Der gesunde Menschenverstand

Ich speiste in einem linken Kulturzentrum zu Mittag. Manche werden sich fragen: Wie zum Geier passt ein Nukleide in ein linkes Kulturzentrum, in dem sogar auf der Klotür Antiatomaufkleber zu finden sind und regelmäßig Greenpeace-Filmabende stattfinden?! Ihr kennt mich nun schon ein wenig, und wisst daher, dass ich durchaus ein langhaariger Gerechtigkeitskämpfer bin, allerdings notabene ein technikpositiver Gerechtigkeitskämpfer.

Ferner schätze ich Milchkaffee, und ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass Milchkaffee gleich doppelt so gut schmeckt, wenn ein linkes Kulturzentrum außen um ihm herum gebaut ist. Fügt man noch ein wenig Existentialismus hinzu, so mundet er sogar noch ein wenig besser, und die Anwesenheit einer hochintelligenten Dame vervollkommnet das Ganze. So sah es also aus: Ich und Simone de Beauvoir machten uns bei veganen Pestonudeln und Milchkaffee mit Honig einen wunderschönen Nachmittag.

Jedoch wurden wir gegen Ende des Lunches in unserem Frieden gestört. Die Worte „Fukushima“, „Atomkraftwerk“ und „Atommüll“ schwebten unerwartet durch die sanft nach altem Holz duftende Luft.

In geringer Entfernung saßen zwei Herren an einem Tisch und unterhielten sich. Es ging, das hatte ich gleich herausgehört, um Kernenergie. Einer der beiden, schlank und mit schulterlangen schwarzen Haaren gesegnet, argumentierte lebhaft dagegen, wobei er öfters das havarierte Kraftwerk Fukushima Daiichi und den Begriff „Atommüll“ anführte. Der andere, dicker, kräftiger und mit kurzen blonden Haaren auf dem Kopf, machte besonnene Laute, wiegte sich hin und her und brummelte allerlei im Sinne von „das ist übertrieben“, „das ist Panikmache“ und „die Energiewende ist überstürzt“.

Sollte ich oder sollte ich nicht?

Ich spüre öfters widerstreitende Antriebe in mir. In diesem Fall war es meine Konfrontationsscheuheit auf der einen, mein Physik-und-Energie-Kommunikationsdrang auf der anderen Seite.

Letzterer gewann.

„Entschuldigen Sie, ich kam nicht umhin, ein wenig von Ihrem Gespräch mitzuhören. Würden Sie erlauben, dass ich mich beteilige? Dieses Thema interessiert mich.“

Ich habe ehrlich gesagt die beiden nie nach ihren Namen gefragt. Nennen wir sie daher Palmström (den schwarzhaarigen Anti-Kernkraftler) und Korf (seinen blonden Widersacher).

„Gerne dürfen Sie sich beteiligen, aber ich habe nicht mehr viel Zeit, nur noch maximal zehn Minuten“, sagte Palmström.

„Danke, das passt schon!“ Mein Konfrontations-Widerwillen war sogar recht froh, dass dem Ganzen zeitliche Grenzen gesetzt waren.

Man müsse, begann ich, das Thema Energieerzeugung in einen größeren Zusammenhang setzen. Es sei nicht richtig, gebannt auf bestimmte Aspekte zu starren, sondern alles müsse in vollem Umschwung durchdacht werden. So sähen viele entsetzt auf die Möglichkeit, dass im Falle eines Unfalles Radiotoxika aus einem Kernkraftwerk entweichen könnten. Ein Kohlekraftwerk jedoch blase bereits im Normalbetrieb chemo- wie auch radiotoxische Substanzen unablässig aus den Schloten. Auch bei der Fabrikation von Permanentmagneten für Windkraftanlagen würden beträchtliche Mengen an Giftstoffen anfallen, und, da die Produktion der Magnete überwiegend in China, wo Umweltbewusstsein noch kaum vorhanden sei, stattfinde, meist ungefiltert in Flüsse oder Seen eingeleitet.

„Die Umweltbilanz einer Energiequelle ergibt sich nicht zuletzt aus der Menge an Material, die dabei insgesamt bewegt und verarbeitet werden muss. Bei fossil befeuerten Kraftwerken oder Erneuerbaren ist diese Menge aufgrund der geringen Energiedichten sehr groß. Bei Kernkraft ist sie äußerst gering, im Bereich von hundert bis zweihundert Tonnen Uran pro Reaktorblock und Jahr“, erläuterte ich.

Palmström war währenddessen unruhig auf seinem Stuhl hin- und hergerutscht. Seine beiden Hauptargumente Atommüll und Fukushima wollten heraus.

„Man darf da nicht nur Quantitäten sondern muss auch Qualitäten unterscheiden“, stieß er endlich hervor. „Atommüll bleibt Jahrtausende lang radioaktiv!“ Das Wort „radioaktiv“ betonte er dabei als handle es sich um ein kosmisches Ungetüm im Stil von H. P. Lovecraft.

Womit er, was Qualitäten anbelangt, freilich recht hatte, war, dass Reaktorabfälle im Vergleich mit anderen Industrieabfällen besonders toxisch sind – dabei fallen sich jedoch nur in sehr kleinen Mengen an: Die Gefährlichkeit eines Abfallproduktes ergibt sich gewissermaßen als Produkt von Giftigkeit und Menge. Ferner bleibt Atommüll eingesperrt, anstatt in die Umwelt ausgedünnt zu werden. Seine Toxizität nimmt zeitlich ab, was bei chemischen Giftstoffen nicht der Fall ist.

Ich kam allerdings nicht dazu, dies zu erläutern, denn Palmström sprach nun von Chernobyl, Fukushima und Three Mile Island: „Diese Gebiete werden für Jahrmillionen unbewohnbar sein!“ Es sei bemerkt, dass er die Zeitspannen „Jahrzehnte“, „Jahrtausende“ und „Jahrmillionen“ recht austauschbar verwendete.

Ich sagte rundheraus, dass die Kontamination in den genannten Gebieten keinesfalls einer Rückkehr der Menschen im Wege stehe. Palmström biss sich auf die Unterlippe.

„Warum ziehen Sie dann nicht dorthin?“

„Nun, wir sind in einem linken Kulturzentrum. Eine Mitarbeiterin hier sagte einmal zu mir, kaum einer der regulären Gäste arbeite acht Stunden täglich. Die Arbeitsmoral der Japaner, das Aufopfern des Lebens für die Firma, ist einfach nicht mein Ding, weswegen ich nicht vorhabe, nach Fukushima zu ziehen (Korf lachte). Es ist auch ein Argument gegen den Versuch, die Welt komplett aus erneuerbaren Energiequellen, Wind, Wasser, Solarkraft, Geothermie, Biomasse, zu speisen. Es klingt vermutlich paradox, dies im Kontext eines linken Kulturzentrums zu sagen, denn in diesem Umfeld“ – ich fuhr mit der Hand umfassend durch die Luft – „sind vermutlich alle für eine erneuerbare Vollversorgung, obwohl sie wie schon gesagt keine Stachanowisten sind. Dies ist das wirklich paradoxe: Denn der Umbau der Energieerzeugung auf diffuse Quellen mit geringer Flussdichte bringt notwendigerweise einen massiven Effizienzverlust mit sich, quasi einen Rückzug auf vorindustrielles Niveau, der einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung dazu verurteilen würde, ständig zu arbeiten nur um Strom zu erzeugen. Das ist nichts für Lebenskünstler, die sich an der Maus Frederick orientieren, und auch nichts für mich (denn ich möchte in meinem Leben vorwiegend Bücher schreiben und nicht Solarzellen schrauben). Ich würde mich statt nach Fukushima lieber nach Guarapari verfügen, einem Badeort in Brasilien, dessen Strand aufgrund des im Sand enthaltenen Urans und Thoriums stärker strahlt als die am stärksten kontaminierten Zonen rund um das kaputte Kraftwerk in Japan.“

Palmström knurrte. „Das mit dem ‚Umfeld‘ stößt mir sauer auf“, sagte er, „denn das hat nichts mit dem Umfeld zu tun“ – Korf schüttelte den Kopf und rief halblaut „oh doch! oh doch!“ – „sondern mit gesundem Menschenverstand. Aber jetzt muss ich los…“

„Naja, ‚gesunder Menschenverstand‘, das ist so ein Aufkleber… damit hat auch schon Sarrazin seine Aussagen verteidigt“, bemerkte ich.

„Im 19. Jahrhundert“, sagte Simone de Beauvoir, der es offensichtlich nicht mehr genügte, in Buchform stumm anwesend zu sein, „hätte die Mehrheit der Bevölkerung ohne zu zögern behauptet, der ‚gesunde Menschenverstand‘ gebiete, dass Frauen kein Wahlrecht haben sollten, dass sie für das öffentliche Leben, ja für fast alle Aktivitäten außer hübsch aussehen, charmant sein, kochen, putzen, Kinderkriegen und vielleicht noch Klavierspielen, ungeeignet seien. Dieser ‚gesunde Menschenverstand‘ hat sich inzwischen zum Glück weitgehend verflüchtigt. Es scheint, der ‚gesunde Menschenverstand‘ muss zuweilen überwunden werden, wenn Fortschritt möglich sein soll.“

Palmström und Korf verabschiedeten sich, Palmström missmutig (vermutlich war er besonders ärgerlich, dass ich seinem Kontrahenten Munition geliefert hatte), Korf strahlend und freundlich: „Danke für die Denkansätze!“

Ja, Korf, neue Denkansätze werden dringend benötigt. Damit sie fruchten können, muss jedoch eine umfassende Informationsoffensive vorausgehen. Hier sehe ich eine wichtige Rolle des Nuklearia-Vereins: Mittels der roten Kapsel raus aus der Antiatommatrix, die die Menschen in einem Gespinst aus „für Jahrmillionen unbewohnbaren Gebieten“ und ähnlichen Schauergeschichten gefangen hält.

Alle vom Ökologisten erfundenen Idole sind, wie furchterregend er sie auch gebildet hat, tatsächlich von ihm abhängig, und deshalb wird er imstande sein, sie zu zerstören.

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