Belgische Rissreaktoren: Wie sicher sind Tihange 2 und Doel 3?

Wer fundierte Antworten will, muss sich mit der Technik befassen

Von Dr. Anna Veronika Wendland

(Dieser Beitrag wurde durch eine aktualisierte und erweiterte Fassung ersetzt.)

19 Gedanken zu „Belgische Rissreaktoren: Wie sicher sind Tihange 2 und Doel 3?

  1. Ich bitte bei der ganzen Freude über Sachlichkeit und Fachkompetenz zwei Dinge nicht zu vergessen:
    -In der Tagespresse wird nur sehr selten über Dinge berichtet bei denen Einklang in der Meinung besteht (vulgo: uninteressant). Reißerisch geht immer gut, auch in der z.B. FAZ (dort dann etwas zivilisierter und vorgetäuscht aufgeklärt aber de Fakto immer noch nicht inhaltlich erklärend/erleuternd)
    -Der geneigte Leser dieser Diskussion sollte schon ein eine technische akademische Ausbildung haben um den Inhalten folgen zu können. Ein Fakt der wiederum nur auf geringe Teile der Bevölkerung zutrifft.
    Was die Angst vor Strahlung im Speziellen betrifft. Ich habe Elektrotechnik Fachrichtung Energietechnik mit Schwerpunkt Kraftwerkstechnik studiert dem mit Ziel im KKW Bereich zu arbeiten. Ich habe wärend des Studiums mit vielen Ingenieuren aus diesem Bereich gesprochen. Angst vor der Strahlung haben im Endeffekt alle gehabt, diese ist zwar durch die Ratio gedämpft gewesen, aber da war sie trotzdem.
    Ich denke Menschen haben immer Probleme mit Dingen die Sie nicht durchdringen können (oder in diesem Fall eher weil die Dinge sie durchdringen könnten =) ), oder die ein starkes Maß an Abstraktion brauchen um verstanden zu werden. Insofern ist die Angst vor Strahlung immer irrational aber trotzdem nachvollziehbar. Ich glaube ein umfangreiches Wissen über Strahlung zu haben, trotzdem bleibt bei einem Reaktorbesuch immer ein emotionales Hintergrundrauschen welches ich auch als Angst bezeichnen könnte.

  2. Man empfindet es als äußerst wohltuend, eine Kernenergie-Diskussion aus-schließlich mit Sachlichkeit und Fachkompetenz zu erleben. Ebenso erfreulich sind Energie-Nachrichten aus Osteuropa und Asien, die regelmäßig beweisen, dass die Vorreiterrolle Deutschlands bzw. der Frau Merkel andere Staaten nicht im Mindesten beeindruckt und der Reaktor der näheren Zukunft –
    der schnelle Brüter – unbeeindruckt weiterentwickelt wird (Rußland). Die Stunde der Wahrheit für die ( total überbewerteten) erneuerbaren Energiequellen kommt in in absehbarer Zeit entsprechend ihres volatilen Charakters. Traurig stimmt uns nur, dass Deutschland auf diesen Gebieten eine führende Stellung aufgegeben hat. Leider ist durch die emotionale, nicht sachdienliche Beeinflussung der Bevölkerung durch die – meist „grünen“ – Kernkraftgegener eine positive Stellung zur Kernenergie – auch bei einer evtl. Wahlniederlage der Frau Merkel und ihrer CDU – nicht zu erwarten.

  3. Sehr verehrte Frau Dr. Wendland,
    ich bedanke mich sehr für Ihre sachliche Stellungnahme. Absolut korrekt ist Ihre Feststellung von der Abkehr einer durch ausschließlich „religiös“ geprägten Diskussion in der Öffentlichkeit sowie den deutschen Medien. Bedauerlicherweise werden Ausdrücke, wie „Schrottreaktor“ auch in belgischen Plattformen genutzt. Dies heizt die Stimmung weiter auf, ohne aufklärend zu wirken.

  4. Danke für die Zusammenfassung, es ist gut und leider viel zu selten etwas „unaufgeregtes“, sachliches über Kerntechnik auf Deutsch zu lesen.
    Nach allgemeiner Pressebeschallung konnte ich im Fall Tihange/Doel nochmal live an mir selber miterleben wie schnell eine emotionalisierte – wenn nicht gar reisserrische – Berichterstattung, Unwohlsein und Sorge erregen kann.

    Ich finde es bezeichnend, dass die hohen Sicherheitsstandards der Kerntechnik regelmäßig als Indikator für das Gefahrenpotential „missbraucht“ werden. Würden solche hohen Standards für Kraftfahrzeuge – denen wir regelmässig unmittelbar unsere Gesundheit anvertrauen – gelten, die Strassen wären leer, die Werkstätten voll …

  5. Das Unsinnige beim Thema Strahlen ist es, jede noch so kleine Dosis unabhängig von der Zeit als schädlich anzusehen: Das ist die LNT-Hypothese, und daraus folgt das im Strahlenschutz gültige ALARA-Prinzip (As Low As Reasonably Archievable = so wenig Strahlung wie möglich). Das ist weltweit die Lehrmeinung seit gut einem halben Jahrhundert und das lernen alle Kernkraftmitarbeiter und müssen es in ihren Prüfungen aufsagen. Ich habe den Eindruck, daß die KE-Mitarbeiter, die ihr Leben lang dieses gelernt hatten und immer danach handeln mußten, auch tatsächlich an die nicht nachweisbaren Schädigungen durch Strahlung glauben. Wenn also aus einem Kernkraftwerk in Belgien Radioaktivität austreten würde, dann wäre in Belgien und in Deutschland die Hölle los, weil an die Schädigung durch Strahlung geglaubt wird. Allerdings: GLAUBEN SOLLTE MAN IN DER KIRCHE, und nicht in der Technik.
    Strahlung im Niedrigdosisbereich ist nicht schädlich für Lebewesen, sondern sie ist nützlich, stärkt das Immunsystem, und das ist in der Tat auch nachgewiesen, nur wird darüber kaum geredet. Prof. Becker sagte dazu in der Fachzeitschrift StrahlenschutzPRAXIS 2/2006 „LNT or not LNT…“:
    „Aus diesen und Gründen wissenschaftlicher Korrektheit und intellektueller Redlichkeit ist ein baldiger Paradigmenwechsel im Strahlenschutz erforderlich.“

    Ich denke und hoffe, daß wir auf den Seiten von Nuklearia über die unsinnige Strahlenangst in Zukunft noch manches Mal reden können.

  6. Interessant fände ich, was Flocken von Wasserstoff sind. Flüssigkeiten flocken wie bekannt. Von Gasen ist es – mir – nicht bekann und im Internet auch nicht.
    Sind es Risse – also sicher angefüllt mit Wasser ? Oder sind es Flocken, die man nicht anfüllen kann?

  7. Frau Merkel hat den überstürzten Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Die SPD und die Grünen haben das mitgetragen.
    Man wird keinen verantwortlichen Politiker mehr finden, der sich der „Atomhysterie“ entgegenstellt, er riskiert schließlich seine Pfründe. Lieber Gesinnungsethiker, die Pfründe behalten und nirgends anecken, als Verantwortungsethiker und Kopf und Kragen riskieren.
    Um Fakten ging es in der politischen und medialen Diskussion der Kernenergie noch nie. Lediglich die frühere Bayerische Staatsregierung hatte in der Genehmigungsbehörde noch gestandene Fachleute, die dem aufkommenden Mainstream gegen die Kernenergie im Bund und in Ländern wie Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein die Stirn boten. Die gleiche Situation sehen wir jetzt bei der Flüchtlingskrise. Auch hier die „Gutmenschen“ (das sind eben nicht die unzähligen freiwilligen Helfer wie unlängst von den Schwachköpfen, verbreitet, die das Unwort des Jahres definiert haben.) Nein, es sind die, die als Appendix von Frau Merkel erst mit Köln aufgewacht sind und noch aufwachen werden. Allein die Bayerische Staatsregierung hat sich getraut, in Verantwortungsethik die Gefahren für unser Land zu thematisieren. Ich nenne das Mut!

  8. Ich bin kein Materialfestigkeitsphysiker, sondern analytischer Chemiker, allerdings ohne eigene praktische Erfahrung auf dem Gebiet der Wasseranalytik speziell in den Wasserkreisläufen in Kernreaktoren. Hier sollten die betroffenen Kollegen selbst Stellung nehmen. Ich kann hier nur mein Basiswissen als allgemeiner Chemiker einbringen.
    Die Wand des Reaktor-Druckbehälters trennt zwei unterschiedliche Wasserkreisläufe, die chemisch und radiologisch analytisch überwacht werden. Lokalisierte Mikrorisse sind wohl nicht das Sicherheitsproblem, sondern es ist das mögliche Zusammenwachsen der Mikrorisse zu einem durchgehenden Mikrorisskanalpore. Solche scheint im Normalfall auch von Anfang an zu geben. Summarisch erfasst werden sie wohl durch den extrem empfindlich messbaren Anstieg der Radioaktivität im äußeren Kreislauf über den Anstieg durch Diffusion hinaus. Diese laufende In-Prozess-Kontrolle scheint mir doch für die Sicherheitsanalyse wesentlich wertvoller zu sein, als die vorsorgliche Ultraschall-Analyse über die Historie der Mikroriss-Bildung.
    Ich finde es schade, dass darüber keine weiterführenden Literaturhinweise gegeben werden.

    • Was Sie da beschreiben, sind Dampferzeuger-Heizrohrschäden (nur dort kann es zu einem Übertritt von Primärkühlmittel in den Sekundärkreislauf kommen) und zur Überwachung gibt es die N-16-Messstellen in den Frischdampfleitungungen und weitere Aktivitätsmessstellen im Dampferzeuger-Abschlämmsystem.

      • N-16 hat eine Halbwertszeit von nur 7 sekunden, und daher eine hohe Aktivitaet, solange der Reaktor laeuft. Ausserdem ist es ein starker Gamma-Strahler, also sehr leicht nachzuweisen. Ideal fuer eine Leckerkennung in Echtzeit. Selbst Lecks von nur wenigen Litern pro Stunde (tropfender Wasserhahn) fallen so sofort auf.
        Tritium, dagegen, ist als schwacher Beta-Strahler nur mit Zeitraubenden Labormethoden nachweisbar.

  9. Sicher werden die Kernenergiegegner den Teufel weiter an die Wand malen. Während normalerweise bei der ideologischen Ausseinadersetzung jeder „Störfall“ im nicht nuklearen Bereich zu Verteufelung herhalten muß, ist hier wenigstens ein wesentlicher Aspekt zu betrachten. Aber auch hier, dank Dr. Wendland Entwarnung.
    Sachliche Aufklärung und Erklärung statt Stimmungsmache..

  10. Ich finde, das ist eine sehr sachliche, überzeugende Darstellung, die zumindest erkennen lässt, dass man das Problem ernst nimmt und nicht zu verheimlichen versucht. Das wird die Atomkraftgegner allerdings nicht daran hindern, auch weiterhin den Teufel an die Wand zu malen, denn es geht ihnen ja nicht nur um die beiden belgischen Reaktoren, sondern um den Kampf gegen die Kernenergie als solche.
    Ich empfehle, diesen Bericht zusammen mit einer Kurzfassung an alle wichtigen Redaktionen zu schicken, denn nicht jeder Redakteur nimmt sich die Zeit, einen so langen Text zu lesen. Damit wird man hoffentlich verhindern, dass die Gegner mit ihren „sensationellen Erkenntnissen“ die Medien erobern.

  11. Eine Frage kommt auf, wenn man Ihren sehr umsichtig erscheinenden sachlichen Bericht liest. Danach seien die Wasserstoffflocken erstmals 2012 aufgefallen, dann 2014 seien mit verfeinerten Messmethoden noch viel mehr davon entdeckt worden. Offenbar machte man sich da gewisse Sorgen und ließ nach den Ursachen suchen. Ergebnis: Nicht so schlimm, weil diese Risse (wahrscheinlich) immer schon vorhanden waren und keine zusätzliche Versprödungsgefahr im Betriebsablauf indizieren.
    Später heißt es in Ihrem Bericht, die Messmethoden, um diese speziellen Risse zu erkennen, habe es auch schon in den 1970er Jahren gegeben. Und noch später heißt es, es sei letztlich nicht wichtig, ob die Risse schon am Anfang vorhanden waren, da sie jedenfalls derzeit nicht die Sicherheit beeinträchtigten. Mir scheint es da gewisse Widersprüche in der Argumentation der Gutachter zu geben:
    1. Trotz schon seit 40 Jahren vorhandener Messmethoden hat man die Mehrheit der Risse noch nicht 2012, aber dann 2014 erkannt. Wer sagt, dass man nicht 2017 mit weiter verfeinerten Messmethoden noch viel mehr davon findet?
    2. Wenn ich es richtig verstehe, war zunächst ein wesentliches Argument dafür, dass die Risse im Betriebsablauf nicht sicherheitsrelevant sind, dass sie schon zu Beginn vorhanden waren und es offenbar über Jahrzehnte keine Probleme damit gab bzw. kein Wachstum dieser Risse. Jetzt, da die Frage, ob sie schon zu Beginn vorhanden waren, nicht mehr ganz sicher zu beantworten ist, heißt es, dies sei ja auch gar nicht bedeutsam, es komme nur auf die jetzige Sicherheit an.
    3. Eine von zwei Fremdproben zeigte experimentell eine stärkere Versprödung. Mag ja sein, das hat nichts zu bedeuten. Aber ist es „Emotion“, wenn man misstrauisch wird, dass eine Probe dann ausgerechnet als „Ausreißer“ eingeschätzt wird, wenn sie ein unerwünschtes Ergebnis zeigt?

    • Auf jeden Fall sind Fragen offen; siehe dazu auch den zitierten Fragenkatalog der RSK, die den Bericht für schlüssig hält, aber zu den nicht öffentlichen Basisdaten mehr wissen möchte, v.a. zur Messmethode und zu den Berechnungen.
      Sicherlich konnte man um 1980 Defekte solcher Art grob feststellen, aber man hatte nicht die Möglichkeiten heutiger bildgebender Verfahren. – Die Ausreißerprobe V395 wurde nicht verworfen, sondern es wurde konstatiert, dass ihre Versprödung auf parallele Verhärtungsprozesse zurückgehe; sie wurde aber bei der Berechnung der neuen Sprödbruchübergangstemperatur einbezogen, um sicherzugehen.

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