In zwanzig Jahren ist die Welt nuklear

Das jedenfalls meint der amerikanische Physiker Richard A. Muller.

»Was werden die größten Unterschiede zwischen unserer Welt heute und der Welt in zwanzig Jahren sein? Was sind die wichtigsten »X-Faktoren«, also Veränderungen, die nicht unbedingt wahrscheinlich sind, aber durchaus im Bereich des Möglichen liegen und umwälzend sein können?« – Diese Frage auf Quora beantwortete Muller wie folgt:

Die Nutzung der Kernenergie wird weltweit stark zunehmen. Schon jetzt, im Jahr 2016, betrachten viele führende Umweltschützer Kernenergie als notwendiges Mittel, um die globale Erwärmung zu verlangsamen und zu stoppen. Dazu zählen James Hansen und Stewart Brand. (Siehe beispielsweise Scientific American sowie den bemerkenswerten Film „Pandora’s Promise“, der am Donnerstag, 3. März, auf CNN läuft.

In den Entwicklungsländern wird die schreckliche Luftverschmutzung ein noch stärkerer Treiber für Kernenergie sein, die Jahr für Jahr Millionen von Menschen in China, Indien, der Türkei und Osteuropa tötet, siehe Air Pollution Overview – Berkeley Earth.

Kernenergie wird heute fälschlicherweise allgemein als teuer angesehen. Diese Kosten stecken im Bau der Kraftwerke, und in den USA werden sie künstlich durch regulatorische Verzögerungen aufgeblasen. In Südkorea hingegen kostet der Bau eines Kernkraftwerks nur ein Drittel dessen wie in den USA. In den Entwicklungsländern wird man Kernenergie als die saubere und dennoch preiswerte Alternative zu Kohle ansehen.

Der Kernbrennstoff wird uns nicht ausgehen. In der Industrie ist bekannt, dass die Kosten des Urans derzeit etwa 0,1 US-Cent pro Kilowattstunde betragen. Sollten sich diese Kosten auf 0,2 Cent verdoppeln, dann würde sich die weltweite Menge wirtschaftlich abbaubaren Urans um das Fünffache erhöhen. Dennoch bliebe der Beitrag dieser Kosten an der Stromproduktion vernachlässigbar. Es gibt keinen Mangel an Uran, und es wird auch in absehbares Zukunft keinen Mangel geben. (Siehe beispielsweise Scientific American, Januar 1980, S. 66-78.)

Der Einsatz von Kernreaktoren der vierten Generation (siehe „Generation IV reactor“) wird diese Technik weltweit attraktiv machen. Einige Varianten solcher Anlagen sind praktisch wartungsfrei; sie können als »nukleare Batterien« ohne einen Betreiber konstruiert werden. Wenn Sie Strom brauchen, holen Sie ihn sich, wenn nicht, fährt sich der Reaktor selbst herunter. Abgebrannte Brennelemente (Atommüll) können nur im Werk extrahiert werden. Der kleine, modulare Kernreaktor wird zum Brennelementwechsel ausgegraben und in die Fabrik transportiert. Das geschieht in der Regel alle 30 bis 50 Jahre. (Ja, solche Entwürfe gibt es bereits jetzt, im Jahr 2016, obwohl sie noch nicht kommerziell umgesetzt wurden.)

Diese Reaktoren basieren auf einem physikalischen Prinzip, das Kernschmelzen verhindert. Mechanische Sicherheitsmechanismen sind nicht nötig. Wenn der Reaktor überhitzt, sinkt das Reflexionsvermögen des Moderators, und die Kettenreaktion geht zurück. Wenn Sie dem System Energie entziehen, sinkt die Temperatur wieder zurück in den Arbeitsbereich, und die Kettenreaktion lebt wieder auf. (Dies ist keine Zukunftsprognose, sondern so werden Reaktoren der vierten Generation heute entworfen.)

In 20 Jahren können afrikanische Länder mit Generation-IV-Kernkraftwerken gegenüber anderen Staaten damit angeben, dass sie rund um die Uhr zuverlässig über Strom verfügen, dass ihre Kinder abends ihre LED-Lampen einschalten und Hausaufgaben machen können, im Gegensatz zu Kindern in nicht-nuklearen Gesellschaften.

Die Opposition der Öffentlichkeit gegen Kernenergie wird in dem Maße zurückgehen, in dem eine neue und effektive Methode nuklearer Entsorgung entwickelt wird (und dies geschieht heute, im Jahr 2016). Die Ereignisse von Tschernobyl werden aus dem Gedächtnis entschwinden und auf das blödsinnige russische Reaktordesign zurückgeführt. Es wird Konsens sein, dass die Tragödie in Fukushima die 15.000 Todesfälle durch den Tsunami waren, nicht die weniger als 100 Todesfälle, die durch Krebs aufgrund radioaktiver Freisetzungen verursacht wurden. (Mehr dazu in meinem Buch „Energy for Future Presidents“). Kernenergie wird allgemein als Stromerzeugungsverfahren akzeptiert, das rund um die Uhr billiger und zuverlässiger als erneuerbare Energien Strom produziert, doch ebenso sauber.

Dass Thorium-Reaktoren eine große Rolle spielen werden, erwarte ich nicht, außer vielleicht in Indien, wo sie aktiv entwickelt werden. Sie stellen nicht das Bollwerk gegen den Terrorismus dar, wie einige Leute meinen. Der erste Vorgang in einem Thorium-Reaktor ist es, das Thorium in Uran-233 zu konvertieren, das in einer Bombe verwendet werden könnte. Thorium kommt zwar häufiger vor als Uran, aber Uran ist reichlich vorhanden und bleibt billig. In Thorium-Reaktoren fallen zwar weniger langlebige Transurane an, aber die Technik zur Atommüllverwertung entwickelt sich rasant, und ich rechne nicht damit, dass die Abfallfrage in ein paar Jahren noch ein Hindernis für Uran-Kraftwerke sein wird.

Kernenergie wird Elektroautos sauber machen. Wenn Sie heute in China ein Elektroauto fahren, produzieren Sie damit mehr CO2 als mit einem Benzinmotor. Das liegt daran, dass Ihr Auto auf Kohlestrom läuft. Kernenergie wird Elektroautos künftig tatsächlich zu einer sauberen Alternative machen.

Allerdings werden die USA hinter dieser Entwicklung zurückbleiben. Regulatorische Hindernisse und der Widerstand der Öffentlichkeit werden diese Technik, die ursprünglich in den USA entwickelt wurde, in andere Länder vertreiben. Wenn Sie sich in zwanzig Jahren in einer abgelegenen Region Afrikas aufhalten und sich daran erinnern, wie unzuverlässig die Stromversorgung dort früher war, werden die Menschen Ihnen ihr lokales modulares Kernkraftwerk zeigen, das sie Nuklearbatterie nennen. Zum größten Teil liegt es unter der Erde, und die Hauptkomponenten werden dort die nächsten 30 – 50 Jahre unberührt bleiben. Die Stromanschlüsse befinden sich in einem kleinen Gebäude, von wo aus Stromkabel abgehen. Kinder bringen gewöhnliche (chemische) Batterien in die Anlage, wo sie (kostenlos) wieder aufgeladen werden. So können sie abends ihre Bücher beleuchten. Das Kraftwerk ist vor fünf Jahren installiert worden. Sie stauben ein Schild ab und lesen: „Made in China“.


Dieser Text erschien ursprünglich am 2016-03-01 bei Quora. Übersetzung: Rainer Klute.


Prof. Dr. Richard A. Muller

Prof. Dr. Richard A. Muller ist Teilchen-, Astro- und Geophysiker an der University of California, Berkeley.

3 Gedanken zu „In zwanzig Jahren ist die Welt nuklear

  1. Kernenergie taugt nicht nur zur Stromerzeugung sondern auch zur Meerwasserentsalzung – und damit zur Begrünung ganzer Wüstenregionen, Wenn es etwas in einem Kernkraftwerk in Überfluß gibt, dann ist das Wärme – und die braucht man um Wasser zu verdunsten. Außerdem läßt sich Wasserstoff erzeugen, der in Brennstoffzellen wieder Energie liefern kann. Damit würden sich Elektroautos bauen lassen, die mit den heutigen Bezin- und Dieselfahrzeugen konkurrenzfähig sind.

    Damit das Wirklichkeit werden kann, müssen mehr junge Leute Naturwissenschaften und Mathematik studieren – weniger Genderforschung und weniger Klimawandel- und Atomgefahr Agitprop.

  2. In zwanzig Jahren ist die Welt nuklear ?

    Die Realität sieht aber anders aus.
    Die Neubauten können gerade so die AKW-Abschaltungen ausgleichen und der Anteil (in %) der Stromherstellung (kWh) aus AKWs geht weltweit zurück.
    In den Schwellenländern z.B China sind gerade mal um die 5GW Kehrkraftleistung in 2015 ans Netz gegangen aber im selben Zeitraum über 100 GW an EE-Leistung (PV, Wind und Wasserkraft usw.) in China.

    Nuklear ist weltweit ein Auslaufmodell.
    Die AKWs die sich noch im Bau befinden, da werden noch einige davon fertiggestellt und noch einige neue kommen dazu, da was aber dann auch.

    mfg

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