zweck verwendet werden, darüber wacht die Atomaufsicht, und diese Rücklagen konnten ja auch in den Endlagerfonds überführt werden, was zeigt, dass sie vorhanden waren.) Geradezu zynisch ist, dass das FÖS auch die sozialismusbedingten Sanierungskosten für den Wismut-Bergbau (im Sozialismus zählten Menschenleben wenig und die Umwelt nichts), und die ausschließlich politisch motivierten Kosten für die Endlager Asse und Morsleben, in denen hauptsächlich Abfälle aus der Nuklearmedizin lagern, den Kosten für die Stromerzeugung zurechnet. Wer an Krebs erkrankt ist, für den ist die Strahlentherapie oft die letzte Hoffnung.

Inkompetenz oder Täuschungsabsicht diskreditieren FÖS-Studie

Die Missachtung von Grundkenntnissen der Volks- und Betriebswirtschaftslehre, der Umweltökonomie, der Energiewirtschaft und der Kerntechnik, die extrem einseitige Quellenauswahl, das Leugnen der positiven Effekte der Kernenergie, die deren gesellschaftliche Kosten weit überwiegen, und das Ignorieren elementarer wissenschaftlicher Standards am FÖS ist des Instituts unwürdig. Entweder sind sie ein Anzeichen von Inkompetenz oder von bösgläubiger Täuschungsabsicht mit dem Ziel, für die Kernenergie möglichst hohe Phantasiekosten ausweisen zu können. Beides diskreditiert die Studie und den Auftraggeber. Denn wer ehrlich rechnet, stellt fest, dass der Nutzen der Kernkraft die relativ geringen Subventionen für deren Entwicklung weit übersteigt, und dass die vom FÖS behaupteten gesellschaftlichen Kosten der Kernkraft keiner Überprüfung standhalten.


Dieser Artikel erschien zuerst am 2020-09-25 in einer gekürzten Fassung bei Energate.
Titelfoto: Kernkraftwerk Isar (Holger Senechal)


Dr. Björn Peters

Nuklearia-Mitglied Dr. Björn Peters ist Physiker und erfahrener Kraftwerksfinanzierer. Er leitet das von ihm gegründete Forschungs- und Beratungsinstitut Peters Coll. Ehrenamtlich ist er Gründungsmitglied der Nuclear Pride Coalition sowie Bundesvorstandsmitglied und Ressortleiter Energiepolitik bei einer wirtschaftsliberalen Denkfabrik. Er verantwortet dort die energiepolitische Kolumne »Die Energiefrage«. Kontakt: info@peterscoll.de, Tel. 06198/58660-90, Web www.peterscoll.de.

2 Gedanken zu „Kernenergie: Mehr Nutzen als Subventionen

    • Guter Beitrag, Frank, sehr hilfreich! Die atw hat mir angeboten, eine ausführlichere Replik auf die FÖS-Studie in der Januar-Ausgabe zu veröffentlichen. Werde das voraussichtlich gemeinsam mit dem Ex-Partner einer internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft schreiben. Damit sollte der Artikel genügend Gewicht haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Solve : *
29 + 14 =