Brief an die Nachhaltigkeit


Erschließung des Weltraums – Entwicklung statt Nachhaltigkeit.
Image by NASA (Public Domain).

 

Liebe Nachhaltigkeit,

du warst mir schon immer etwas suspekt. Inzwischen habe ich dich und allerlei Konzepte die mit dir zusammenhängen oder zumindest in Zusammenhang mit dir gebracht werden gänzlich und endgültig über. Du bist eine ungemein hohle Nuss. Dies möchte ich genauer erläutern.

Ich war ehrlich gesagt überrascht als ich bemerkte, dass das Wort “Nachhaltigkeit” bzw. das zugehörige Adjektiv “nachhaltig” schon vor der heutigen Zeit existierte, es lässt sich in Texten von Goethe finden, zu deren Entstehungszeit es noch nicht den modernen faden Beigeschmack hatte.

Von der ursprünglichen Bedeutung her scheint zunächst nichts gegen dich einzuwenden, Nachhaltigkeit: Du bedeutest lexikalisch “nicht verknappend”, “heute, morgend und überübermorgen ohne Einschränkungen verfügbar”, “dauerhaft zugänglich”. Nutzung nachhaltiger Energiequellen und/oder Ressourcen meint daher: Nutzung von Energiequellen/Ressourcen die unseren Nachfahren ohne Einschränkung zur Verfügung stehen, die sich nicht aufbrauchen lassen. Da kann niemand etwas dagegen haben – oder etwa doch?

Politiker denken heute keinesfalls darüber nach, was “Nachhaltigkeit” überhaupt bedeutet. Sie kleben den Begriff vielmehr auf alles drauf, was sie ihrem Stimmvieh schmackhaft zu machen gedenken. Als Resultat bist du heute, Nachhaltigkeit, ein sinnloses Universalwerbewort ohne Informationsgehalt. Wie kam es dazu?

Im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiesen Umweltschützer darauf hin, dass die Verbrennung fossiler Energieträger, Öl, Erdgas, Kohle, schwere Umweltschäden zur Folge habe und diese Stoffe überdies nur in begrenzter Menge in der Erdkruste vorhanden seien, weswegen es geboten sei, auf saubere, unbegrenzte Energiequellen umzusteigen: Sonneneinstrahlung und ihre veschiedenen Derivate, Geothermie und Gezeiten. In den Achtzigerjahren kamen die Grünen immer mehr in Schwung, sie mutierten in enormem Tempo von der im Bundestag Pullis strickenden Rebellentruppe zu Null-Acht-Fünfzehn-Politikern mit Schlips und Kragen, die der CDU immer näher kamen (diejenigen denen die CDU noch nicht konservativ genug war gründeten die ödp). Das von den Grünen stammende Konzept Nachhaltigkeit wurde zusammen mit der Partei zur Mainstreamsuppe, die sich in jegliche Politik hineinrühren ließ, da sie – selbst völlig aromalos – gut mit allem und jedem kombiniert werden kann.

Du könntest nun einwenden, dass wir uns doch bloß auf deine ursprüngliche Bedeutung rückzubesinnen bräuchten, dann ständest du in unverdorbener Frische vor uns und wir könnten uns dem löblichen Ziel zuwenden, die Menschheit in einen dauerhaften Gleichgewichtszustand zu überführen, in dem gestern, heute und morgen alles in Butter ist.

Nein, Nachhaltigkeit, nein. DO NOT WANT. Warum?

Kürzlich habe ich “Das Märchen von der kleinen Frau” von Anatoli Tkatschenko gelesen. Es wurde vermutlich kurz nach dem II. Weltkrieg geschrieben, passt jedoch hervorragend in die heutige Zeit: Ein Soldat, früher mal Bauer und Brunnengräber, kehrt aus dem Krieg heim. Im Wald findet er eine winzige Hütte mit kleinen Feldern ringsherum. Er klopft an und wird von einer sehr kleinen Frau zum Essen eingeladen. Die Frau scheint eine merkwürdige Anziehungskraft auszuüben, er bleibt bei ihr, lebt mit ihr als Ehemann zusammen. Er versucht den Hof zu verbessern: Den Zaun nach außen zu versetzen, größere Felder anzulegen, einen neuen tieferen Brunnen zu graben. Doch die Frau hindert ihn daran. “Wir haben es doch so gut, wie es ist”, sagt sie. “Wir sollten nichts verändern.”
“Wenn wir den Hof erweitern, kommen wir den anderen Menschen, die jenseits des Waldes leben, näher. Diese Leute haben bemerkenswerte Fähigkeiten, Techniken und Maschinen. Weißt du was Maschinen sind?”
“Die schießen?” Die kleine Frau kennt nur Maschinen zum Kampf und zur Zerstörung.
“Es gibt auch andere, zum Beispiel zum Häuserbau.”
Aber die kleine Frau will von der Zivilisation, Maschinen, Fortschritt und Verbesserungen nichts wissen. Alles soll so klein und beschränkt bleiben wie es ist! Der Soldat wird allmählich immer kleiner und schwächer. Als er merkt, das selbst ein Sperling auf seiner Schulter ein ungeheures Gewicht zu haben scheint, beschließt er zu fliehen. So schnell er kann läuft er aus dem Wald heraus, doch die kleine Frau klammert sich an ihm fest, versucht ihn zurückzuziehen: “Es ist doch alles gut so wie es ist, komm nachhause!” Unbeirrt läuft er weiter – die Stimme der Frau wird immer dünner, immer leiser… Der Wald öffnet sich, der Soldat schreitet ins weite Land hinaus, zu den anderen Menschen. Die kleine Frau ist verschwunden. Nur ein Frosch hüpft ins Gras davon.

Die Menschheit ist nicht im Gleichgewicht mit ihrer Umgebung. Das ist der großartige Unterschied zwischen Menschen und allen anderen Lebewesen auf der Erde: Während Pflanzen, Pilze, Einzeller, Bakterien und alle Tierarten außer uns in eine bestimmte ökologische Nische hineinwachsen, diese ausfüllen und bei Überschreitung ihrer Grenzen sich zurückentwickeln müssen, verfügen Menschen über wissenschaftliche Kreativität und Erfindungsreichtum und können daher völlig neue Bereiche erschließen.

Keinem Hund, keiner Ratte, noch nicht einmal dem klügsten Schimpansen oder Delfin gelingt es aus eigener Kraft, den Lebensraum Erde zu verlassen und in den Weltraum vorzudringen. Ein Mensch war es, der im Jahr 1969 aus dem Mare Tranquilitatis funkte: The Eagle has landed!

Als ich, um am zweiten Parteitag der Piraten im Jahr 2012 in Bochum teilzunehmen, mit einigen anderen Piraten in einem Haus übernachtete, sagte einer von ihnen beim Frühstückstisch sinngemäß: “Mit der Menschheit ist es wie mit einer Blume – wird ihre Blüte zu groß verwelkt sie, dies sieht man zum Beispiel an der Nutzung der Kernenergie, die global Verderben bringt”.

Es ist absurd, die menschliche Zivilisation mit irgendeiner Blume gleichzusetzen. Eine Blume kann nicht in einer ariden Sandregion Fuß fassen (außer sie ist speziell daran angepasst), Menschen dagegen können auch lebensfeindliche Orte erobern, beispielsweise durch die Konstruktion von Bewässerungssystemen. Eine Blume kann keine Pläne für das nächste Jahr, Jahrzehnt, Jahrhundert machen. Eine Blume kann nicht die Relativitästheorie, die Quantenmechanik entdecken, sie vermag keine Opern zu komponieren und keine Romane zu schreiben, sie erforscht keine fernen Galaxien und schickt keine Raumsonden zu den anderen Planeten im Sonnensystem. Die Perspektive der anderen Lebewesen auf der Erde reicht kaum über den Überlebens- und Fortpflanzungstrieb hinaus, obwohl es Hinweise darauf gibt, dass Menschenaffen über ein kleines Maß an Erfindungsgabe verfügen.

Die Kernenergienutzung hat nebenbei bemerkt auch kaum globales Verderben gebracht, sondern vielen Menschen durch Vermeidung von Schadstoffemissionen das Leben gerettet.

All dies scheinst du nicht begreifen zu wollen oder zu können, Nachhaltigkeit. Du gehst davon aus, dass die Menschheit einem “paradiesischen” Endzustand zustrebt, in dem sich nichts mehr ändert. Doch dies würde den Untergang der Menschheit besiegeln. Die vielgepriesenen “unerschöpflichen” Energiequellen Sonne, Geothermie und Gezeiten sind nicht unerschöpflich. In zwei Milliarden Jahren wird die Sonne anfangen, die Hauptreihe im Hertzsprung-Russel-Diagramm zu verlassen und erst allmählich, dann immer rascher den Rote-Riesen-Ast hinaufklettern, bis sie in fünf Milliarden Jahren so leuchtstark geworden ist, dass die Erdoberfläche sich in ein glühendes Lavameer verwandelt. Etwas später wird sie ihre äußeren Schichten in Form eines planetarischen Nebels abwerfen und als verglimmender Weißer Zwerg enden. Leben ist dann auf unserem Planeten nicht mehr möglich. Aber wir brauchen nicht so weit in die Zukunft zu spüren: Jederzeit kann ein einschlagender Killerasteroid, ein Gamma-Ray-Burst oder eine massive (auch-) nicht-anthropogene Klimaschwankung das Fortdauernd der Menschheit auf der Erde gefährden. “All species become either spacefaring or extinct!” wusste schon Carl Sagan. Du bist eine furchtbare Idee, Nachhaltigkeit, da du über kurz oder lang unseren Untergang heraufbeschwören würdest, wenn wir deinem Konzept konsequent folgen.

Das Ziel der Menschheit ist nicht, in einem Gleichgewichtszustand vor sich hinzudämmern und irgendwann auszusterben wie jede andere Art auf der Erde, sondern sich weiterzuentwickeln! Dies bedeutet: Immer stärkere, immer konzentriertere Energiequellen nutzbar machen, immer leistungsfähigere Material- und Informationsverarbeitungsprozesse entwickeln, von der Erde ins Weltall expandieren, die Rohstoffe des Sonnensystems erschließen und langfristig die Galaxis besiedeln.

Nur wenn es uns gelingt, viele Zivilisationskeime im Kosmos zu pflanzen, Kolonien auf anderen Himmelskörpern oder in rotierenden Orbitalstationen, können wir sicherstellen, dass die Menschheit Jahrmillionen, vielleicht sogar Jahrmilliarden lang fortzubestehen vermag.

Vor einiger Zeit präsentierte ich die Konzepte der Nuklearia bei den Piraten in Weimar. Diese waren recht aufgeschlossen, eine Dame machte jedoch eine interessante Bemerkung. Als ich erklärte, dass das Uran im Meerwasser bei einer Energieerzeugung von 100 TW(e) über 20.000 Jahre lang reichen würde, wenn man sie in Integrierten Brutreaktoren nutzt, erwiderte sie: “Zwanzigtausend Jahre sind doch aber eigentlich nicht so besonders lang!” Hatte sie recht?

Im Vergleich mit der Zeitdauer bis zur Expansion der Sonne zum Roten Riesen oder der Entwicklung des Lebens von Einzellern zum Menschen sind 20.000 Jahre zweifellos ein fast augenblicklich verstreichendes Zeitpartikel. Denken wir uns das Alter des Sonnensystems, zirka 5 Milliarden Jahre, als eine räumliche Strecke von einem Kilometer, so würden 20.000 Jahre 4 Millimetern entsprechen, in etwa der Körperlänge einer Ameise.

Im Vergleich mit der historischen Zeitdauer von der Industrialisierung um 1800 bis heute, rund 200 Jahre, sind 20.000 Jahre jedoch verhältnismäßig lang, hundertmal länger. Tragen wir diese Zeitdauer gegen die bekannte Menschheitsgeschichte auf, so reicht sie vom Paläolithikum bis heute. Die ältesten bekannten Städte sind nur zirka 9000 Jahre alt.

Es spricht nichts dagegen, Energiequellen zu nutzen, die in möglichst großem Umfang zur Verfügung stehen – und die optimalerweise auch noch emissionsarm und klimaneutral sein sollten! Doch was meinen wir mit “in großem Umfang”, welches soll die Vergleichsgröße sein? Da sollte unsere bisherige, menschliche Historie herhalten. Großtechnische Energiewandlungsprozesse nutzen wir seit Beginn des Industriezeitalters. Eine Energiequelle, die über hundertmal länger zur Verfügung steht und dies bei einer Elektrizitätserzeugungsrate (100 TW), die den momentanen Primärenergieverbrauch (16 TW) um das mehr als Sechsfache und die heutige Stromerzeugung (2 TW) um das Fünfzigfache übertrifft, können wir getrost mit dem Prädikat “in großem Umfang vorhanden” versehen. Immer und ewig zu reichen braucht sie nicht, denn wir werden sie nicht für immer und ewig nutzen – sondern weiter fortschreiten zu neuen Energiequellen.

Ich vermute, dass es nicht dazu kommen wird, dass wir in großem Umfang Uran aus dem Ozean extrahieren. Vielmehr werden wir erst die Weltvorräte an abgereichertem Uran (ca. 1.5 Mio t) in Integrierten Brutreaktoren verbrauchen, und noch bevor diese zur Neige gehen Fusionskraftwerke entwickeln und ans Netz anschließen. Selbst bei einem sehr forschen weltweiten IFR-Bauprogramm reichen die U238-Vorräte mindestens ein Jahrhundert, die heutige Weltstromerzeugung ließe sich sogar 750 Jahre lang unterstützen. Bis das ready-to-go verfügbare Uran aufgebraucht ist, dürften Tokamaks oder Stellaratoren fertig entwickelt sein, die Energie aus der Verschmelzung von Deuterium- und Tritiumkernen gewinnen, wobei das Tritium aus Lithium erbrütet wird (es ist daher sinnvoll, von D/Li-T-Fusion zu sprechen).

Es liegt nicht in der Natur der Menschheit, auf irgendeinem Entwicklungsstand stehenzubleiben oder sich gar zurück zu entwickeln. Niemand kann die Zukunft genau vorhersagen. Aber dein Ansatz, Nachhaltigkeit, einen Dauerzustand im Gleichgewicht zu etablieren, ist gänzlich implausibel und todbringend, wenn wir es ernsthaft versuchen würden. Es gibt keine unendlichen Energiequellen – gut so, denn wir werden durch den Fortschritt der Wissenschaft und Technologie immer wieder neue erfinden: Von Fossilverbrennungen und Leichtwasserreaktoren schreiten wir fort zu Brutreaktoren – unterstützt von Erneuerbaren, von diesen zu Fusionsreaktoren auf D/Li-T-Basis – unterstützt von weiterentwickelten Nutzungsformen der Erneuerbaren (z. B. Solarkraftwerke im All); weiter die Kardaschow-Skala hinauf zu reiner D/D-Fusion und danach zur aneutronischen p/B11-Reaktion, die ebenfalls nicht das Ende der Fahnenstange ist, denn die Physik wird in kommenden Jahrtausenden viele weitere Entdeckungen machen, die für uns heutzutage ebenso unvorstellbar sind wie es ein Kernkraftwerk oder die Mondlandung für einen Steinzeitmenschen vor 20.000 Jahren gewesen wären. Wer weiß, es mag sein – um ein wenig in Science-Fiction-Manier zu spekulieren – dass eine Art “Gluonen-Flipping” erfunden wird, welches es ermöglicht, jegliche Ruhemasse direkt nach der Formel E=mc^2 in Energie umzuwandeln, ohne sie mit Antimaterie in Kontakt bringen zu müssen. Dies ist freilich Zukunftsmusik. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringen wird. Sicher ist jedoch, dass wir, um uns kommenden Herausforderungen stellen zu können, von denen die Erschließung des Weltraums eine der wichtigsten sein dürfte, uns stetig weiterentwickeln müssen. Stillstand bedeutet Niedergang, Zusammenbruch.

Daher, Nachhaltigkeit Schnarchhaltigkeit, verschwinde, und nimm deinen stumpfsinnigen Anhang, die “Grenzen des Wachstums”, bitteschön gleich mit. Ich will von deiner ökologistischen K———-e nichts mehr sehen, nichts mehr hören. Fort mit dir! Du hast im Umfeld denkender Menschen nichts verloren.

 

Inspiration: Redebeitrag zur Demo im Rahmen von One Billion Rising in Jena – Liebe Romantik

2 Gedanken zu “Brief an die Nachhaltigkeit

  1. Das Märchen ist treffend.
    “Wir” haben das Bewusstsein der eigenen Stärke und jede Visionen verloren.
    Stattdessen träumt diese Gesellschaft von einer Art Neo Biedermeier mit iPad PET-Pfand, Windrad und bedingungslosem Grundeinkommen.

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