Reise ins Innere von Tschernobyl

Von Dr. Walter Rüegg

Vor 32 Jahren explodierte Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl. Heute ist die Strahlung in der Sperrzone von Tschernobyl fast überall geringer als in den Alpen oder in Rom. Trotzdem gibt es tödliche Gefahren, wie eine Studienreise zeigte.

Die Reise

Immer wieder werde ich gefragt, ob eine Reise nach Tschernobyl nicht gefährlich sei. Natürlich gibt es Gefahren. Ich wurde jedenfalls einer Dosis ausgesetzt, welche etwa der halben tödlichen entsprach, ein Kollege kam sogar recht nahe an die tödliche Dosis heran. Doch der Reihe nach!

Vom 6. bis 12. September 2015 konnte ich als Mitglied einer informellen, 12-köpfigen amerikanischen Expertengruppe Tschernobyl und Umgebung besuchen. Die Gruppe war sehr heterogen zusammengesetzt: mehrere Universitätsforscher, Strahlenschutzfachleute, Katastrophenexperten, eine Reaktoroperateurin – und ich als »Privatgelehrter«. Organisiert wurde die Exkursion vom Strahlenschutzbeauftragten einer amerikanischen Universität und einem Feuerwehr-Strahlenexperten.
Wir logierten während des ganzen Aufenthaltes im einzigen »richtigen« Hotel von Slavutych, mit überraschend gutem westlichen Komfort. Diese Stadt wurde nach der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 in aller Eile als »Ersatzstadt« für die evakuierte Stadt Pripyat gebaut. Jede Sowjetrepublik musste ein Quartier bauen, entsprechend bunt ist ihr Erscheinungsbild (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die Stadt Slavutych, etwa 45 km vom Unglücksreaktor entfernt (Bild im Tschernobyl-Museum von Slavutych, Aufnahme bewilligt).

Die meisten der heute im Kernkraftwerk Tschernobyl Beschäftigten wohnen in Slavutych und pendeln täglich zum 45 km entfernten Kraftwerk. Auch wir benutzten jeden Morgen einer dieser Züge. Die Fahrt führt durch menschenleere Waldgebiete, ein Teil der Strecke liegt in Weißrussland. Eine nennenswerte Strahlung misst man erst in der Nähe des Kraftwerkes. Noch im Zug wurden wir mündlich und schriftlich darüber informiert, was man in der Exclusion Zone machen darf und was nicht. Durch Unterschrift mussten wir bestätigen, dass wir alles verinnerlicht hatten. Viele dieser Vorschriften sind heute übertrieben (z.B. darf in der ganzen Zone nichts berührt werden), werden aber andererseits auch nicht mehr ganz ernst genommen.

Abbildung 2: Einfahrt des Pendelzugs Slavutych-Tschernobyl

 

Abbildung 3: Das zu unterschreibende Formular regelt genau was man darf und was nicht.

 

Die Katastrophe

Vor dem Besuch der Kraftwerksblöcke standen eine Reihe von Vorträgen auf dem Programm. Besonders interessant: Ein ehemaliger Reaktoroperateur von Block 3 erläuterte den genauen Ablauf der Explosion im Unglücksblock 4; die nachfolgenden Abbildungen stammen aus seinem Vortrag (Aufnahmen bewilligt).

Das Drama begann bereits in der Vorbereitungsphase für einen Sicherheitstest. Ein Absenken der Leistung auf 25 Prozent war vorgesehen, durch eine Fehlmanipulation oder durch einen Elektronikdefekt sackte sie jedoch auf 1 Prozent ab. In jeder Vorlesung über Reaktorphysik lernt man, dass dann eine schwere Xenonvergiftung einsetzt. Der Reaktor muss für etwa zwei Tage ganz abgeschaltet werden; das Xenon baut sich dann ab. Das Problem: Das Xenon wirkt wie eine Vollbremsung, ein stabiler Betrieb ist nicht mehr möglich. Aber den Test wollte man unbedingt durchführen, also man gab Vollgas: Praktisch alle Steuerstäbe wurden bis zum Anschlag ausgefahren. Die Leistung stieg trotzdem nur auf kümmerliche 7 Prozent. Als der eigentliche Test eingeleitet wurde (Abschaltung der Turbine) stieg die Leistung aus physikalischen Gründen (Dampfblasen entstanden) plötzlich an, die Notabschaltung wurde manuell eingeleitet. Aber es war schon zu spät.

Abbildung 4: Die kritische Phase nach Beginn der Notabschaltung, wenige Sekunden vor der Explosion. Im unteren Teil des Bildes (violette Linien) ist die vertikale Verteilung des Neutronenfluss (und damit die Leistung) für drei Steuerstabstellungen abgebildet.

 

Eigentlich unglaublich: Diese Reaktoren verfügten über keine Schnellabschaltung. Die ganz ausgefahrenen Steuerstäbe (»Vollgasstellung«) benötigten 15 bis 20 Sekunden, bis sie völlig eingefahren waren (»Vollbremsung«). Schlimmer noch: Um beim Normalbetrieb die Leistung zu maximieren, bestanden die Spitzen der Steuerstäbe aus Graphit (gelbe Teile in Abbildung 4). Dieses Graphit erhöhte in den ersten paar Sekunden des Einfahrens den Neutronenfluss und damit die Leistung im unteren Teil des Reaktors. Der Zustand des instabilen Reaktors kippte plötzlich auf Vollgas. Die Leistung stieg lawinenartig an, innerhalb von vier Sekunden auf den hundertfachen Nominalwert.

Der untere Teil des Reaktorkerns erhitzte sich auf über 3.000 °C, das Kühlwasser verdampfte explosionsartig. Der entstehende Dampfdruck war so gewaltig, dass er den gesamten Reaktorkern (mit Abschirmungsdeckel um die 3000 Tonnen) wie eine Rakete etwa 40 m hoch in die Luft steigen liess. Der Reaktor drehte sich dabei um fast 180 Grad. Dann erfolgte eine zweite, noch stärkere Explosion, verursacht durch das entstehende Knallgas. Der untere Teil des Reaktors wurde in Stücke gerissen und in die Umgebung geschleudert. Der ganze Ablauf ist in Abbildung 5 dargestellt, der »Flug« des Reaktors dauerte 4 bis 5 Sekunden.

Abbildung 5: Ablauf der Zerstörung des Reaktors. Beschriftungen und Pfeile vom Autor eingefügt.

 

Der obere Reaktorteil mit dem schweren Betondeckel fiel in den Reaktorschacht zurück (siehe Abbildung 6). Man sieht in dieser Abbildung die vielen Druckröhren aus dem Reaktordeckel herausragen. Der Brennstoff in diesem oberen Reaktorteil dürfte sich noch teilweise in diesen Rohren befinden. Die meisten sowjetischen Reaktoren dieser Zeit bestanden aus Bündeln von einzelnen Druckröhren, direkt abgeleitet von den ersten militärischen Typen. Trotz der bekannten Instabilitäten dieses Reaktortyps wurde sowohl eine Schnellabschaltung als auch ein Containment als überflüssig angesehen.

Wer ist schuld?

Auf die Frage an den Reaktoroperateur, ob seine Kollegen vom Katastrophenblock 4 Fehler gemacht haben, lautete die spontane Antwort: Nein. Etwas einschränkend fügte er hinzu, dass zumindest keine Betriebsvorschriften verletzt worden seien. Diese Reaktion ist typisch: Die Ukrainer schieben alles auf die »Konstruktionsfehler« des russischen Reaktors. Für die Russen hingegen ist die ignorante ukrainische Mannschaft an allem schuld. Wer hat recht? Beide: Nur das Zusammentreffen einer nicht instruierten Mannschaft mit einem »heiklen« Reaktortyp ohne Schnellabschaltung konnte zu einer solchen Katastrophe führen.

Rätselhafterweise sind die spezifischen Betriebsvorschriften für diesen Reaktor »verschwunden«. Ohne Zweifel wurden die allgemeinen Vorschriften für diesen Reaktortyp massiv verletzt (z.B. minimale Anzahl Steuerstäbe im Reaktor), unklar ist aber der Instruktionsgrad der Mannschaft.

Abbildung 6: Oberes Ende des zerstörten Reaktors von Block 4. Die rötliche Farbe stammt von der Beleuchtung.

 

Eines ist klar: Der Reaktor hatte keine »Konstruktionsfehler«. Die Reaktoren der 60er- und 70er-Jahre wurden auf Leistung optimiert. Die Sicherheit war kein zentrales Thema (wie auch bei den Fukushima-Reaktoren, ebenfalls ein Produkt dieser Zeit). Die russischen Konstrukteure waren sich der Schwächen des Designs sehr wohl bewusst, die Betriebsvorschriften berücksichtigten dies entsprechend. Das funktioniert aber nur bei einer guten Sicherheitskultur, und diese fehlte vollkommen.

Im Kernkraftwerk Leningrad 1 kam es 1974, dem erstes Betriebsjahr mit einem »Tschernobyl-Typ-Reaktor«, zu verschiedenen ernsthaften Problemen. Unter anderem erfolgte eine partielle Kernschmelze mit teilweiser Zerstörung des Reaktorkernes. Drei Mitarbeiter starben. Und 1982 trat im Block 2 von Tschernobyl ebenfalls eine Kernschmelze auf. In beiden Fällen wurden beträchtliche Mengen radioaktiver Substanzen freigesetzt, da die Reaktoren über kein Containment verfügten. Lehren daraus wurden kaum gezogen; im Gegenteil, alles wurde streng geheim gehalten.

Der Sarkophag

Ein weiterer interessanter Vortrag betraf den Bau des Sarkophags. Der Vortragende war ein Liquidator der ersten Monate und zugleich einer der Leiter des Baus des Sarkophages – und er jagte mir einen gehörigen Schrecken ein! Als er strammen Schrittes den Saal betrat, fragte er als erstes (über die Dolmetscherin), wer Walter Rüegg sei. Ich zuckte zusammen, in solchen Staaten kann man vieles falsch machen. Als ich zögernd meine Hand aufstreckte, kam er auf mich zu und begrüsste mich herzlich. Die Dolmetscherin klärte mich auf: Ich sei genau gleich alt wie er (Jahrgang 1941).

In der Pause unterhielten wir uns wie alte Bekannte. Über die seinerzeit erhaltene Strahlendosis wollte er sich nicht so recht äussern. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, dürften es einige 100 mSv gewesen sein – heute für viele eine Horrordosis. Offensichtlich hatte die Strahlung keine negative Wirkung entfaltet, im Gegenteil: Man würde ihm höchstens 60 Jahre geben (siehe Abbildung 7), er ist dynamisch und fit wie ein Tennisschuh. Und zwar buchstäblich: In seiner Freizeit trainiert er die Tennisjunioren von Slavutych. Als er vernahm, dass ich auch noch Tennis spiele, wollte er unbedingt mit mir spielen. Der enge Terminplan unserer Gruppe rettete mich.

Der Bau des Sarkophags einige Monate nach der Katastrophe war, unter Berücksichtigung der sehr schwierigen Umstände, eine Meisterleistung. Aber zum Zeitpunkt unserer Reise 2015 war er in einem schlechten Zustand. Er war einsturzgefährdet, insbesondere bei einem schweren Erdbeben. Dicht war er auch nicht; man berichtete von über 100 m2 offener Flächen, Vögel flogen hinein und heraus. Im Innern des Sarkophags herrschten Strahlendosen, die mehrere Zehnerpotenzen höher waren als in der Umgebung des Kraftwerkes.

Abbildung 7: Erste Phase des Baus des Sarkophags um den explodierten Block 4. Der Vortragende, Jahrgang 1941, war in leitender Stellung vor Ort tätig.

 

2007 wurde mit dem Bau einer riesigen neuen Hülle begonnen. Abbildung 8 zeigt den Zustand des New Safe Confinements im September 2015. Man erkennt direkt hinter der neuen Hülle den Sarkophag um Block 4 sowie die Blöcke 3, 2 und 1. Ende 2016 wurde das NSC über den bestehenden Sarkophag geschoben.

Abbildung 8: Neue Hülle aus einem Stahlgerüst, innen und aussen verkleidet mit Stahlplatten, Kostenpunkt ca. 2 Milliarden $. Im Hintergrund die Blöcke 4, 3, 2 und 1.

 

Das Kraftwerk

Im Kraftwerk selber besuchten wir die verschiedenen Blöcke. Abbildung 9 zeigt unsere Expertengruppe im Kontrollraum von Block 2.

Abbildung 9: Unsere Expertengruppe im Kontrollraum von Block 2. Dieser Reaktor wurde 1991 stillgelegt.

Die unbeschädigten Reaktoren der Blöcke 1, 2 und 3 wurden nach dem Unglück weiterbetrieben, aber umgehend für etwa 400 Millionen $ mit vielen zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen aufgerüstet. Unter anderem wurden »richtige« Schnellabschaltungen eingebaut, die den Reaktor in 1 – 2 Sekunden stoppen konnten, zudem machten verschiedene Umbauten eine explosive Leistungsexkursion unmöglich. Ein neues »Tschernobyl« mit einem massiven Austritt radioaktiver Substanzen konnte aus physikalischen Gründen ausgeschlossen werden, eine »normale« Kernschmelze aber nicht. Trotzdem: Sehr zum Ärger der Ukrainer mussten sie auf Druck der Europäer die Reaktoren der Blöcke 1, 2 und 3 abschalten, den letzten im Jahr 2000. In Russland sind Stand heute immer noch 11 dieser aufgerüsteten »Tschernobyl«-Reaktoren in drei Kernkraftwerken im Betrieb, ernsthafte Probleme gab es nie mehr.

Für die Ukraine war die Stilllegung ein ökonomisches Problem: Jeder Block hätte pro Jahr für rund eine halbe Milliarde $ Strom produziert. Ein gewisser Ausgleich erfolgte durch die finanzielle Unterstützung insbesondere bei Sicherheitsaufrüstungen in anderen Kraftwerken. Die Ukraine verfügt heute über insgesamt 15 Reaktoren russischer Bauart, damit wird rund 50 Prozent des elektrischen Stromes erzeugt. Diese zwischen 1981 und 2006 in Betrieb genommenen Druckwasserreaktoren gehören einer neueren Generation an, sie besitzen ein Containment und sind mittlerweile sicherheitstechnisch auf einem westlichen Niveau.

Abbildung 10 zeigt das langgestreckte Turbinengebäude, dahinter befinden sich die vier Reaktorblöcke. Ganz hinten sieht man die neue Hülle. Die Strahlungsintensität an diesem Ende des Kraftwerkes ist mit 0,16 µSv/h (Mikrosievert pro Stunde) überraschend niedrig, ähnliche Werte misst man überall auf der Welt. Ein Grund für die tiefen Werte: Der Boden ist mit Steinplatten belegt, diese schirmen einen großen Teil der Strahlung ab. Über Naturboden war die Strahlung deutlich höher, wir maßen typischerweise 0,5 – 2 µSv/h. In der Nähe vom Block 4 stieg die Strahlung auf etwa 10 µSv/h. Direkt an der Wand des Sarkophags (Zugang normalerweise streng verboten, aber wir waren keine »normale« Gruppe) registrierten wir Werte über 100 µSv/h.

Ohne Vergleiche sind solche Dosisleistungsangaben wenig aussagekräftig, man kann sie nicht einordnen. Daher enthält der folgende Text einige Vergleiche mit anderen Orten dieser Welt. So etwas fehlt in den meisten Berichten in den Medien, wie auch sehr häufig überhaupt keine konkreten Zahlen zu finden sind. Man beruft sich allenfalls auf die »normale« Strahlung, doch die liegt je nach Ort zwischen 0,04 µSv/h und 100 µSv/h. Oder man zitiert Grenzwerte, doch die liegen mittlerweile weit unter der natürlichen Strahlung. Anstelle von Vergleichen findet man nicht besonders hilfreiche Ausdrücke wie »Todeszone«, »radioaktive, strahlende Hölle«, »Sperrgebiete, deren Betreten unmittelbar lebensgefährlich sein kann« (Zitate aus: Die strahlende Wahrheit, M. Arnold, U. Fitze, 2015, ISBN: 978-3-907625-77-4).

Abbildung 10: Blick vom südlichen Ende des Kraftwerkes. Die Strahlung ist hier recht tief (0,16 µSv/h), in Bülach/Schweiz ist sie höher (eines meiner Lieblingslokale befindet sich dort).

 

Abbildung 11: Der alte Sarkophag, Zustand September 2015. Die Strahlung im Abstand von 100 m betrug etwa 10 µSv/h.

 

Im Inneren von Block 4

Eine Exkursion ins Innere des Sarkophags, z.B. in den Kontrollraum von Block 4, sei lebensgefährlich, deshalb völlig unmöglich und streng verboten, wurde uns am ersten Besuchstag erklärt. Aber wir waren, wie bereits erwähnt, offenbar keine »normale« Besuchergruppe. Es half wohl auch, dass zwei Mitglieder unserer Gruppe fliessend Russisch/Ukrainisch sprachen und sich mit den lokalen Sitten und Gebräuchen auskannten. Aber so genau will ich es gar nicht wissen.

Jedenfalls kamen wir in den Unglücksblock 4 hinein und konnten den Kontrollraum gründlich besichtigen und ausmessen. In die völlig zerstörte Reaktorhalle oder in die Räume direkt unter dem Reaktor konnten wir nicht gehen. Dort ist es bei Strahlungswerten von bis zu mehreren Sv/h bei längerem Aufenthalt von mehr als etwa einer halben Stunde tatsächlich lebensgefährlich. Abgesehen davon sind die Trümmer instabil.

In den zugänglichen Bereichen um Block 4 herum maßen wir Strahlenintensitäten von typischerweise 10 µSv/h, mit Spitzen bis etwa 200 µSv/h. Der Hauptteil der Strahlung stammt heute von Cäsium-137. Während der Katastrophe herrschten hier Intensitäten von bis zu einigen 10 Sv/h, tödlich innerhalb von 5 – 30 Minuten. Am schlimmsten war die Strahlung in der Reaktorhalle, direkt neben dem zerstörten Reaktorkern: innerhalb von einer Minute tödlich. Mehrere Tage lang hatte man kaum Informationen über die Höhe der Strahlung, denn geeignete Strahlenmessgeräte fehlten weitgehend. Zudem behaupteten die Verantwortlichen einen vollen Tag lang steif und fest, dass der Reaktor nicht zerstört sei. Die Folgen: Etwa 1.000 Einsatzkräfte wurden sehr stark bestrahlt, über 130 wurden schwer strahlenkrank, 30 verloren ihr Leben.

Abbildung 12: Der Autor im Kontrollraum des Unglücksblock 4, ca. 40 m von der völlig zerstörten Reaktorhalle entfernt. Ein doppelter Schutzanzug ist Pflicht, über dessen Notwendigkeit kann man sich streiten.

 

Der Kontrollraum 4 befindet sich rund 40 m von der zerstörten Reaktorhalle entfernt. Dicke Betonwände verhinderten eine direkte Einwirkung der Explosionen, konnten aber das Eindringen von radioaktiven Substanzen nicht verhindern, teils durch die Luft, teils von der Belegschaft hineingebracht. Die Strahlendosis erreichte sehr hohe, bei längerem Aufenthalt lebensbedrohende Werte von 20.000 – 50.000 µSv/h. Anatoli Dyatlov, stellvertretender Chefingenieur des Kraftwerkes und Leiter des Versuches, erlitt, wenn man den Angaben trauen kann, eine nahezu tödliche Strahlendosis von 3.9 Sv. Er starb 10 Jahre nach dem Unglück im Alter von 64 Jahren an einem Herzinfarkt, nachdem er wegen seiner Fehlentscheidungen fünf Jahre lang im Gefängnis verbracht hatte.

Heute ist die Strahlung im Kontrollraum auf relativ harmlose 5 µSv/h abgeklungen, siehe Abbildung 13. Der Raum befindet sich in einem trostlosen Zustand. Alles ist von einer dicken Staubschicht überzogen, praktisch sämtliche Instrumente wurden ausgebaut. Offiziell dienten sie als Ersatzteile für die anderen Reaktoren, inoffiziell wurden sie als Souvenirs mitgenommen, manchmal tauchen sie auf dem Schwarzmarkt wieder auf.

Abbildung 13: Die Strahlung im Kontrollraum 4 beträgt heute etwa 5 µSv/h. Zum Vergleich: Während des Fluges Kiev-Zürich maß ich über 3 µSv/h, bei Flügen nach USA oder Asien kann sie bis gegen 10 µSv/h steigen. Während der Katastrophe betrug die Strahlung 20.000 – 50.000 µSv/h.

 

Die hochradioaktiven Abfälle

Die vier Tschernobyl-Reaktoren erzeugten im Laufe der Zeit einiges an hochradioaktiven Abfall, vor allem in Form abgebrannter Brennstäbe. Die Lagerung wird sehr pragmatisch angegangen. Die Abfälle werden in grosse, relativ dünnwandige Stahlzylinder verpackt. Diese sind doppelwandig, die Luft dazwischen wird ständig überwacht. Ein allfälliges Leck kann leicht festgestellt werden.

Diese Behälter werden horizontal und leicht herausholbar in einem Betonbunker gelagert, siehe Abbildung 14. Die Lagerung ist für einen Zeitraum von höchstens 100 Jahren vorgesehen. Die Idee dahinter: Die abgebrannten Brennstäbe der Tschernobyl-Reaktoren bestehen zu etwa 97 – 98 Prozent aus unverbrauchtem Uran. Mehrere kommerzielle Reaktortypen der nächsten Generation können solche »Abfälle« als Brennstoff nutzen. Vor allem Russland und China werden solche Reaktoren in größerer Zahl bauen, vermutlich auch Südkorea, Indien und möglicherweise westliche Industriestaaten. Prototypen laufen bereits. Mit einer gewissen Berechtigung erwarten die Ukrainer deshalb, dass ihre »Abfälle« in 20 bis 30 Jahren als Brennstoff für diese neuen Reaktoren benutzt werden können.

Ein (extrem teures) Endlager tief unter der Erde ist jedenfalls nicht vorgesehen. Plan B: Nach 100 Jahren könnte man die Bunker unter einer zusätzlichen meterdicken Betondecke vergraben. Diese sollte mindestens 500 Jahre halten. Anschließend ist der gefährlichste Teil der Abfälle, die stark strahlenden und beweglichen Spaltprodukte, praktisch vollständig zerfallen. Die übriggebliebenen, unbeweglichen radioaktiven Schwermetalle stellen keine grosse Gefahr mehr dar. Letzteres ist im Westen allerdings stark umstritten. Die Meinungen reichen bis zu »extrem gefährlich«.

Abbildung 14: Etwa 1 km neben den Reaktorblöcken wurden die Bunker zur Lagerung der hochradioaktiven Abfälle gebaut (2015).

 

Pripyat

Die Stadt Pripyat liegt 3 bis 4 km vom Kraftwerk entfernt im Gebiet des größten Fallouts. Die etwa 50.000 Bewohner wurden als erste evakuiert. Wenn man den Berichten in den Medien glauben darf, herrscht dort immer noch eine gefährlich hohe Strahlung. Beliebte Bezeichnungen sind »Todeszone«, »radioaktiv strahlende Hölle« usw.

Im offenkundigen Widerspruch zu diesen Aussagen steht der rege Katastrophentourismus. Ganze Busladungen von Touristen aus Kiev ergießen sich täglich über die Stadt. Die systematischen Plünderungen und der überall sichtbare Vandalismus vermitteln ein düsteren Bild, haben aber nichts mit der Strahlung zu tun.

Unsere Gruppe wanderte kreuz und quer durch Pripyat und erfasste dabei Tausende von Messpunkten. Auf den asphaltierten oder betonierten Strassen war die Strahlung recht tief, zumindest auf den moosfreien Teilen, und lag dort typischerweise bei 0,2 – 0.3 µSv/h, siehe Abbildung 15. Solche Werte misst man auch bei uns. Über Naturböden und ganz besonders über einem der vielen Moosbeete strahlt es wesentlich stärker. Die meisten Werte lagen um 1 – 2 µSv/h herum, mit Spitzen von etwa 4 µSv/h, gemessen in 1 m Höhe.

Abbildung 15: Strahlung von 0,22 µSv/h auf einer der Hauptstraßen von Pripyat

 

Abbildung 16: Der Kulturpalast im Zentrum von Pripyat vor der Katastrophe (Bild im Tschernobyl-Museum von Slavutych, Aufnahme bewilligt).

 

Im Zentrum von Pripyat befindet sich der Kulturpalast. Abbildung 16 zeigt dieses Gebäude vor der Katastrophe (links im Bild). In Abbildung 17 sieht man den heutigen Zustand. Diese Aufnahme habe ich über einer stark vermoosten Stelle gemacht.

Moose lieben Kalium. Wer ein schönes Moosbeet will, sollte deshalb reichlich mit Kalium düngen. Cäsium ist chemisch mit Kalium eng verwandt, es steht im Periodensystem unterhalb von Kalium. Das Moos verwechselt Cäsium-137 mit Kalium und nimmt es begierig auf. Wenn man also in Fallout-Gebieten nach stark strahlenden Stellen sucht, wird man über Moosflächen schnell fündig. Cäsium-137 ist übrigens mit Abstand für den größten Teil der Strahlendosis der Bevölkerung verantwortlich, übrigens auch in Fukushima.

Abbildung 17: Kulturpalast 2015. Die Strahlung über einem Moosbeet ist mit 2 µSv/h relativ hoch.

 

Die Strahlung im Inneren der Gebäude liegt meistens im Bereich zwischen 0,1 und 0,2 µSv/h. Das sind Werte, die auch bei uns üblich sind. Ein Beispiel aus dem Kulturpalast mit 0.11 µSv/h zeigt Abbildung 18. Wenn ein Gebäude einigermassen dicht ist und man während des radioaktiven Niederschlags alle Fenster und Türen geschlossen hält, dringen nur minimale Mengen radioaktiver Substanzen ins Innere. Die externe Strahlung wird durch das Mauerwerk weitgehend abgeschirmt, zudem reduziert bereits der Abstand die Strahlung. Ganz offensichtlich wird auch keine Radioaktivität von außen in die Gebäude verschleppt, trotz täglich Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Besuchern und völlig demolierten Fenstern und Türen. Der einfache Grund: Praktisch sämtlicher radioaktive Staub ist schon längst von Wind und Regen weggeblasen oder weggeschwemmt worden oder in tiefere Erdschichten gewandert.

Abbildung 18: Die Strahlung im Innern des Kulturpalastes ist ähnlich tief wie in unseren Gebäuden: 0,11 µSv/h. Man beachte den Vandalismus, auch massivste Glasscheiben wurden systematisch zerstört.

Die höchsten Strahlungswerte in Pripyat registrierten wir über einem Moosbeet: 11 µSv/h, gemessen in einigen Zentimetern Abstand, siehe Abbildung 19. Zum Vergleich: Meine alte Tissot »Seastar« aus den 50er-Jahren, mindestens 15 Jahre lang Tag und Nacht getragen, strahlt dank der Radium-Leuchtziffern auch heute noch mit etwa 14 µSv/h. Andere Uhren aus dieser Zeit können noch stärker strahlen; ich habe Werte bis zu 200 µSv/h (!) gemessen. Meiner Schätzung nach haben die vielen Millionen Radium-Leuchtzifferuhren, die zwischen ca. 1915 und 1965 hergestellt wurden, die Menschheit mit einer ähnlich hohen Kollektivdosis bedacht wie der gesamte Fallout des Tschernobyl-Unglücks.

Abbildung 19: Die höchste in Pripyat gemessene Strahlung war 11,1 µSv/h über einem Moosbeet. Zum Vergleich meine alte Tissot „Seastar“, strahlt mit 14,5 µSv/h. Und läuft heute noch.

Das Dilemma

Die durchschnittliche Strahlung während meines gesamten Aufenthaltes in Pripyat betrug 1,0 µSv/h. Das ist der Mittelwert aus sämtlichen Messungen, die alle 10 Sekunden automatisch erfolgten. Dies entspricht einer Jahresdosis von 8,8 mSv. Allerdings bewegten wir uns zum größten Teil außerhalb der Gebäude, suchten bewusst nach »heißen« Stellen und legten die Messgeräte darüber.

Ein »normaler« heutiger Bewohner dürfte kaum über 5 mSv im Jahr kommen, selbst wenn er sich vorwiegend im Freien aufhält. Dies entspricht etwa der natürlichen Durchschnittsdosis in der Schweiz und in vielen anderen Teilen der Welt. Eliminiert man alle Moosbeete, kann man mit etwa 3 mSv rechnen. Hinzu kommt die innere Bestrahlung: Ernährt man sich hauptsächlich von lokalen Lebensmitteln, könnten durchschnittlich noch etwa 1 bis 2 mSv dazukommen. Dazu gibt es viele Untersuchungen, auch mit Ganzkörperzähler. Meist rechnet man mit 10 bis 20 Prozent der externen Dosis.

Die Grünen im Europäischen Parlament gaben 2006 einen sehr kritischen Bericht über die Folgen von Tschernobyl heraus (TORCH-Bericht: The Other Report on Chernobyl). In diesem Bericht schätzen sie die innere Dosis der Bevölkerung in den Fallout-Gebieten auf etwa 30 Prozent der totalen Dosis, vor allem durch Cäsium-137. Der gleiche Bericht anerkennt übrigens ausdrücklich, dass natürliche Strahlung genau gleich wirkt wie »künstliche«. Weiter wird vermerkt, dass keine erhöhte Anzahl von Missgeburten registriert wurde, wohl aber mehrere tausend Schilddrüsentumore bei Kindern, zum Glück praktisch immer gut heilbar.

Das grosse Dilemma: In Anbetracht einer Pripyat-Dosis von 5 mSv pro Jahr müsste man konsequenterweise auch große Teile der Alpen zur Todeszone erklären. Denn dort erreichen die Dosen Werte bis über 30 mSv pro Jahr, inklusive der inneren Bestrahlung. Dies verdanken die Alpenbewohner dem überdurchschnittlichen Gehalt von Uran oder Thorium im Gestein. Das gleiche gilt auch für Teile von Schwarzwald, Erzgebirge, Massif Central, Süditalien, Piemont usw. Dasselbe Dilemma besteht auch im Fall von Fukushima – mit wesentlich weniger Fallout als bei Tschernobyl.

Aufgrund des Vorsorgeprinzips und der heutigen Forderung nach Nullrisiko wurden die Grenzwerte immer weiter gesenkt. Heute liegen sie unterhalb der natürlichen Umgebungsstrahlung. Die ist allerdings – aus welchen Gründen auch immer – vom Grenzwert ausgenommen. Rein juristisch müssen die Alpen also doch nicht evakuiert werden, und ich kann weiterhin wandern und skifahren.

Um es nochmals klar zu sagen: Es besteht ein breiter wissenschaftlicher Konsens, dass natürliche Strahlung genau gleich wirkt wie »künstliche«. Eine Unterscheidung macht physikalisch keinen Sinn.

Tschernobyl-Stadt und Asti (Piemont)

Wir besuchten auch die Stadt Tschernobyl, etwa 15 km südlich des Kernkraftwerks gelegen. Sie liegt ebenfalls in der Sperrzone und ist für eine dauerhafte Besiedlung nicht freigegeben. Allerdings befinden sich einige Verwaltungsgebäude der Zone in der Stadt, außerdem Unterkünfte für Einsatzkräfte und sogar ein kleines Hotel (sah nicht gut aus, würde ich nicht empfehlen). Die Stadt ist, ganz im Gegensatz zu Pripyat, in einem guten Zustand. Es leben dort auch illegale Bewohner. In der gesamten Sperrzone sind es mehrere hundert. Sie werden von den Behörden toleriert. Diese Menschen ernähren sich fast ausschliesslich von lokalen Produkten.

Unsere Messungen zeigten etwas Erstaunliches: Die Strahlung in dieser Stadt liegt typischerweise zwischen 0,1 und 0,2 µSv/h – und ist damit niedriger als in vielen anderen Städten auf diesem Planeten. In Rom etwa liegt die externe Strahlung meist über 0,2 µSv/h; zusammen mit der internen Strahlung muss man mit mindestens 0,5 µSv/h rechnen. Auch in weiten Teilen des Piemonts strahlt es stärker als in Tschernobyl, siehe Abbildung 21.

Abbildung 20: Tiefe Strahlungswerte (0,08 µSv/h) am Rand von Tschernobyl-Stadt.

 

Abbildung 21: Strahlung im Zentrum von Tschernobyl (0.10 µSv/h). In dieser Stadt strahlt es
wesentlich weniger als in vielen anderen Städten auf dieser Erde.

Plutonium und Co

Aus der Tatsache, dass die Sperrzone immer noch eine Sperrzone ist, wird geschlossen, dass der Aufenthalt gefährlich sein muss. Die Zone sei für Hunderte von Jahren unbewohnbar, je nach Quelle auch für Tausende oder gar Zehntausende von Jahren. Man argumentiert mit den teilweise sehr langen Halbwertszeiten gewisser Fallout-Elemente wie vor allem Plutonium, obwohl diese langlebigen Elemente

  1. nur einen sehr kleinen Bruchteil des Fallouts ausmachen,
  2. nur schwach strahlen (je länger die Halbwertszeit, desto schwächer die Strahlung, ein Naturgesetz),
  3. von den natürlicherweise vorhandenen langlebigen radioaktiven Elementen wie Uran mengenmässig und auch radiotoxisch in den Schatten gestellt werden.

Durchschnittlich findet man etwa 5 g Uran und etwa 15 g Thorium pro Kubikmeter Erde. Und viele ihrer Zerfallsprodukte, wie Radium, Radon oder Polonium, sind gefährlicher als Plutonium.

Wie dem auch sei, es ist eine leicht zu überprüfende Tatsache, dass die Strahlung des Fallouts heute auf einen winzigen Bruchteil der Werte abgesunken ist, die während oder unmittelbar nach dem Unglück beispielsweise in Pripyat gemessen wurden. Zu diesem Zeitpunkt dominierten die kurzlebigen und zum guten Teil gasförmigen Spaltprodukte wie Xenon-133, Tellur-132 oder Iod-131. Mit Halbwertszeiten von wenigen Tagen sind diese Substanzen längst zerfallen und haben »ausgestrahlt«. Heute beträgt die Strahlung des Fallouts nur noch Zehntausendstel des ursprünglichen Wertes oder weniger. Oft ist sie kaum noch nachweisbar. In weiten Teilen der Sperrzone dominiert die natürliche Strahlung. Nur in unmittelbarer Umgebung des Unglückreaktors gibt es noch vereinzelt Stellen mit hoher Strahlungsintensität, teilweise sogar höher als die höchsten natürlich vorkommenden Werte (100 µSv/h).

Gefährlich?

Immer wieder werde ich gefragt, ob eine solche Reise nicht gefährlich sei. Natürlich gibt es Gefahren. Da sind einmal die vielen wilden Wölfe, siehe Abbildung 22. Auch das Klettern im halb zerfallenen Block 5, im Halbdunkeln, mit vielen tiefen Schächten war nicht ohne Gefahr. Aber wirklich gefährlich war etwas anderes. Ich wurde jedenfalls einer Dosis ausgesetzt, welche etwa der halben tödlichen entsprach.

Das kam so: Am letzten Tag organisierte unser lokaler Guide eine tolle Abschiedsparty in einer Datscha. Dabei war das Trinken von selbstgebranntem, 60-prozentigem (!) »Wodka« obligatorisch. Siehe Abbildung 23, man beachte die interessante grünlich-giftige Farbe! Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas Grauenhafteres getrunken. Benzin dürfte besser schmecken. Mit Mühe, Not und List – es gelang mir manchmal, mein Wodka-Glas heimlich mit Wasser zu füllen – kam ich mit 3 bis 4 Gläsern davon. Das entspricht rund 100 g Alkohol, etwa 50 Prozent der tödlichen Dosis. Die Nachwehen dauerten 2 Tage.

Ein Kollege setzte sich unvorsichtigerweise direkt neben unserem Guide. Er konnte kaum kneifen und verpasste die tödliche Dosis nur knapp. Noch einen Tag später war er kaum ansprechbar. Ein anderer Kollege, ein ehemaliger US-Marine, konnte erstaunlich gut mithalten. Aber unser Guide schlug alle: Er dürfte an diesem Abend die doppelte tödliche Dosis getrunken haben, ohne sichtbare Wirkung. Ein medizinisches Wunder! Vermutlich wurde er als ehemaliger Rotarmist durch intensives Trink-Training gründlich immunisiert. Und ein häufiges Training ist in der Ukraine, selbst bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von nur etwa 150$, noch finanzierbar: Der Wodka war für etwa 1$ die Flasche zu kaufen, kaum teurer als die Milch im Laden. Die traurige Folge: bis zu 200.000 alkoholbedingte Todesfälle pro Jahr!

Abbildung 22: Die Umgebung des Kraftwerks (fast) ohne Menschen hat sich in ein üppiges Naturparadies verwandelt. Allerdings sollte man sich vor Wölfen in acht nehmen, aber auch Wildschweine, Bären und Bisons sind nicht ganz harmlos.

 

Abbildung 23: Selbstgebrannter Wodka, ca. 60 Prozent. Kostet etwa 1$ pro Liter. Man beachte die ordentlich grossen Gläser. Das Glas muss mit einem Schluck geleert werden (anders bringt man das Zeugs auch gar nicht runter). Die tödliche Dosis liegt für Ungeübte bei etwa 6 Gläsern.

 

Nachtrag

Ich habe in diesem Bericht ganz bewusst nichts über die gesundheitlichen Langzeitfolgen der Katastrophe geschrieben. Denn damit verlässt man die exakte Wissenschaft.

Google Scholar registrierte 2016 über 225.000 wissenschaftliche Arbeiten unter dem Stichwort »Chernobyl«. Man kann leicht eine Unmenge Arbeiten finden, die zu dem Schluss kommen, dass die Strahlung schädlich war oder noch immer ist. Ebenso leicht findet man eine Unmenge Arbeiten, die keine oder sogar positive Auswirkungen belegen. Die Qualität der Arbeiten schwankt zwischen unbrauchbar und hochwissenschaftlich. Und so kommt es, dass man sich darüber streitet, ob 50 oder viele Millionen Todesfälle auf das Konto der Strahlung gehen.

Es gibt zwei Gründe für diese Situation:

  1. Parallel zum Niedergang der Sowjetunion in den 1980er und 1990er Jahren fand eine dramatische Abnahme der Lebenserwartung statt, bei Männern von etwa 65 Jahren auf 57 Jahre. Dies ist auf eine massive Verschlechterung des Gesundheitszustandes zurückzuführen. Krebs, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Infektionen nahmen sehr stark zu. In der gesamten damaligen Sowjetunion, auch im fernen Sibirien, starben Millionen Menschen vorzeitig. Wenn die Menschen 20 Jahre früher sterben als bei uns, ist der allgemeine Gesundheitszustand vergleichsweise sehr schlecht, mit oder ohne Fallout.
  2. Sämtliche der Strahlung zugeschriebenen Langzeitfolgen kommen auch »natürlich« vor. Man kann bei einer Krankheit wie z.B. Krebs nicht feststellen, ob die Strahlung sie verursacht hat oder die Ursache eine andere ist. Verschlechtert sich der Gesundheitszustand einer Bevölkerung (siehe Punkt 1), kann man natürlich auch der Strahlung die Schuld geben.

Im Falle der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki ist die Situation viel eindeutiger: Erstens war die Strahlenbelastung der betroffenen Bevölkerung sehr viel höher (bis 100 mal), und zweitens wurden die Untersuchungen mit einem Milliardenaufwand äusserst professionell durchgeführt. Man streitet sich höchstens um Faktor 2.

Bei Tschernobyl ist man sich zumindest einig über die Folgen der sehr hohen Strahlendosen der ersten Tage und Wochen: Etwa 50 Todesopfer sind darauf und auf die Explosionen zurückzuführen. Außerdem kam es zu einigen tausend Schilddrüsentumoren bei Kindern.

Ziemlich einig ist man sich auch über die Dosen, welche die umliegende Bevölkerung erhalten haben; diese lassen sich auch einfach messen. Diese Dosen liegen praktisch ausnahmslos weit unter der natürlichen Strahlung. Eigentlich würde man kaum strahlenbedingte Langzeitfolgen erwarten. Mit Hilfe umstrittener und unbeweisbarer Risikomodelle, welche annehmen, auch die kleinste Dosis sei schädlich, können einige 1.000 bis einige 10.000 vorzeitige Todesopfer errechnet werden. Eindeutig nachweisen wird man dies aber nie können. Allerdings verlangt eine außerordentliche Behauptung, nämlich kleine Strahlendosen seien stark gesundheitsschädlich, auch außerordentliche Beweise, insbesondere wenn die Behauptung dem bisherigen 115-jährigen Wissen über die Wirkungen kleiner Dosen widerspricht.

In den betroffenen Gebieten kann man das gesamte Spektrum von Ansichten hören, von »Die Strahlung ist an allem schuld« bis »Die Strahlung ist völlig irrelevant«. Die erste Ansicht ist stärker verbreitet. Ein möglicher Grund dafür könnte sein: Viele Menschen haben den Status von Strahlenopfern und bekommen deshalb finanzielle Zuwendungen und verschiedene Privilegien. Diese würden entfallen, falls man der Strahlung keine negativen Auswirkungen zuschreiben kann. Die wirtschaftliche Situation dieser Menschen ist katastrophal, sehr viele sind auf solche Zuwendungen angewiesen.


Dr. Walter Rüegg

Dr. sc. nat. Walter Rüegg ist Kernphysiker mit einem starken Interesse an der Strahlenbiologie. Er war 20 Jahre lang an der ETH Zürich und am Schweizerischen Institut für Nuklearphysik (SIN), heute Paul Scherrer Institut (PSI), in der Grundlagenforschung tätig und arbeitete später im Bereich Elektronik und Messtechnik der Asea Brown Boveri (ABB). Als langjähriger Chefphysiker der Schweizer Armee befasste er sich intensiv mit der Radioaktivität und ihren Wirkungen auf Mensch und Umwelt. Heute ist er selbständiger Berater und Entwickler elektronischer Systeme für die Energietechnik, unter anderem auch für Windenergieanlagen.

Seit 2006 pensioniert, ist Walter Rüegg noch immer intensiv auf dem Gebiet der Elektronik und Messtechnik tätig, vorwiegend als freier Mitarbeiter und Berater für ABB. Daneben betätigt er sich publizistisch, schreibt Artikel und hält Vorträge über Radioaktivität, Nuklearwaffen, Radiobiologie, Molekularbiologie, Abfälle (nicht nur nukleare), allgemeine Lebensrisiken und Energiesysteme/Energiewende.

7 Gedanken zu „Reise ins Innere von Tschernobyl

  1. Sehr geehrter Herr Rüeeg,

    mit Begeisterung habe ich ihren Bericht gelesen.
    Wie ist ihre Meinung zu dem noch im Reaktor befindlichen Restmaterial?
    Auf offizieller Seite heisst es, dass mit dem Unglück nur 4% des radioaktiven Materials entweichen konnten und sich noch heute 96% im inneren befinden.

    Der russische Wissenschaftler Tschetscheterow, der immer wieder im inneren des Reaktors war – widerspricht dem. Auch der deutsche Physiker Pflugbeil widerspricht dem.

    Nach dem ich viele Berichte gelesen / gesehen habe, klingen die Aussagen der beiden Wissenschaftler sehr plausibel. Ferner dürfte es Herrn Tschetscheterow heute gar nicht mehr geben, nachdem er mehrfach im inneren des verunglückten Reaktors war.

    Viele Grüße
    René

  2. Sehr geehrter Herr Dr. Walter Rüegg,

    also Ich bin von der “Offiziellen Darstellung” des Unfallhergang bis heute nicht wirklich überzeugt. Folgendes habe bzgl. des RMBK Reaktortyp u.a. bei Nucleopedia recherchiert:

    „Beim RBMK-1000 Reaktortyp handelt es sich ja um einen “graphitmoderierten” Siedewasser-Druckröhrenreaktor. Anstelle eines Druckbehälters besitzt er eine große Anzahl von Druckröhren, in denen sich der Kernbrennstoff befindet. Die durch die Kernspaltung entstehende Wärme wird durch Wasser und dessen Verdampfung aufgenommen. Der so entstandene Sattdampf wird durch Dampfabscheider geleitet, um flüssiges Wasser zur verdampfung in den Reaktor zurückzuführen und dann in Dampfturbinen genutzt, um die Generatoren anzutreiben und so elektrischen Strom bereitstellen. Nachdem der Wasserdampf in den Kondensatoren kondensiert wurde, wird es wieder dem Kreislauf über den Dampfabscheider zugeführt. RMBK Reaktoren der ersten Generation besitzen keine Kondensationskammern. Dort wird möglicher Dampf direkt in die Athmosphäre abgeblasen und eine ausreichende Wassereinspeisung nur aus Kondensattanks gewährleistet. Ebenso bestand kein Kreislauf im Kernnotkühlsystem, wie bei RMBK Reaktoren der zweiten und Dritten Generation.

    Die Kettenreaktion im RMBK Reaktor wird durch Steuerstäbe kontrolliert, bei RMBK-1000 Gen.I (Sicherheitsstandard 1972/OBP-72; KKW Leningrad Block 1-2, KKW Tschernobyl Block 1-2) Reaktoren wurde die Leistungsenergie mit 179 Steuerstäben aus Borcarbid geregelt, RMBK-1000 Gen.II (Sicherheitsstandard ab 1982/OBP-82; u.a. KKW Tschernobyl Block 3-4) und RMBK-1500 Gen.III (Sicherheitsstandard ab 1988/OBP-88; KKW Ignalina Block 1-4, KKW Kostroma Block 1-2) Reaktoren wurden mit 211 Steuerstäben aus Borcarbid ausgestattet. Ein bekanntes Problem im niedrigen Leistungsbereichen von unter 20% ist der positive Voidkoeffizient der dazu führen kann, dass beim Einfahren der Steuerelemente die Leistung sprunghaft ansteigen kann. Im normalen Volllastbetrieb dominiert allerdings der negative Brennstoffkoeffizient, der sich auf die hohe Temperatur durch die hohe Spaltungsaktivität bezieht, sowie der daraus resultierende negative Leistungskoeffizient. Dadurch hat der positive Voidkoeffizient während des vollem Betriebs keinen Einfluss auf die Leistung des Reaktors. Anfangs war der Effekt des positiven Voidkoeffizient nicht bekannt, dieser hatte sich erst durch die Betriebserfahrungen mit den RMBK-1000 Gen.I Reaktorblöcken in Leningrad und Tschernobyl offenbart und wurde unter den Operatoren als „Stabendeeffekt“ bezeichnet.

    Diesbezüglich wurden die RMBK-1000 Reaktoren ab der zweiten Generation mit fünf Steuerstabgruppen ausgestattet, die sich in 4 automatische und 1 manuelle Steuerstabregelungen aufteilten, wobei jeder Steuerstab einzeln beeinflussbar ist. Von insgesamt 211 Steuerstäben konnten 163 Steuerstäbe manuell gesteuert werden, wobei sich diese in die zwei Gruppen “RR” (139 Steuerstäbe zur radialen Leistungsverteilung) und “AZ” (24 Steuerstäbe zur manuellen Notabschaltung) aufteilen. 48 Steuerstäbe entfallen auf automatisch gesteuerte Steuerstabgruppen, wobei sich 12 Steuerstäbe der “AR” genannten Gruppe zur automatischen Leistungssteuerung, in noch einmal drei internen Gruppen (AR-1, AR-2 und AR-3 bestehend aus jeweils vier Steuerstäben) und weitere 12 Steuerstäbe der “LAR” genannten Gruppe, zur automatischen Leistungsregelung aufteilen. Weitere 24 Steuerstäbe entfallen auf eine automatisch gesteuerte Steuerstabgruppe zur “globalen Leistungsregelung”, wobei diese Steuerstäbe gekürzt sind und der “axialen Leistungsverteilung” dienen. Vor den eigentlichen Steuerstäben befinden sich Graphitverdränger, die dazu gedacht sind das Wasser im separaten Kühlsystem des graphitmoderierten Reaktorkern beim Einfahren zu verdrängen, um so die Absorbation der Neutronen zu verringern, die bei Graphit geringer ist als beim Kühlmittel Wasser. Zeitgleich wird eine weitere Bildung von neutronenabsorbierenden Stoffen (Xenonvergiftung) im Reaktorkern verhindert.

    Einige Betriebsschritte erfordern den Eingriff des Operators, unter anderem vom unterkritischen Zustand an bis zu einer Leistung von 0,5%. Die weitere Leistungssteigerung auf 10% wird ebenso manuell vorgenommen, allerdings unterstützt von einer (meistens mit AR-3) der vier “automatischen Steuerstabgruppen”. Anschließend wird mithilfe der automatischen Steuerstabgruppen AR-1 und AR-2 geregelt, durch das Entfernen der manuellen Steuerstabgruppen “RR” der Reaktor auf volle Leistung gebracht. Im Volllastbetrieb wird die Reaktorleistung normalerweise mit der globalen Leistungsregelung, hauptsächlich aber über die automatischen Steuerstabgruppen “LAR” stabil gehalten. Bei Volllastbetrieb muss der Operator lediglich den Fluss des Speisewassers zu den Kanälen kontrollieren und die axiale Leistungsinstabilität mit zwei “RR” Steuerstabgruppen “feinsteuern”, sowie mit Trimmstäben für eine gleichmäßige Leistungsabgabe im Reaktorkerns sorgen. Dabei muss der Operator besonders beachten, dass die Reaktivitätsmarke keine “operativen Limits” verletzt, um eine automatische Not- bzw. Schnellabschaltung des Reaktors zu vermeiden. Diese erfolgt nur bei wenigen Störungen, genauer bei Unterbrechung der externen oder internen Stromversorgung, bei Abschaltung beider Turbinen, bei Ausfall von drei (der insgesamt Acht) Hauptumwälzpumpen, bei Verlust von 50% Speisewassers oder zu niedrigen Wasserstand in den Dampfabscheidern, bei zu hohen Neutronenfluss und bei einem Auslegungsunfall. Bei allen anderen Zwischenfällen wird die Reaktorleistung automatisch zurück geregelt, beispielsweise beim “Ausfall einer Speisewasserpumpe” auf 80% oder dem “Ausfall einer Turbinen” auf 50% der Nennleistung. Da der Reaktor bei anderen Störungen keine eigenen Notprogramme initiiert, muss im Normalbetrieb letztlich der Operator auf Basis der erkannten Situation entscheiden, welches Notprogramm er starten soll und ob der Reaktor weiter in Betrieb bleiben muss. Bei einer automatischen Not- bzw. Schnellabschaltung ist es dem Operator allerdings möglich und erlaubt, nach schneller Behebung der Störurngsursache bzw. -fehlern das automatische Einfahren der Steuerstäbe zu stoppen und den Reaktor wieder in den normalen Volllastbetrieb hoch zu fahren. Der Grund dafür ist, dass nach Not- bzw. Schnellabschaltungen aus dem Volllastbetrieb der Stillstand mindestens 24 Stunden betragen muss, bis ein erneutes Anfahren des Reaktors wieder erlaubt ist.”

    Die “Offizielle Darstellung” des “manuell gesteuerten” Unfallhergang, welcher die als “Super-GAU” bezeichnete “Reaktorexplosion” des RMBK-1000 Gen.II Reaktortyp (mit OBP-82 Sicherheitsstandards zur Vermeidung von Auslegungsunfällen) zur Folge hatte, ergibt in der Sache rational vernünftig Betrachtet einfach keinen wirklichen Sinn. Alleine schon deswegen nicht, weil die bis Dato größten Eingetretenen “Reaktorkernunfälle aufgrund des “Stabendeneffekt” beim RMBK-1000 Gen.I Reaktortyp, trotz Kernschmelzen (1982 wurde im Tschernobyl Block1 ein zentrales Brennelement durch Überhitzung infolge eines Bedienungsfehlers zerstört) oder erheblichen Beschädigungen am Reaktorgehäuse, jeweils keine “Schweren bzw. Katastrophalen Reaktorunfälle” zur Folge hatte. Selbst als beim Reaktorkernunfall des ebenfalls “graphitmoderierten Druckröhrenreaktor” ABM Reaktortyp (Vorgänger des RMBK Reaktor), im KKW Belojarsk 1977 (Block2) die Hälfte aller aktiven Brennelemente des Reaktorkerns zerstört wurden, kam es zu keinem “Schweren Reaktorunfall”.

    Eigentlich beschränkt sich die Bezeichnung “GAU” auf den vollständigen Abrisses einer Hauptkühlmittel-Leitung während die Notkühlung teilweise funktionsfähig bleibt, also etwa den Verlust des negativen Kühlmittelkoeffizientwert worauf hin eine Kernschmelze des Reaktorkern möglich wird, wie z.b. die Restwärmeschmelze in Fukushima. Das grundsätzliche Defizit des “gaphitmoderierten” RMBK-Reaktordesigns, wobei Nukleargraphit aufgrund der guten Moderationseigenschaften und hohen Temperaturstabilität ebenfalls als Hauptmittel zur Reaktorkühlung genutzt wird, ist der grundsätzlich positive Kühlmittelverlustkoeffizientwert, weshalb eine Störung im Graphitkreislaufsystem unabhängig vom aktuellen Leistungszustand des Reaktors, immer zu einer “unkontrollierten Anstieg der Wärmeleistung” des Reaktorkerns führt. Nach meiner Auffassung besteht darin die Sicherste und einzigste Möglichkeit, einen RMBK-Reaktortyp Gen.I-III wirklich zur “Explosion” zu bringen.

    Eine diesbezügliche “Schuldfrage” anzustellen ist ohnehin absurd, weil die schuldige Gesamtverantwortung dafür selbstverständlich die Regierungspolitik trägt und nicht beim eingesetzten Betriebspersonal liegt, welchem seitens der Politik mittels klassischer Schuldumkehrmethode einer “Schuldfragenstellung” überhaupt erst eine Schuldhabe an der “Nuklearkatastrophe von Tschernobyl” angelastet wurde, nachdem der Westen davon Wind bekommen hatte. Bezüglich des Einsatzzwecks der Tschernobyl Anlage, sollte man sich vielleicht mal darüber Gedanken machen, warum sich in Tschernobyl noch heute “2 von somit insgesamt 5 aufgebauten “Duga OTH-B Empfangsantennenarrays” stehen, obwohl sich in unmittelbarer Nähe zum KKW Tschernobyl “offiziell” nur eine Duga-3 Anlage befindet. Die ersten Anlagen Duga-1 und Duga-2 befanden sich in der südlichen Ukraine nahe Mykolajiw und sind heute teilweise demontiert. Die Anlage Duga-2 wurde bei Komsomolsk am Amur in der Nähe des Pazifik errichtet und ebenfalls 1989 teilweise demontiert. An sich war das bis zu 15.000km weitreichende (10MW Sendeleistung) aber äußerst schwer steurerbare OTH-Backscatter Radar (für Betrieb und Auswertung der Daten waren hunderte Fachleute erforderlich) höchst unzuverlässig, bereits mit “unklaren Wetterverhältnissen” war eine klare Zielortung kaum mehr möglich und das aufkommen von “Nordpolarlichtern” führte zur regelmäßigen Systemblindheit. Die Duga-3 Anlage in Tschernobyl mit “vergrößerten Empfangsarray” hatte angeblich aufgrund von schwerwiegenden Interferenzen, noch nicht einmal richtig Funktioniert.

    Diesbezüglich empfehle ich die Doku “Der Russische Specht” des Ukrainers Fjodor Alexandrowitsch, der selber ein Opfer (radioaktive Strontiumablagerung in den Knochen) des Super-GAUs von Tschernobyl ist.
    https://youtu.be/HUXXH84JUjg

    mfg

  3. Ein bemerkenswerter Augenzeugenberichts des heutigen Zustandes. An der Stelle möchte ich als Leser die Wahrhaftigkeit des Berichtes samt Zahlenwerte gar nicht anzweifeln. Ich möchte aber davor warnen, Schlussfolgerungen ala ‘war doch gar nicht schlimm, was dort 1986 geschehen ist’ zu ziehen. Das kann man aus dem jetzigen Berichten der betroffenen Gegenden nicht herleiten. Denn eines darf man nicht übersehen, der Autor fand vorwiegend entvölkerte urbane Strukturen vor, die so nicht mehr benutzbar sind.

    Auch wenn die physikalische Belastung heute wieder gering ist, war sie es zur Unfallzeit nicht. In einem Staat wie der Sowjetunion war es natürlich für die Menschen nicht möglich, frei zu entscheiden, ob sie dort bleiben dürfen oder nicht, aber die großräumige Evakuierung war wohl zwangsläufig selbst in einem westlichen Staat (siehe Japan). Selbst wenn man mal die Todeszahlen außen vorlässt, ist das mit einer ökonomischen Katastrophe verbunden. Eine komplette Infrastruktur in der Region war nicht mehr benutzbar. Und selbst wenn man es den Menschen freigestellt hätte, zu bleiben oder zu gehen, wäre es zu einem massiven Bevölkerungsrückgang gekommen. Die tatsächlichen Kosten sind eher grob abschätzbar, aber man geht von einem zweistelligen Milliardenbetrag (in US-Dollar) aus und nahm später einen festen Anteil im Staatshaushalt der Ukraine ein. Gerade wenn man den Kostenaspekt bei der Kernenergie nach außen hin lobend erwähnen will, kann man das hier nicht ignorieren.

  4. Hier in der Ukraine sind fast täglich irgendwo kleiner oder größere Stromausfälle. Ein paar funktionierende KKW-Blöcke mehr würden da nicht nur Einnahmen durch die Stromgewinnung sichern, sondern auch das Vertrauen in die hiesige Infrastruktur stärken und die Standortqualität für Investitionen erhöhen.

  5. Sehr friedlich das Ganze, sogar der Unfall fast eine ruhige Kugel mit weniger Toten als bei einem durchschnittlichen Flugzeugabsturz. Das widerspricht aber diametral den Schilderungen der Augenzeugen. Demnach ging es dort und in den umliegenden Krankenhäusern zu wie nach einer Großschlacht des Weltkrieges unter dem Zusammenwirken von Sprengkörpern, Feuer und Giftgas. Der Kreis der beanspruchten Krankenhäuser musste ständig weiter gezogen werden, weil nicht nur Betten sondern auch Gänge und Böden überfüllt waren.

    • Dr. Rüegg war immerhin persönlich vor Ort. Wer sind Ihre Augenzeugen? Namen? Es gibt auch einen UNO-Bericht, der nach Ihrer Lesart wohl auch verharmlosend klingt. Den konnte ich bis jetzt in Deutsch noch nirgendwo lesen. Sollten wieder einmal die Alarmisten als einzige Recht haben? Und dann der Vergleich mit der Großschlacht des Weltkriegs. Ich kenne Wissenschaftler, die schon vor vielen Jahren in Tschernobyl waren. Auch ihre Berichte, persönlich im Gespräch, klingen nach Dr. Rüegg. Also Roß und Reiter nennen und nicht palavern!

  6. Noch am 1.5.2018 um 23:41 Uhr leitete ich den Link auf die Seite an den Chefredakteur des Hohenloher Tagblatts und die Südwestpresse mit diesem Text weiter: .”man könnte sich seriös über viele Themen informieren, oder man kann die “Horrormeldungen” nachplappern und Atomangst, Strahlenangst, Klimaangst und andere wohlfeilen Ängste verbreiten. ”
    Die Südwestpresse/Hohenloher Tagblatt fallen mir seit Jahren durch Weglassen und Zensieren auf. Dieser nächtliche Hinweis hat also eine lange Vorgeschichte mit viel Schriftwechsel mit den Redaktionen.

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