Pro-Atom-Knigge

„Ich habe bemerkt“, sagte Herr K., „dass wir viele abschrecken von unserer Lehre dadurch, dass wir auf alles eine Antwort wissen. Könnten wir nicht im Interesse der Propaganda eine Liste der Fragen aufstellen, die uns ganz ungelöst erscheinen?“
–Bert Brecht

 

In diesem Artikel möchte ich auf einige Unarten hinweisen, die meiner Beobachtung nach unter Pro-Atom-Aktivisten recht verbreitet sind – nicht allein deshalb, weil sie stören und mir schlechter Stil zu sein scheinen, sondern auch, weil sie uns in ein schlechtes Licht rücken und unglaubwürdig erscheinen lassen.

 

1. Herumreiten auf spezifischen Reaktortypen

Es ist völlig verständlich, dass jeder seine Lieblingstechnologie hat (in meinem Fall der Integral Fast Reactor). Dies ist jedoch kein Grund, andere Typen als das Allerhinterletzte darzustellen und nach Kräften schlecht zu machen. Insbesondere im Dunstkreis der LFTR-Graswurzelbewegung taucht, etwas überspitzt gesagt, immer wieder die Haltung auf: „LFTR voll super, alle anderen Reaktoren voll scheiße!“

Ich habe nichts gegen LFTR, ich bin mir sicher, dass man mithilfe einige neuer Testanlagen auch diese Technik zur Einsatzreife bringen kann. Dennoch ist er nicht das einzige Gen. IV-Konzept, das es wert ist, umgesetzt zu werden. Wir haben tonnenweise interessante Modelle und Entwürfe am Start: Integral Fast Reactor, schneller bleigekühlter Reaktor, schneller heliumgekühlter Reaktor, fortgeschrittene Leichtwasserreaktoren (AP-1000, ABWR, EPR…), gasgekühlter Hochtemperaturreaktor (HTR), modularer Kugelhaufenreaktor (PBMR), Flüssigsalzreaktor mit Moderator, Flüssigsalzreaktor mit schnellem Neutronenspektrum, Flüsigsalzreaktor mit Thorium-Uranzyklus, Flüssigsalzreaktor mit Uran-Plutoniumzyklus, Leichtwasser-Thoriumbrüter, Dual-Fluid-Reaktor, beschleunigergetriebene subkritische Systeme und noch einige mehr.

Wir sollten meines Erachtens nach diese Vielfalt betonen, denn sie ist eine Stärke! Eine technologisch orientierte Bewegung wirkt viel interessanter und vertrauenerweckender wenn sie viele verschiedene Optionen parat hat, als wenn sie ein bestimmtes System als das Patentrezept präsentiert. Und ein Club von Streithähnen, von denen jeder grantig seinen persönlichen Lieblingsreaktor verteidigt wirkt schon mal überhaupt nicht anheimelnd.

Wir sollten „die mit den vielen Möglichkeiten“ sein, nicht „die mit dem Patentrezept“!

 

2. Erneuerbare unnötig dissen

Es wirkt keinesfalls sympathisch und ist nicht sinnvoll, erneuerbaren Energiequellen jegliches Potential abzusprechen.

Ja, es ist wichtig, auf die physikalisch bedingten Grenzen durch niedrige Flussdichten und unregelmäßige Energieerzeugung hinzuweisen! Aber Solar- oder Windenergie als „pure Modeerscheinung des grünen Zeitgeistes“ o. ä. abzutun ist unseriös und nicht zielführend. Es gibt gute Gründe (11% Nutzungsgrad!), den weiteren Ausbau der Photovoltaik in Europa vorläufig sehr kritisch zu sehen. Aber zugleich gibt es ebenso gute Gründe, sich weiterhin für Forschung auf dem Bereich der Solarenergie stark zu machen! Wer weiß, welche technologischen Durchbrüche in der Zukunft ins Haus stehen. Nanobeschichtungen, die sich auf alle Mauern, alle Dächer und Brücken und überhaupt alle künstlichen Oberflächen aufbringen lassen, könnten ein Weg sein, einen beträchtlichen Anteil der benötigten Energie aus der Sonneneinstrahlung zu ziehen. Auch Solarkraftwerke im All könnten eine wichtige Rolle spielen.

Es scheint mir keinesfalls unmöglich, dass in fernerer Zukunft die Zivilisation auf der Erde ihren Energiebedarf überwiegend aus der Solarenergie stillt, Kernenergie (Spaltung oder Fusion oder exotische Lösungen wie p+B11 aneutronisch) dagegen vorwiegend zum Antrieb von Raumschiffen – und eventuell auch Ozeanschiffen – dient.

Wir betonen oft, dass wir von technologischem Fortschritt überzeugt sind. Dann sollten wir jedoch fairer- und vernünftigerweise auch die klassischen Erneuerbaren einbeziehen und für neue Entwicklungen und Durchbrüche auf diesem Gebiet offen sein!

 

3. Vereinfachende und übertriebene Aussagen – z. B.: „Der DFR hinterlässt keinen Atommüll!“

Natürlich erzeugen auch Schnellspaltreaktoren mit geschlossenem Brennstoffzyklus radioaktive Abfälle – aber diese bestehen eben im Wesentlichen aus Spaltprodukten, mittelschweren instabilen Kernen, deren gemeinsame Radiotoxizität um drei Größenordnungen rascher abklingt als die transuranhaltiger gebrauchter Brennelemente aus Leichtwasserreaktoren.

Nichtsdestotrotz ist die Aussage „Der Dualfluidreaktor erzeugt keinen Atommüll“ falsch. Solche unpräzisen, irreführenden Formulierungen sollten wir nicht verwenden, dies lässt uns sehr unglaubwürdig erscheinen. Wir sollten uns gerade darin von der Antiatombewegung unterscheiden, dass wir genau hinschauen, gründlich recherchieren und umfassend informieren.

Weitere vereinfachende, für sich alleine falsche Aussagen, die zuweilen auftauchen, sind beispielsweise:

Bei Reaktoren 4. Generation ist die Freisetzung künstlicher Radionuklide prinzipiell völlig unmöglich!
Bei einer ordentlich gebauten kerntechnischen Anlage ist die Wahrscheinlichkeit der unkontrollierte Freisetzung von Radiotoxika sehr sehr sehr niedrig (insbesondere im Vergleich mit Kohlekraftwerken, die im Normalbetrieb unablässig Radio- und Chemotoxika in großer Menge aus dem Schornstein pusten) aber dennoch größer als Null. Kernkraftgegner beharren darauf, dass die Wahrscheinlichkeit exakt auf Null gebracht werden müsse: Dies ließe sich nur realisieren, indem man auf alle kerntechnischen Anlagen verzichtet, einschließlich solcher zur Forschung und für medizinische Anwendungen. Anstatt zu versuchen, dieser irrationalen Forderung entgegen zu kommen und von „vollständiger Unmöglichkeit jeglicher Kontamination“ o. ä. zu sprechen, sollten wir lieber erläutern, dass es zum einen ein Leben in einer modernen Industriegesellschaft ohne technische Risiken nicht gibt, und zum anderen die Risiken verschiedener Technologien miteinander vergleichen und zur Diskussion stellen – bevorzugen wir Kraftwerke, die bei extrem unwahrscheinlichen Unfällen Giftstoffe freisetzen, oder solche, die dies vom Tag, an dem sie in Betrieb genommen wurden bis zu ihrer Stilllegung pausenlos tagaus tagein tun?!

Moderne Kernkraftwerke werden eine utopische Gesellschaft herbeiführen, ohne Armut und Kriege!
Eine Technologie verändert für sich alleine noch nicht die Welt – sie ist vielmehr ein Werkzeug, das Menschen einsetzen können, um die Welt zu verbessern. Damit eine Nachknappheitsgesellschaft ohne Armut und Ressourcenkonflikte Wirklichkeit wird, werden in der Tat große Mengen sauberer Energie benötigt, und Kernreaktoren sind eine exzellente Quelle für saubere Energie. Dies ist jedoch nur eine Komponente: Zum einen müssen noch andere Technologien hinzukommen (insbes. einfacher Zugang zum Weltraum und Recyclingsysteme für Abfälle), zum anderen ist auch philosophisches und politisches Umdenken erforderlich, damit es uns gelingt, uns aus dem Elend zu erlösen.

Ähnliches gilt nebenbei bemerkt auch für Computer und Internet: Es ist in der Piratenpartei nicht ungebräuchlich, das Problem des weltweiten Alphabetisierungsdefizits durch das Verteilen von Computern und Internet-Anschlüssen lösen zu wollen. ProTipp: Damit man einen PC bedienen kann, muss man vorher bereits lesen und schreiben können.

 

4. „Wir möchten neue Kernkraftwerke weil Kernkraftwerke dufte sind!“

Dies ist eine Art Zusammenfassung der vorangehenden drei Punkte. Wenn Pro-Atom-Aktivisten den Eindruck erwecken, sie würden sich nur deshalb für ihre Projekte stark machen, weil sie von der Technik begeistert sind, dann wirken Punkt 1, 2 und 3 gewissermaßen zusammen.

Wir haben doch gar nicht das Ziel, lauter Kernkraftwerke zu bauen!

Wir haben vielmehr das Ziel, allen Menschen auf der Erde ein Dasein auf europäischem oder höherem Niveau zu ermöglichen, die „Grenzen des Wachstums“ und die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu überwinden. Um dieses Ziel zu erreichen, erscheinen uns Kernkraftwerke sehr nützlich, und das können wir mit vielen guten Argumenten begründen. Die Kernkraftwerke sind jedoch kein Selbstzweck. Wenn es eine Technologie gäbe, die postfossile Energie hochkonzentriert und zuverlässig erzeugt, ohne Schwermetalle und ohne Radiotoxika, dann würden wir uns sofort dafür stark machen und nicht für Kernspaltungsreaktoren. Aber eine solche Technologie existiert noch nicht, daher sehen wir Kernspaltung vorläufig als beste (oder, etwas mürrischer gesagt: als am wenigsten miserable) Option an, solange, bis etwas besseres erforscht und erfunden wurde.

Wir sollten uns eventuell nicht „Pro-Atom“ oder „Nuklearia“ usw. nennen, sondern „Pro-Energiereichtum“ oder „Pro-Wohlstand-auf-der-ganzen-Erde und Anti-fossile-Energieträger“… doch dies klingt natürlich nicht so catchy.

Meines Erachtens nach ist es jedenfalls sehr wichtig, dass wir im öffentlichen Diskurs nicht den Anschein erwecken, aus Prinzip für Kernenergie zu sein, sondern wir sollten unsere eigentlichen Ziele betonen: Bekämpfung der Armut, weiteres Produktionswachstum ohne unnötige Umweltzerstörung, Vermeidung von Treibhausgas- und sonstigen Schadstoffemissionen, Verringerung der Abhängigkeit von Öl, Gas und Kohle!

 

Soweit meine vier Knigge-Punkte! Ursprünglich hatte ich noch vor, die leidige Verquickung der deutschen Pro-Atom-Szene mit Klimawandelleugnern und konservativen oder sogar reaktionären Bewegungen wie der AfD, dem Politically-Incorrect-Forum, der BüSo u.v.a. zu erwähnen, aber hierbei scheint es sich zum einen eher um eine lokale politische Besonderheit in Deutschland zu handeln (im angelsächsischen Raum ist es inzwischen völlig gebräuchlich, sich als linker Umweltschützer mit ganzer Kraft für Kernenergie einzusetzen), zum anderen geht es mir in meinem „Knigge“ ja auch eher um bestimmte individuelle Angewohnheiten, die mir argumentativ oder inhaltlich ungünstig erscheinen.

Ich denke, wenn wir an diesen Punkten arbeiten, können wir unseren Flauschfaktor beträchtlich steigern!

greg

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