Knapp jenseits der Grenze

Kommentar von Dr. Anna Veronika Wendland

Nichts ist schlimmer für die Deutschen als ein Kernkraftwerk jenseits der Grenze, das man nicht abschalten kann, auch wenn es von Zeit zu Zeit gegen eigene Netzinstabilitäten aushilft. Und deswegen holt der sogenannt »linke« WDR mit dem Beitrag »Die ausgeblendete Gefahr« der Autorin Silvia Andler den ökonationalistischen Knüppel raus.

Die wollen uns Deutsche vergiften! Haben extra einen Reaktordruckbehälter mit Rissen bestellt! Oder war es die äußere Schutzhülle? So richtig blickt da eh keiner durch. Und mit 40 Jahren ist das Atomkraftwerk ja auch schon sooo alt!

Jünger als die meisten Redaktionschefs und Intendanten, möchte ich wetten, und mehr auf dem Stand der Technik als diese Leute, die immer noch die Kämpfe der 1980er ausfechten, statt sich in der klimageschädigten Welt umzuschauen. Schon aus diesem Grund des Protests gegen das denkfaule deutsche Ökospießertum und seine Meinungsführerschaft im WDR wünsche ich Tihange, Cattenom, Fessenheim & Co. ein langes, erfolgreiches Betriebsleben. Sollen sie möglichst lange ein Ärgernis für diese Leute sein!

Aber Spaß beiseite. Der WDR hätte sich besser mit Sachverständigen für Materialprüfung getroffen, die sich mit Reaktorstahl auskennen. Es wäre ja einiges zu sagen über die Alterungsprozesse in den Stählen und Schweißnähten druckführender Umschließungen, über die »Risse«, die es in jedem dieser Stähle gibt, die aber nur unter bestimmten Bedingungen problematisch sind, und auch über wirklich nachweisbare Probleme, wie im Fall Flamanville, aber das wäre eben kompliziert, langatmig und ohne eindeutige Anti-Schlussfolgerung. Eine Aussage, dass der Weiterbetrieb nach Ermessen der Fachleute vertretbar sei, das kann nicht sein, weil es nicht sein darf. Und es würde auch nicht in diese Art Berichterstattung passen, die sich größtenteils auf Unterstellungen verlegt.

So ist mir aufgefallen, dass in dem Bericht überhaupt nicht reflektiert wird, warum man eigentlich jedes Argument der Antiatomseite für bare Münze nimmt – ohne Ansehen des biografisch-ideologisch-fachlichen Hintergrunds der befragten Mitstreiter – aber der belgischen Atomaufsicht von vornherein unterstellen darf, sie sei parteiisch, weil der Chef eben einen bestimmten fachlichen Hintergrund habe. Unerhört: Er war mal Betriebsleiter in einem KKW! Aber ist das denn verwerflich? Im Gegenteil, ich freue mich, wenn in der Atomaufsicht ein Ingenieur sitzt, der weiß, wie in einem KKW gearbeitet wird, und kein gelernter Philosoph, Jurist oder Ökonom, dem der WDR sofort vertrauen würde. Mir kommt das so vor, als würde von mir verlangt, ich solle mich aus der deutsch-ukrainischen Historikerkommission zurückziehen, weil ich Spezialistin für die Geschichte Osteuropas sei. Spezialisten seien aber parteiisch.

Dass ein kerntechnischer Praktiker an der Spitze der Atomaufsicht sitzt, muss keine Abstriche an ihrer Kritikfähigkeit und Schlagkraft bedeuten. Die Schritte der Atomaufsicht, einer staatlichen Behörde, sind im Übrigen transparent dokumentiert, das heißt durch den Souverän kontrollierbar; die Gegner sollten also meinetwegen mittels eines Untersuchungsausschusses der belgischen Aufsichtsbehörde einen absichtlichen Fehltritt nachweisen, anstatt sich in pauschalen Schuldzuweisungen zu ergehen und ansonsten, zum häuslichen deutschen Gebrauch, die Nuklearkatastrophe in Aachen heraufzubeschwören.

Aber was soll’s? Der WDR arbeitet hier knapp jenseits der Grenze. Und zwar jenseits der Grenze der journalistischen Seriosität. Er meint, dies sei zulässig sei im Kampf gegen die Atommafia. Wenn allerdings die Atomaufsichten unserer Nachbarn so schlampig in der Recherche vorgingen wie ihre journalistischen und anderen Gegner, dann erst würde ich mir ernsthaft Sorgen um Tihange machen.


Dr. Anna Veronika Wendland

Dr. Anna Veronika Wendland arbeitet am Herder-Institut für Historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg, einem Institut der Leibniz-Gemeinschaft, und lehrt an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie schreibt ihre Habilitationsschrift zur Technik- und Sozialgeschichte der osteuropäischen Kernenergie am Beispiel einer Fallstudie in der Ukraine. Sie hat zu diesem Zweck zwischen 2013 und 2015 mehrmals für mehrere Wochen als »Teilnehmende Beobachterin« im KKW Riwne gearbeitet.

13 Gedanken zu „Knapp jenseits der Grenze

  1. es gibt eben linke und rechte sowie grüne Kernkraftwerke. Die grünen müssen sofort abgeschaltet werden, die linken mit gewisser Verzögerung und die rechten, die bisher naturwissenschaftlichen Kriterien genügen mußten, orientieren sich bezüglich Laufzeit an Fukushima 1-4. Das ist eben deutsche Energiewende, von der der ehemalige Leiter der Bundesnetzagentur gesagt hat, daß dabei nicht nur moralische Aspekte zu beachten sind, sondern auch Aspekte der Meteorologie und der Naturwissenschaften ganz allgemein.

  2. Sehr geehrte Frau Wendland,

    Vielen Dank für Ihren ausgezeichneten Kommentar.

    Vom WDR erwarte ich nichts anderes, solche Sendungen kann man vergessen, verlorene Zeit. Solche Beiträge haben ein journalistisches und fachliches Niveau, das so tief ist, dass einem der monatliche Fernseh-/Rundfunk-Beitrag, die sogenannte Demokratie-Abgabe, leid tut.

    ABER, es tut sich einiges in Deutschland. Lesen Sie bitte heute in der FAZ, Seite 6, den Beitrag (Eine ganze FAZ-Seite !!) von Reinhard Wolff, Professor an der als kritisch bekannten Goethe-Universität in Frankfurt am Main „Deutschland, gutes Klimaland? Wenn schon „Dekarbonisierung“ der Weltwirtschaft……………., ist die Atomkraft die Brückentechnologie“ der Wahl.“

    Ferner bitte ich Sie, den Filmbeitrag von Derek Muller, auf Arte am 31. Juli 2015, Teil 2, anzusehen, ist noch in der Mediathek abrufbar.

    Hinter den Kulissen tut sich viel. Es dämmert nun, dass Klimaschutz, Energiesicherheit nicht allein mit Windkraft und Solar funktioniert, sondern dass die Atomkraft unverzichtbar ist.

    Viele Grüße, Wolfgang Oho

    • Ohne fossile und nukleare Ressourcen ließe sich Deutschland womöglich auch mit elektrischer Energie versorgen; soweit überhaupt genügend Energiespeicher gebaut werden können, und extreme Energiesparmaßnahmen umgesetzt werden. Jetzt kommt der Witz …Bereit machen! … Ab 2020 bis 2030 wird der Energiebedarf wieder sehr stark steigen, da immer mehr Autos, Lastkraftwagen, Züge und Passagierflugzeuge mit Elektromotoren betrieben werden.

      Fakt ist also: Es funktioniert … für eine kurze Zeit.

        • Exakt! In den nächsten 20 Jahren versucht man vorerst kleinere Maschinen mit Elektrotriebwerken auszustatten – also Kurzstreckenflugzeuge. Was noch nicht gennant wurde: wie man dies umsetzen möchte. Persönlich kann ist es jedenfalls nicht abschätzen, ob ein Speicher für elektrische Energie, eine Brennstoffzelle oder etwas anderes zum Einsatz kommen wird. Aber man arbeitet bereits daran.

  3. Sehr geehrte Frau Dr. Anna Veronika Wendland,

    Ihre Antwort zu dem WDR-Artikel ist deftig, aber richtig. Hinzuzufügen wäre: Wenn alle AKWs so schlampig arbeiten würden wie unsere deutsche Journaille, wären wir schon längst in die Luft geflogen. Es handelt sich um Gehirnwäsche der reinsten Art und es stören sich nur wenige Menschen daran. Aber der WDR ist ja bekannt dafür und bedient sich immer eines „Wissenschaftlers“, nämlich Herrn Professor Dr. Moormann, früher Mitarbeiter von Prof. Schulten in Jülich, heute ein um 180° gedrehter Atomgegner, der sogar vor Lügen und Verleumdungen nicht zurückschreckt. Ich kann das leider beweisen und einige Atomwissenschaftler sind mit mir einer Meinung.
    Aber genug davon! Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Gesundheit.
    Ihre Hilde Reynen-Kaiser

  4. Der verheerendste Fehler war unter anderem sogar, dass die bestehenden Wasserstoffrekombinatoren nicht beachtet worden sind. Da hiermit der entstehende Wasserstoff bei einer Kernschmelze zu Wasseroxid rekombiniert wird, kann folglich keine radiotoxische Knallgasexplosion entstehen. Wo bei einer passiven Anlage keine zusätzliche Energie benötigt wird, kann bei einer aktiven Anlage ein Ausfall eintreten. In dieser kritischen Situation könnte man jedoch auch eine kontrollierte Zündung und somit eine eher harmlose Verbrennung des Gasgemischs durchführen. Ein Szenario wie in Okuma (Fukushima Daiichi) ist daher eher unrealistisch – soweit eine Kernschmelze eintreten würde.

    Hieß es nicht mal, dass die deutschen Nachrichtensender die Vereinigten Staaten von Amerika immer positiv darstellt, und auch die Kernenergie verteidigen? Das war übrigens eine rhetorische Frage.

  5. Stimmt 100 % mit meiner Meinung überein.
    Als Ingenieur mit 40 Jahren Berufserfahrung im Bereich von Kraftwerken und Kernkraftwerken kann man es nicht nachvollziehen, dass Laien (Journalisten etc,) sich anmaßen, die komplexe Materie der KKW fachmännisch beurteilen zu können.
    Das wäre genauso, wenn Fachleute von KKW sich anmaßen würden eine bestimmte Operationsmethode eines Chirurgen sei gefährlich andere dagegen nicht.

    Eigentlich müßten die Fachleute von KKW etc. auf die Strasse gehen und gegen die Manipulationen und Auswüchse der Energiewende demonstrieren.

    • „Eigentlich müßten die Fachleute von KKW etc. auf die Strasse gehen und gegen die Manipulationen und Auswüchse der Energiewende demonstrieren.“

      Eine fachmännisch neutrale Kampagne wäre hierbei auf langer Sicht bestimmt effektiver … Bildung war schon immer ein mächtiges Instrument. Wenn man gegen die Erneuerbaren Energien kämpft, wäre diese Kampagne wieder sehr ineffektiv und unsachlich. Dementsprechend müssen die Vorzüge beider Technologiegattungen profiliert werden.

  6. Wenn ich als (deutschsprachiger) Belgier diesen grünen-lackierten WDR-Schrott sehe, dann stelle ich einige Vergleiche an:
    1. Hier in Ostbelgien kriegen wir den Strom aus Tihange. Ohne dieses KKW gehen hier die Lichter aus. Letztes Jahr hatte man ja einen reaktor vom Netz genommen. Hat etwa Windkraft oder Fotovoltaik uns in dieser Zeit (im Winter) mit Strom versorgt? Nein! Und als im Frühling dann wieder die ersten warmen Sonnenstrahlen erschienen, da kamen die realitätsfremden Fotovoltaik-Befürworter wieder die Ratten aus ihren Löchern gekrochen.
    2. Wenn es einen GAU dort geben würde, dann müsste man eine Sperrzone einrichten. Aber die wird bestimmt nicht bis nach Deutschland reichen. Vielleicht würden die deutschen Panik-Behörden sogar noch eher eine solche Zone einrichten als die belgischen Institutionen 🙂
    3. Die meisten Windräder sind eher sinnloser Schrott als Tihange. Der WDR sollte mal eher die (un)-Sinn der Energiewende (=planlose Stromwende) unter die Lupe nehmen.
    4. Ja, die grüne Gutmenschen-Presse hat das Prädikat Lügenpresse wirklich verdient. Würden die meisten Bauunternehmer wie Journalisten arbeiten, dann würden die meisten Häuser in sich zusammenfallen.

    Als Belgier wollte ich mich hiermit für diesen Bericht auf nuklearia.de bedanken.

  7. Sachliche Aufklärung hat heutzutage keine Konjunktur. Es ist dagegen ein beleibtes stereotypes Muster, den Meinungsgegner und alle, die in diese Schublade gesteckt werden, mit Unrat zu bewerfen und Zweifel zu ziehen. Eine Verbindung zu einer Lobby – ob nun real oder nur erfunden – ist dabei wie ein Ass im Ärmel. Wichtig ist dann kein Sachargument mehr, denn wenn der diskreditierte Meinungsgegner etwas sagt, muss es ja falsch sein.

    Ich denjke, es sollten sich alle diejenigen zusammen tun, die durchaus kontroverse Ansichten vertreten, aber einander dennoch respektieren. So gibt es beispielswewis Leute wie Lawrence Solomon. Er hält die Angst vor einem menschengemachten Klimawandel für völlig überzogen, bekämpft aber die Kernkraft-Nutzung. Oder bei Science-Skeptikcal, wo man der Kernkraft sehr aufgeschlossen gegenüber steht, aber auch AGW als eine hausgemachte Panikmache versteht.

    Hier unterstützt man die Hoffnungen auf die friedliche Kernkraft-Nutzung hat aber bezüglich der AGW große Bedenken. Wäre es dann so, dass man immer zu einer heftigen ideologisierten Debatte kommen muss, wenn es um sensible Themen geht? Sollten die Lager immer schön unter sich bleiben?

  8. Es ist schon erstaunlich, dass sich Kernkraftgegner nicht einmal die Muehe machen, den Unterschied zwischen Druck- und Sicherheitsbehaelter zu verstehen.
    Die groebste Luege in dem Bericht ist aber die Bezeichnung der Kernkraftgegner als Umweltschuetzer oder Umweltaktivisten.
    Fast nichts hat der Kohle- Oel- und Gasindustrie so genuetzt wie die anti-AKW „Bewegung“, daher sind diese „Umweltschuetzer“ zu einem grossen Teil fuer die immensen Umwelt- und Klimaschaeden dieser industrien verantwortlich.

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