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Tschernobyl – 40. Jahrestag der Reaktorkatastrophe

Kernkraftwerk Tschernobyl, Ostseite der Turbinenhalle: das 2019 entstandene Mural „Looking into the Future“ von Valerii Korshunov. Bild: ZUMA Press, Inc. / Alamy

Kernkraftwerk Tschernobyl, Ostseite der Turbinenhalle: das 2019 entstandene Mural „Looking into the Future“ von Valerii Korshunov. Bild: ZUMA Press, Inc. / Alamy.

Der Reaktorunfall von Tschernobyl in der Nacht zum 26. April 1986 forderte Menschenleben, zwang Hunderttausende zur Evakuierung oder Umsiedlung, stigmatisierte ganze Regionen und erschütterte das Vertrauen in staatliche Information. Zugleich lieferte Tschernobyl in Deutschland eine wesentliche Begründung für den Beschluss der rot-grünen Bundesregierung zum Atomausstieg vom 22. April 2002.

Gerade deshalb lohnt vierzig Jahre später ein nüchterner Blick: auf die tatsächlichen Folgen des Unfalls, auf die besonderen technischen Ursachen und auf die politische Mythologisierung, die Tschernobyl in Deutschland bis heute prägt. Denn die strahlenbedingten Spätfolgen des Unfalls erwiesen sich als weit weniger dramatisch als befürchtet.

Nicht haltbar sind Behauptungen von zigtausenden oder gar hunderttausenden Todesopfern durch radioaktive Strahlung. Internationale Fachgremien haben solche Größenordnungen nicht bestätigt.

Eine bittere Lehre von Tschernobyl ist aber auch: Nicht nur Strahlung kann Menschen schaden. Auch Angst, Fehlkommunikation, Stigmatisierung und überzogene politische Reaktionen können schwere gesundheitliche und soziale Folgen haben.

Ebenfalls nicht haltbar ist es, aus Tschernobyl pauschal abzuleiten, Kernenergie sei grundsätzlich unbeherrschbar. Sowohl Ablauf als auch Schwere des Unfalls waren eng an die besonderen Eigenschaften des sowjetischen RBMK-Reaktortyps, an gravierende Konstruktionsmängel und eine schlechte Sicherheitskultur gebunden. Eine Übertragbarkeit auf andere Reaktortypen ist nicht gegeben.

Was geschah

Vor 40 Jahren, in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986, wurde Reaktor Nummer 4 des Atomkraftwerks in Tschernobyl durch eine explosionsartige Leistungsexkursion zerstört und entließ eine radioaktive Wolke, die in der Folge weite Teile Europas in Angst und Schrecken versetzte. Zwei Mitarbeiter des Kernkraftwerks Tschernobyl starben in der Nacht des Unfalls infolge der Explosion, und weitere 28 Menschen starben innerhalb weniger Wochen an den Folgen des akuten Strahlensyndroms. Es handelte sich um den schwersten Unfall in der Geschichte der zivilen Kernenergienutzung.

Auf der Flucht vor der Radioaktivität mussten kurzfristig 115.000 Menschen im Umkreis des Reaktors ihre Wohnungen verlassen. Weitere 220.000 Menschen wurden vier Jahre später (ab 1990) umgesiedelt. In Bezug auf die langfristigen Folgen der Katastrophe schätzte das russische Katastrophenschutzministerium noch im Jahr 2000 die Zahl der Tschernobyl-Toten auf 300.000 (FAZ, 15.12.2000). Solche Zahlen prägen bis heute die öffentliche Wahrnehmung, wurden später aber durch die Bewertungen internationaler Fachgremien nicht bestätigt.

Ein Unfall des Reaktortyps RBMK

Tschernobyl war kein allgemeines Muster für Kernkraftwerksunfälle. Die Katastrophe war nur durch die spezifischen Eigenschaften des sowjetischen RBMK-Reaktortyps möglich. Dieser Reaktor nutzt Wasser als Kühlmittel, aber Graphit als Moderator. Unter bestimmten Betriebszuständen konnte er dadurch in der damaligen Auslegung einen stark positiven Dampfblasenkoeffizienten aufweisen: Wenn Wasser im Reaktorkern verdampfte, konnte die Reaktivität steigen, statt zu fallen. Hinzu kamen konstruktive Schwächen unter anderem der Steuerstäbe und gravierende Verstöße gegen Betriebsvorschriften während eines Sicherheitstests.

Die nukleare Leistungsexkursion, die Block 4 zerstörte, war deshalb keine Unfallklasse, die sich auf westliche Leichtwasserreaktoren übertragen lässt. Druck- und Siedewasserreaktoren, wie sie in Deutschland betrieben wurden, besitzen ein anderes reaktorphysikalisches Rückkopplungsverhalten. Bei steigender Temperatur oder zunehmender Dampfblasenbildung nimmt die Reaktivität ab. Gerade dieser negative Rückkopplungseffekt ist ein zentrales Sicherheitsmerkmal dieser Reaktoren.

Das bedeutet nicht, dass es bei anderen Kernkraftwerken keine denkbaren Klassen von Unfällen gäbe. Eine pauschale Verallgemeinerung des Schadensausmaßes von Tschernobyl ohne Betrachtung dieser fundamentalen Unterschiede verbietet sich jedoch als Grundlage für energiepolitische Schlüsse.

Die wissenschaftliche Bilanz

Der Unfall beförderte politische Forderungen nach einem Verbot dieser „fatalen“ Technik. Die SPD beschloss den Ausstieg auf ihrem Bundesparteitag 1986. Die 1998 gewählte rot-grüne Bundesregierung setzte ihn im Einvernehmen mit den betroffenen Unternehmen durch (Atomkonsens vom 14. Juni 2000, Ausstiegsgesetz vom 22. April 2002).

Es herrschte aber weiter große Unsicherheit über die Folgen des Reaktorunfalls. Deshalb erarbeitete ein Forum bestehend aus den beteiligten UN-Organisationen und der Weltbank-Gruppe (Chernobyl-Forum) eine gemeinsame Sichtweise und veröffentlichte diese 2006 in einem Bericht[1].  Darin werden die in der Öffentlichkeit bis dahin kursierenden hohen Opferzahlen als „stark übertrieben“ eingeordnet.  Das Forum schätzte die Zahl der möglichen Krebstoten auf bis zu 4.000. Aber auch diese Zahl wurde in folgenden Veröffentlichungen weder von der WHO noch von UNSCEAR aufrechterhalten [2].

Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen nennt der Bericht des Chernobyl Forums als eine der Hauptfolgen des Unfalls für die Gesundheit. Etwa 4.000 Fälle wurden bis zum Jahr 2002 registriert. Das für die Strahlenbelastung im Wesentlichen ursächliche Isotop I-131 hat eine Halbwertszeit von 8 Tagen. Es war wenige Wochen nach dem Unfall weitgehend zerfallen (Chernobyl Forum, S. 10). Schilddrüsenkrebs ist gut behandelbar, so dass bis 2002 trotz der hohen Fallzahl nur 15 Todesfälle registriert wurden (Chernobyl Forum, S. 16).

Ein Anstieg von Fällen anderer Krebsarten und Leukämie in der allgemeinen Bevölkerung wurde nicht festgestellt. Auch einen Anstieg von Erbschäden hat UNSCEAR nicht festgestellt[3]. (UNSCEAR Report 2013).  Eine Analyse der Krebsfälle in einer Gruppe von 68.000 Notfall- und Bergungsarbeitern, die einer erhöhten Strahlendosis ausgesetzt waren, fand eine signifikant erhöhte Rate von Krebsfällen gegenüber der allgemeinen Bevölkerung, jedoch keine erhöhte Rate von Todesfällen.

Die unterschätzten Folgen von Angst

Es wurden aber vermehrt psychische Probleme beobachtet, verschlimmert durch ungenügende Kommunikation über Strahlungsfolgen, disruptive soziale Belastungen und wirtschaftliche Depression nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die sowjetische Planwirtschaft war zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls bereits durch den Ölpreisverfall ab Dezember 1985 und dem damit verbundenen massiven Verlust an Deviseneinnahmen aus dem Ölexport unter Druck geraten.

Waddington et al. haben 2017 den Verlust an Lebensqualität infolge der Umsiedlungen verglichen mit dem vermiedenen Verlust an Lebenserwartung durch das zusätzliche Krebsrisiko. Mit Methoden der Wohlfahrtsökonomie kommen sie zu einer Aussage darüber, wie viele der Umsiedlungen per Saldo als vorteilhaft für die Betroffenen angesehen werden können und wie viele nicht. Nach ihren Berechnungen waren von den 115.000 Umsiedlungen unmittelbar nach der Katastrophe nur 26 % bis 62 % gerechtfertigt. Die späteren 220.000 Umsiedlungen nach 1990 hält Waddington insgesamt für nicht von Vorteil für die Betroffenen.

Es gibt Berichte über einen Anstieg von Abtreibungen nach dem Unfall aus Angst, der Fötus könnte strahlengeschädigt sein. Medizinisch war solche Angst in den meisten Fällen unbegründet. Ein 1987 im Journal of Nuclear Medicine erschienener Bericht von Linda E. Ketchum (Part II, page 938) sprach unter Berufung auf die IAEA von geschätzt 100.000 bis 200.000 solcher Abtreibungen gewollter Schwangerschaften, allein für Westeuropa. [4] [5]

Falsche Risikowahrnehmung und unverantwortliche Risikokommunikation können selbst reale Opfer verursachen.

Instrumentalisierung des Leids

Aufgrund des realen Ausmaßes des Unfalls, aber gerade auch wegen der überzogenen Ängste eignet sich Tschernobyl bis heute als starkes politisches Symbol. Doch genau darin liegt das Problem: In der öffentlichen Debatte in Deutschland wurde Tschernobyl von Beginn an nicht als das behandelt, was es war – eine spezifische Katastrophe eines sowjetischen RBMK-Reaktors unter besonderen technischen und organisatorischen Bedingungen –, sondern als vermeintlicher moralischer Ausschlussgrund gegen Kernenergie überhaupt.

Diese Interpretation war sachlich nie tragfähig. Sie überging die Besonderheiten des Reaktortyps, ignorierte die Unterschiede zu westlichen Leichtwasserreaktoren und stützte sich auf behauptete Opferzahlen, die nicht von einem wissenschaftlichen Konsens gedeckt waren. Schon 1987 warnten Fachleute davor, aus dem Unfall massenhafte Krebsfolgen in der allgemeinen Bevölkerung abzuleiten. Der erste Teil von Ketchums Bericht im Journal of Nuclear Medicine (vom April 1987, page 422) dokumentiert, dass es bereits früh eine fachliche Gegenposition zu apokalyptischen Deutungen des Unfalls gab.

Das heißt nicht, dass 1986 keine Unsicherheit bestand. Natürlich gab es Unsicherheit: zunächst wegen sowjetischer Geheimhaltung und unvollständiger Dosisdaten, später aufgrund der Latenzzeiten bei Krebserkrankungen und methodischer Herausforderungen der Epidemiologie. Aber diese Unsicherheit wurde politisch verstärkt und bis heute genutzt. Aus wissenschaftlicher Vorsicht wurde in der öffentlichen Debatte apokalyptische Gewissheit. Aus einem speziellen Reaktorunfall wurde ein Mythos gegen eine ganze Technologie.

Genau das sollte vierzig Jahre später benannt werden dürfen.

 Die Ukraine zog eine andere Lehre

Bemerkenswert ist, dass gerade die Ukraine aus Tschernobyl nicht den deutschen Schluss gezogen hat. Sie hat ihre Kernenergie nicht aufgegeben. Im Gegenteil: Die Ukraine betreibt seit Jahrzehnten eine große Flotte von WWER-Reaktoren und ist auch während des russischen Angriffskriegs in hohem Maß auf Kernenergie angewiesen. Reuters berichtet aktuell, dass die ukrainischen Kernkraftwerke nach der massiven Zerstörung anderer Stromerzeuger bis zu 80 Prozent des heimischen Stromverbrauchs decken.

Auch langfristig und unter dem Eindruck des Krieges plant die Ukraine nicht etwa den Ausstieg, sondern forciert den Ausbau der Kernenergie. Westinghouse und Energoatom haben im Juni 2022 vereinbart, die Zahl geplanter AP1000-Reaktoren in der Ukraine von fünf auf neun zu erhöhen (World Nuclear News, 2026). Seit zwei Jahren laufen am Standort Chmelnyzkyj bereits Arbeiten für den Bau der ersten neuen Blöcke (World Nuclear News, 2024).

Der Kontrast zur deutschen Deutung könnte kaum deutlicher sein. Ausgerechnet in dem Land, auf dessen Gebiet Tschernobyl liegt, gilt die Katastrophe nicht als Grund, die Kernenergie als solche zu verwerfen. Selbst der Standort Tschernobyl steht heute nicht nur für den Unfall, seine Bewältigung und die Bedeutung nuklearer Sicherheit: Wie die Website des Kraftwerks berichtet, wird inzwischen die mögliche Errichtung von Small Modular Reactors in der Sperrzone geprüft.

Tschernobyl ernst nehmen heißt unterscheiden

Die angemessene Lehre aus Tschernobyl ist nicht Verdrängung. Sie ist aber auch nicht Mythologisierung. Tschernobyl ernst zu nehmen heißt, genauer zu unterscheiden: zwischen belegten Strahlenfolgen und behaupteten Opferzahlen, zwischen radiologischen Schäden und den Folgen von Angst, Stigmatisierung und Umsiedlung, zwischen einem sowjetischen Graphitreaktor in seiner damaligen, fundamental unsicheren Auslegung und westlichen Leichtwasserreaktoren mit inhärent stabilisierendem Rückkopplungsverhalten.

Tschernobyl zeigt, wie gefährlich schlechte Technik, mangelhafte Sicherheitskultur, Geheimhaltung und politische Systeme sein können, die Risiken nicht offen kommunizieren. Vierzig Jahre später sollte auch in Deutschland eine aufgeklärte Gesellschaft den Unfall daher nicht länger als Schreckbild überhöhen, sondern als spezifisches technisches, organisatorisches und politisches Versagen ernst nehmen – und als Mahnung zu nüchterner Risikobewertung.

Nüchterne Risikobewertung heißt nicht, Kernenergie für risikofrei zu erklären. Es heißt, Risiken zu vergleichen: die Risiken verschiedener Reaktortypen, die Risiken fossiler Energien, die Risiken mangelnder Versorgungssicherheit, die Risiken einer Deindustrialisierung, die Risiken des Klimawandels und die sozialen Kosten politischer Fehlentscheidungen.

Von Christoph Barthe und David Gramatzki

Quellen und weitere Informationen (Auswahl von Artikeln zum Thema auf der Nuklearia -Website)

[1] Chernobyl’s Legacy: Health, Environmental and Socio-economic Impacts and Recommendations to the Governments of Belarus, the Russian Federation and Ukraine

[2] UNSCEAR 2008 Report, Volume II, p. 64

[3] „There is essentially no evidence of an increase in chromosomal instability, minisatellite mutations,

transgenerational genomic instability, change in sex ratio of offspring, congenital anomalies or increased cancer risk in the offspring of parents exposed to radiation.“ UNSCEAR 2013 Report.

[4] Legally induced abortions in Denmark after Chernobyl

[5] The victims of chernobyl in Greece

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