Das Risiko, Risiken falsch einzuschätzen

Menschen sind ziemlich schlecht darin, komplexe Risiken einzuschätzen. Wir alle besitzen die angeborene Fähigkeit, sehr schnell Risikoeinschätzungen vorzunehmen. Dabei verwenden wir gedankliche Abkürzungen – oder Voreingenommenheiten –, die uns im Laufe der Evolution geholfen haben. Aber in einer Zeit, die voller abstrakter Informationen ist, müssen wir uns darüber klar werden, dass diese Voreingenommenheiten keineswegs problemlos sind.

Unser Bauchgefühl ermöglicht schnelle Reaktionen, kann aber falsch liegen

Niemand ist gegen solche grundlegenden Vorurteile immun – weder Politiker, noch Aufsichtsbehörden, Wissenschaftler oder sonst jemand. Ich schätze meine Ausbildung als Wissenschaftlerin sehr, aber als Mutter weiß ich auch, dass mir jede mögliche Gefahr für meine Kinder sofort einen Schrecken einjagt. Das geschieht unmittelbar, lange bevor ich Zeit habe, eine bedächtige und wohlüberlegte Abwägung der Risiken im Licht der besten verfügbaren Informationen durchzuführen. Ich weiß aber auch: Wenn ich der sorgsamen und gründlichen Risikobewertung keine Chance gebe, meine instinktive Einschätzung auf Richtigkeit zu prüfen, dann kann das dazu führen, dass meine Kinder einen Schaden erleiden. Also lasst uns einmal über Risiken und Risikoeinschätzungen nachdenken!

Wir müssen lernen, unser Bauchgefühl zu verstehen und unsere Intuitionen richtig einzuordnen. Dies ist entscheidend, denn manchmal können sie uns in die Irre führen können. Uns geht es ja darum, uns vor solchen Risiken zu schützen, die real und erheblich sind – statt nur diejenigen Risiken zu vermeiden, die am geschicktesten unsere Aufmerksamkeit erregen. Beim Thema Energie fällt dies vor allem bei der einen Energieform auf, vor der sich die Menschen am meisten fürchten: der Kernkraft. Warum haben wir eigentlich Angst davor?

Die Risikoforschung zeigt uns, welche Risiken wir als besonders gravierend empfinden: Es sind die unvertrauten, aufgezwungenen und künstliche Risiken, die in unserem Gehirn auf der Schnellstraße fahren, wenn wir Gefahren beurteilen [Slovisch 1987]. Die Kernenergie als unsere jüngste Energieform erfüllt viele dieser »schnellen« Kriterien. Die meisten anderen Energiequellen sind uns wesentlich vertrauter, weil wir sie mit unseren Sinnen spüren und mit unseren Händen anfassen und steuern können. Wir verstehen, was es bedeutet, einen Wasserdurchfluss zu steuern, ein Feuer zu schüren, das Sonnenlicht zu empfinden oder ein Segel zu setzen. Wir haben ein unmittelbares, praktisches Verständnis dafür, wie wir mit Dingen wie Rauch, Hitze oder Flutwellen umgehen. Aber wir wissen nicht intuitiv, wie wir die Kernspaltung beeinflussen können – wir können ja nicht einmal ionisierende Strahlung mit unseren Sinnen wahrnehmen.

Unsere Angst vor Kernkraft und die tatsächliche Risiken klaffen auseinander

Unsere natürlichen, blitzschnellen Risikobewertungen verleiten uns, einen gravierenden Unterschied zu machen zwischen der Angst von der Kernenergie einerseits und ihren tatsächlichen Risiken andererseits. Um den Risikoberater Peter Sandman zu zitieren [Sandmann 2007]: »Die Risiken, die Menschen umbringen, und die Risiken, die Menschen verunsichern, sind vollkommen andere.« Dies wird deutlich, wenn wir die Anzahl der Todesopfer pro produzierter Energiemenge betrachten: Unsere am meisten gefürchtete Energiequelle ist zugleich die am wenigsten schädliche [Markandya & Wilkinson, Our World In Data, Statista]. Die Kernenergie ist zusammen mit der Windenergie sogar sicherer als Solar- oder Wasserkraft. Und sie ist weit weniger tödlich als jede Energiequelle, die auf Verbrennung beruht, also fossile Energien und Biomasse. Diese führen jedes Jahr zu Millionen von Todesopfern durch Luftverschmutzung [The WHO].

Sogar Strahlung empfinden wir dann nicht als sonderlich schädlich, wenn wir sie mit natürlichen Quellen in Verbindung bringen, aus denen übrigens der Großteil unserer Strahlenexposition stammt. Wir fürchten uns schnell vor allem, was wir als künstlich empfinden, während wir das Ausmaß natürlicher Gefahren leicht unterschätzen.

Die Risikowahrnehmung kann selbst zu einer Gefahrenquelle werden, wenn sie mehr Schaden als Nutzen anrichtet. So erwies sich unsere Angst vor der Kernenergie als tödlicher als die Strahlung selbst. Überhastete und lang andauernde Evakuierungen nach Nuklearunfällen forderten einen psychischen und gesellschaftlichen Tribut, der weit höher ist als die gesundheitlichen Auswirkungen vermiedener ionisierender Strahlung [UNSCEAR 2008, Smith 2007, Thomas 2018]. Vorzeitige Stilllegungen von Kernkraftwerken verursachten weltweit Zehntausende von Todesfällen durch Luftverschmutzung – und verursachen sie weiterhin, da der Anteil der Kohle weiter ansteigt [Kharecha & Sato 2019].

Unterschätzte nicht-nukleare Energieunfälle

Diese Ergebnisse sind wissenschaftlich unumstritten. Leider werden sie völlig überschattet von unserem Widerwillen gegen diese so seltsame und im wahrsten Sinn des Wortes unbegreifliche Kraft. Das sollte uns zu denken geben und innehalten lassen: Unsere Angst davor ist derart gewaltig, dass wir tatsächliche menschliche Tragödien übersehen.

Dies ist besonders auffällig, wenn wir uns mit Energieunfällen befassen. Nuklearunglücke haben in unserer Kultur einen überragenden Platz eingenommen, während den meisten von uns nicht wirklich klar ist, dass die größten energiebedingten Unfälle ein Vielfaches an Menschenleben forderten. Wir wissen schlichtweg nichts davon. Wir sind uns der Energieunfälle in unserer jüngeren Geschichte nicht bewusst, die für sehr viel mehr Menschen einen tödlichen Ausgang nahmen oder mit sehr viel gravierenderen Umweltschädigungen einhergingen als Kernkraftunglücke. Darauf bin ich in meiner dreiteiligen Serie über Energieunfälle [Thoughtscapism] ausführlich eingegangen. Wenn Unglücksfälle nicht die Kernenergie betreffen, verlangen sie einfach nicht so viel Aufmerksamkeit von uns.

Interessanterweise schenken wir sogar künstlichen Quellen radioaktiver Belastung nur geringe Aufmerksamkeit, wenn diese Radioaktivität aus vertrauteren Energiequellen stammt. Beispielsweise setzen Kohlekraftwerke durch ihre Asche bis zu 100 mal mehr Radioaktivität frei als ein Kernkraftwerk, das die gleiche Energiemenge produziert [Scientific American 2007]. Aber die größten Risiken liegen ganz woanders.

Die wirklich großen Risiken erkennen und vermeiden

Ionisierende Strahlung stellt nur einen winzigen Teil unserer gesamten Risikolandschaft dar. Aber wie wir Strahlung bewerten, spielt eine wichtige Rolle für die Zukunft der Menschheit – nämlich dafür, wie wir die wirklich großen Probleme bewältigen, wie wir die Luftverschmutzung, die Zerstörung von Lebensräumen und vor allem, wie wir die Dekarbonisierung zur Bekämpfung des Klimawandels schaffen.

Für mich selbst war es ein ernüchternder, aber wichtiger Weg, mir über meine eigenen natürlichen Vorurteile klar zu werden und sie anzuerkennen. Schritt für Schritt veränderte dies meine Einstellung zur Kernenergie. Als Kind nahm ich bereitwillig die prägende Ansichten meiner Umwelt über Kernenergie auf. Ich hielt ihre Risiken für unüberwindbar. Aber ich musste feststellen, dass die gängigen Annahmen ein schlechter Ersatz für das richtige Verständnis sind. Bei diesem Thema führt uns unsere Intuition in die Irre.

Ich mache mir Sorgen um die Zukunft des Planeten, auf dem meine Kinder aufwachsen, und ich wäge die schwerwiegenden Risiken, denen sie ausgesetzt sind, sorgfältig ab. Aus diesem Grund bin ich eine »Mutter für Kernenergie«.

Quellen


Iida Ruishalme
Iida Ruishalme ist finnisch-schwedische Zellbiologin, Wissenschaftskommunikatorin, ökomoderne Bloggerin bei Thoughtscapism und leitet die europäische Sektion von Mothers for Nuclear (Mütter für Kernenergie).

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