Flusswasser zu warm: Warum Kernkraftwerke im Sommer abgeschaltet werden

Immer wieder äußern Kernkraftgegner die Auffassung, Kernenergie sei unzuverlässig und keine Lösung, weil Kernkraftwerke im Sommer ja wegen der Aufheizung des Flusswassers abgeschaltet werden müssten. Was ist da dran? Ist das wirklich ein riesiges Problem, womöglich gar ein unlösbares?

Nicht abschalten, nur drosseln

Zunächst einmal: Mit Flusswasser gekühlte Kernkraftwerke werden im Sommer nur ganz, ganz selten abgeschaltet. In der Regel werden sie nur ein wenig oder ein wenig mehr in ihrer Leistung gedrosselt, damit die Erwärmung des Flusswassers innerhalb der zulässigen Grenzen bleibt. Auch nach der Drosselung liefert das Kraftwerk noch jede Menge Strom. (Übrigens: Viele Menschen glauben, Kernkraftwerke könne man gar nicht drosseln, und sie müssten immer mit 100 Prozent Leistung laufen. Aber das stimmt nicht.)

Kühlen per Kühlturm

Außerdem: Flusswasser ist nicht die einzige Möglichkeit, ein (Kern-)Kraftwerk zu kühlen. Man kann das ebenso gut mit einem Kühlturm hinkriegen. Allerdings hat die Sache einen Haken: Ein Kühlturm kostet Geld. Der Kraftwerksbetreiber hat zwei Möglichkeiten:

  • Er gibt das Geld aus und baut den Kühlturm. Dann kann er seine Anlage auch in sommerlichen Hitzeperioden mit voller Leistung durchlaufen lassen. Dadurch verkauft er mehr Strom und bekommt entsprechend mehr Geld herein.
  • Er baut keinen Kühlturm und spart das Geld. Dafür nimmt er in Kauf, dass er bei Hitze die Leistung drosseln muss, weniger Strom verkauft und geringere Einnahmen erzielt.

Für den Betreiber lohnt sich die Ausgabe für einen Kühlturm nur dann, wenn er durch den Mehrverkauf von Strom mehr Geld verdient, als der Kühlturm kostet. Ob das funktioniert oder nicht, muss er für das jeweilige Kraftwerk durchrechnen und entscheiden. Wenn im Zuge der globalen Erwärmung Hitzeperioden öfter und länger auftreten und häufigere Leistungsabsenkungen erfordern, dann könnten sich Kühltürme künftig möglicherweise mehr lohnen.

Der Kühlturm als Auflage

Es kann auch sein, dass die Aufsichtsbehörde – abhängig vom Umweltverträglichkeitsbericht – den Bau eines Kühlturms vorschreibt. Zwar könnte der Betreiber den Temperaturgrenzwert des Flusswassers im Extremfall auch durch Abschalten einhalten, aber dann könnte er seinen Versorgungsauftrag natürlich nicht mehr erfüllen. Neue Kernkraftwerke an Flüssen werden heute weltweit von vornherein nur noch mit Kühltürmen gebaut.

Jedenfalls ist die Sache mit dem Flusswasser keineswegs das unlösbare Problem, das Atomkraftgegner daraus machen.

Kühlen mit Abwasser

Kernkraftwerk Palo Verde, Arizona, USA. Foto: Chris Uhlik, Wikimedia Commons, Public Domain

Übrigens: Wenn es unbedingt sein muss, geht es auch ganz ohne Fluss, See oder Meer. Die Kühlung von Palo Verde, dem größten Kernkraftwerk der USA, erfolgt durch aufbereites Abwasser der umliegenden Kommunen. Das Kühlwasser wird komplett verdampft; das Kernkraftwerk gibt kein Wasser an die Umgebung ab. Das kann auch Vorbild für wasserarme Länder wie Jordanien sein.


Titelbild: Kernkraftwerk Saporischschja, Ukraine, Europas größtes Kernkraftwerk. Foto: Ralf1969, Wikimedia Commons

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