Suche

Faktencheck der Aussagen von Nina Scheer zum Thema Kernkraft

Nach dem Vorstoß der CSU für eine Rückkehr zur Nutzung der Kernenergie bezeichnete Nina Scheer, die Energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Kernkraft als „Realitätsverleugnung“.

Wir nehmen das zum Anlass, Scheers Argumentation selbst einem Realitätscheck zu unterziehen:

❌ Behauptung: Kernenergie sei die teuerste Energieform

Diese Behauptung stützt sich meist auf eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE. Deren Spanne von 13 bis 49 Cent pro Kilowattstunde nennt jedoch keine realen Preise. Es handelt sich um theoretische Obergrenzen aus einem Modell mit extremen Annahmen: überhöhte Baukosten von 10 Milliarden Euro pro Block, unrealistische Zinssätze von 6 Prozent, kurze Laufzeiten von 40 Jahren und vor allem eine untypisch niedrige Auslastung von 1.000 statt der üblichen 8.000 Volllaststunden pro Jahr.

Die zuletzt abgeschalteten Anlagen in Deutschland hatten Produktionskosten von 2 bis 3 ct/kWh.

❌ Behauptung: China setze auf Erneuerbare Energien in größerem Maße als auf Kernenergie.

China baut sämtliche Energiequellen aus, ob nun Kohlekraft, Erneuerbare oder Kernkraft. Die Kernkraft wird in China mit zunehmender Geschwindigkeit ausgebaut, das Ziel ist eine Vervielfachung der Kapazität. Derzeit sind über 150 Kernreaktoren in China in Planung und 37 Reaktoren im Bau, wie die aktuelle Übersicht des Nuklearia-Referenten für die internationale Nuklearindustrie Dirk Egelkraut zeigt.

❌ Behauptung: Der Anteil der Kernenergie sinke weltweit.

Diese Aussage stimmte für einige Jahre, ist mittlerweile aber überholt, da durch Wiederinbetriebnahmen, Laufzeitverlängerungen und Neubau die Stromproduktion aus Kernkraft wieder merklich zunimmt. Mit dem COP28-Beschluss einigten sich 33 Staaten, die 50 % der Weltwirtschaft ausmachen, die Kernenergie bis 2050 zu verdreifachen.

❌ Behauptung: In Kanada gäbe es nur ein geplantes Vorhaben bezüglich des Baus von Mini-KKW, keine realen Bauarbeiten.

Wer die Baustelle des KKW Darlington in Kanada besichtigt, wird feststellen, dass bereits Aushubarbeiten erfolgen. Der in Datenbanken wie dem PRIS der IAEA angegebene, offizielle Baubeginn eines KKWs ist jedoch nicht der Spatenstich, sondern das Gießen des ersten Betons für das Reaktorgebäude. Die Arbeiten auf der Baustelle beginnen aber, wie im Falle des KKW Darlington, schon früher. Demnach ist Scheers Behauptung, es handle sich bei Nachrichten bezüglich des Baustarts um Fake News, nicht haltbar.

❌ Behauptung: Kernenergie sei nur durch massive Subventionen und vergesellschaftete Risiken möglich.

Die Bundesregierung stellte 2002 in der Antwort auf eine schriftliche Anfrage klar, dass es keine direkten oder indirekten Subventionen für den kommerziellen Betrieb von Kernreaktoren gab. Im Gegenteil versuchte die Regierung verfassungswidrig, die Kosten staatlicher Nuklearprojekte mit der Brennelementesteuer auf die Betreiber von Kernkraftwerken umzulegen.

Die Risiken einer Evakuierung durch einen Unfall müssen bei deutschen Kernkraftwerken kleiner als 1:5 Millionen liegen. Alle Risiken trägt der Betreiber des Kraftwerks gemäß AtG §34.

❌ Behauptung: Kernenergie gefährde heimische Wertschöpfung.

Diese Aussage ist absurd, da der Betrieb von Kernkraftwerken hochwertige Arbeitsplätze sichert und Deutschland auch eine starke heimische kerntechnische Industrie hat.
Umgekehrt gefährdet eine Stromversorgung hauptsächlich mit volatilen Erzeugern die heimische Wertschöpfung in der energieintensiven Industrie durch die daraus resultierenden hohen Strompreise.

❌ Behauptung: Wiedereinstieg lässt auf militärische Absichten schließen

Alle Reaktortypen, welche in Deutschland realistisch gebaut werden könnten, sind aufgrund ihrer Bau- und Betriebsweise vollkommen ungeeignet, um waffenfähiges Plutonium herzustellen. Denn während des Betriebs bilden sich zu hohe Konzentrationen des Isotops Pu-240 im erbrüteten Plutonium, das dadurch für die Verwendung in Kernwaffen untauglich wird. Zur Herstellung von waffengeeignetem Plutonium mit einer hohen Reinheit an Plutonium-239 werden weltweit spezielle, ausschließlich für militärische Nutzung gedachte Reaktoren betrieben.
Die Aussage ist somit in keiner Weise haltbar.

❌ Behauptung: Kernfusion sei weder in der nächsten Zeit nutzbar, noch sei das Stromnetz dafür geeignet.

Es ist korrekt, dass die Stromerzeugung aus Kernfusion auf weite Sicht nicht nutzbar sein wird. Wieso aber das auf die Stromversorgung mit Großkraftwerken ausgerichtete deutsche Stromnetz für die ebenfalls in Großkraftwerken stattfindende Kernfusion nicht geeignet sein soll, erschließt sich nicht. Diese Aussage widerspricht außerdem der später folgenden Forderung nach einem weiterem Ausbau der Stromnetze durch Scheer, wodurch noch mehr Möglichkeiten zum Anschluss von Fusionskraftwerken entstehen würden.

❌ Behauptung: Ein Wiedereinstieg in die Kernenergie bedeute, dass wir in den Zukunftstechnologien weiter abgehängt werden.

Die gesamte Menschheitsgeschichte ist dadurch geprägt, dass Energiequellen mit höherer Energiedichte solche mit geringerer Energiedichte ablösen. Kernkraft hat die höchste bisher bekannte Energiedichte aller Energiequellen. Weltweit gilt sie nicht nur weiterhin selbst als Zukunftstechnologie, sondern auch als Grundlage für die Nutzung weiterer Zukunftstechnologien. Egal ob Elektromobilität, Künstliche Intelligenz, CO2-Speicherung oder Kreislaufwirtschaft: Alle diese Felder benötigen günstige, umweltfreundliche und stetig verfügbare und skalierbare Energie. Kernenergie erfüllt nachweislich jede dieser Anforderungen.

Fazit

Nina Scheers Kritik des CSU-Vorstoßes baut auf falschen Informationen und verzerrten Darstellungen auf.

Kernkraft ist in Wahrheit ein unverzichtbarer Teil einer wirtschaftlichen und umweltfreundlichen Energieversorgung und erlebt deswegen weltweit einen großen Aufschwung.

Quellen

Nina Scheer, 01.01.2026: Atomenergie ist Realitätsverleugnung

Focus, 06.05.2024: „Mit Verlaub, das ist Unsinn“: Jetzt teilt Atom-Manager gegen Habeck aus

Deutscher Bundestag, Schriftliche Anfragen, Ziffer 27, 25.01.2002 Drucksache 14/8084

Eine Antwort

  1. Naja,
    um ihr Gesicht zu wahren hätte sie besser geschrieben:
    „Es ist politisch von uns entschieden Kernkraft und deren Beforschung nicht mehr haben zu wollen bzw. diese nicht weiter zu Entwickeln.“
    Denn mit deren Behauptungen zeigt Sie ihre vollkommenen Wissenslücken in Sachen Kernkraft und damit ihre und auch parteiliche Fehlbesetzung in einer Regierung, die eigentlich nicht zum Schaden des Volkes beitragen soll!

    Und jedenfalls auch nicht viel besser als das Kasperletheater der CSU, die den Schaden, nämlich das Abbauen der Kernkraft in Deutschland mit herbeigeführt haben, um jetzt neuerliche Kernkraft auf Basis von SMR (small modular reaktors) initiieren zu wollen, die jetzt nach Abbau der Beforschung von Kernkraft wohl aus dem Ausland teurer eingekauft werden sollen.

Newsletter

Ja, ich will … Infos über Aktionen und Neues rund um die beste Energiequelle direkt in mein Postfach.