Keine Störfälle in deutschen Kernkraftwerken

»AKW Brokdorf und Grohnde melden meiste Störfälle« titelte der NDR in einem Beitrag vom 27. Dezember 2018. Insgesamt 79 Vorfälle habe es gegeben, führt der NDR weiter aus und verweist auf das Blog »ausgestrahlt« des Anti-Atom-Aktivisten Jan Becker. Tatsächlich aber hat es im Jahr 2018 und auch in den 16 Jahren zuvor in deutschen Kernkraftwerken keinen einzigen Störfall gegeben.

Ursache für diesen Widerspruch ist eine Verfälschung des Begriffs »Störfall« durch Anti-Atom-Aktivisten, die von den Medien bewusst oder aus Unkenntnis aufgegriffen und propagiert wird. Das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit hilft nach Kräften mit.

Was ist überhaupt ein Störfall? Das verrät die INES-Skala, die International Nuclear and Radiological Event Scale (Internationale Bewertungsskala für nukleare und radiologische Ereignisse) der International Atomic Energy Agency (IAEA).

INES-Einstufung beschreibt, wie gravierend ein Vorfall ist

An der INES-Einstufung eines Ereignisses soll die Öffentlichkeit schnell erkennen können, wie gravierend ein Vorfall ist. Die INES-Skala hat sieben Stufen von 1 bis 7, wobei INES 1 eine Störung bezeichnet und INES 7 einen katastrophalen Unfall (Tschernobyl, Fukushima). Außerhalb der Skala steht INES 0 für Ereignisse ohne Bedeutung für die Sicherheit. Die INES-Skala ist logarithmisch aufgebaut. Das bedeutet, dass ein Ereignis auf einer höheren Stufe etwa zehnmal gravierender ist als eines auf der Stufe darunter. Beispielsweise ist ein INES-3-Ereignis zehnmal so gravierend wie ein INES-2-Ereignis und hundertmal gravierender als ein INES-1-Vorfall.

Die INES-Skala. Quelle: INES: The International Nuclear and Radiological Event Scale User’s Manual, 2008 Edition

Die deutsche Fassung der INES-Skala bezeichnet die Stufen wie folgt:

  • 7: Katastrophaler Unfall
  • 6: Schwerer Unfall
  • 5: Ernster Unfall
  • 4: Unfall
  • 3: Ernster Störfall
  • 2: Störfall
  • 1: Störung
  • 0: Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung

Störfall = INES 2 oder höher

Die INES-Skala fasst die Stufen 4 bis 7 zu »Unfällen« (“Accidents”) zusammen, die Stufen 1 bis 3 als »Störungen und Störfälle« (“Incidents”), nachzulesen im deutschen INES-Handbuch. Vorfälle ab INES 2 müssen an die IAEA gemeldet werden.

Zurück zum NDR-Beitrag. Wenn der NDR recht hat, müssten die von ihm genannten 79 Störfälle eine Einstufung als INES 2 oder 3 erhalten haben, denn sonst wären es ja keine Störfälle.

Problematische Übersicht des Bundesamts für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE)

Wie kann man die INES-Einstufungen überprüfen? Meldungen über die relevanten Vorfälle in Kernkraftwerken, die sogenannten meldepflichtigen Ereignisse, laufen mitsamt ihrer INES-Einstufung beim Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) zusammen, das auf dieser Grundlage die Übersicht »Kernkraftwerke in Deutschland: Meldepflichtige Ereignisse seit Inbetriebnahme« (Abbildung 1) publiziert.

Doch diese Übersicht ist höchst problematisch! Denn sie nennt lediglich die reine Anzahl meldepflichtiger Ereignisse, lässt aber die INES-Stufen weg und sagt daher überhaupt nichts darüber aus, wie gravierend die Vorfälle waren. Damit bleibt die Transparenz, die die INES-Skala durch die unterschiedlichen Einstufungen von Vorfällen schaffen will, vollkommen auf der Strecke.

Abbildung 1: Übersicht meldepflichtiger Ereignisse in deutschen Kernkraftwerken beim BfE

Denn die BfE-Übersicht gewichtet die Ereignisse nicht nach ihrem Schweregrad und liefert dadurch ein verzerrtes Bild. Der Betrachter der Übersicht gewinnt den Eindruck: wenige Vorfälle = hohe Sicherheit, viele Vorfälle = geringe Sicherheit. Doch das geht an der Wirklichkeit vorbei.

Als Beispiel mag dies verdeutlichen: Nehmen wir die beiden Kernkraftwerk A und B. Kraftwerk A hatte nur ein einziges Ereignis zu melden, Kraftwerk B 20. Welches Kraftwerk sieht in der BfE-Übersicht besser aus? Natürlich Kraftwerk A!

Allerdings handelte es sich bei dem Ereignis in Kraftwerk A um einen ernsten Störfall (INES 3), während die Vorfälle in Kraftwerk B allesamt lediglich INES-0- und INES-1-Ereignisse waren. Ein INES-3-Ereignis wiegt aber hundertmal schwerer als ein INES-1-Vorfall. Daher ist die Sicherheitsbilanz von Kraftwerk B in Wirklichkeit sehr viel besser als die von Kraftwerk A.

Die INES-Einstufungen sind für das Verständnis also außerordentlich wichtig. Durch das Weglassen dieser Informationen macht das BfE seine Übersicht nicht nur nutzlos, sondern irreführend. Durch zwei- und dreistellige Anzahlen von Vorfällen erweckt es den Eindruck, in deutschen Kernkraftwerken gäbe es ständig sicherheitsrelevante Vorfälle. Wie wir gleich sehen werden, ist das Gegenteil der Fall.

Bundesamt will Übersicht nicht ändern

Ich machte das BfE Anfang 2019 auf diesen Missstand aufmerksam und schlug vor, die Aufschlüsselung nach INES-Stufen zu ergänzen. Dieses Ansinnen lehnte die Pressesprecherin des BfE umgehend ab und verwies auf die Monats- und Jahresberichte, in denen die Informationen ja enthalten seien. Dazu gleich mehr.

Die Ablehnung des BfE überrascht nicht wirklich. Denn das Bundesamt ist beim Bundesumweltministerium angesiedelt, und dieses Ministerium tut alles, um Kernenergie schlecht aussehen zu lassen – bis hin zu groben Falschaussagen. Die zuständige Ministerin Svenja Schulze erhielt daher erst kürzlich von der Nuklearia den Negativpreis der Silbernen Sumpfpumpe zugesprochen.

Der Trick des BfE: Obwohl die Übersicht einen falschen Eindruck erweckt, so ist sie dennoch nicht gelogen. Die Zahlen stimmen, sind aber nutzlos. Es kann – wie hier – völlig ausreichen, Teile der Wahrheit wegzulassen, um ein verzerrtes Bild zu zeichnen. Nähme das BfE die INES-Einstufungen in seine Übersicht auf, würde sofort deutlich, was die deutschen Kernkraftwerke in Wirklichkeit sind: außerordentlich sicher!

Ich habe die Berichte der letzten 10 Jahre durchgesehen und festgestellt: Fast alle meldepflichtigen Ereignisse sind INES-0-Vorkommnisse. Solche Vorfälle sind zwar ärgerlich, aber für die Sicherheit des Kernkraftwerks ohne Bedeutung. Lediglich drei Ereignisse wurden mit INES 1 (Störung) bewertet, kein einziges mit INES 2 (Störfall) oder höher. Und selbst ein INES-2-Ereignis wäre noch weit, weit von einem Unfall entfernt. Die beiden letzten wirklichen Störfälle traten im Jahr 2001 auf. Sie liegen viel zu lange zurück, um damit das heutige Sicherheitsniveau deutscher Kernkraftwerke bewerten zu können.

Falscher Sprachgebrauch verzerrt Eindruck von Sicherheit der Kernkraftwerke

Das alles hält Atomkraftgegner natürlich nicht davon ab, Störfälle, die keine sind, trotzdem so zu nennen. Der Zweck heiligt schließlich die Mittel. Die Medien – siehe oben – greifen den Begriff gern auf. »Störfall« ist eben medienwirksamer und aufmerksamkeitsheischender als ein behäbiges »meldepflichtiges Ereignis«.

Das BfE könnte gegensteuern und die Wortverdrehung richtigstellen, aber das macht es nicht. Das ist auch nicht zu erwarten, denn – wie gesagt – das BfE gehört zum Bundesumweltministerium, und das will – siehe oben – ein negatives Bild der Kernenergie zeichnen, nukleare Aufrichtigkeit oder das Gebot neutralen Regierungshandelns hin oder her.

Ginge es dem BfE darum, Bürger und Medien transparent zu informieren und ein zutreffendes Bild von der Sicherheit deutscher Kernkraftwerke zu vermitteln, dann nähme es die INES-Einstufungen in seine Übersicht auf. Dann würde es auf korrekte Verwendung des Begriffs »Störfall« drägen. Aber derlei passt nicht zur politischen Agenda und unterbleibt daher.

Stattdessen bläst das BfE in das gleiche Horn und nennt seine Einrichtung, die die Meldungen entgegennimmt, Störfallmeldestelle. Der Eindruck, der dadurch entsteht – entstehen soll: Das BfE hat eine Störfallmeldestelle; es gehen Meldungen ein; »folglich« sind das Störfallmeldungen! Auf diese Weise verstärkt das BfE die falsche Verwendung des Begriffs, trägt dazu bei, die deutschen Kernkraftwerke zu diskreditieren und zeigt klar, wes Geistes Kind man ist: Nicht objektive, transparente Information ist gefragt, sondern die politisch gewünschte Anti-Kernkraft-Haltung, inklusive der dazu nötigen Täuschung der Bürger.

INES-Einstufungen in Monats- und Jahresberichten versteckt

Wer an objektiven Informationen interessiert ist, wer die INES-Einstufungen der meldepflichtigen Ereignisse herausfinden will, muss sich Mühe geben und die oben erwähnten Monats- und Jahresberichte wälzen. Die Monatsberichte beschreiben unter anderem die einzelnen Vorfälle näher. Abbildung 2 zeigt die Auflistung der im Monatsbericht Oktober 2018 beschriebenen Ereignisse. Die INES-Einstufung findet sich in der rechte Spalte und neben der Meldekategorie. Die Monatsberichte Januar bis September 2018 zeigen dasselbe Bild: Sämtliche Einstufungen sind INES 0.

Abbildung 2: Übersicht meldepflichtiger Ereignisse in Kernkraftwerken im Monatsbericht Oktober 2018. Die rechte Spalte enthält die Kategorie der Meldung (alle »Normal«) und die INES-Einstufung (alle 0).

Einen Überblick über ganze Jahre geben die Jahresberichte. Sie listen die einzelnen Ereignisse (Abbildung 3) und schlüsseln sie nach verschiedenen Kriterien auf, unter anderem nach Meldekategorien, INES-Stufen, Ursachen und Auswirkungen auf den Betrieb (Abbildung 4).

Abbildung 3: Anfang der Übersicht meldepflichtiger Ereignisse 2017. Die rechte Spalte enthält INES-Einstufung (alle 0).
Abbildung 4: Aufschlüsselung meldepflichtiger Ereignisse 2016 nach INES-Stufen (Jahresbericht 2016)

Übersicht meldepflichtiger Ereignisse mit INES-Stufe

Für die Jahre von 2000 bis 2017 ergibt sich folgendes Bild:

INES 0
Ereignisse ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung
INES 1
Störungen
INES 2
Störfälle
201753
2016691
201560
201468
2013771
201279
2011104
201080
2009103
2008911
20071162
20061301
2005135
2004147
20031343
200215413
200112052
2000913

Falls jemand Zeit und Lust hat, auch die Berichte früherer Jahre durchzusehen, nehme ich die entsprechenden Zahlen gern in die obige Tabelle auf. Die INES-Skala wurde erstmals im Jahresbericht 1991 angewendet.

Aktualisierung

  • 2019-01-06: Jahre 2000 – 2007 nachgetragen. In der ursprünglichen Fassung des Artikels habe ich nur die Jahre 2008 – 2018 betrachtet. Ein freundlicher Leser hat Zahlen zu früheren Jahren geliefert. Danke, Rudolf! Die Erweiterung des Betrachtungszeitraums hatte neben der Erweiterung der obigen Tabelle einige weitere Anpassungen des Textes zur Folge.

Quellen


Rainer Klute

Rainer Klute ist Diplom-Informatiker, Nebenfach-Physiker und Vorsitzender des Nuklearia e. V. Seine Berufung zur Kernenergie erfuhr er 2011, als durch Erdbeben und Tsunami in Japan und das nachfolgende Reaktorunglück im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi auch einer seiner Söhne betroffen war.

14 Gedanken zu „Keine Störfälle in deutschen Kernkraftwerken

  1. Ihre fleißige Aufklärungsarbeit für die Handvoll unabhängiger Leute mit physikalischer Grundbildung in allen Ehren. Mein Glaube an die Vernunft hat sich jedoch schon lange verflüchtigt und ich denke, daß die Rinderställe des Augias grundhaft kärchern sind.

  2. Danke für die ausführliche und sehr gut begründet Recherche. Ich persönlich bin für den Ausstieg aus diesem Reaktortyp, siehe tchernobyl und Fukushima, aber für weitere Forschungen im Nuklearbereich wie z.B sicherere Atomkraftwerke gebaut werden können, Thorium Reaktoren usw. Hier hätte man viel früher investieren müssen. Dies gilt auch für die Kernfusion auf die ich sehr viel halte.

      • Wahrscheinlich meinte Herr Tischner nicht die detaillierten KKW-Typen, sondern generell den Druckwasserreaktor bzw. den Druckröhren-Siedewasserreaktor oder andere Siedewasserreaktoren.

        Das Argument mit den positiven Temperaturkoeffizienten – im Falle des Versagens jeglicher Wärtmeabfuhr – sollte man nicht ganz außer acht lassen

  3. Die Skala mit INES 0 gibt es in deutschsprachiger Literatur, ansonsten gibt es INES 0 nicht (jedenfalls habe ich das noch nie gefunden). Es sieht mir so aus, als wenn die Deutschen wieder päpstlicher als der Papst sein wollen. Und auch die deutschen Behörden machen da kräftig mit (ich hatte Kontakt zu dem obersten Behördenleiter in BW über 11 Jahre, mein Alter, inzwischen antwortet er nicht mehr).

    • Doch, doch, die englische Fassung kennt INES 0 auch und wird dort als “Below Scale/Level 0” bezeichnet. Das deckt sich mit der deutschen Beschreibung, wo INES 0 als »Unterhalb der Skala/Stufe 0« bezeichnet wird. In beiden Fälle gehört INES 0 also nicht wirklich zur INES-Skala, ist aber sehr nützlich, um die entsprechenden Ereignisse zu klassifizieren.

      Ein Unterschied besteht allerdings doch: Die pingeligen Deutschen beschreiben INES 0 als »keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung«, während es im Englischen schlicht heißt: “no safety significance”.

      Das englische und das deutsche INES-Benutzerhandbuch sind im Artikel bei den Quellen verlinkt.

      • Da hat Rainer Klute zu 100% Recht. Ich habe für viele Kraftwerke diese Events mit der Einordnung in INES 0 ausgewertet.

  4. Vielen Dank, Herr Klute, für diese übersichtliche und verständliche Darstellung! sowas findet man woanders nicht in dieser einfachen Verständlichkeit.

    Zu Herrn Breitkreutz: Wikipedia auf dem Kernenergie-Gebiet zur Wahrheit zu bewegen, halte ich für aussichtslos. Wenn Sie bei dem Artikel “Kernkraftwerk THTR-300” einmal die Diskussion lesen, die ich mit dem anonymen rarian führen musste (-Rarian (Diskussion) 11:19, 13. Aug. 2013), sehen Sie, dass dabei Wahrheit nicht das Ziel ist. Soviel WErt die WP sonst haben mag, in der Atomfrage herrscht die krasse Gegnerschaft mit allen Mitteln.
    Erstaunlich, dass man diesen Moderatoren solche mediale Macht überlässt. ..
    Jochen Michels

    • Leider wahr! Die deutsche Wikipedia ist bei Kernenergiethemen in der Tat unbrauchbar. Solide Fakten und grünideologische Verzerrungen gehen hier munter durcheinander, und der Laie kann das nicht unterscheiden. Empfehlen kann ich die englische Wikipedia: Die ist auch bei Kernenergie brauchbar.

  5. Zu der ganzen Informationspolitik unserer Politiker und den Ministerien fällt mir nichts mehr ein. Was mich immer wieder in Erstauenen versetzt ist, wie haben diese Personen, bei denen es sich um studierte Menschen handelt, ihr Abitur geschafft, denn mit den Äußerungen die sie von sich geben müssten sie in Physik eine sechs gehabt haben und damit bekommt man kein Abitur.
    Ich als Dipl.-Ing der Kerntechnick, der sich ein Leben lang mit der Sicherheit aller deutscher KKW beschäftigt habe, weiß, das ich mein Haus lieber neben einem KKW bauen würde als nebem einer Radiologiepraxis. Es wäre schön, wenn sich die Herschaften mal mit der Sicherheit der Radiologischen Einrichtungen in unserem Land beschäftigen würden, dann hätten Sie auch viel zu tun.

    Vielen Dank für die informative Arbeit Ihres Vereins. Ich habe es aufgegeben die Menschen dahin zu bringen, nicht alles zu glauben, sondern einfach mal darüber nachzudenken oder sich neutral zu infomieren, was sie alles von unserer politischen “Elite” zu hören bekommen.

    • Ja, es wäre schön, wenn jemand die Jahresberichte vor 2008 durchgehen und die INES-Einstufungen raussuchen könnte! Wir könnten die Gesamttabelle als eigenständige Seite hier auf der Website veröffentlichen, so dass jeder die wahre Anzahl von Störfällen wann sie aufgetreten sind leicht finden kann.

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