Nuclear Pride – Kernenergie weltweit im Aufwind

Nuclear Pride – das bedeutet Begeisterung für Kernenergie und ein selbstbewusstes, offenes Eintreten für Kernenergie. Kernkraftfreunde verstecken sich nicht länger, sondern stehen begeistert und stolz zu dieser sauberen und zuverlässigen Stromerzeugung. Wer am 21. Oktober auf dem Marienplatz in München war, konnte diese Begeisterung beim Nuclear Pride Fest miterleben.

Doch nicht allein das Nuclear Pride Fest signalisiert, dass es mit der Kernenergie wieder aufwärts geht. Ereignisse gerade der letzten Tage und Wochen senden sehr positive Signale für eine bevorstehende weltweite Renaissance der Kernenergie. Das hat vor allem mit dem Klimawandel zu tun.

Nuclear Pride Fest in München

Die Nuclear Pride Coalition, ein im September gegründetes Bündnis von rund 50 Organisation und Einzelpersonen aus Europa und den USA, hatte beim Nuclear Pride Fest bewusst auf eine Willkommensatmosphäre gesetzt. An verschiedenen Ständen und auf der »Bühne der Begeisterung« konnten Besucher und Besucherinnen mit den Kernkraftfreunde ins Gespräch kommen, an Aktionen teilnehmen und sich über Kernenergie, Klimawandel, Versorgungssicherheit oder Strahlung informieren. Nicht jeder wusste, dass man durch den Verzehr einer Banane mehr Radioaktivität in den Körper aufnimmt, als wenn man ein Jahr lang in der Nähe eines Kernkraftwerks lebt.

Auch Kernkraftgegner waren willkommen. Das heißt, sie wären willkommen gewesen, wenn sie sich denn hätten blicken lassen. Einige Grüne, die mit Metallgegenständen in den Händen über den Marienplatz marschierten, entpuppten sich als Trachten-Blaskapelle. Das organisierte Anti-Atom-Establishment glänzte durch Abwesenheit. Eine Pro-Kernkraft-Bewegung aus der Mitte der Gesellschaft, ganz normale Bürger als Nuklearbegeisterte – das ist für Greenpeace, Grüne und andere Antiatomiker neu. Damit kommen sie nicht klar.

Das überkommene, schablonenhafte Denken der Kernkraftgegner demonstriert exemplarisch B.U.N.D.-Regionalgeschäftsführer Axel Mayer. In einem Kommentar der Hochrhein-Zeitung offenbart er, dass er über die bekannten Platitüden aus der antinuklearen Ecke nicht hinauskommt. Für ihn stehen hinter der Nuclear-Pride-Bewegung keine Bürger, denen Klimaschutz oder Versorgungssicherheit am Herzen liegen, sondern PR-Agenturen und Konzerne. In Mayers Augen sind es »das globale atomare Dorf, die alten mächtigen Seilschaften aus Konzernen, Lobbyisten und Atomparteien«, die hier ihr übles Werk treiben. Klar, es kann nicht sein, was nicht sein darf!

Motivationsschub für Kernkraftbefürworter

Beeindruckend, wie viele Kernkraftfreunde sich motivieren ließen, nach München zu kommen! Kernenergie hat offensichtlich noch immer viel mehr Sympathisanten in Deutschland, als man glaubt. Viele trauen sich nur nicht, darüber zu reden, weil sie Ablehnung durch Freunde und Verwandte fürchten. Doch nun gibt es die Nuclear-Pride-Bewegung, mit der sie sich identifizieren können. In der Gemeinschaft ist man nicht mehr allein, und das macht Mut, sich zu outen. Das Nuclear Pride Fest als Kondensationspunkt für Kernkraftbegeisterte: das hat funktioniert.

Die positive Stimmung zeichnete sich schon im Vorfeld ab. Schon bald nach den ersten Berichten über die Gründung der Nuclear Pride Coalition und das geplante Fest, abonnierten bemerkenswert viele Personen einen der Nuklearia-Mailverteiler oder schickten gleich einen Mitgliedsantrag ein.

Künftig soll es jedes Jahr immer am dritten Sonntag im Oktober ein Nuclear Pride Fest geben, im nächsten Jahr in Paris.

Rückenwind für Kernenergie

Überhaupt erlebt Kernenergie momentan weltweit einen bemerkenswerten Rückenwind. Immer mehr Klimaschützer stellen nämlich fest, dass sich die Treibhausgas-Emissionen mit Sonne und Wind allein nicht oder viel zu langsam senken lassen. Der Anfang Oktober erschienene Sonderbericht des IPCC zum 1,5-°C-Ziel macht aber deutlich, dass eine Senkung der CO2-Emissionen in großem Umfang und sehr schnell zu erfolgen hat. Daher fangen erste Akteure an, Kernenergie in einem neuen Licht zu sehen und als eine Technik zu begreifen, die große Mengen Energie liefert, ohne nennenswerte Mengen an CO2 oder Luftschadstoffen freizusetzen.

Der neue Trend hin zur Kernenergie sei an einigen Ereignissen der allerjüngsten Vergangenheit festgemacht:

Sonderbericht des IPCC

Am 6. Oktober erscheint der Sonderbericht des IPCC zur 1,5-°C-Erwärmung. Die meisten Pfade, die die globale Erwärmung auf 1,5 °C beschränken, sehen eine Vervielfachung der heutigen Kernkraftkapazitäten vor. Einige 1,5-°C-Pfade kommen ohne neue Kernenergie aus, aber sie sehen derart massive Einschnitte in Lebensweise und Lebensqualität vor, dass sie keine Akzeptanz finden dürften.

Kalifornien: emissionsfrei statt erneuerbar

Am 10. September 2018 unterschreibt der kalifornische Gouverneur Jerry Brown ein neues Gesetz, das den US-Bundesstaat dazu verpflichtet, ab spätestens 2045 nur noch Strom aus emissionsfreien Quellen zu beziehen. Wichtig ist das Wort »emissionsfrei«, um das zuvor heftig gerungen worden war. Denn eine erneuerbare Quelle ist nicht automatisch auch emissionsfrei, wie das Beispiel Biomasse zeigt. Umgekehrt kann eine nicht erneuerbare Quelle sehr wohl emissionsfrei sein, siehe Kernenergie.

Arizona setzt auf emissionsfreien Strom

Am 6. November lehnen die Wähler in Arizona mit einer überwältigenden Mehrheit von knapp 70 Prozent die »Proposition 127« ab. Dieser Verfassungszusatz hätte den Staat zu einem 50-Prozent-Anteil erneuerbarer Energien verpflichtet. Arizona erzeugt aber bereits heute 46 Prozent seines Strom aus emissionsfreien Quellen. 79 Prozent davon stammen aus dem Kernkraftwerk Palo Verde. Die Proposition 127 hätte das vorzeitige Ende des Kernkraftwerks bedeutet. »Macht doch nichts«, sagen die Freunde der Erneuerbaren an dieser Stelle, »dann ersetzen wir das Kernkraftwerk halt durch Wind und Photovoltaik!« »Doch, macht etwas«, sagen alle, die wissen, dass ein stillgelegtes Kernkraftwerk höchstens zu einem geringen Teil durch Sonne und Wind ersetzt wird. Den Löwenanteil der Erzeugung übernehmen fossil befeuerte Kraftwerke, die immer dann einspringen, wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht. Übrigens: Initiator der Proposition 127 war der kalifornische Milliardär Tom Steyer, der einen Großteil seines Vermögens mit Kohle gemacht hat. Ein Schelm, der Böses dabei denkt!

Die Niederlande werden pro-nuklear

Am 26. Oktober bringt das niederländische Fernsehen einen positiven Hintergrundbeitrag zur Kernenergie. Highlights darin: eine Berichterstattung vom Nuclear Pride Fest und eine Greenpeace-Vertreterin, die – anders als das deutsche Umweltministerium – Kernenergie als CO2-arm anerkennt. Und die sagt: »Wir sind nicht prinzipiell gegen Kernenergie.« Das sind ganz neue Töne!

Am 4. November ist Kernenergie Thema der Sendung »Zondag met Lubach«. Symbolisch holt Satiriker Arjen Lubach Kernenergie aus der Tabuzone und stellt ihre Vorteile heraus, insbesondere die Emissionsfreiheit. Die typischen Argumente der Kernkraftkritiker zerlegt Lubach genüsslich.

Am 5. November fordert Klaas Dijkhoff, Fraktionsvorsitzender der Regierungspartei VVD im niederländischen Parlament, den Bau neuer Kernkraftwerke. Ihn motivieren die Pariser Klimaziele: »Ich sehe nicht, wie Sie die Ziele ohne Kernkraft erreichen. Was mich betrifft, werden wir schnell mit dem Bau beginnen.«

Am 6. November zeigt eine nicht repräsentative Umfrage von NPO Radio 1 eine Zweidrittel-Zustimmung der Hörer zur Kernenergie.

Am 7. November berichtet die NL Times, die Parteien im niederländischen Parlament seien mehrheitlich für Kernenergie. Zustimmung und Ablehnung ziehen sich quer durch Regierungs- und Oppositionslager. Die Energieversorger winken allerdings ab: Man wisse nicht, wie sich Strompreise und gesellschaftliche Unterstützung entwickeln werden.

Taiwan stimmt über Kernkraft ab

Am 23. Oktober erstreitet eine pro-nukleare Bürgerinitiative gerichtlich die Zulassung eines Referendums über Kernenergie, wie Focus Taiwan berichtet. Die Regierung will bis 2025 aus der Kernenergie aussteigen und versuchte offenbar, das Referendum zu verhindern. Denn die Wahlkommission erkannte zunächst nicht alle gesammelten Unterstützungsunterschriften an. Es bedurfte eines Hungerstreiks und eines Gerichtsentscheids, um das Referendum doch noch durchzusetzen. Taiwans Ex-Präsident Ma Ying-jeou unterstützt die Initiative: »Gegen Kernenergie zu sein, ist out. Jetzt geht es darum, die CO2-Emissionen zu senken und die globale Erwärmung zu bekämpfen.« Ein großflächiger Stromausfall im vergangenen Jahr und eine hohe Luftverschmutzung sind gute Argument der Kernkraftbefürworter. Die Abstimmung findet am 24. November statt.

[Nachtrag, 2018-11-25: Das Referendum in Taiwan war erfolgreich. Über 59 % der Wähler lehnten den von der Regierung geplanten Atomausstieg ab.]

Australien: erste Schritte zur Legalisierung von Kernenergie

Am 16. Oktober schließt der australische Premierminister Scott Morrison Kernenergie nicht mehr kategorisch aus. Gegenwärtig ist Kernenergie in Australien verboten, aber die Diskussion darüber läuft.

UNECE jetzt auch mit Kernenergie

Vom 12. bis 15. November findet in Kiew das neunte International Forum on Clean Energy for Sustainable Development (Internationales Forum über saubere Energien für nachhaltige Entwicklung) statt. Bislang musste Kernenergie bei dieser Konferenz der UN Economic Commission for Europe (UNECE) draußen bleiben. Jetzt ist Kernenergie erstmals dabei. Scott Foster, Direktor der Sustainable Energy Division der UNECE, wägt die Risiken der Kernenergie gegen die Risiken des Klimawandels ab. Foster: »Entweder lassen wir die fossilen Brennstoffe im Boden, oder wir verzichten auf Kernenergie. Viele Optionen haben wir nicht.«

Union of Concerned Scientists will Kernkraftwerke erhalten

Das war ein Paukenschlag! Am 8. November rückt die die Union of Concerned Scientist (UCS) als erste größere Umweltorganisation von ihrer traditionellen Anti-Kernkraft-Haltung ab und fordert den Erhalt bestehender Kernkraftwerke. Eine schnelle Dekarbonisierung sei nicht zu schaffen, wenn man auch Kernkraftwerke durch andere emissionsfreie Quellen ersetzen müsse, argumentiert die UCS. Diese Entscheidung dürfte Signalwirkung in andere Umweltorganisationen und in die Politik hinein haben.

CO2-Senkung mit allen Mitteln, außer mit dem wirksamsten

Viele Klimaschützer pflegen allerdings nach wie vor ihre gewohnte kognitive Dissonanz: Einerseits wollen sie den CO2-Ausstoß mit allen Mitteln senken, andererseits lehnen sie das wirksamste Mittel ab: Kernenergie. Man darf gespannt sein, wie lange sie das noch durchhalten!


  • Fotos: Iida Ruishalme, Jadwiga Najder, Joris van Dorp, Rainer Klute
  • Grundlage dieses Artikels ist mein Vortrag gleichen Titels bei der Jahrestagung technikfreundlicher Vereine am 2018-11-17 in Zempin auf Usedom.
  • Alle verlinkten Quellen sowie einige weitere in der Zotero-Bibliothek der Nuklearia

Rainer Klute

Rainer Klute ist Diplom-Informatiker, Nebenfach-Physiker und Vorsitzender des Nuklearia e. V. Seine Berufung zur Kernenergie erfuhr er 2011, als durch Erdbeben und Tsunami in Japan und das nachfolgende Reaktorunglück im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi auch einer seiner Söhne betroffen war.

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