Der Ingenieur und Nuklearmanager Ulrich Gräber hat Jahrzehnte in der Kernkraft gearbeitet und für sie gekämpft. Sein neues Buch ist sowohl Erinnerung als auch Abrechnung mit den Irrwegen der deutschen Energiepolitik
Die Kernkraft prägt seit Jahrzehnten die deutsche Energieversorgung. Ihr Potential und symbolische Bedeutung machte sie immer zu mehr als nur einer Technologie unter vielen. Kaum jemand hat ihre dramatische Entwicklung mit großen Hoffnungen, Erfolgen und mehreren Wenden so umfassend miterlebt wie Ulrich Gräber.
Autor mit einmaligem Erfahrungsschatz
Ulrich Gräbers Einblicke in die Entwicklung der deutschen Kernkraft werden besonders dadurch interessant, dass er sie buchstäblich aus jedem Blickwinkel miterlebt hat: Aus der Sicht des Ingenieurs und Planers beim legendären Kernkraftwerkserbauer KWU in den 70ern, als Projektmanager für die Bauherrenseite in den 80ern, dann kurzzeitig als Staatsdiener für die politisch leider erfolglose Rettung des Kernkraftwerks Greifswald. In den 90ern folge die Sicht des Nuklearmanagers beim Kraftwerksbetreiber EnBW, und schließlich die Rolle als Deutschlandvorstand der Kerntechnikfirma Areva (heute Framatome), dem führenden Kernkraftwerkserbauer und -dienstleister in Europa.
Die lebenslange Bindung an die Kernkraft geht zurück auf seine Zeit als Maschinenbaustudent, über die er schreibt: »Als Student des Maschinenbaus in meinen Zwanzigern sah ich zum ersten Mal die Baustelle des KKW Philippsburg am Rhein. Von da an war für mich klar, dass ich am Aufbau dieser damals neuen, aufstrebenden Energiequelle beteiligt sein wollte.«
Wer wie Gräber die Blütezeit des deutschen Kernkraftwerksbaus in den 80ern miterlebt hat, kann verständlicherweise kaum ertragen, wie diese erfolgreiche Hochtechnologiebranche in den folgenden Jahrzehnten immer mehr durch die Politik behindert wurde.
Und so findet sich im Buch neben den persönlichen Erinnerungen eine ausführliche Sektion der inneren Widersprüche und Fehler der deutschen Energiepolitik der letzten 50 Jahre, die schließlich im Atomausstieg mündete. Zentrale These Gräbers ist, dass die Verantwortung für den Atomausstieg nicht allein bei dem kleinen Anteil radikaler Kernkraftgegner liegt, sondern auch bei den anderen politischen Parteien und der Wirtschaft, die in entscheidenden Momenten einknickte, statt den Konflikt zu suchen. Gräber benennt im Buch mehrere solcher »Nuklearer Sündenfälle«, die jeweils einen »Kniefall vor der Unvernunft« darstellten.
Pointierter Stil und interessante Anekdoten
Der Stil des Buches ist durchgehend knapp auf den Punkt und meinungsstark gehalten, wobei Gräber nicht an Lob und Tadel für Weggefährten und (Fehl)Entscheidungsträger im Umfeld der deutschen Kernkraft spart. Mit Ausnahme der Passagen zur Geschichte der deutschen Kernkraft und dem damit verwobenen Berufsweg kann man das Buch als eine Aneinanderreihung von ausführlichen Essays zu verschiedenen Themen der deutschen Energieversorgung verstehen, wie sie der Autor regelmäßig für das Magazin Cicero und den Wirtschaftsrat der CDU schreibt.
Beim Lesen macht die beschriebene Dynamik während der Frühzeit der deutschen Kernkraftentwicklung Eindruck. War Deutschland das Engagement in der Kerntechnik bis 1955 noch von den Alliierten verboten, so gelang mit einer einmaligen Kraftanstrengung in kurzer Zeit der Aufbau der wissenschaftlichen, technischen und industriellen Grundlage. Und so ging nur 20 Jahre nach dem Kaltstart der erste Großreaktor Biblis A nach viereinhalb Jahren Bauzeit in Betrieb. Heute braucht der Bau des Bahnhofs Stuttgart 21 dieselben zwanzig Jahre. In den 1980er-Jahren erreichte die Leistungsfähigkeit der Branche ihren Höhepunkt, als zeitgleich drei Großreaktoren vom Typ Konvoi im Zeit- und Kostenplan errichte wurden. Eine Leistung, an der Gräber als Mitglied der Projektleitung in Neckarwestheim teilhaben konnte.
Mit Blick auf heute macht der Präzedenzfall des rapiden ersten Atomeinstiegs Mut für einen Wiedereinstieg in die Kernkraft, der ja bereits auf einem Nukleus bestehender Industrie und Betriebserfahrung aufbauen könnte.
Gleichzeitig bekommt man beim Lesen einen Gespür von der Belastung, die die dauernden Kämpfe gegen politische Hürden und die teilweise persönlichen Angriffe bedeutet haben müssen. Zahlen und Fakten, an denen auch im Buch nicht gespart wird, helfen nicht weiter, wenn eine Demonstrantin Castor-Transporte für Eheprobleme verantwortlich macht. Ja, wirklich. Und so steckt im Buch auch eine wichtige Lektion für heute: Die Kernkraftbranche muss, will sie dauerhaft erfolgreich sein, das Publikum von Beginn an auch auf einer kulturellen und emotionalen Ebene ansprechen. Andernfalls läuft sie Gefahr, auf dem fachlichen Gebiet zu gewinnen, aber auf sozialem und narrativem Gebiet zu verlieren gegen eine Opposition, die die Debatte gezielt dorthin verlagert. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Menschen aus der Kernkraft Gräbers Weg in die Öffentlichkeit folgen.
Gesamteindruck:
»Kniefall vor der Unvernunft« ist ein lesenswertes Buch über die Geschichte der deutschen Kernkraft von jemandem, der sie einmalig umfassend miterlebt und mitgestaltet hat. Leicht und flüssig lesbar, wird es Kernkraft-Laien einen guten Überblick über historische und aktuelle Entwicklungen liefern, während es für Menschen im Thema immer noch eine Reihe spezifischer Infos und interessanter Anekdoten bereithält.
»Kniefall vor der Unvernunft« erscheint am 16.03.2026 im Mentoren-Verlag als Taschenbuch und ist dort und im Buchhandel verfügbar.