Belgische Rissreaktoren: Wie sicher sind Tihange 2 und Doel 3?

Wer fundierte Antworten will, muss sich mit der Technik befassen

Von Dr. Anna Veronika Wendland

Bürgerpetitionen beschwören ein neues Tschernobyl, die Bundesumweltministerin macht Druck auf die belgischen Behörden, Städte im Aachener Raum wollen vor das belgische Verwaltungsgericht ziehen, die deutschen Medien berichten, nicht ohne nationalistische Untertöne, von »maroden Reaktoren«, die Grünen reden gleich von »Schrott«. Aber was ist wirklich los in den Kernkraftwerksblöcken Tihange 2 und Doel 3? Der aufgeschreckte Bürger stellt sich Reaktoren vor, aus denen das Kühlmittel durch »Risse« leckt, denen aber von einer unverantwortlichen Atomaufsicht trotzdem die Anfahrgenehmigung erteilt wurde. Mehrere Störungen im nichtnuklearen Bereich der Anlagen verunsichern die Menschen noch mehr. Doch was ist wirklich dran an den »Rissen« in Tihange und Doel? Wir plädieren für eine Rückkehr zur sachlichen Auseinandersetzung und gegen die Angstmache durch schlampige Begrifflichkeiten. Dafür benötigt man einen kleinen Einblick in die Fakten rund um die umstrittenen Reaktoren.

Was ist das Problem in Tihange 2 und Doel 3?

Tihange 2 und Doel 3 sind 3-Loop-Druckwasserreaktoren vom Typ M310 beziehungsweise M312, die das Framatome-Konsortium Framatome-ACEC-Cockerill unter amerikanischer (Westinghouse-)Lizenz errichtete. Tihange 2 erreichte seine Erstkritikalität am 5. Oktober 1982, Doel 3 am 14. Juni 1982.

Während der »Visite décennale« 2012, einer Grundrevision im 10-Jahres-Rhythmus, die in Ausmaß und Intensität über die jährlichen Revisionen hinausgeht, erbrachten Ultraschalluntersuchungen im Rahmen einer neu eingeführten Sonderprüfung der Reaktordruckbehälter in den beiden Anlagen vorher nie gesehene Defektanzeigen im Inneren der Wände der Reaktordruckbehälter, die sich als Wasserstoffeinschlüsse in Flockenform herausstellten. Nach umfangreichen Untersuchungen und Hinzuziehung nationaler und internationaler Expertenkommissionen kam die Aufsichtsbehörde FANC zu dem Schluss, dass diese Einschlüsse keine Gefahr für den sicheren Betrieb der Anlagen darstellten; sie seien fertigungsbedingt entstanden und nicht während des Betriebs – etwa infolge Strahlungseinwirkung; und sie seien auch nicht gewachsen. Gleichwohl wurden dem Betreiber Electrabel Auflagen zur Beobachtung des Phänomens gemacht.

Bei Anwendung verfeinerter Messmethoden stellte sich Anfang 2014 heraus, dass die Zahl der Wasserstoffeinschlüsse in Wirklichkeit weit höher ist als vorher gemessen wurde. Infolge dieser neuen Erkenntnisse wurden die Reaktoren zunächst vorzeitig zur Revision abgeschaltet; darauf folgte ein 18 Monate währender Stillstand. In dieser Zeit wurden umfangreiche Forschungen an Materialproben aus den betroffenen Anlagen und aus anderen archivierten Druckbehältermaterialproben mit vergleichbaren Wasserstoffflocken vorgenommen. Wiederum waren diverse Expertenkommissionen mit der Auswertung der Ergebnisse befasst. Das amerikanische Forschungszentrum Oak Ridge National Laboratory (ORNL) wurde um eine unabhängige Prüfung der vom Betreiber vorgelegten Berechnungen mit eigenen Methoden und Modellen gebeten. Die Expertengruppen bewerteten die neue Prüfmethodik, die Relevanz (Übertragbarkeit) der Materialprobenuntersuchungen auf die betroffenen Reaktordruckbehälter und gaben eine Einschätzung zur Integrität der betrachteten Reaktordruckbehälter ab.

Diese Bewertungen der Expertengruppen bildeten wiederum die Grundlage für den neuen Abschlussbericht der belgischen Aufsichtsbehörde. Die FANC bewertete die Wasserstoffeinschlüsse als nach Historie, Lage, Ausdehnung, Ausrichtung und Zusammenwirken mit anderen Eigenschaften der betrachteten Materialien nicht sicherheitsabträglich. 99,75 Prozent der beobachteten Defekte stellten keine Gefahr dar. Für die verbleibenden 0,25 Prozent der »Defektpopulation« seien weitere Berechnungen über potenzielles Risswachstum nötig gewesen, die ebenfalls zufriedenstellend verlaufen seien. Folglich erteilte die FANC den beiden Anlagen im Dezember 2015 die Genehmigung zum Wiederanfahren.

Anfahren trotz Materialdefekten im Reaktordruckbehälter – darf man das?

Die Werkstoffkunde hat ein umfangreiches Analyse-Instrumentarium zur Entscheidung über die Relevanz solcher Defektanzeigen für die Reaktorsicherheit entwickelt. Entscheidend ist dabei nicht die reine Tatsache des Vorhandenseins von Defektanzeigen („flaw indications“) – das sind sie in einem gewissen Maße immer –, sondern folgende Faktoren:

  • Ihre Geschichte: Sind die Risse während des Betriebs des Reaktors entstanden und gewachsen oder in dieser Form seit Fertigung unverändert vorhanden?
  • Ihre Lage, Länge und Ausrichtung: Liegen die Defekte so, dass die in der Druckbehälterwand auftretenden Kräfte (Spannungen) ein Risswachstum befördern oder nicht? Überschreiten Risse die für die Betriebsspannung kritische Rissgröße?
  • Ihr Zusammenwirken mit anderen Materialveränderungen im Reaktordruckbehälter, die durch Strahlungseinwirkung entstehen: Ist infolge strahlungsbedingter Versprödung des Reaktorstahls eine Weiterentwicklung der beobachteten Defekte zum gefährlichen, schlagartigen Sprödbruch zu befürchten? Daraus folgt die nächste und zentrale Frage:

Was ist Versprödung?

Reaktordruckbehälter müssen beträchtliche Belastungen aushalten. Zunächst jene, die im Normalbetrieb anfallen: Drücke von rund 160 bar und Temperaturen von bis zu rund 330 Grad Celsius. Ausgelegt sind die Anlagen aber für wesentlich höhere Temperaturen und Drücke. Außerdem müssen Reaktordruckbehälter mit Druck- und Temperaturschwankungen aller denkbaren »Transienten« fertig werden – so nennen Ingenieure den dynamischen Übergang von einem Betriebszustand in einen anderen. Solche Transienten sind das An- und Abfahren der Anlage, Reaktorschnellabschaltungen, Lastwechsel – zum Beispiel infolge volatiler Windeinspeisung in den Netzknoten, in den auch das jeweilige Kernkraftwerk einspeist – und störfallbedingte Lastfälle: zum Beispiel der Notkühlfall bei einem Leck im Primärkreislauf, wenn der Druck im Primärkreislauf rasch abfällt und die Sicherheitseinspeisepumpen wesentlich kühleres Wasser in den Reaktor fördern.

Solche Belastungen sind Stress für den Reaktordruckbehälter, der, bruchmechanisch gesprochen, »zäh« und nicht »spröde« reagieren sollte. Reaktordruckbehälter werden aus ferritischen (niedriglegierten, kohlenstoffarmen) Stählen gefertigt, mit Ausnahme der korrosionsbeständigen inneren Plattierung aus austenitischen Stahl, sprich: mit hohem Gehalt an Nickel, Chrom und Mangan. Ferritischer Reaktorstahl reagiert auf Belastungen und Spannungen in dem für Kernkraftwerke typischen Betriebstemperaturbereich bei eventuellen Defekten plastisch, sprich: zäh, – vorausgesetzt, ein Riss übersteigt eine bestimmte Länge nicht.

Gleichwohl gibt es bei jedem dieser Stähle eine sogenannte Sprödbruch-Übergangstemperatur (NDT, nil ductility temperature), unterhalb derer schon geringere Krafteinträge reichen, um Risse kleiner Länge zum Sprödbruch zu bringen. Dieser ist gekennzeichnet durch eine schnelle, instabile Rissentwicklung und schlagartige Materialtrennung. Das kommt bei ferritischen Stählen bei sehr niedrigen Temperaturen vor. Wir kennen den Effekt vom Fahrradschloss, das im vereisten Zustand leichter zu knacken ist als bei Normaltemperatur.

Wird nun ein Reaktordruckbehälter im Betrieb mit Neutronen beschossen, versprödet er mit der Zeit. Das heißt, die Übergangstemperatur, unterhalb derer schon geringere Spannungen im Material bei vorhandenen Rissen zum Sprödbruch führen können, verschiebt sich mit wachsender Betriebsdauer und zunehmender »Neutronenfluenz« immer weiter nach oben. (Die Neutronenfluenz ist die Neutronenflussdichte [Zahl der freien Neutronen, die eine Fläche von einem Quadratzentimeter pro Sekunde durchsetzen] multipliziert mit der Zeit.)

Ein KKW-Betreiber muss in seinen Sicherheitsberichten daher regelmäßig nachweisen, dass sämtliche Betriebszustände und Transienten mit ihren maximalen Belastungen oberhalb dieser Übergangstemperatur und unterhalb der kritischen Spannungen zu liegen kommen. Befindet sich das Betriebsdiagramm eines Reaktors in diesem sicheren Bereich, dann reagiert das Strukturmaterial auf Spannungen an Rissspitzen zäh (mit energieaufnehmender plastischer Verformung) statt spröde (schlagartig reißend).

Eventuelle Risse entwickeln sich im Zähigkeitsbereich stabil. Das heißt, es kommt bei Rissentwicklung an Defekten nicht zum plötzlichen Bruch, sondern allenfalls zu einem sich langsam entwickelnden, kleinen und rechtzeitig lokalisierbaren Leck vor dem Bruch. Dieses »Leck vor Bruch«-Kriterium ist somit auch ein weiteres wichtiges Sicherheitskriterium der Basissicherheit von Reaktordruckbehältern.

Die belgische kerntechnische Aufsichtsbehörde FANC kam auf der Grundlage der durchgeführten Materialuntersuchungen zu dem Schluss, dass es sich bei den Wasserstoffflocken nicht um Defekte handelt, die eine erhöhte Sprödbruchgefahr nach sich ziehen. Sie akzeptierte daher die vom Betreiber im Sicherheitsbericht veranschlagten Voraussagegleichungen für Sprödbruch-Übergangstemperaturen. Dabei wurde der ungünstigste Fall angenommen, also die stärkste in den Materialproben nachgewiesene Versprödung. In jedem Falle wird die Anlage so im zähen, sicheren Bereich zu fahren sein.

Gleichwohl gibt es bestimmte Auflagen. So sollen schonende Fahrweisen für sanftere Temperaturgradienten sorgen und das Material entlasten. Damit wird der Fall berücksichtigt, dass durch eine nicht ausgeschlossene Restunsicherheit die Flockenbildung doch relevant sein sollte. Aus demselben Grunde werden die Reservoirs für das Notkühlwasser vorgeheizt. Auch dies ist kein Grund zum Spott wie beim WDR (»zu marode für kühles Kühlwasser«). Vielmehr ist dies als zusätzliche Sicherheit international bei älteren Anlagen mit höherer Versprödung üblich.

Was verraten die Materialproben?

Damit der Betreiber eine Vorausschau über die erwartbare Versprödung des Reaktordruckbehälters und damit auch über die Entwicklung von dort eventuell auftretenden Rissen erhält, werden vor der Erstinbetriebnahme sogenannte Voreilproben in den Reaktordruckbehälter eingehängt. Diese befinden sich in größerer Nähe zu den Brennelementen als die Behälterwand und erreichen daher schon Jahre vor der Behälterwand einen bestimmten Neutronenfluenzwert und einen höheren Versprödungsgrad. Im Gegensatz zum Reaktordruckbehälter kann man die Proben entnehmen und eingehend prüfen, zerlegen und Sprödbruchtests durchführen, zum Beispiel durch Kerbschlagarbeit zur Simulierung von Bruchverhalten an Defektstellen.

Auch in den beiden belgischen Anlagen waren Voreilproben Gegenstand der Untersuchung. Da sie aber keine Wasserstoffeinschlüsse enthielten, wurden zusätzlich andere Proben mit und ohne Wasserstoffflocken hinzugezogen und in einem Forschungsreaktor intensiv bestrahlt, um den Zustand des Reaktordruckbehälters in der betroffenen Zone näherungsweise zu simulieren. Insbesondere an diesen Proben entzündete sich die Kritik der Grünen und der von ihnen bestellten Experten. Diese Proben seien nicht repräsentativ, und bei konservativem Ansatz müsse man dann auf Nummer sicher gehen und die Anlagen stilllegen. Tatsächlich kamen auch die von der FANC bestellten Gutachter während der zweiten Untersuchungsphase zu dem Schluss, dass eine der beiden Fremdproben, ein Wasserstoffflocken enthaltendes Stück aus einem verworfenen AREVA-Dampferzeuger (»VB395«), als nicht repräsentativer Ausreißer zu werten sei. Allerdings hatte eben dieses Werkstück beim Test die höchste Versprödung gezeigt. Die Experten führten das aber nicht auf die Wasserstoffflocken zurück. Die anderen Proben blieben bei der Versprödung im erwarteten Bereich und gaben den Experten Anlass zu der Schlussfolgerung, dass die Wasserstoffeinschlüsse nicht während des Betrieb entstanden und gewachsen seien. Vielmehr seien sie statisch und von Anfang an vorhanden gewesen. Trotzdem wurde bei der Neuberechnung der kritischen Sprödbruch-Übergangstemperatur der ungünstigste Fall zugrundegelegt und aufgrund eines Gutachterhinweises aus einer der Expertengruppen eine zusätzliche Sicherheitsmarge addiert.

Wem sollen wir glauben?

Prinzipiell müssen offene Fragen an Hersteller und Betreiber über die späte Entdeckung der Defektanzeigen zur Kenntnis genommen werden. So ist zu fragen, warum diese Defekte, wenn sie herstellungsbedingt sind, nicht schon bei der Abnahme entdeckt wurden, denn geeignete Prüfinstrumentarien gab es auch schon in den 1970er Jahren. Auch müsste die Fertigungsdokumentation auf diese Frage hin gesichtet werden, die womöglich unvollständig ist. Die Kritiker führen diese offenen Fragen als Begründung für ihre Forderung nach Schließung der beiden Anlagen an. Sie argumentieren, dass von Anfang an dagewesene Defekte auch hätten dokumentiert werden müssen; der Auftraggeber hätte die Abnahme der Behälter seinerzeit wegen zu vieler Defekte verweigern müssen. Andersherum lasse die Nichtreaktion und die späte Entdeckung der Wasserstoffeinschlüsse den Schluss zu, dass es damals keine Defekte gegeben hätte – was bedeute, dass die Defekte später entstanden seien. Das suggeriert ein Bild des gefährlichen Defektwachstums. Es wäre wichtig, hier zusätzliche Klarheit zu schaffen. Doch die Frage nach der Entstehungsgeschichte der Wasserstoffflocken ist, folgt man den Gutachtern, nicht direkt relevant für die Frage nach dem sicheren Weiterbetrieb der beiden Anlagen. Sie wurde im FANC-Bericht von 2015 nicht weiter behandelt, weil ausschließlich zu klären war, ob die Flocken faktisch eine Gefahr für die Integrität der Reaktordruckbehälter darstellen. Die eindeutige Antwort des FANC-Berichts auf diese Frage lautet »nein«.

Trotz der berechtigten Fragen nach offenen Punkten ist festzustellen, dass die Diskussion um Tihange 2 und Doel 3 über weite Strecken mehr über Deutschland aus als über Belgien und den Zustand seiner kerntechnischen Anlagen aussagt. Hauptmerkmal der öffentlichen Debatte in Deutschland ist eine starke Emotionalisierung  und systematische Delegitimierung belgischer und internationaler Expertise beziehungsweise das weitestgehende Ignorieren dieser Experten. Das wirkt sich vor allem in einer diffamierenden und schlampigen Begrifflichkeit aus. Charakteristisch ist auch der massive Druck der deutschen Öffentlichkeit auf Amtsträger: Diese sollten ihren Einfluss in Belgien geltend machen oder dafür sorgen, dass belgische Kernkraftwerke nicht mehr mit Brennelementen aus deutscher Produktion beliefert werden. All das zeugt nicht von Respekt für Sachargumente, Zuständigkeiten, europäische Rechtsnormen und Vertragsfreiheit von Unternehmen. Es ist leider charakteristisch für die Aufgeregtheit und Maßlosigkeit, welche die öffentlichen Diskussionen in Deutschland in letzter Zeit prägen.

Die von den Experten zu prüfende Materie ist hochkomplex und kann auch an dieser Stelle nur ansatzweise vorgestellt werden. Wer sich genauer informieren will, der sollte den Abschlussbericht der belgischen FANC sowie die Literaturtipps konsultieren und komplementär auch den kritischen Bericht der europäischen Grünen. Auf diesen Bericht rekurrieren Gegner immer wieder, er ist aber in Teilen durch die zweite Untersuchungsphase der FANC-Expertengruppen 2014/15 überholt. Wer sich zu Tihange 2 und Doel 3 äußert, sollte auf jeden Fall die Befunde der Expertengruppen gesichtet haben. Ferner sollte beachtet werden, dass es die FANC dem Betreiber Electrabel nie leicht gemacht hat. In Zweifelsfällen hörte sie auf kritischere Minderheitenvoten innerhalb einer Expertengruppe und verlangte vom Betreiber zusätzliche Untersuchungen. Auch kann bei Stillstandszeiten von weit über einem Jahr nicht die Rede sein von einer übereilten oder schlecht dokumentierten Entscheidung.

Die deutsch-belgische Abmachung von Anfang Februar über gemeinsame Inspektionen lässt hoffen, dass ab jetzt wieder Sachfragen im Vordergrund stehen werden, also die kritisch und wissenschaftlich bewertete Reaktorsicherheit, nicht die Schrottreaktorpropaganda im Stile der allfälligen Hysterisierung politischer Debatten, wie sie in Deutschland nicht nur bei der Kernenergie in letzter Zeit immer stärker zum Tragen kommt.

Literatur


Titelfoto: Kernkraftwerk Doel, Belgien, mit vier Reaktoren, Wim Robberechts & Co (CC BY-ND 3.0)


Dr. Anna Veronika Wendland

Dr. Anna Veronika Wendland forscht zur Geschichte und Gegenwart nuklearer Sicherheitskulturen in Ost- und Westeuropa. Für ihre Habilitationsschrift hat sie in mehreren Kernkraftwerken in der Ukraine, Litauen und Deutschland, zuletzt in den KKW Grafenrheinfeld und Grohnde, Forschungsaufenthalte durchgeführt. Dr. Wendland arbeitet in der Direktion des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg. Sie leitet Arbeitsgruppen im Bereich Technik-, Umwelt- und Sicherheitsgeschichte, u.a. im Sonderforschungsbereich SFB-TRR 138 „Dynamiken der Sicherheit“.

18 Gedanken zu “Belgische Rissreaktoren: Wie sicher sind Tihange 2 und Doel 3?

  1. Eine Frage kommt auf, wenn man Ihren sehr umsichtig erscheinenden sachlichen Bericht liest. Danach seien die Wasserstoffflocken erstmals 2012 aufgefallen, dann 2014 seien mit verfeinerten Messmethoden noch viel mehr davon entdeckt worden. Offenbar machte man sich da gewisse Sorgen und ließ nach den Ursachen suchen. Ergebnis: Nicht so schlimm, weil diese Risse (wahrscheinlich) immer schon vorhanden waren und keine zusätzliche Versprödungsgefahr im Betriebsablauf indizieren.
    Später heißt es in Ihrem Bericht, die Messmethoden, um diese speziellen Risse zu erkennen, habe es auch schon in den 1970er Jahren gegeben. Und noch später heißt es, es sei letztlich nicht wichtig, ob die Risse schon am Anfang vorhanden waren, da sie jedenfalls derzeit nicht die Sicherheit beeinträchtigten. Mir scheint es da gewisse Widersprüche in der Argumentation der Gutachter zu geben:
    1. Trotz schon seit 40 Jahren vorhandener Messmethoden hat man die Mehrheit der Risse noch nicht 2012, aber dann 2014 erkannt. Wer sagt, dass man nicht 2017 mit weiter verfeinerten Messmethoden noch viel mehr davon findet?
    2. Wenn ich es richtig verstehe, war zunächst ein wesentliches Argument dafür, dass die Risse im Betriebsablauf nicht sicherheitsrelevant sind, dass sie schon zu Beginn vorhanden waren und es offenbar über Jahrzehnte keine Probleme damit gab bzw. kein Wachstum dieser Risse. Jetzt, da die Frage, ob sie schon zu Beginn vorhanden waren, nicht mehr ganz sicher zu beantworten ist, heißt es, dies sei ja auch gar nicht bedeutsam, es komme nur auf die jetzige Sicherheit an.
    3. Eine von zwei Fremdproben zeigte experimentell eine stärkere Versprödung. Mag ja sein, das hat nichts zu bedeuten. Aber ist es „Emotion“, wenn man misstrauisch wird, dass eine Probe dann ausgerechnet als „Ausreißer“ eingeschätzt wird, wenn sie ein unerwünschtes Ergebnis zeigt?

    • Auf jeden Fall sind Fragen offen; siehe dazu auch den zitierten Fragenkatalog der RSK, die den Bericht für schlüssig hält, aber zu den nicht öffentlichen Basisdaten mehr wissen möchte, v.a. zur Messmethode und zu den Berechnungen.
      Sicherlich konnte man um 1980 Defekte solcher Art grob feststellen, aber man hatte nicht die Möglichkeiten heutiger bildgebender Verfahren. – Die Ausreißerprobe V395 wurde nicht verworfen, sondern es wurde konstatiert, dass ihre Versprödung auf parallele Verhärtungsprozesse zurückgehe; sie wurde aber bei der Berechnung der neuen Sprödbruchübergangstemperatur einbezogen, um sicherzugehen.

  2. Ich finde, das ist eine sehr sachliche, überzeugende Darstellung, die zumindest erkennen lässt, dass man das Problem ernst nimmt und nicht zu verheimlichen versucht. Das wird die Atomkraftgegner allerdings nicht daran hindern, auch weiterhin den Teufel an die Wand zu malen, denn es geht ihnen ja nicht nur um die beiden belgischen Reaktoren, sondern um den Kampf gegen die Kernenergie als solche.
    Ich empfehle, diesen Bericht zusammen mit einer Kurzfassung an alle wichtigen Redaktionen zu schicken, denn nicht jeder Redakteur nimmt sich die Zeit, einen so langen Text zu lesen. Damit wird man hoffentlich verhindern, dass die Gegner mit ihren „sensationellen Erkenntnissen“ die Medien erobern.

  3. Sicher werden die Kernenergiegegner den Teufel weiter an die Wand malen. Während normalerweise bei der ideologischen Ausseinadersetzung jeder „Störfall“ im nicht nuklearen Bereich zu Verteufelung herhalten muß, ist hier wenigstens ein wesentlicher Aspekt zu betrachten. Aber auch hier, dank Dr. Wendland Entwarnung.
    Sachliche Aufklärung und Erklärung statt Stimmungsmache..

  4. Ich bin kein Materialfestigkeitsphysiker, sondern analytischer Chemiker, allerdings ohne eigene praktische Erfahrung auf dem Gebiet der Wasseranalytik speziell in den Wasserkreisläufen in Kernreaktoren. Hier sollten die betroffenen Kollegen selbst Stellung nehmen. Ich kann hier nur mein Basiswissen als allgemeiner Chemiker einbringen.
    Die Wand des Reaktor-Druckbehälters trennt zwei unterschiedliche Wasserkreisläufe, die chemisch und radiologisch analytisch überwacht werden. Lokalisierte Mikrorisse sind wohl nicht das Sicherheitsproblem, sondern es ist das mögliche Zusammenwachsen der Mikrorisse zu einem durchgehenden Mikrorisskanalpore. Solche scheint im Normalfall auch von Anfang an zu geben. Summarisch erfasst werden sie wohl durch den extrem empfindlich messbaren Anstieg der Radioaktivität im äußeren Kreislauf über den Anstieg durch Diffusion hinaus. Diese laufende In-Prozess-Kontrolle scheint mir doch für die Sicherheitsanalyse wesentlich wertvoller zu sein, als die vorsorgliche Ultraschall-Analyse über die Historie der Mikroriss-Bildung.
    Ich finde es schade, dass darüber keine weiterführenden Literaturhinweise gegeben werden.

    • Was Sie da beschreiben, sind Dampferzeuger-Heizrohrschäden (nur dort kann es zu einem Übertritt von Primärkühlmittel in den Sekundärkreislauf kommen) und zur Überwachung gibt es die N-16-Messstellen in den Frischdampfleitungungen und weitere Aktivitätsmessstellen im Dampferzeuger-Abschlämmsystem.

      • N-16 hat eine Halbwertszeit von nur 7 sekunden, und daher eine hohe Aktivitaet, solange der Reaktor laeuft. Ausserdem ist es ein starker Gamma-Strahler, also sehr leicht nachzuweisen. Ideal fuer eine Leckerkennung in Echtzeit. Selbst Lecks von nur wenigen Litern pro Stunde (tropfender Wasserhahn) fallen so sofort auf.
        Tritium, dagegen, ist als schwacher Beta-Strahler nur mit Zeitraubenden Labormethoden nachweisbar.

  5. Frau Merkel hat den überstürzten Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Die SPD und die Grünen haben das mitgetragen.
    Man wird keinen verantwortlichen Politiker mehr finden, der sich der „Atomhysterie“ entgegenstellt, er riskiert schließlich seine Pfründe. Lieber Gesinnungsethiker, die Pfründe behalten und nirgends anecken, als Verantwortungsethiker und Kopf und Kragen riskieren.
    Um Fakten ging es in der politischen und medialen Diskussion der Kernenergie noch nie. Lediglich die frühere Bayerische Staatsregierung hatte in der Genehmigungsbehörde noch gestandene Fachleute, die dem aufkommenden Mainstream gegen die Kernenergie im Bund und in Ländern wie Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein die Stirn boten. Die gleiche Situation sehen wir jetzt bei der Flüchtlingskrise. Auch hier die „Gutmenschen“ (das sind eben nicht die unzähligen freiwilligen Helfer wie unlängst von den Schwachköpfen, verbreitet, die das Unwort des Jahres definiert haben.) Nein, es sind die, die als Appendix von Frau Merkel erst mit Köln aufgewacht sind und noch aufwachen werden. Allein die Bayerische Staatsregierung hat sich getraut, in Verantwortungsethik die Gefahren für unser Land zu thematisieren. Ich nenne das Mut!

  6. Interessant fände ich, was Flocken von Wasserstoff sind. Flüssigkeiten flocken wie bekannt. Von Gasen ist es – mir – nicht bekann und im Internet auch nicht.
    Sind es Risse – also sicher angefüllt mit Wasser ? Oder sind es Flocken, die man nicht anfüllen kann?

  7. Das Unsinnige beim Thema Strahlen ist es, jede noch so kleine Dosis unabhängig von der Zeit als schädlich anzusehen: Das ist die LNT-Hypothese, und daraus folgt das im Strahlenschutz gültige ALARA-Prinzip (As Low As Reasonably Archievable = so wenig Strahlung wie möglich). Das ist weltweit die Lehrmeinung seit gut einem halben Jahrhundert und das lernen alle Kernkraftmitarbeiter und müssen es in ihren Prüfungen aufsagen. Ich habe den Eindruck, daß die KE-Mitarbeiter, die ihr Leben lang dieses gelernt hatten und immer danach handeln mußten, auch tatsächlich an die nicht nachweisbaren Schädigungen durch Strahlung glauben. Wenn also aus einem Kernkraftwerk in Belgien Radioaktivität austreten würde, dann wäre in Belgien und in Deutschland die Hölle los, weil an die Schädigung durch Strahlung geglaubt wird. Allerdings: GLAUBEN SOLLTE MAN IN DER KIRCHE, und nicht in der Technik.
    Strahlung im Niedrigdosisbereich ist nicht schädlich für Lebewesen, sondern sie ist nützlich, stärkt das Immunsystem, und das ist in der Tat auch nachgewiesen, nur wird darüber kaum geredet. Prof. Becker sagte dazu in der Fachzeitschrift StrahlenschutzPRAXIS 2/2006 „LNT or not LNT…“:
    „Aus diesen und Gründen wissenschaftlicher Korrektheit und intellektueller Redlichkeit ist ein baldiger Paradigmenwechsel im Strahlenschutz erforderlich.“

    Ich denke und hoffe, daß wir auf den Seiten von Nuklearia über die unsinnige Strahlenangst in Zukunft noch manches Mal reden können.

  8. Danke für die Zusammenfassung, es ist gut und leider viel zu selten etwas „unaufgeregtes“, sachliches über Kerntechnik auf Deutsch zu lesen.
    Nach allgemeiner Pressebeschallung konnte ich im Fall Tihange/Doel nochmal live an mir selber miterleben wie schnell eine emotionalisierte – wenn nicht gar reisserrische – Berichterstattung, Unwohlsein und Sorge erregen kann.

    Ich finde es bezeichnend, dass die hohen Sicherheitsstandards der Kerntechnik regelmäßig als Indikator für das Gefahrenpotential „missbraucht“ werden. Würden solche hohen Standards für Kraftfahrzeuge – denen wir regelmässig unmittelbar unsere Gesundheit anvertrauen – gelten, die Strassen wären leer, die Werkstätten voll …

  9. Sehr verehrte Frau Dr. Wendland,
    ich bedanke mich sehr für Ihre sachliche Stellungnahme. Absolut korrekt ist Ihre Feststellung von der Abkehr einer durch ausschließlich „religiös“ geprägten Diskussion in der Öffentlichkeit sowie den deutschen Medien. Bedauerlicherweise werden Ausdrücke, wie „Schrottreaktor“ auch in belgischen Plattformen genutzt. Dies heizt die Stimmung weiter auf, ohne aufklärend zu wirken.

  10. Man empfindet es als äußerst wohltuend, eine Kernenergie-Diskussion aus-schließlich mit Sachlichkeit und Fachkompetenz zu erleben. Ebenso erfreulich sind Energie-Nachrichten aus Osteuropa und Asien, die regelmäßig beweisen, dass die Vorreiterrolle Deutschlands bzw. der Frau Merkel andere Staaten nicht im Mindesten beeindruckt und der Reaktor der näheren Zukunft –
    der schnelle Brüter – unbeeindruckt weiterentwickelt wird (Rußland). Die Stunde der Wahrheit für die ( total überbewerteten) erneuerbaren Energiequellen kommt in in absehbarer Zeit entsprechend ihres volatilen Charakters. Traurig stimmt uns nur, dass Deutschland auf diesen Gebieten eine führende Stellung aufgegeben hat. Leider ist durch die emotionale, nicht sachdienliche Beeinflussung der Bevölkerung durch die – meist „grünen“ – Kernkraftgegener eine positive Stellung zur Kernenergie – auch bei einer evtl. Wahlniederlage der Frau Merkel und ihrer CDU – nicht zu erwarten.

  11. Ich bitte bei der ganzen Freude über Sachlichkeit und Fachkompetenz zwei Dinge nicht zu vergessen:
    -In der Tagespresse wird nur sehr selten über Dinge berichtet bei denen Einklang in der Meinung besteht (vulgo: uninteressant). Reißerisch geht immer gut, auch in der z.B. FAZ (dort dann etwas zivilisierter und vorgetäuscht aufgeklärt aber de Fakto immer noch nicht inhaltlich erklärend/erleuternd)
    -Der geneigte Leser dieser Diskussion sollte schon ein eine technische akademische Ausbildung haben um den Inhalten folgen zu können. Ein Fakt der wiederum nur auf geringe Teile der Bevölkerung zutrifft.
    Was die Angst vor Strahlung im Speziellen betrifft. Ich habe Elektrotechnik Fachrichtung Energietechnik mit Schwerpunkt Kraftwerkstechnik studiert dem mit Ziel im KKW Bereich zu arbeiten. Ich habe wärend des Studiums mit vielen Ingenieuren aus diesem Bereich gesprochen. Angst vor der Strahlung haben im Endeffekt alle gehabt, diese ist zwar durch die Ratio gedämpft gewesen, aber da war sie trotzdem.
    Ich denke Menschen haben immer Probleme mit Dingen die Sie nicht durchdringen können (oder in diesem Fall eher weil die Dinge sie durchdringen könnten =) ), oder die ein starkes Maß an Abstraktion brauchen um verstanden zu werden. Insofern ist die Angst vor Strahlung immer irrational aber trotzdem nachvollziehbar. Ich glaube ein umfangreiches Wissen über Strahlung zu haben, trotzdem bleibt bei einem Reaktorbesuch immer ein emotionales Hintergrundrauschen welches ich auch als Angst bezeichnen könnte.

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