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Vom Kohlekraftwerk bis auf den laufenden Reaktor: Nuklearia-Mitglieder unterwegs

Im Juli besuchten Nuklearia-Mitglieder drei Nuklearanlagen in der Schweiz. Höhepunkt der dreitägigen Reise war eine Sonderführung durch das Kernkraftwerk Gösgen, einen der wenigen aktiven Reaktoren deutscher Bauart. Dort standen unsere Mitglieder direkt über dem laufenden Reaktor. Bereits im Juni hatte Nuklearia eine Führung durch das Großkraftwerk Mannheim ermöglicht. 

Vom 25. bis zum 27. Juli besuchten wir das Kernkraftwerk Leibstadt, das Kernkraftwerk Gösgen und das Zentrale Zwischenlager Würenlingen. Es nahmen bis zu 26 Nuklearia-Mitglieder teil. Einige verbrachten das gesamte Wochenende gemeinsam in einem Pfadfinderheim, als Selbstversorger und mit viel Zeit für Gespräche.

Inhalt

Gösgen: Auf einem laufenden Reaktor deutscher Bauart

Höhepunkt unserer dreitägigen Reise war die mehr als fünfstündige Sonderführung durch das Kernkraftwerk Gösgen. Am Sonntag besichtigten 26 Nuklearia-Mitglieder die Anlage und durften dabei bis auf die Reaktor-Ebene direkt über dem laufenden Reaktor. 

Nuklearia-Mitglieder am Kraftwerksmodell im Besucherzentrum des Kernkraftwerks Gösgen

Gösgen ist auch aus deutscher Sicht etwas Besonderes. Der seit 1979 betriebene Druckwasserreaktor stammt von der deutschen Kraftwerk Union (KWU). Er gehört zu den wenigen Reaktoren deutscher Bauart, die heute noch Strom produzieren.

Der Kontakt war durch einen Mitarbeiter des Kraftwerks entstanden, der auf die Arbeit von Nuklearia aufmerksam geworden war. Begleitet wurde die Führung außerdem von Prof. Dr. Horst-Michael Prasser, dem emeritierten Professor für Kerntechnik an der ETH Zürich. Unsere 26 Teilnehmer wurden auf fünf kleine Gruppen verteilt.

Nach einer ausführlichen Einführung im Besucherzentrum erhielten wir Betriebsausweise und Dosimeter. Dann ging es in die Umkleide: einschließlich Unterwäsche wurden wir vollständig mit Kraftwerks-Kleidung, weißen Kombis und Werksschuhen ausgestattet. Über Treppen, Schleusen und Kontrollbereiche gelangten wir schließlich bis in das Containment.

Über dem Reaktor

Dort standen wir auf der Reaktorebene direkt über dem laufenden Reaktor. Unter unseren Füßen arbeitete die Anlage mit rund drei Gigawatt thermischer Leistung. Es war ein erhabener und sehr beeindruckender Moment. Ein Teilnehmer beschrieb ihn so: „Wahnsinn: Wenige Meter unter mir brennt ein Feuer mit drei Gigawatt, also etwa vier Millionen PS und ich kann hier einfach stehen.“

Neben den Heißdampfleitungen waren leichte Vibrationen zu spüren. Wir durften die Leitungen sogar kurz von außen berühren. Neben dem Reaktorschacht fiel der Blick von oben in das klare, leuchtend blaue Wasser des Abklingbeckens. Dort lagern die abgebrannten Brennelemente, abgeschirmt durch mehrere Meter Wasser.

Mehr als fünf Stunden dauerte diese außergewöhnlich ausführliche Führung. Das Dosimeter eines Teilnehmers zeigte danach gerade einmal ein zusätzliches Mikrosievert an. Das ist weniger die natürliche Strahlendosis, die ein Mensch in Deutschland in dieser Zeit erhält.

Auch nach 47 Betriebsjahren ist Gösgen blitzsauber und hervorragend gepflegt. Eine Führung in dieser Tiefe und mit so viel Zeit bekommen nur sehr wenige Besuchergruppen. 

Leibstadt: Das leistungsstärkste Kernkraftwerk der Schweiz

Bereits am Tag zuvor besuchten Nuklearia-Mitglieder das Kernkraftwerk Leibstadt. Es ist seit 1984 im Betrieb. Mit 1,2 Gigawatt Leistung ist sein Siedewasserreaktor das leistungsstärkste Kernkraftwerk der Schweiz. Die Führung begann im modernen Informationszentrum am Reaktormodell im Maßstab 1:3.

Im Kommandoraum konnten wir sehen, wie moderne digitale Leittechnik und historische Analoganzeigen miteinander verbunden wurden. Die alten Anzeigen blieben als zusätzliche Redundanz erhalten.

Anschließend führte uns der Weg über das Kraftwerksgelände durch die Pumpenhalle bis zum 144 Meter hohen Naturzug-Nasskühlturm. Dort werden pro Sekunde rund 33 Kubikmeter Kühlwasser um 8 bis 14 Grad abgekühlt. Nur ein kleiner Teil des Wassers verdunstet dabei.

Obwohl Leibstadt seit mehr als vier Jahrzehnten Strom produziert, sieht man der Anlage ihr Alter nicht an. Alles ist ausgesprochen sauber und gepflegt. Wegen der vielen Fragen dauerte die Führung schließlich länger als die vorgesehenen zwei Stunden.

Schweizer Kernkraftwerke besitzen keine von vornherein befristete Betriebsbewilligung. Sie dürfen so lange betrieben werden, wie ihre Sicherheit gegenüber dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI nachgewiesen werden kann. Der Schweizer Bundesrat kam im Mai 2026 außerdem zu dem Ergebnis, dass ein Betrieb von Leibstadt und Gösgen über 80 Jahre technisch möglich und in den allermeisten Fällen auch wirtschaftlich wäre. Eine staatliche Förderung hält er dafür nicht für erforderlich. Zur Mitteilung des Bundesrats

Kernkraftwerk Leibstadt mit Kühlturm und Reaktorgebäude

Würenlingen: Was mit den radioaktiven Abfällen geschieht

Am Montag besuchten 16 Nuklearia-Mitglieder das Zentrale Zwischenlager Würenlingen. Das ZWILAG liegt in unmittelbarer Nähe des Paul Scherrer Instituts und des Kernkraftwerks Beznau und ist seit dem Jahr 2000 in Betrieb.

Nuklearia-Mitglieder vor dem Zentralen Atommüll-Zwischenlager Würenlingen

Nach einer Einführung am Anlagenmodell und einer Sicherheitsbelehrung erhielten wir Betriebsausweise, Werksschuhe, Schutzhelme und Kittel. Da in einigen Bereichen gearbeitet wurde, legte unsere Führerin die genaue Route kurzfristig mit den zuständigen Stellen fest.

Die erste Station war die Plasma-Anlage. Dort werden schwach radioaktive Abfälle wie ausgesonderte Arbeitskleidung, Filter und Reinigungsmaterialien bei extrem hohen Temperaturen behandelt. Die organischen Bestandteile werden vollständig zerstört, die Abgase mehrfach gereinigt und gefiltert. Das verbleibende Abfallvolumen schrumpft dabei auf einen Bruchteil der ursprünglichen Menge.

Das ZWILAG besitzt außerdem Werkstätten zur Dekontamination und Aufbereitung von Materialien. Dort werden unter anderem Teile aus dem Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg bearbeitet. Häufig genügt eine gründliche Reinigung der Oberflächen. Nach Angaben während der Führung können mehr als 80 Prozent der behandelten Werkstoffe anschließend wieder in den normalen Stoffkreislauf zurückkehren.

Über zahlreiche Treppen gelangten wir auf die Kranebene der großen Lagerhalle für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Dort stehen gelbe und orange Fässer geordnet in großen Lagerkassetten. Obwohl das ZWILAG bereits seit mehr als 25 Jahren arbeitet, ist die Halle noch nicht einmal zu einem Viertel gefüllt.

Zum Abschluss konnten wir durch Bleiglasscheiben in die Lagerhalle mit den weißen Transport- und Lagerbehältern für abgebrannte Brennelemente sehen. Auch hier beeindruckten vor allem die Ordnung, die Sauberkeit und die Ruhe des Betriebs.

Nach der Führung stärkten wir uns in der Kantine des Paul Scherrer Instituts. Gesprächsstoff hatten wir nach drei Tagen mehr als genug.

Zuvor im Großkraftwerk Mannheim

Bereits am 19. Juni hatte Nuklearia seinen Mitgliedern eine Führung durch das Großkraftwerk Mannheim ermöglicht. Durch die Anlage führte Betriebsleiter Thomas Franke, der zuvor in leitender Funktion in Kernkraftwerken tätig war. Anschließend trafen sich die Teilnehmer beim Kernkraft-Stammtisch Heidelberg.

Nuklearia-Mitglieder bei einer Führung durch das Großkraftwerk Mannheim

Auch dieser Besuch brachte Erkenntnisse, die in der öffentlichen Energiedebatte oft fehlen. Ein Kohlekraftwerk-Block wird aus dem regulären Betrieb genommen und wechselt in die Reserve. Das bedeutet, dass er zwar offiziell als stillgelegt gilt, aber insbesondere zur Absicherung der Versorgung im Winter in der Regel trotzdem dann voll durchläuft.

Kohlekraftwerke liefern außerdem wichtige Nebenprodukte. Bei der Rauchgasreinigung entsteht Gips, den die Baustoffindustrie verwendet. Werden Kohlekraftwerke stillgelegt, fällt auch diese heimische Rohstoffquelle weg und muss durch andere Quellen ersetzt werden.

Teilnehmer der Kraftwerksführung beim anschließenden Kernkraft-Stammtisch Heidelberg

Der Besuch in Mannheim und die anschließende Schweiz-Reise zeigten sehr unterschiedliche Teile unserer Stromversorgung. Genau deshalb sind solche Führungen so wertvoll: Wer über Kraftwerke und Energiepolitik spricht, sollte die Anlagen nach Möglichkeit einmal selbst gesehen haben.

Kraftwerke gehören auf den Stundenplan

Bei unseren Führungen fragten wir auch, ob sich regelmäßig kernkraftkritische Gruppen für Besichtigungen anmelden. Die überraschende Antwort lautete: nein. Gelegentlich würden Schulklassen von kritischen Lehrkräften begleitet. Einer dieser Lehrer habe nach einer Führung eingeräumt, vorher nicht gewusst zu haben, wie ein Kernkraftwerk tatsächlich funktioniert und betrieben wird. Sein Bild von der Kernenergie habe sich durch den Besuch verändert.

Kraftwerksbesuche sollten deshalb viel häufiger zum Unterricht gehören. Das gilt für Kernkraftwerke ebenso wie für Kohle-, Gas-, Wasser-, Wind- und Solaranlagen. Wer sich eine begründete Meinung über Energieversorgung bilden soll, muss sehen können, wie Strom tatsächlich erzeugt wird.

Unser herzlicher Dank gilt den Besucherführern an allen drei Schweizer Standorten. Sie nahmen sich viel Zeit, beantworteten unsere zahlreichen Fragen und interessierten sich ihrerseits für die Arbeit von Nuklearia.

Als Dankeschön hinterließen wir von allen Teilnehmern unterzeichnete Karten und Ehrenurkunden sowie Nuklearia-Informationsmaterial. Kermit der Frosch im Nuklearia-T-Shirt durfte dabei natürlich nicht fehlen.

Für unsere Mitglieder waren diese Besuche eine seltene Gelegenheit, drei sehr unterschiedliche Teile der Kerntechnik aus nächster Nähe kennenzulernen. Weitere Anlagenbesichtigungen sollen folgen.

Kernkraftwerk Gösgen mit Kühlturm und Reaktorgebäude

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