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Kernkraft neu gedacht

Wodurch verändern Menschen ihre Einstellung zur Kernenergie? Es sind eigene Erfahrungen und weiterführende Informationen, meint Jeremy Gordon.

Kann man sich etwas Langweiligeres vorstellen als einen Betonklotz, der in einem Lagerhaus steht? Dieser hier war über zwei Meter lang und breit, riesig hoch und sah ziemlich schwer aus. Unmöglich, sich auch nur im Traum vorzustellen, er könne sich bewegen oder sonst irgendetwas Bemerkenswertes tun. Ich ging direkt zu ihm hin und machte ein Foto, ganz nah an dem glatten, hochwertigen Beton. Dabei achtete ich darauf, unbedingt das Radioaktivitätswarnschild mit aufs Bild zu bekommen. Der Betonklotz, von dem ich spreche, enthält Teile des abgebauten Kerns des gasgekühlten Windscale-Reaktors. Er war ein Vorläufer der AGR-Flotte (Advanced Gas-Cooled Reactor) im Vereinigten Königreichs. Ihn zu berühren, war meine erste direkte Erfahrung mit radioaktivem Abfall.

Cartoon: Alexy Kovynev

Erfahrungen prägen unser Weltbild

Manchmal wird der Mensch das »geschichtenerzählende Tier« genannt. Dies wohl auch deshalb, weil jeder von uns seine eigene Erklärung der Welt hat. Es gefällt uns, wenn diese Erklärung stimmig und sinnvoll ist, wenigstens für uns selbst. Doch wenn wir etwas erleben, das nicht zu unseren bestehenden Vorstellungen passt, werden wir neugierig: Ein unerwartetes Ergebnis muss ja irgendeine Erklärung haben. Wir suchen nach Informationen, um die Wissenslücke zu schließen, die sich hier aufgetan hat. Entweder ergänzen wir unsere Erzählung entsprechend, oder wir ersetzen sie durch eine bessere.

Für mich war diese innere Annäherung ein Prozess, durch den sich mein Bild von der Kernenergie geändert hat. Heute beruht es auf Tatsachen, nicht mehr auf den wolkigen Mythen, die sich um die Kernkraft ranken, und mit denen wir alle aufgewachsen sind. Dies war die Art und Weise, in der ich meine Meinung geändert habe. Ich war ein junger Journalist, der anfing, über die Nuklearindustrie zu berichten. Nie zuvor hatte ich irgendwelche Erfahrungen mit der Kernenergie gemacht. Dieses einfache, direkte Erlebnis ermöglichte es mir, sehr rational über radioaktive Abfälle nachzudenken.

Als mir das neulich wieder in den Sinn kam, entschloss ich mich, andere Leute nach ihrer Geschichte zu fragen. Wie kam es dazu, dass sie ihre Einstellung zur Kernenergie geändert hatten? Als Antworten erhielt ich einen Abriss der effektivsten Gesprächsarten, wie sie immer wieder stattfinden.

Wodurch sich die Einstellung zur Kernenergie verändern kann

Einige sagten, sie hätten ohnehin eine grundsätzlich hinterfragende Einstellung. Furcht, Unsicherheit oder Zweifel, mit denen die Kernkraft normalerweise verbunden ist, hätten sie nie gekannt. Andere sagten mir, sie seien alt genug, um sich noch an die früheren Vorstellungen einer guten und glücklichen Zukunft zu erinnern, die die Technik versprach

Aber viele beriefen sich ebenfalls auf eine direkte Erfahrung, wie ich sie hatte. Die Ausbildung, der erste Job oder eine Kernkraftwerksbesichtigung brachten neue Informationen, die nicht zu den eigenen kulturellen Erwartungen passten. Für solche Erfahrungen aus erster Hand gibt es wohl kaum Ersatz. Das kann man auch daran merken: Viele dieser Leute haben sich diesen Einblick in die wahre Natur der Kernenergie bewahrt, auch wenn sie später auf ganz anderen Gebieten gearbeitet haben. Meiner Meinung nach kann ein Kernkraftwerksbetreiber keine bessere Langfristinvestition tätigen als in ein Besucherzentrum und in die Mittel, um es jeden Tag geöffnet zu halten.

Durch Nuklearunfälle zum Kernkraftbefürworter

Eine andere Art direkter Erfahrung erwies sich ebenfalls als wichtig: Störfälle, Unfälle und Stilllegungen. Eine Person war in der Nähe des Kernkraftwerks Zion in Illinois aufgewachsen. Sie stand dem Werk ablehnend gegenüber und war froh, als es stillgelegt wurde. Doch dann war der städtische Haushalt nicht mehr ausgeglichen. Und es war schwierig, bezahlbaren Strom zu bekommen. Das machte deutlich, wie wichtig eine solche Anlage ist. Ihr Betrieb bietet den Menschen auf verschiedene Weise vieles von dem, was sie zum Leben brauchen. Das soll nicht heißen, dass es keine anderen Möglichkeiten gibt, die gleichen Ziele zu erreichen. Aber die Kernkraft liefert wichtige Beiträge für das Stromnetz und für die Gemeinden.

Sicherheitsrelevante Vorfälle sind natürlich nie Erfolge der Öffentlichkeitsarbeit. Doch wenn die Kernenergie plötzlich dramatisch in den Nachrichten auftaucht, regt das manchen dazu an, Antworten auf Fragen zu suchen, die das Fernsehen nicht gibt. Ein klassisches Beispiel ist eine Person in Deutschland, die bis zum Unfall in Fukushima nie über Kernenergie nachgedacht hatte. Doch dann stellte sie Nachforschungen über Strahlung an, um sich der Sicherheit von Angehörigen zu vergewissern, die sich gerade in Japan aufhielten. Sie stellte fest, dass die vermeintliche Katastrophe zu Strahlungswerten führte, die niedriger lagen als die Umgebungsstrahlung in ihrer Heimatstadt. Diese Person wurde rasch zu einem tatkräftigen Verfechter dafür, deutlich mehr Kernenergie einzusetzen und nicht etwa weniger.

Fachleute helfen, die Kernenergie besser zu verstehen

Für die meisten Menschen ist Kernenergie nur ein Thema, das irgendwo im Hintergrund schlummert – bis es das plötzlich nicht mehr ist. Ist das Interesse eines Menschen erst einmal geweckt, profitiert er von zweierlei enorm: von öffentlich zugänglichen Informationen und von Experten. Beide helfen ihm dabei, ein wirkliches Verständnis zu gewinnen. Das ist viel umfassender und befriedigender als die Mythen, die es ersetzt.

Glaubwürdigkeit ist der Schlüssel zur Autorität der Experten aus der Industrie. Es sind immer mehr, die in den sozialen Medien gern über ihre Branche diskutieren. Ich freue mich über eine wachsende Anzahl der Accounts von Nuklearfachleuten, die in den sozialen Medien offen über ihre Arbeit und ihre Motive berichten. Sie schaffen ein freundliches und hilfsbereites Umfeld, das die Einstellung von Menschen ändern kann – von Atomkraftgegnern zu -befürwortern. Gegner der Kernenergie stellen diese gern als eine gesichtslose, monolithische Industrie großer Konzerne dar. Wenn sich aber deren Mitarbeiter als Personen einbringen, sorgt das eine menschliche Dimension. Dadurch wird dieses Bild sehr effektiv in Frage gestellt.

Hinzu kommen äußerst wirkungsvolle und überzeugende Befürworter wie Michael Shellenberger. Er engagiert sich vehement mit direkter Sprache, solider Wissenschaft und konkreten Veranstaltungen, um seine persönliche Strategie durchzuziehen. Viele nannten ihn als entscheidenden Faktor bei ihrem Sinneswandel.

Ohne Zahlen und Fakten geht gar nichts

Wer über die Kernenergie spricht, sei es jemand aus der Industrie oder ein unabhängiger Fürsprecher, muss sich in hohem Maße auf die zuverlässigen Zahlen und Fakten verlassen, die die Branche seit Jahrzehnten vorlegt. Diese öffentlich verfügbaren Informationsquellen werden bereitgestellt von Organisationen wie der International Atomic Energy Agency, der OECD Nuclear Energy Agency, der US Energy Information Administration und auch der World Nuclear Association, wo ich früher selbst gearbeitet habe. Den unabhängigen Stimmen, die sich für die Kernenergie einsetzen, schafft diese Wissensbasis eine Grundlage der Glaubwürdigkeit. Zahlen und Diagramme allein bewirken selten einen Sinneswandel, aber sie sind bestens dazu geeignet, Wissenslücken zu füllen. Und sie entfalten eine unglaubliche Kraft, wenn sie von vertrauten Personen erklärt und in den richtigen Zusammenhang gestellt werden.

Diese Form der Fürsprache bringt manche Informationen zur Kernenergie zum Vorschein, die außerhalb der Industrie nur wenig bekannt sind. Da geht es um Wiederaufarbeitung und Lagerbehälter für gebrauchten Kernbrennstoff über Kleinreaktoren, U-Boote, Eisbrecher, Weltraumsonden, Strahlentherapie bis hin zu Thorium. Nach dem Drehbuch der Atomkraftgegner erscheint jede Schwierigkeit im Bereich der Kernenergie automatisch als unlösbares Problem. Mit einem solchen Eintreten für die Kernkraft ist das nicht mehr haltbar.

Die sicherste Energiequelle: Kernkraft

Mehrere Leute erzählten mir, dass die Daten zu den Todesfällen der verschiedenen Energiequellen ihre Sichtweise auf die Kernenergie umgekehrt hätten. Das gelte vor allem, wenn sie von einem unabhängigen und angesehenen Vermittler wie Our World In Data präsentiert wurden. Ein weiterer Favorit war die ElectricityMap, die schlicht und ergreifend den aktuellen Energiemix in Ländern auf der ganzen Welt anzeigt. Jeder unbefangene Beobachter könne sich innerhalb von fünf Minuten selbst davon überzeugen, was in der Regel die entscheidenden Faktoren für die CO2-Intensität eines Landes sind: die Anteile von Kernenergie und Wasserkraft.

Überprüfen zu können, was Atomkraftgegner behaupten, ist ein weiteres sinnvolles Element einer sachbezogenen Kommunikation zur Kernenergie und zur Energie im Allgemeinen. Eine Person hatte mit einigen Greenpeace-Leuten Kontakte geknüpft. Danach ging sie nach Hause und stellte fest: Was man ihr über Energie und Umweltverschmutzung in Polen erzählt hatte, war Unsinn. Ich weiß nicht, was dann beim nächsten Treffen passierte.

Einige Personen sind dank der öffentlich verfügbaren Daten in der Lage, selbst Berechnungen zum Klimawandel durchzuführen. Ihre hausgemachten Modelle kommen in der Regel zu der gleichen Schlussfolgerung wie die, die den Berichten des Weltklimarats (IPCC) zugrunde liegen. Die besagen, dass eine Dekarbonisierung ohne Kernenergie praktisch unmöglich ist. Darauf zu beharren, dass es auch ohne gehe, sei eine furchtbare Verschwendung der wenigen Zeit, die uns noch zur Verfügung stehe. Durch solche Untersuchungen haben sich viele tatsächlich zu einer pro-nuklearen Haltung durchgerungen.

»Verdammte Atombefürworter!«

Eine Person erzählte mir, dass sie gegen die Kernenergie war, aber einfach keine Belege für ihre Position finden konnte. »Diese verdammten Atombefürworter traten mir immer wieder in den Hintern, immer und immer wieder!« Ein anderer wies auf die Aussagen von Wissenschaftlern wie James Hansen oder James Lovelock hin. Diese betonen, dass fossile Brennstoffe das Klima verändern und Millionen von Menschen das Leben kosten. Währenddessen werde »fleißig gegen die Atomkraft gehetzt.«

»Heute setze ich mich in meiner Freizeit für die Kernenergie ein. Mit meiner früheren Idiotie bei diesem Thema war eine tatsächliche Todesrate verknüpft«, sagte er mir. »Das ist das Mindeste, das ich für die Menschen tun kann. Sie sind gestorben, weil ich bequeme Blödheit über Daten, Fakten und Wissenschaft gestellt habe.«


Dieser Artikel erschien im englischsprachigen Original bei „Nuclear Engineering International“.



Jeremy Gordon

Jeremy Gordon ist unabhängiger Kommunikationsberater mit 15 Jahren Erfahrung in der internationalen Energiewirtschaft. Seine Firma »Fluent in Energy« unterstützt Kunden aller Art bei der Kommunikation zu sauberer Energie und nachhaltiger Entwicklung.

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