Nucleopedia: 10 Jahre unabhängige Kernkraft-Enzyklopädie

Am 1. Februar 2009 ging mit der »Nucleopedia«, seinerzeit noch als »Kernenergie-Enzyklopädie«, erstmals ein Kernkraft-Wiki online. Nicht zuletzt die Reaktorunfälle von Fukushima-Daiichi zeigten, wie wichtig detaillierte Aufklärung im Kernenergiebereich ist. Seit der Gründung vor 10 Jahren sind 344 umfangreiche Artikel entstanden, geschrieben von Freiwilligen, die das Projekt unterstützen.

Informationen unerwünscht – Hintergrund der Gründung

Im Jahr 2008, war die Situation der Kernenergie in Deutschland prekär. Der erste Ausstiegsbeschluss von 2002 war in Kraft. Informationen zum Thema gab es – wenn überhaupt – nur sehr spärlich, oder sie war ideologisch geprägt. Gerade in dieser Zeit war die Wikipedia als aufstrebendes Enzyklopädie-Medium eine der wichtigsten Informationsquellen. Artikel der deutschen Wikipedia im Kernenergie-Umfeld waren (und sind) im Unterschied zur englischen Wikipedia aber häufig unvollständig oder nicht objektiv. Dies hängt insbesondere mit einen der vier Grundsätze zusammen, die die Säulen der Wikipedia bilden. Gemeint ist die zweite Säule: der neutrale Standpunkt.

Neutraler Standpunkt – das klingt zunächst einmal gut. Ausgewogen soll ein Wikipedia-Artikel sein, Tatsachen soll er wiedergeben. Werten soll er diese Tatsachen nicht, weder positiv noch negativ. So weit, so gut. Schwierig wird es jedoch dann, wenn ein Wikipedia-Artikel auch Einschätzungen von Organisationen und Einzelpersonen wiedergibt. Zwar mag eine Aussage wie »Experte A ist der Ansicht B« korrekt und wertfrei sein, allerdings weiß der Leser nicht, ob A tatsächlich ein Experte ist, welches Gewicht A in Fachkreisen besitzt, und ob die von ihm geäußerte Ansicht objektiv korrekt und belegbar ist oder nicht.

Welche Fakten ein Artikel nennt und welche er weglässt, welche Ansichten, welche Personen, welche Organisationen er zitiert, diese Entscheidungen können trotz angestrebter Neutralität zu erheblicher Schlagseite führen. Im deutschen Sprachraum ist die Bevölkerung mehrheitlich gegen Kernenergie eingestellt. Das spiegelt sich auch unter den Wikipedia-Autoren wider. So ist es kein Wunder, dass viele Wikipedia-Artikel im Themenfeld Kernenergie eine ideologisch geprägte Anti-Kernkraft-Tendenz aufweisen. Für den Laien ist nicht oder nicht leicht erkennbar, was gesicherte Fakten sind und was lediglich Einschätzungen gewisser Kreise und Personen. Insgesamt vermittelt die deutsche Wikipedia zur Kernenergie ein schiefes Bild, das sich beispielsweise in der englischen Wikipedia nicht findet.

Fokus auf Fakten

Der objektive Standpunkt der Nucleopedia hingegen legt weniger Wert darauf, möglichst viele unterschiedliche Ansichten zu Wort kommen zu lassen. Ihre wichtigsten Anliegen sind vielmehr Korrektheit und Vollständigkeit der Informationen.

Das schließt die Wiedergabe unterschiedlicher Meinungen und Ansichten nicht aus, im Gegenteil. Es wird aber stets versucht, Meinungen und Ansichten auf ihre objektive Richtigkeit hin zu überprüfen und ihre Stichhaltigkeit anhand von Fakten zu bestätigen oder zu widerlegen.

Diese Fokussierung auf Fakten und objektive Informationen haben der Nucleopedia selbst bei Kernkraftgegnern einen gewissen Respekt eingetragen, zum Beispiel beim BUND, bei den Grünen oder auch bei Fokus Anti-Atom oder im AtomkraftwerkePlag.

Die Wikipedia stößt aber auch beim Umfang technischer Informationen an ihre Grenzen, denn für detaillierte Spezialinformationen ist eine allgemeine Enzyklopädie nicht unbedingt gedacht. Es lag daher auf der Hand, für spezielle Informationen eine spezielle Plattform ins Leben zu rufen – bei gleichen Standards im Blick auf Qualität, Quellen und Inhalte.

Wachstum, Optimierung und Zusammenarbeit

Zwischen 2009 und 2019 sind 344 Artikel zu verschiedenen Fachthemen entstanden, alle mit einer soliden Ausstattung an Belegen. Viele haben einen sehr umfangreichen Informationsgehalt, die auch anderswo geschätzt und verlinkt werden, beispielsweise zur Wiederaufbereitung oder zum Uranbergbau. Auch umfangreiche Listen sind dabei, etwa die Liste der Uranvorkommen, oder sehr spezifische Artikel wie zum PRISM-Reaktor oder zum Kernkraftwerk Temelín. Die Anzahl der schreibberechtigten Benutzer liegt bei 55; die Anzahl der aktiven Benutzer ist allerdings weitaus niedriger.

Dennoch hat die Erfahrung gezeigt, dass Kooperation der Schlüssel zum Erfolg ist. So brachten Gemeinschaftsprojekte mit Nuklearia-Mitgliedern positive Resonanz, beispielsweise der Artikel über den russischen Generation-III+-Reaktor WWER-1200. Daher sind auch künftig solche Projekte angedacht, an denen jeder teilnehmen kann, dem der objektive Standard der Nucleopedia wichtig ist.

Ausblick

Die Nucleopedia wächst mit ihren Mitgliedern und deren Input in die Enzyklopädie. An Aufhören ist nicht zu denken, gerade nicht in Zeiten, in denen Aufklärung über Kerntechnik im deutschen Sprachraum mehr denn je nötig ist.

Jeder, der will, kann sich in der Nucleopedia anmelden und Artikel erstellen oder bearbeiten, solange er ihren Quellen-Anforderungen und ihrem objektiven Standard folgt. Die weitere Entwicklung der Nucleopedia zu einer qualitativ hochwertigen Enzyklopädie für den Bereich der Kerntechnik steht daher auch in den nächsten Jahren nichts entgegen.


Dirk Egelkraut

Dirk Egelkraut ist Mechatroniker in der Automatisierungsbranche und als Mitglied in der Nuklearia aktiv. Er betreibt die Deutsche Nucleopedia und befasst sich technisch und historisch mit der russischen Atomwirtschaft.


Ein Gedanke zu „Nucleopedia: 10 Jahre unabhängige Kernkraft-Enzyklopädie

  1. Recht haben Sie, Herr Egelkraut !
    wenn man den Artikel THTR 300 aufschlägt und dort in der Diskussion meinen Austausch mit dem anoymen Moderator “rarian” liest, weiss man, dass es nicht auf sachliche Richtigkeit ankommt, sondern auf das was sich so eingebürgert hat. Obwohl es nie einen Störfall in diesem REaktor gab, wird ein Dutzend mal davon gesprochen. Als ich dies korrigerte, wurden mein Begriff Ereignis jeden Tag nach 3 bis 4 Stunden wieder verfälscht in “Störfall”.
    Da rarian seinen DEcknamen nicht lüften wollte, brach er den Dialog ab.

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