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Kernenergie in Deutschland: Wiedereinstieg ist möglich, nötig und sinnvoll. 

Bild des Kernkraftwerks Isar

Eine Gruppe von Fachleuten aus der Kernkraft widerspricht in diesem Gastbeitrag der Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz, dass der Atomausstieg »irreversibel« sei, und fordert zum Wiedereinstieg in die Kernkraft auf.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrte Öffentlichkeit,

in der letzten Zeit gab es markante Bewegungen bei der Kernenergie: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte am 10.03.2026 beim »Nuclear Energy Summit«, dass die Abkehr von der Kernkraft ein großer strategischer Fehler gewesen sei. Sie selbst bestätigten dies, stellten aber fest, dass der von früheren Regierungen festgelegte Ausstieg »irreversibel« sei. 

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, wir haben eine klare Botschaft:
Die Instandsetzung und Reaktivierung der deutschen Kernkraftwerke ist möglich. Der Atomausstieg ist von technischer und wirtschaftlicher Seite keinesfalls irreversibel! 

Die schlechte wirtschaftliche Lage in Deutschland und die Dauerkrise im Bereich Energiesicherheit machen einen Wiedereinstieg in die Kernkraft nicht nur naheliegend, sondern geradezu zwingend. Die Bundesregierung ist gut beraten, sich in der aktuellen Energiekrise an Helmut Schmidts Reaktion auf die Ölkrise 1973 zu orientieren und wieder auch auf Kernenergie zu setzen.

12 GW Gaskraftwerke sind völlig unzureichend

Die Ursachen für Deutschlands wirtschaftliche Probleme sind sicherlich vielfältig, unumstritten sind aber die hohen Strompreise ein Hemmschuh für das Wiedererstarken der deutschen Wirtschaft. Wenn nun wie geplant ein Ausstieg aus der Braun- und Steinkohleverstromung erfolgt, gesellt sich zu den hohen Kosten auch noch eine desaströse Versorgungssicherheit, denn wetterabhängige Stromquellen wie Windkraft und Solarenergie benötigen eine weitgehende Absicherung durch Kraftwerke planbarer Leistung.

Der von der EU genehmigte Zubau von 12 GW Gaskraftwerken ist völlig unzureichend, um eine sichere Versorgung zu gewährleisten, zumal zugleich das ambitionierte Ziel einer „strombasierten“ Wirtschaft und Gesellschaft (E-Auto, Wärmepumpe, Rechenzentren zur KI-Nutzung, usw.) verfolgt wird.

Da stellt sich die Frage: Wie kann die Stromerzeugung in Deutschland mittel- und langfristig auf eine sichere Basis gestellt werden?

Die aktuelle Debatte über den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien (EE) vernachlässigt die zunehmenden technischen und ökonomischen Verwerfungen, die ein System ohne ausreichende Speicher zwangsläufig produziert. Ein »Weiter so« beim Zubau fluktuierender Erzeuger führt das Energiesystem in eine Sackgasse.

Wirtschaftlich führt der ungebremste Zubau zu einer massiven Entwertung des erzeugten Stroms. In Zeiten hoher Einspeisung sinken die Börsenpreise oft in den negativen Bereich. Dieser »Kannibalisierungseffekt« entzieht neuen Projekten die ökonomische Grundlage und belastet über Netzentgelte und Umlagen den Endverbraucher. Ein Marktsystem, das Überschüsse vernichten muss und gleichzeitig teure Backup-Kapazitäten subventioniert, ist volkswirtschaftlich nicht tragfähig.

Der markige Spruch‚ Sonne und Wind schicken keine Rechnung‘ blendet die ökonomische Realität vollkommen aus: Die tatsächliche Rechnung der Erneuerbaren wird durch die Systemkosten getrieben. Um volatile Energien rund um die Uhr verfügbar zu machen, sind entweder fossile Schattenkraftwerke oder extrem teure Speichertechnologien (Batterien, Wasserstoff, PtG) zwingend notwendig. Herr Bundeskanzler, wir versichern Ihnen: Der noch ausstehende Teil der Energiewende – die Absicherung der Dunkelflaute – wird der mit Abstand teuerste Teil. Unser bestehendes Guthaben an reaktivierbarer, grundlastfähiger Kernkraft gegen dieses ungelöste Milliarden-Experiment einzutauschen, ist ein historischer ökonomischer Fehler. Clemens Fuest, der Präsident des ifo Instituts, hat im März dieses Jahres deutliche Warnungen zur Zukunft der deutschen Industrie unter dem aktuellen energiepolitischen Kurs ausgesprochen. Seine zentrale Aussage lautet: „Die energieintensive Industrie hat keine Zukunft bei uns!“. 

Strategische Weitsicht in der Energiepolitik – Lehren von Helmut Schmidt

In der Ölkrise der 1970er Jahre bewies Helmut Schmidt strategische Weitsicht: Er forcierte die Kernenergie, um Deutschland aus der fatalen Abhängigkeit von Energieimporten zu lösen. Er verstand, dass ein Industriestandort eine autarke und grundlastfähige Basis braucht.

Heute steuern wir in die entgegengesetzte Richtung. Der einseitige Ausbau von Wind- und Solarkraft ohne großskalige Speicher zwingt uns in eine neue, gefährliche Sackgasse. Da diese volatilen Quellen bei Dunkelflaute keine Leistung erbringen, müssen wir permanent Kapazitäten aus Erdgas-Kraftwerken vorhalten. Das bedeutet: Jeder weitere Zubau von Erneuerbaren zementiert ironischerweise unsere Abhängigkeit von teuren Gasimporten aus dem Ausland.
Selbst hocheffiziente Gaskraftwerke müssten jährlich Milliarden Kubikmeter Erdgas verbrennen, um nur einen einzigen Kernkraftwerksblock der Konvoi-Baureihe wie Emsland oder Isar 2 zu ersetzen – Gas, das wir teuer importieren müssen.

Es ist Zeit für eine Rückkehr zur Schmidt’schen Realpolitik: Energiepolitik muss zuerst die nationale Souveränität und die Versorgungssicherheit garantieren, statt ein System zu forcieren, das ohne fossile Import-Backups schlicht nicht funktioniert.

Zur Realpolitik gehört aber auch Realismus. Die von der Bundesregierung betonte Kernfusion ist bestenfalls eine langfristige Option. Ihre kommerzielle Einsatzreife ist noch nicht sicher absehbar und kann damit in Planungen keinesfalls die sichere Option Kernspaltung ersetzen!

Als einzige Option verbleibt für Deutschland also, an der weltweiten Renaissance der Kernenergie auf Basis der Kernspaltung teilzuhaben. 

Der Ausweg: Reaktivierung der KKW. Wir verfügen über ein großes Guthaben

Es liegt also der Gedanke nahe, die bestehenden Kernkraftwerke zu reaktivieren.

Die Kernfrage: Ist dies technisch überhaupt möglich? Weshalb denn nicht! Was soll uns daran hindern, die bereits rückgebauten Anlagenteile wieder zu ergänzen und den zuvor genehmigten Stand wiederherzustellen? Zumindest bei den zuletzt abgeschalteten Anlagen ist das machbar, wie auch zahlreiche internationale Referenzprojekte im Bereich Laufzeitverlängerung und Reaktivierung von Kernkraftwerken zeigen.
Gegenüber einem Kernkraft-Wiedereinstieg nur mit neu gebauten Kernkraftwerken bieten die bestehenden Anlagen ein erhebliches »Guthaben«, das Wirtschaftlichkeit, Zeitplan und Minimierung des Projektrisikos zugute kommt:

– Der Standort: Neben den genehmigten Standorten selbst haben wir die vorhandene Netzinfrastruktur, Standort-Infrastruktur, Nebengebäude und kernkrafterfahrene, wohlwollende Gemeinden.

– Das Personal: Die Stammbelegschaft aus dem Leistungsbetrieb ist in wichtigen Teilen noch vorhanden, teilweise gibt es sogar noch lizenziertes Personal, auch das neu gewonnene Eigen- und Fremdpersonal für den Rückbau ist hochqualifiziert und motiviert.

– Die Anlage: Im Grunde macht das Kraftwerksgebäude ca. 80% der Gesamtmasse eines Kernkraftwerkes aus, und bei allen in Frage kommenden Anlagen sind diese vollständig vorhanden. Darüber hinaus sind viele Anlagenteile noch vorhanden, was den Wiederaufbau der Systemtechnik deutlich vereinfacht. 

– Genehmigungen: Unsere Anlagen entsprechen internationalem Neubaustandard, werden aber im eigenen Land durch die Stilllegungsgenehmigungen rechtlich entwertet. Hier kann die Politik aber Abhilfe schaffen, indem sie den Bestandsschutz für stillgesetzte Systeme per Gesetz garantiert. Wer fordert, dass diese Weltklasse-Technik bei einer Reaktivierung erst jahrelange neue Genehmigungsverfahren durchlaufen muss, betreibt mutwillige Sabotage an unserem energetischen Guthaben.

– Industrie: Die deutsche Nuklearindustrie ist weiterhin im Export tätig und bedient die exportierten deutschen Kernkraftwerke im Ausland, die weitgehende technische Gemeinsamkeiten mit den heimischen Anlagen haben. Auch das Ausland kann unterstützen, indem anfangs die Ausbildung an den dortigen Simulatoren erfolgt, die dort für die deutschen Reaktortypen errichtet wurden. 

– Behörden, Gutachter: Strukturen sind vorhanden, hochspezialisiertes Know-how in den Genehmigungsbehörden ist noch immer da und kann durch einen schnellen Wiedereinstieg mit Reaktivierung erhalten werden. 

Das bedeutende Zwischenergebnis:

Die Reaktivierung der abgeschalteten Kernkraftwerke ist wegen des vorhandenen Guthabens deutlich günstiger und schneller als der Neubau von Reaktoren. Der Erhalt der Erfahrung von Industrie und Belegschaft ist außerdem die Grundlage dafür, dass Deutschland zukünftige Nukleartechnologien wie SMRs, Reaktoren der sogenannten vierten Generation oder Kernfusion erfolgreich nutzen kann. Es darf keinesfalls zu einem Erfahrungsabriss kommen, der jeden späteren Wiedereinstieg zu einem Kaltstart machen würde!

Die Zeitschiene bei einer Reaktivierung, standortabhängig mit 3 bis 10 Jahren zu veranschlagen, ist erheblich schneller als ein Neubauprogramm und insbesondere auch im selben Zeitrahmen wie die Gaskraftwerke realisierbar, allerdings ohne die hohen Kosten und Unsicherheiten bei der Brennstoffbeschaffung. 

Zur Umsetzung:

Nach den grundsätzlichen Feststellungen zur Machbarkeit und Sinnhaftigkeit einer Reaktivierung möchten wir noch auf die Umsetzung eingehen.          

Die bisherigen Betreiber der Kernkraftwerke haben aufgrund starrer Firmenstrategien, teilweise ablehnender politischer Haltung in Bund und Ländern und der Sorge vor politischer Instabilität bisher wenig Interesse an einer Reaktivierung gezeigt.
Es ist also eine Interessensbekundung am Wiedereinstieg aus der Bundesregierung und die Bereitschaft zur rechtlichen Absicherung des Betriebs nach erfolgreicher Reaktivierung notwendig. 

Danach ist zu klären, ob Reaktivierung und Betrieb unter der Verantwortung der bisherigen Betreiber, einer öffentlich-privaten Partnerschaft oder unter Beteiligung von neuen Investoren und Betreibern stattfinden soll. Mehrfach gab es Meldungen möglicherweise interessierter Investoren, die allerdings durch die deutsche politische Unwilligkeit abgeschreckt wurden.

Für eine halbstaatliche Betreibergesellschaft gibt es mit der Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) ein gutes Beispiel.
Auch eine staatliche Betreibergesellschaft oder wesentliche anderweitige staatliche Beteiligung ist im Ausland ein geläufiges Modell, wie man an der staatlichen EDF oder dem polnischen Programm zum Ausbau der Kernkraft sieht.

Die Endlagerfrage ist längst beantwortet

Oft wird von den KKW-Kritikern angeführt, dass das vom Bund zu errichtende Endlager immer noch nicht existiert und noch lange nicht existieren wird. Dabei ist das Thema in anderen Staaten und für chemische Abfälle schon geklärt. 

In der Untertagedeponie Herfa-Neurode entsorgen wir seit Jahrzehnten hochgiftige chemische Abfälle im kriechenden Salz. Diese Stoffe bleiben ewig giftig, doch wir vertrauen der Geologie: Das Salz umschließt die Behälter, heilt Risse selbstständig und isoliert den Abfall sicher von der Biosphäre. Beim Atommüll tun wir so, als sei das unmöglich. Dabei ist das Problem hier sogar zeitlich begrenzt: Die gefährliche Gammastrahlung (Dosisleistung) sinkt nach wenigen hundert Jahren auf ein handhabbares Niveau ab. Was bleibt, ist die Giftigkeit der Isotope – und genau für diesen Einschluss ist das Salzkriechen, wie wir es in Herfa-Neurode nutzen, die perfekte Lösung.

Die „Endlagerfrage“ ist technisch und physikalisch längst beantwortet. Dass wir sie trotzdem nicht lösen, liegt nicht an fehlender Geologie, sondern an politischen Narrativen, die konstruierte Schreckensszenarien über reale Bergbau-Erfahrung stellen. Wir suchen kein Endlager, wir verwalten eine organisierte Entscheidungslosigkeit.

Die Reaktivierung ist technisch machbar und ökonomisch sinnvoll.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, wir gestatten uns noch eine kurze Zusammenfassung: Eine Reaktivierung der letztabgeschalteten Kernkraftwerke ist technisch machbar und ökonomisch sinnvoll, der Zeitbedarf dafür liegt standortabhängig im Bereich von 3 bis 10 Jahren. Dringlich ist ein sofortiger Ausstieg aus dem Ausstieg, um die bestehende Erfahrung zu erhalten und die Grundlage für die Nutzung zukünftiger Technologien zu erhalten. 

KÖNNEN wir, WOLLEN wir, MÜSSEN wir?

Und erst JETZT, nach der positiv beantworteten Frage des KÖNNENS, stellt sich die Frage nach dem WOLLEN. Und alle Beteiligten sollten sich fragen, ob sie die aufgezeigte Machbarkeit durch ihr eigenes bisheriges NICHTWOLLEN konterkarieren dürfen!

Wir dürfen nicht warten, bis in Anbetracht der wirtschaftlichen Probleme und der Weltlage aus dem aktuellen politischen »Nichtwollen« ein bitteres »Müssen« geworden ist. Der internationale Druck wächst, während unsere eigene Leistungsfähigkeit erodiert und die Vorgaben des energiepolitischen Zieldreiecks Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umwelt- und Klimaschutz immer mehr verfehlt werden. 

Unser Appell

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, wir Techniker sorgen gerne für eine funktionierende Stromversorgung. Das politische »Wollen« müssen aber Sie an führender Stelle beitragen. Mindestens ein Prüfauftrag zur Reaktivierung von Kernkraftwerken, wie in den Koalitionsverhandlungen von Ihnen vorgesehen, ist auch jetzt noch dringlich. Wir sind überzeugt: Die Prüfer kämen zu ähnlichen Ergebnissen wie wir! Inzwischen sind wieder viele Monate verloren: Es ist wichtig und eilt!

Die Autoren des Gastbeitrags haben gemeinsam mehrere Jahrzehnte Erfahrung als leitende Angestellte und Kraftwerksleiter in Kernkraftwerken und den technischen Zentralabteilungen der ehemaligen Betreiber. Die Namen der Autoren sind der Nuklearia bekannt, werden aber auf ihren Wunsch nicht veröffentlicht, um ihre freie, fachliche Einschätzung der Lage ohne Rücksicht auf die Firmenpolitik der aktuellen und früheren Arbeitgeber zu ermöglichen.

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