Wir veröffentlichen den vollständigen Wortlaut des Briefes, über den zunächst die BILD-Zeitung berichtete. (Bild vom 25.6.: „Kernkraft-Reaktivierung möglich und sinnvoll“)
Eine Gruppe ehemaliger Leiter deutscher Kernkraftwerke und weiterer kerntechnischer Experten hat sich mit einem gemeinsamen Schreiben an Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und den Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Jens Spahn gewandt.
Die Unterzeichner verfügen über jahrzehntelange Erfahrung in Planung, Bau, Betrieb und Sicherheit von Kernkraftwerken. Zu ihnen gehören ehemalige Leiter der Kernkraftwerke Emsland, Biblis, Philippsburg 2 und Leibstadt, erfahrene Ingenieure der Kerntechnik, Wissenschaftler sowie international tätige Experten.
Die Fachleute kommen zu einem klaren Ergebnis: Die Reaktivierung deutscher Kernkraftwerke ist aus technischer Sicht möglich und sinnvoll. Sie sehen darin eine Chance, Deutschland wieder mit wettbewerbsfähigen Industriestrompreisen zu versorgen, die Versorgungssicherheit zu stärken und gleichzeitig die Klimaziele zu unterstützen.
Als fachliche Grundlage verweisen die Unterzeichner auf den neuen Bericht der Radiant Energy Group zu möglichen Szenarien für die Reaktivierung deutscher Kernkraftwerke. Am Montag, den 29. Juni 2026 veröffentlichen wir den Bericht, der Machbarkeit, Zeitplan und Wirtschaftlichkeit einer Wiederinbetriebnahme der zuletzt stillgelegten Anlagen untersucht (Update: Mehr zum Bericht und Downloadlink).
Der Brief wurde den zuständigen Bundesministerien sowie weiteren politischen Entscheidungsträgern bereits übermittelt. Nachdem die ersten Medien über das Schreiben berichtet haben, dokumentieren wir nachfolgend den vollständigen Wortlaut und geben einen teilweise anonymisierten EInblick in die Unterstützerliste. Die Unterzeichner sind der Nuklearia vollständig bekannt.
Vollständiger Wortlaut des Schreibens
22.05.2026
An:
Bundeskanzler Friedrich Merz
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie Katherina Reiche
Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion des deutschen Bundestags Jens Spahn
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrte Frau Bundesministerin,
sehr geehrter Herr Fraktionsvorsitzender,
wir, ehemalige verantwortliche Leiter von Kernkraftwerken in Deutschland und kerntechnische Experten, akzeptieren die Ziele der Bundesregierung, eine Treibhausgasneutralität in Deutschland bis zum Jahr 2045 zu erreichen. Die Bundeswirtschaftsministerin hat dabei, wie auch die Industrie, erkannt, dass trotz des Ausbaus der erneuerbaren Energien weiterhin gesicherte Kraftwerkskapazitäten für Deutschland notwendig sind, um einer Deindustrialisierung des Standortes Deutschland entgegenzuwirken.
Diese Kraftwerkskapazitäten können grundsätzlich durch Gas-, Kohle- oder Kernkraftwerke bereitgestellt werden. Die Kernkraftwerke haben dabei den mengen- und kostenmäßig geringsten Brennstoffbedarf und bieten damit auch die geringste Abhängigkeit von anderen Industriestaaten und liefern die Energie weitgehend CO2-frei.
Wir weisen als kerntechnische Führungskräfte und Experten darauf hin, dass eine Reaktivierung der deutschen Kernkraft technisch eine mögliche und sinnvolle Option ist. Wir verweisen dazu auf den beigelegten Report der Radiant Energy Group, dem wir grundsätzlich inhaltlich zustimmen können.
Reaktivierte Kernkraftwerke sind eine Chance, in Deutschland mittelfristig zu wettbewerbsfähigen Industriestrompreisen inklusive Netzentgelten zurückzukehren und die deutsche Energieversorgung durch Diversifizierung abzusichern, ohne dabei in den Konflikt mit den europäischen Klimazielen zu geraten. Die Instandsetzung und Reaktivierung bestehender Anlagen ist im Übrigen essentiell für den Kompetenzerhalt in Deutschland und damit die Anschlussfähigkeit bei zukünftigen Technologien wie Small Modular Reactors (SMR) und Kernfusion.
In Bezug auf die Bereitschaft der Industrie und des Personals ist festzustellen, dass im Ausland deutsche Anlagen (Spanien, Schweiz, Niederlande, Brasilien, Argentinien) und den deutschen Anlagen ähnliche Kernkraftwerke in Betrieb und im Bau sind. Trotz der Stilllegung der deutschen Anlagen existieren daher in der Industrie, Brennstoffbewirtschaftung und Ausbildung weiterhin Erfahrungen mit dem deutschen Anlagentyp. Noch sind Kompetenz, Standorte, Infrastruktur, Kraftwerksgebäude, Teile der Anlage und des Personalstamms auch in Deutschland verfügbar und können wieder ausgebaut werden.
Uns ist klar, dass dazu weitere Themen bearbeitet bzw. geklärt werden müssen:
- Die ideologiefreie Bewertung der o.g. Erzeugungsmöglichkeiten durch eine von Fördermitteln unabhängige Einrichtung (z.B. durch das Paul Scherrer Institut in der Schweiz) unter Einbeziehung aller sozioökonomischen Faktoren und unter Beachtung des Zieles, bis 2045 eine Treibhausgasneutralität zu erreichen; begleitet und unterstützt durch eine Kommunikationsoffensive in der Bevölkerung,
- Aussetzung des Rückbaus der möglichen KKW-Standorte und damit verbundene Kostenregelungen,
- Änderung des Atomgesetzes und untergeordneter Verordnungen,
- Entbürokratisierung bei anzustrebenden neuen atomrechtlichen Genehmigungen und Umweltverträglichkeitsprüfungen,
- Erhalt des noch vorhandenen Know-hows in Bildungseinrichtungen und bei den Anlagenherstellern und
- Schaffung von Anreizen für Investitionen in diesen Bereich. Die Kraftwerksbetreiber selbst haben durch das „Unbundling“ von Netzen und Erzeugung und der damit verbundenen Kostentragung für die Netze durch die Stromkunden unter den derzeitigen Rahmenbedingungen kein Interesse an einer Wiederaufnahme eines Reaktorbetriebes. Das Interesse von anderen Investoren scheitert derzeit nur an der Atomgesetzgebung.
Die Rahmenbedingungen können Sie politisch beeinflussen. Wir können unsere technische Expertise einbringen:
Aus rein technischer Sicht können die zuletzt abgeschalteten Bestandsanlagen in Deutschland reaktiviert werden.
Wir bitten Sie, gemeinsam mit der Bundesregierung eine Reaktivierung der deutschen Kernkraftwerke zu unterstützen. Der Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland war eine politische Fehlentscheidung, wie die jüngste globale Entwicklung eindrücklich zeigt und auch Sie mehrfach betont haben.
Für Ihre Fragen stehen wir Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung.
Hochachtungsvoll, die Unterzeichner.


Nach dem Bekanntwerden des Briefs durch die Berichterstattung der BILD erklärte zusätzlich seine Unterstützung:


Pressespiegel
Ex-AKW-Bosse schicken Brandbrief an Bundesregierung: „Kernkraft-Reaktivierung möglich und sinnvoll“; Felix Rupprecht; BILD; 2026-06-25; verfügbar unter https://www.bild.de/politik/inland/ex-akw-bosse-appellieren-an-den-kanzler-kernkraft-reaktivierung-moeglich-und-sinnvoll-6a3c4742afe845031b3ad169, abgerufen am 2026-06-29
Reiche-Aussage und Experten-Brief fachen Atomdebatte neu an; Ansgar Graw; FOCUS online; 2026-06-30; verfügbar unter https://www.focus.de/politik/deutschland/reiche-aussage-und-experten-brief-fachen-atomdebatte-neu-an_5344d0fe-fc13-4fcf-9d44-2fc33347ffb6.html, abgerufen am 2026-07-11
„Reaktivieren Sie die Kernkraftwerke“: Ex-AKW-Bosse fordern Kurswechsel in der Energiepolitik; Hannes Märtin; Apollo News; 2026-06-27; verfügbar unter https://apollo-news.net/reaktivieren-sie-die-kernkraftwerke-ex-akw-bosse-fordern-kurswechsel-in-der-energiepolitik/, abgerufen am 2026-06-29
Hohe Strompreise: Ehemalige Kraftwerksleiter fordern Atom-Reaktivierung – Brandbrief an Merz; Theresa Breitsching; Frankfurter Rundschau; 2026-06-29; verfügbar unter https://www.fr.de/wirtschaft/rueckkehr-der-atomkraft-ehemalige-akw-leiter-fordern-reaktivierung-zr-94373515.html, abgerufen am 2026-06-29
Ehemalige AKW-Chefs fordern Reaktivierung stillgelegter Kernkraftwerke; welt.de; 2026-06-26; verfügbar unter https://www.welt.de/videos/video6a3dfde3113e90346dc4d489/atomkraft-ehemalige-akw-chefs-fordern-reaktivierung-stillgelegter-kernkraftwerke.html, abgerufen am 2026-06-29
Deutschland: Appell an Bundesregierung zur Reaktivierung der Kernkraftwerke; Nuklearforum Schweiz; 2026-07-07; verfügbar unter https://www.nuklearforum.ch/de/news/deutschland-appell-bundesregierung-zur-reaktivierung-der-kernkraftwerke, abgerufen am 2026-07-11
Kernkraft-Comeback: Ex-AKW-Chefs fordern Prüfung der Reaktivierung; Blackout News; 2026-06-29; verfügbar unter https://blackout-news.de/energie/kernkraft-comeback-ex-akw-chefs-fordern-pruefung-der-reaktivierung/, abgerufen am 2026-06-29
Kernkraft-Comeback: Wenn die Experten lauter werden als die Ideologie; Kettner Edelmetalle; 2026-06-29; verfügbar unter https://www.kettner-edelmetalle.de/news/kernkraft-comeback-wenn-die-experten-lauter-werden-als-die-ideologie-29-06-2026, abgerufen am 2026-06-29
Ehemalige AKW-Chefs fordern Rückkehr zur Kernenergie; LAK24; 2026-06-26; verfügbar unter https://lak24.de/news-details.php?id=5164, abgerufen am 2026-07-11
Internationale Presse
Former managers call for restart of German nuclear power plants; World Nuclear News; 2026-06-29; verfügbar unter https://www.world-nuclear-news.org/articles/former-managers-call-for-restart-of-german-nuclear-power-plants, abgerufen am 2026-06-29
Ex-nuclear plant bosses urge Merz government to reactivate German reactors; Carl Deconinck; Brussels Signal; 2026-06-25; verfügbar unter https://brusselssignal.eu/2026/06/ex-nuclear-plant-bosses-urge-merz-government-to-reactivate-german-reactors/, abgerufen am 2026-06-29
Ehemalige Spitzenmanager fordern die deutsche Regierung auf, Kernkraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen [Titel aus dem Estnischen übersetzt]; Karl Kivil; ERR; 2026-06-25; verfügbar unter https://www.err.ee/1610063572/endised-tippjuhid-kutsusid-saksa-valitsust-ules-panema-tuumajaamad-taas-toole, abgerufen am 2026-07-11
Der Atomausstieg war ein Fehler – nehmen Sie die abgeschalteten Blöcke in Deutschland wieder in Betrieb, bevor es zu spät ist, fordern Experten Merz auf [Titel aus dem Tschechischen übersetzt]; Echo24.cz; 2026-06-25; verfügbar unter https://www.echo24.cz/a/HixXy/zpravy-svet-nemecko-konec-jadra-byla-chyba-obnovte-jadro-nez-bude-pozde-dopis-vlade, abgerufen am 2026-07-11
Former German nuclear managers call for restart of 14 reactors; energynews.pro; 2026-06-30; verfügbar unter https://energynews.pro/en/former-german-nuclear-managers-call-for-restart-of-14-reactors, abgerufen am 2026-07-11
Ehemalige AKW-Leiter fordern Reaktivierung deutscher Kernkraftwerke; Ezequiel Gomes; Traders Union; 2026-06-25; verfügbar unter https://tradersunion.com/de/news/financial-news/show/2481300-akw-reaktivierung-deutschland-debatte/, abgerufen am 2026-07-11
Bild: German nuclear plant operators urge Merz to support reactor restart; Caliber.Az; 2026-06-26; verfügbar unter https://caliber.az/en/post/bild-german-nuclear-plant-operators-urge-merz-to-support-reactor-restart, abgerufen am 2026-07-11
4 Kommentare
Rückbau- Moratorium sofort! Jetzt gibt es kein Ausreden mehr … Deutschland als Industrie-Nation braucht Kernenergie (preiswerte Grundlast) oder wir enden in Deindustrialisierung, Arbeitslosigkeit und Armut.
Endlich gibt es ein Aufbäumen! Noch ist es nicht zu spät. Vielen Dank an die Verfasser dieses Schreibens und auch an die BILD für die Veröffentlichung.
Diese ideologisch begründete Abschaltung aller deutscher Kernkraftwerke war ein extrem dummer Fehler. Bei einem Besuch im gerade abgeschalteten KKW Mühlheim- Kärlich mit osteuropäischen KKW Spezialisten fragten die, warum diese Anlage abgeschaltet sei. Antwort: aus rein juristischen Gründen. Einer von ihnen sagte darauf hin: Die Deutschen müssen unendlich dumm und unendlich reich sein.
Die politisch begründete Abschaltung aller deutschen KKW war eine solche Dummheit und Kapitalvernichtung. Wir leiden jetzt alle darunter wegen hoher Strompreise und das Klima leidet wegen vermeidbarem CO-2 Ausstoßes.
Es freut mich, dass dieser Brief endlich geschrieben und auch veröffentlicht wurde. Die meisten der Unterzeichner kenne ich persönlich und kann bestätigen, dass diese integer sind und dass ihnen das Wohl unseres Landes sehr am Herzen liegt und keineswegs Profitinteressen hinter den Aussagen stehen.
Allerdings ist mir der Adressatenkreis zu klein und sie sind allesamt nicht nur unpopulär, sondern auch durch Untreue und fehlende Integrität und Widersprüchlichkeit aufgefallen. Mit denen ist es nicht möglich, einen breiten politischen Konsens herbei zu führen, den unser Land für die Wiedereinführung der Stromerzeugung aus Kernenergie braucht. Es handelt sich um Investitionen, die für mindestens 40 Jahre (Restlaufzeit für die Reaktordruckbehälter in Biblis, wenn man die Gitterfehler im Stahl durch Neutronen nicht ausheizt), die politische Stabilität brauchen und nicht alle paar Jahre geänderte politische Entscheidungen.
Unsere Branche sollte die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen und Vertrauen in der Bevölkerung schaffen, statt nur eine Sprache zu benutzen, die kaum jemand versteht, der nicht vom Fach ist.
Die radikalen AKW-Gegner bei SPD, Grünen und Linkspartei werden langsam alt und hatten noch nie stichhaltige Argumente, aber denen stehen einige Mitglieder gegenüber, denen wir die Kerntechnik durchaus erklären könnten und mit denen der nötige Weg zu einer breiten politischen Akzeptanz möglich wäre.