Nachruf auf Flüssigsalzreaktor-Pionier Richard Engel

Dick Engel

John Richard »Dick« Engel. Quelle: Center for Oak Ridge Oral History

Am Montag, dem 12. Juni 2017, verstarb Flüssigsalzreaktor-Pionier John Richard »Dick« Engel im Alter von 85 Jahren.

Geboren am 7. Juli 1931 in Toledo, Ohio, als Kind deutscher Immigranten, machte er 1953 seinen Abschluss in Chemieingenieurwesen summa cum laude an der University of Toledo. Am Oak Ridge National Laboratory (ORNL) durchlief er das einjährige Graduierten-Trainigsprogramm in Reaktortechnik und arbeitete dort an Forschungsprojekten zu fortschrittlichen Kernreaktorkonzepten, darunter das zweite Aqueous Homogeneous Reactor Experiment (Homogener Kernreaktor mit Brennstoff in wässriger Lösung) und das Molten Salt Reactor Experiment (MSRE). Auch am Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung in Berlin war Dick Engel ein Jahr lang am homogenen Forschungsreaktor als Gastwissenschaftler tätig.

Start des MSRE

Dick Engel hilft Glenn Seaborg, das MSRE zu starten. Quelle: Wikimedia Commons (Public Domain)

Das Molten Salt Reactor Experiment liegt nun fünfzig Jahre zurück, geriet lange in Vergessenheit und wurde 2006 von Kirk Sorensen wiederentdeckt. Die Forschungsgruppe um Alvin Weinberg entwickelte ein Reaktorkonzept, das sich von den Leichtwasserreaktoren, die man damals anfing, in großer Zahl zu bauen, radikal unterschied. Weinbergs Team war klar, dass man, um der Kernenergie zum weltweiten Durchbruch zu verhelfen, etwas Besseres brauchte als einen vergrößerten U-Boot-Antrieb, was Leichtwasserreaktoren im Prinzip sind.

Man entschied sich für flüssigen Brennstoff auf Salzschmelzenbasis. Dies hat viele Vorteile: Höhere Arbeitstemperaturen erlauben Anwendungen, die über die reine Stromerzeugung hinausgehen – z.B. effiziente Meerwasserentsalzung oder Kraftstoffsynthese. Das thermische Ausdehnungsverhalten der Flüssigkeit erlaubt es dem Reaktor, sich selbsttätig zu regeln und der Last zu folgen – ohne mechanische Steuerelemente. Bei Temperaturexkursionen lösen sich Sicherheitsstopfen unten im Reaktorgefäß auf, wodurch die Schmelze in unterirdische, subkritische Auffangtanks läuft und auskühlt.

Die Forschungsergebnisse waren vielversprechend; die Anlage erreichte 6.000 Reaktorstunden. Doch ein gutes technisches Konzept allein genügt nicht: Vor allem Pioniergeist und Engagament der Wissenschaftler waren es, die dem Experiment zum Erfolg verhalfen. Namen wie Alvin Weinberg, Syd Ball, Glenn Seaborg und Dick Engel werden in Kerntechnikerkreisen nicht in Vergessenheit geraten, auch wenn sie, wie Dick Engel, nicht mehr unter uns sind.

Ohne jeden Zweifel wäre Dick Engel glücklich zu wissen, dass Menschen seine Arbeit und Ideen weiterverfolgen. Heute lebt das Interesse an Reaktoren mit flüssigem Brennstoff wieder auf: Forschungsgruppen aus aller Welt untersuchen vielfältige Ansätze, um sie serienreif zu machen und ihnen zum industriellen Einsatz zu verhelfen. Dabei ruht das Augenmerk Vieler auf schnellen Flüssigsalzreaktoren (das MSRE war thermisch, mit Graphitmoderator), die vollständige Nutzung sämtlicher Aktinide (Uran 235, Uran 238, Plutonium und Thorium) und das Recycling von Atommüll ermöglichen. Auch Systeme mit Flüssigmetallbrennstoff werden in Betracht gezogen.

Als »nukleares Erbe« bezeichnen Antiatomkreise den radioaktiven Abfall; wir wollen darunter lieber das Erbe Dick Engels und anderer Pioniere begreifen – das Flüssigsalzreaktorkonzept, mit dem wir aus dem Abfall nützliche Energie gewinnen können, so wie die Wissenschaftler es bereits in den 1960ern projektierten.

Dick Engel im Gespräch mit Syd Ball und Kirk Sorensen

Dick Engel war auch in dem Film »Thorium – Atomkraft ohne Risiko?« von Myriam Tonelotto zu sehen.

Hoffen wir, dass fortschrittliche Reaktorkonzepte bald Marktreife erlangen – so, wie Dick Engel es sich gewünscht hätte!


Fabian Herrmann

Fabian Herrmann ist Diplomphysiker (theoretische Astrophysik), Schriftsteller und PR-Berater beim Institut für Festkörper-Kernphysik. Mit Kerntechnik beschäftigt er sich seit dem Unfall in Fukushima. Die Reaktion der Deutschen auf dieses Ereignis befremdete ihn: »Wenn es einen technischen Unfall gibt, muss man sehen, wie man die Technik verbessert, anstatt sie abzuschaffen.«

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