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Polens erstes Kernkraftwerk nimmt Gestalt an: NDR stellt Kostenvergleich auf den Kopf

Das Baufeld für Polens erstes Kernkraftwerk in Lubiatowo-Kopalino im Februar 2026. Im Hintergrund entsteht der Offshore-Windpark Baltic Power. Foto: Polskie Elektrownie Jądrowe (PEJ).

Polens erstes Kernkraftwerk nimmt Gestalt an. Unsere Freunde von der polnischen Umweltorganisation FOTA4Climate begleiten das Projekt seit Jahren mit Aktionen und eigener Umwelt-Expertise. Der Kostenvergleich mit einem benachbarten Windpark in einem Artikel des NDR hat gleich vier schwere Fehler: Er setzt gleiche maximale Leistung mit gleicher Stromproduktion gleich, wechselt bei den Kosten unbemerkt von einem Reaktor auf drei, ignoriert die doppelte Betriebsdauer des Kernkraftwerks und lässt die zusätzlichen Systemkosten der Windkraft weg. Gegen die irreführende Darstellung wurde nun Programmbeschwerde eingelegt.

Polen macht Ernst mit der Kernkraft 

Die staatliche Projektgesellschaft PEJ hat das vorbereitete Baufeld in Lubiatowo-Kopalino an den Generalunternehmer Bechtel übergeben. Nun beginnen weitere Arbeiten auf dem Gelände. 

Geplant sind drei AP1000-Reaktoren von Westinghouse mit zusammen 3.750 Megawatt Bruttoleistung. Das Kraftwerk soll Polen zuverlässig mit sauberem Strom versorgen und die Abhängigkeit des Landes von der Kohle verringern. Aus jahrelanger Planung wird damit allmählich ein sichtbares Projekt.

Wir freuen uns besonders mit unseren Freunden von der Umweltorganisation FOTA4Climate / WePlanet PL. Sie setzen sich in Polen seit Jahren für Kernenergie als Teil des Klima- und Naturschutzes ein und haben viel dazu beigetragen, dem Thema in der polnischen Öffentlichkeit Rückhalt zu geben.

Ihr Einsatz beschränkt sich nicht auf öffentliche Aktionen. FOTA4Climate ließ den Umweltbericht für das geplante Kernkraftwerk von unabhängigen Fachleuten prüfen und veröffentlichte dazu eine eigene Stellungnahme. Die 2023 veröffentlichte Expertise behandelt unter anderem die Auswirkungen auf Waldökosysteme, Tiere, Pflanzen und Pilze, die Meeresumwelt, den Tourismus und die Lärmbelastung. Das Ergebnis: Das Kernkraftwerk kann unter Beachtung der vorgesehenen Schutz- und Ausgleichsmaßnahmen gebaut werden, ohne das örtliche Ökosystem zu zerstören. Damit setzte FOTA4Climate den pauschalen Behauptungen polnischer Kernkraftgegner eine fundierte ökologische Prüfung entgegen. 

Mitglieder von FOTA4Climate und WePlanet nach einer Strandreinigung in Słajszewo. Auf den Transparenten steht: „Rettet das Klima, unterstützt die Kernenergie“ und „Wir wollen Kernenergie statt Kohle“. Foto: Robert Kalak/WePlanet PL. 

Richtig gerechnete Investitionskosten: 65 Milliarden Euro für Windkraft, 45 Milliarden für Kernkraft

Auch der NDR berichtet über die Fortschritte. Am Ende des Beitrags entsteht jedoch der Eindruck, ein Windpark für fünf Milliarden Euro erbringe ungefähr dasselbe wie das geplante Kernkraftwerk für 45 Milliarden Euro. Der Vergleich könnte kaum falscher sein, und zwar aus mehreren Gründen:

Tatsächlich vergleicht der NDR einen Windpark mit einem einzelnen Reaktor, stellt dessen Kosten anschließend aber den Kosten des gesamten Kernkraftwerks mit drei Reaktoren gegenüber.

Richtig gerechnet sieht der Vergleich anders aus: Der Windpark Baltic Power soll bis zu 4 Terawattstunden Strom im Jahr erzeugen, das vollständige Kernkraftwerk rund 26 Terawattstunden. Dafür wären etwa 6,5 Windparks der Größe von Baltic Power nötig. Nach den im NDR genannten Investitionssummen würden sie zusammen rund 32,5 Milliarden Euro kosten.

Das Kernkraftwerk ist jedoch für 60 Betriebsjahre ausgelegt, Baltic Power für etwa 30 Jahre. Über denselben Zeitraum müsste die Windkraft daher einmal vollständig ersetzt werden. Vereinfacht stehen damit 65 Milliarden Euro für Windkraft gegen 45 Milliarden Euro für Kernkraft.

Schon bei den reinen Investitionskosten ist die Kernkraft nach diesen Zahlen also günstiger. 

Auch der wirtschaftliche Wert des erzeugten Stroms unterscheidet sich. Windparks produzieren meist gleichzeitig mit vielen anderen Windkraftanlagen. Und das auch nur, wenn gerade Wind weht. Dann ist besonders viel Strom verfügbar und der Börsenpreis entsprechend niedrig oder sogar negativ. Kernkraftwerke liefern dagegen unabhängig vom Wetter rund um die Uhr. Ihr Strom ist deshalb besser planbar und erzielt im Durchschnitt einen höheren Marktwert. Das Kernkraftwerk erzeugt also nicht nur mehr Strom, sondern kann diesen in der Regel auch zu besseren Preisen verkaufen.

Zusätzliche Kosten für Netzausbau, Speicher und gesicherte Reserveleistung, die wegen der wetterabhängigen Windstromproduktion benötigt werden, sind dabei noch nicht enthalten.

Für eine vollständige Kostenrechnung müssten auf beiden Seiten auch Systemkosten, Finanzierung, Betrieb und Rückbau betrachtet werden. Der Vergleich des NDR leistet das jedoch nicht. Er vermischt unterschiedliche Anlagen, Strommengen und Betriebszeiten und vermittelt dadurch ein grob falsches Bild. Der NDR behauptet damit, Kernkraft wäre teurer als Windkraft, obwohl es genau anders herum ist.

Alexander Schröder hat deshalb eine förmliche Programmbeschwerde beim NDR eingereicht. Auf seinen Wunsch und mit seiner Zustimmung dokumentieren wir sie hier vollständig.

Die Programmbeschwerde im Wortlaut

Betreff: Förmliche Programmbeschwerde gemäß § 14 NDR-Staatsvertrag

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit erhebe ich förmliche Programmbeschwerde gegen den Online-Beitrag:

„Baufreiheit für Polens erstes Kernkraftwerk“
veröffentlicht am 23. August 2026, Stand 20:42 Uhr
https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/baufreiheit-fuer-polens-erstes-kernkraftwerk,polen-546.html

Ich beanstande insbesondere folgende Passage:

„Ende des Jahres sollen 76 Turbinen mit 1.140 Megawatt am Netz hängen. Das entspricht ungefähr der Leistung eines Reaktors des geplanten KKW.

Bauzeit des Windparks: drei Jahre bei ungefähr fünf Milliarden Euro Kosten. Für das Kernkraftwerk hingegen sind zehn Jahre Bauzeit und 45 Milliarden Euro Kosten kalkuliert.“

Die einzelnen Zahlen mögen isoliert betrachtet zutreffen. Durch ihre unmittelbare Gegenüberstellung entsteht jedoch der sachlich unzutreffende Eindruck, der Windpark erbringe ungefähr dieselbe energiewirtschaftliche Leistung wie das Kernkraftwerk, koste aber lediglich rund ein Neuntel.

Tatsächlich werden hier unterschiedliche Bezugsgrößen miteinander vermischt:

Die 1.140 MW des Windparks Baltic Power sind dessen installierte Nennleistung. Der Betreiber erwartet eine Jahresproduktion von bis zu 4 TWh. Daraus ergibt sich ein Kapazitätsfaktor von rund 40 Prozent, entsprechend etwa 3.510 Volllaststunden und lediglich rund 457 MW mittlerer Leistung.

Das geplante Kernkraftwerk besteht nicht aus einem, sondern aus drei AP1000-Reaktoren mit zusammen 3.750 MW Bruttoleistung. Die genannten 45 Milliarden Euro beziehen sich auf diese vollständige Anlage mit drei Reaktoren, nicht auf den zuvor zum Vergleich herangezogenen einzelnen Reaktor.

Ein AP1000 besitzt rund 1.110 MW elektrische Nettoleistung. Bei einem angenommenen Kapazitätsfaktor von 90 Prozent würde ein Reaktor ungefähr 8,75 TWh jährlich erzeugen und damit mehr als doppelt so viel wie der gesamte Windpark Baltic Power.

Das vollständige Kernkraftwerk würde unter derselben Annahme rund 26 TWh jährlich erzeugen. Das entspricht energetisch ungefähr 6,5 Windparks der Größe von Baltic Power und nicht einem einzigen Windpark.

Hinzu kommen grundlegend unterschiedliche Eigenschaften der bereitgestellten Leistung. Die durchschnittliche Produktion des Windparks ist wetterabhängig und nicht mit gesicherter, planbarer Kraftwerksleistung gleichzusetzen. Ebenso unterscheiden sich die vorgesehenen Betriebszeiträume erheblich: Offshore-Windparks werden typischerweise für etwa 25 bis 30 Jahre betrieben, der AP1000 ist für 60 Jahre ausgelegt.

Der Beitrag stellt zunächst eine vermeintliche Gleichwertigkeit zwischen einem Windpark und einem Reaktor über deren Nennleistung her. Direkt danach werden jedoch die Kosten des einen Windparks mit den Kosten des gesamten Kernkraftwerks aus drei Reaktoren verglichen. Jahresproduktion, mittlere Leistung, Verfügbarkeit, Anzahl der Reaktoren und Betriebsdauer bleiben unerwähnt.

Diese Darstellung ermöglicht aus meiner Sicht keine sachgerechte selbstständige Urteilsbildung. Ich sehe darin einen Verstoß gegen das Gebot der sachlichen und umfassenden Unterrichtung gemäß § 8 Absatz 1 NDR-Staatsvertrag sowie gegen die Anforderungen an eine sachliche Berichterstattung gemäß § 8 Absatz 2 NDR-Staatsvertrag.

Ich bitte daher um:

  • eine redaktionelle Überprüfung der beanstandeten Passage,
  • eine Ergänzung beziehungsweise Korrektur des Online-Beitrags mit eindeutiger Kennzeichnung der jeweiligen Bezugsgrößen,
  • die Klarstellung, dass sich die 45 Milliarden Euro auf drei Reaktoren mit insgesamt 3.750 MW beziehen,
  • die Ergänzung der erwarteten Jahresproduktion und des daraus resultierenden Kapazitätsfaktors von Baltic Power,
  • eine schriftliche und nachvollziehbar begründete Bescheidung dieser Programmbeschwerde gemäß § 14 Absatz 2 NDR-Staatsvertrag.

Die Beschwerde richtet sich nicht gegen die Berichterstattung über Offshore-Windkraft oder Kernenergie als solche. Sie richtet sich ausschließlich gegen einen technisch und wirtschaftlich nicht konsistenten Vergleich, dessen wesentliche Einordnungen dem Publikum vorenthalten werden.

Mit freundlichen Grüßen

Alexander Schröder

Quellen

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