Energie-Sozialdemokratie: Das Weltwerk (Buchrezension: Prescription for the Planet – Teil 1)

Wisst ihr noch: Deutsche Bundesbahn. Deutsche Bundespost. Lufthansa. Hust hust das Arbeitsamt hust hust…

Manche Leute sind überrascht, wenn sie erfahren, was noch vor wenigen Jahren alles in der Hand des Staates war.

Denkt man heutzutage über die Rückverstaatlichung von Industriezweigen nach, geschieht es rasch, dass jemand schreit: Kommunist!

Doch es ist noch nicht lange her, dass man dies ganz einfach Sozialdemokratie nannte. „Sozialdemokratie“ wie „SPD“. Nicht Sozialismus. Nicht Kommunismus.

Der Hauptunterschied zwischen Staatsbetrieben und privaten Konzernen ist der, dass Staatsbetriebe unter demokratischer Kontrolle der Bürger stehen, private Konzerne dagegen allenfalls durch die Produktwahl beeinflusst werden können. Hat ein bestimmter Konzern ein faktisches Monopol in einem bestimmten Sektor – z. Bsp. die Deutsche Bahn bezüglich Schienen-Fernverkehr in Deutschland – dann ist auch diese indirekte Kontrolle praktisch nicht möglich. Die Deutschen müssen mit ständig verspäteten, oft defekten ICEs fahren, oder auf Eisenbahn-Fernreisen verzichten und das Auto oder das Flugzeug nehmen.

Ich persönlich bin kein prinzipieller Gegner der Privatwirtschaft. Manche Privatunternehmen sind fair und kompetent. Aber über die Erfüllung bestimmter Grundbedürfnisse darf meines Erachtens nach nicht marktwirtschaftlich entschieden werden. Eines der zentralsten und fundamentalsten Grundbedürfnisse in einer Industriegesellschaft ist Zugang zu billiger und sauberer Energie – denn diese liegt allen anderen Industrieprozessen zugrunde, egal ob es sich um die Produktion von Stahl, Weizen, Hosen, Büchern, Smartphones oder Trinkwasser handelt.

Dies dachte sich auch Tom Blees, ein ehemaliger Fischereikapitän, als er bei seinem Entwicklungshilfe-Projekt für Mittelamerika mit dem dortigen Mangel an sauberem Trinkwasser konfrontiert war. Wenn es nur eine hinreichend starke, zuverlässige, klimaneutrale Energiequelle zur Entsalzung des unbegrenzt vorhandenen Ozeanwassers gäbe…! Tom Blees begann sich mit dem Thema Energieerzeugung zu beschäftigen. Seine Nachforschungen führten ihn auf das Projekt Integral Fast Reactor.

Wie viele, die zum ersten Mal von dieser Technologie hören, staunte Tom Blees über die Fähigkeiten dieses Kernreaktors, vor allem über seine vielleicht beste Eigenschaft: Dass er „off the shelf“ fertig entwickelt und einsatzbereit ist.

Nur weil die US-Regierung das Projekt in der Versenkung verschwinden lassen wollte, sollte es nicht sterben. Um ein Technologieprojekt am Leben zu erhalten, müssen Wissen und Kompetenzen gebündelt werden: Diese Erwägung führte zur Gründung des Science Council, dem viele Wissenschaftler angehören, die führend an der IFR-Entwicklung beteiligt waren: Insbesondere Charles E. Till, Yoon Il Chang, John Sackett und George Stanford.

Wissenschaftliches Know-How und technische Dokumentation alleine genügen jedoch nicht, um die Energieversorgung der Menschheit umzukrempeln. Hierzu sind auch politische und wirtschaftliche Veränderungen nötig. Die Tatsache, dass selbst in den kapitalistischen USA viele lokale Energieversorger in öffentlicher Hand sind bzw. waren, brachte Tom Blees auf eine Idee: Warum nicht das Konzept der öffentlichen Stadtwerke auf den ganzen Planeten ausweiten – ein Weltwerk!

In dem Buch Prescription for the Planet stellt Tom Blees sein weltweites energiepolitisches Konzept vor. Es beruht auf drei Schlüsseltechnologien:

  • Der Integral Fast Reactor als grundlasttragende Primärenergiequelle.
  • Boromobile: mit Bor angetriebene Autos.
  • Plasmarecycling zum Abfallmanagement und zusätzlicher Energieerzeugung.

Leseproben: Chapter One – A World of Hurt, Chapter Four – Newclear Power.

Anstatt aber die IFRs von einer privaten Firma bauen und an private Energieversorger liefern zu lassen, plant Tom Blees die Einführung einer weltweiten Kernenergie-Sozialdemokratie: Das „Weltwerk“ GREATGlobal Rescue Energy Alliance Trust, eine Art UN für Kernenergie – soll zunächst alle schon vorhandenen Kernkraftwerke aufkaufen, und dann ein Crashprogramm zur Konstruktion von IFRs mit einer Installationsrate von 250 GWe pro Jahr starten. Finanzierung erfolgt zunächst aus Staatsanleihen, später operiert GREAT als Non-Profit-Organisation, die sich durch die Energiepreise nur selbst erhält. Tom Blees schätzt ab, dass dies einen Strompreis von 2 US/Euro-cent pro kWh ermöglicht.

Besonders interessant finde ich den Gedanken, dass die IFRs auf neutralem Gelände nach Art einer Botschaft betrieben werden sollen! Die Kraftwerke bzw. „Energiebotschaften“ gehören politisch nicht zu dem Staat, den sie mit Elektrizität beliefern, sondern sind internationale Gebiete, die GREAT unterstehen. Staaten, die mit IFR-Energie beliefert werden wollen, müssen dem GREAT-Bündnis beitreten: Dann kann das Weltwerk an ausgewiesenen Orten innerhalb des jeweiligen Landes – eventuell entlang der Grenzen – seine Energiebotschaften errichten, deren Gelände dadurch zu internationalem Territorium wird. Über Hochspannungsleitungen speisen die Botschaften Elektrizität ins Netz des Landes ein.

Versorgung mit sauberer Energie soll ein Menschenrecht werden: Daher darf sie nicht der Marktwirtschaft unterliegen, sondern muss von der Gemeinschaft organisiert werden – und damit allen Menschen Energie zur Verfügung gestellt werden kann, muss diese billig sein: Dies geht nur, wenn sie nicht zur Schaffung von Profit sondern als Dienst am Gemeinwohl erzeugt wird, so dass die Preise nicht marktabhängig sondern gleichbleibend niedrig sind. Hier ruft Tom Blees auch ins Gedächtnis, dass öffentliche Stromversorger in den USA stets für stabile, niedrige Strompreise sorgten.

Es sprechen jedoch auch mehrere praktische Erwägungen für eine Verstaatlichung – bzw. sogar Mundialisierung – der Kraftwerke:

Zum einen haben Privatfirmen erfahrungsgemäß die Neigung, die Anlagensicherheit zu vernachlässigen. Besonders gegen Ende der Betriebsdauer versuchen sie oft, noch den letzten Tropfen Profit aus der Anlage zu quetschen, und gehen daher mit Sicherheitskontrollen laxer um. Nach Tom Blees‘ Einschätzung war dies einer der Gründe, dass die Beschädigung des Reaktordeckels des Kraftwerks Davis-Besse (Toledo, Ohio) durch Borsäure wesentlich langsamer entdeckt und behoben wurde als ratsam gewesen wäre. Zwar kommen unkontrollierte Energiefreisetzungen wie in Three Mile Island, Chernobyl oder Fukushima bei IFRs physikalisch bedingt nicht vor – aber wenn wir Tausende von Freiheitsmaschinen weltweit bauen wollen, dann sollte dennoch in jeder Hinsicht für optimale Sicherheit gesorgt sein, und Tom Blees vermutet, dass eine gemeinnützige Organisation in dieser Hinsicht jedem Privatunternehmen überlegen wäre. Zum einen ist natürlich das Profitmotiv nicht vorhanden. Zum anderen kann man sich auf ein bestimmtes (oder einige wenige) international standisierte Reaktor- und Kraftwerksdesigns einigen, und auch die Ausbildung der Bedienmannschaften orientiert sich an einem einheitlichen, hohen Standard. Die Techniker von GREAT arbeiten weltweit und werden immer wieder nach dem Zufallsprinzip in eine andere Energiebotschaft versetzt: Da niemand für Nachlässigkeiten seiner Vorgänger verantwortlich gemacht werden will, wird jede neu auf einer Botschaft eintreffende Mannschaft zunächst die ganze Anlage durchchecken, wodurch sie selbst als Sicherheitskontrolleure wirken. Zusätzlich führt GREAT natürlich immer wieder unangekündigte Kontrollen durch.

Zuletzt darf man nicht vergessen, dass ein grundlegendes Menschenrecht auf Versorgung mit sauberer Energie bedeutet, dass auch potentiell instabile Staaten in den Genuss von IFRs kommen dürfen: Dies stellt kein Problem dar, wenn die Kraftwerke auf neutralem Boden stehen und in der Hand von GREAT sind. Tom Blees schlägt übrigens vor, dass GREAT über eine Art eigene Blauhelmtruppe verfügen soll, die im Fall der Fälle – z. Bsp. wenn Terroristen versuchen, ein IFR-Kraftwerk unter ihre Kontrolle zu bringen – in der Lage ist, die Anlagen zu schützen.

Die beiden anderen Standbeine des Systems sind Boromobile und Plasmarecycling. Bor als Treibstoff scheint zunächst eine verblüffende Wahl zu sein: Es entzündet sich nicht an Luft. In reinem Sauerstoff brennt es jedoch mit sehr hoher Energiefreisetzung. Sowohl die Energiedichte pro Volumen (ca. 150 MJ / l) wie auch pro Masse (ca. 60 MJ / kg) ist höher als bei jedem konventionellen Treibstoff; nur Wasserstoff hat eine höhere Energiedichte pro Masse. Letzterer wird von vielen als gute Treibstoffoption für die Zukunft angesehen, Tom Blees weist jedoch darauf hin, dass seine extreme Flüchtigkeit (Wasserstoff diffundiert durch Stahl) und die Hochentzündlichkeit an Luft seiner Nützlichkeit vermutlich enge Grenzen setzen. Bor dagegen ist, wenn es nicht mit reinem Sauerstoff in Kontakt kommt, fast inert und kann so einfach transportiert und gehandhabt werden wie Eisen oder Kupfer.

Leseprobe: Chapter Five – The Fifth Element.

Es soll die Rolle eines Energieträgers spielen: Der Autoantrieb beruht auf einer Turbine, in der das Bor in reinem Sauerstoff verbrennt, der vorher von einer separaten, ebenfalls im Auto eingebauten Vorrichtung aus der Luft extrahiert wurde. Das bei der Verbrennung entstehende Boroxid wird keinesfalls aus einem Auspuff ausgestoßen – vielmehr wird es hinter der Turbine aufgefangen und an Bord gespeichert. Hat ein Autofahrer seinen Borvorrat verbraucht, gibt er das Oxid in irgendeinem Geschäft, das Bor führt (wegen seiner chemischen Unbedenklichkeit kann jeder Supermarkt und jeder Zeitungskiosk Bor verkaufen) ab, und es wird zurück zu einer Bor-Reduktionsanlage geschickt, die direkt an einen IFR angeschlossen ist: Denn die Prozesswärme des Reaktors reicht schon fast zur Reduktion aus, es ist nur ein kleiner zusätzlicher Temperatur-Boost durch Elektrizität nötig.

Durch Veränderung ihres Durchsatzes können die Bor-Reduktionsanlagen auch Leistungsänderungen des IFR simulieren (in Wirklichkeit läuft der Reaktor mit konstanter Leistung) und so die Schwankungen von Erneuerbaren ausgleichen.

Das Elegante an dem Konzept des Bor-Treibstoffs ist, dass das Bor nur einmal pro Auto beschafft werden muss (es kann abgebaut oder auch aus Meerwasser extrahiert werden). Es geht in einen geschlossenen Kreislauf und arbeitet als Energieträger zwischen den IFRs und den Autos.

Da für kurze Strecken elektrische Antriebe geeignet sind, werden die Autos größtenteils Bor-Elektro-Hybride sein. Meine europäische Sichtweise lässt mich vermuten, dass viele sich auch reine E-Autos kaufen werden. In Europa sind die meisten im Auto zurückgelegten Strecken kurz, so dass ein rein elektrischer Wagen die beste Wahl ist.

Während Transport und Verkauf des Bor in Hand privater Firmen bleiben kann, sollten die Reduktionsanlagen ebenfalls GREAT unterstehen: Zum einen befinden sie sich ja am gleichen Ort wie die IFRs (auf dem Gelände von Energiebotschaften), zum anderen ist es für Volkswirtschaften sehr vorteilhaft, wenn der Preis von Treibstoffen für Fahrzeuge (d.h. letztlich die Transportkosten für viele Güter) stabil und niedrig bleibt.

Das dritte Konzept, auf dem Tom Blees‘ Zukunftsvision aufbaut, ist das Recycling von (nicht-nuklearen) Abfällen durch sogenannte Plasmakonverter. Diese funktionieren an für sich ganz einfach: Ein elektrischer Lichtbogen erzeugt äußerst hohe Temperaturen von ca. 17.000 Grad, welche zur chemischen Aufspaltung fast beliebiger Abfallstoffe genutzt werden. Bei solch hohen Temperaturen bricht so gut wie jede chemische Verbindung auf, weswegen auch Gefahrstoffe wie Sprengmittel, Giftgas oder andere toxische Substanzen auf diese Art unschädlich gemacht werden können. Die Abfälle zersetzen sich zu zwei verschiedenen Substanzströmen: Einmal Syngas, einem Gemisch aus Wasserstoff und Kohlenmonoxid, das sowohl als Brennstoff wie auch als Grundlage für die chemische Industrie – insbesondere zur Erzeugung von Kunststoffen – genutzt werden kann, zum anderen Schlacke aus Silikaten und Metallen, die als Baustoff oder Rohstoffquelle für die Metallindustrie dienen kann.

Leseprobe: Chapter Seven – Exxon Sanitation Inc.

Tom Blees sieht die Rolle der Plasmakonverter auch als Energiequelle: Die Verbrennung des Syngas soll genug Energie liefern, um zum einen die Plasmafackel zu betreiben, zum anderen noch zusätzlich Strom zu erzeugen. Dies erfordert allerdings, dass die Abfälle vor allem niedrigoxidierte Substanzen (Bioabfälle, Kunststoffe, Kohlenwasserstoffe) enthalten, die zur Freisetzung von viel Syngas geeignet sind. Werden dagegen vorwiegend Metallabfälle oder Silikate in den Konverter gefüttert, entsteht nur Schlacke und kein Syngas, und ein exothermer Betrieb der Anlage ist nicht möglich.

Wenn wir nun in der Zukunft den Verbrauch von fossilen Kohlenwasserstoffen immer weiter reduzieren, nimmt auch der Anteil dieser Substanzen an unseren Abfällen ab. Dies hat den Vorteil, dass die Verbrennung des Syngas dann weitgehend klimaneutral wird, da der Kohlenstoff darin aus nichtfossilen Quellen (im Wesentlichen Biomasse) stammt. Dies könnte jedoch das Problem aufwerfen, dass dann auch immer weniger Syngas erzeugt werden kann und immer weniger Plasmakonverter als Netto-Energiequelle arbeiten können.

Asymptotisch werden die niedrigoxidierten Anteile unserer Haus- und Industrieabfälle vorwiegend Biomasse sein: Pflanzen- und Küchenabfälle, Holz und Papier, menschliche und tierische Ausscheidungen u. ä. Die Plasmakonverter bzw. das entstehende Syngas spielen dann die Rolle einer neuartigen Biomassenutzung. Hier müssten meines Erachtens nach noch genauere Berechnungen bezüglich der Energiebilanz der Plasmakonversion durchgeführt werden: Wäre es eventuell energieeffizienter, die Abfälle auf biologischem Wege in Methan umzusetzen oder sie direkt zu verbrennen?

Möglicherweise wird man die Plasmakonverter auch eher nicht als Energiequelle nutzen, sondern vor allem als Rohstoffquelle für die Industrie. Energie ist im IFR-Zeitalter kaum noch ein kritisch begrenzender Faktor, die Abwesenheit von Erdöl könnte für die Kunststoffindustrie aber problematisch werden. Zwar lassen sich als Rohstoff auch Pflanzenöle nutzen, aber es ist schwierig, genug davon anzuschaffen, vor allem wenn Nahrungsmittelproduktion deutlich Vorrang hat, wie es stets sein sollte! Hier könnte das Plasmarecycling von Abfällen einen Ausweg bieten: Werden Kunstoffabfälle in Syngas umgewandelt, dieses aber nicht verbrannt sondern als Ausgangsstoff für neues Plastik u. ä. verwendet, dann lässt sich ein (beinahe) geschlossener Materialkreislauf erschaffen: Kunststoffe werden aus Syngas hergestellt, irgendwann weggeworfen, kommen in den Plasmakonverter, werden dort zu Syngas, dieses wandert wieder als Rohstoff in die Kunststofffabrik usw. Gleiches gilt für Metalle und Silikate, die aus der entstehenden Schlacke zurückgewonnen werden können. So ließe sich der industrielle Stoffkreislauf weitgehend schließen: Rohstoffe müssen – genau wie der Energieträger Bor – nur noch ein einziges Mal abgebaut werden, danach bleiben sie erhalten und stehen immer wieder von neuem zur Verfügung.

Nebenbei bemerkt denken viele auch darüber nach, das Kohlendioxid in der Luft als petrochemischen Ausgangsstoff zu nutzen, was den angenehmen Nebeneffekt hätte, dass man so dem Klimawandel entgegenwirken würde.

Die Plasmakonverter-Industrie sieht Tom Blees als Zukunft der Ölkonzerne: BP, Shell, Exxon und andere werden seinen Ideen zufolge in der Zukunft das Recycling von Abfällen übernehmen. Dies ist naheliegend, da die Arbeit mit Syngas im Wesentlichen eine Anwendung der Kohlenwasserstoffchemie ist, und genau hier haben diese Unternehmen ihre Kompetenzen und auch geeignete Anlagen.

Auch die Erneuerbaren sollen in den Händen der Privatwirtschaft bleiben und soviel zum Energiemix beitragen wie sie können. Manche werden hier einwenden, dass diese Kombination – IFR in Händen von GREAT, Erneuerbare in Händen privater Unternehmen – letztere in ein halbsozialistisches System zwingt, da die niedrigen Strompreise von GREAT einer Art staatlich verordneter Preisbegrenzung entsprechen (man muss schon ein sehr enthusiastischer Solar-Fan sein um freiwillig für Strom aus Photovoltaik mehr zu zahlen). Ich finde aber, dass das gar nicht so schlecht zu sein braucht: Zum einen erzeugt es einen starken Impetus für die Erneurbaren-Firmen, ihre Technologien zu perfektionieren, bis ihre Strompreise vergleichbar mit denen von GREAT werden, zum anderen darf Energie nicht teuer sein, wenn wir, wie Tom Blees ebenso vernünftig wie revolutionär vorschlägt, Zugang zu erschwinglicher, postfossiler Energie in den Kanon der Menschenrechte aufnehmen. Eine Preisobergrenze für Strom ist dann ebenso selbstverständlich, wie dass jeder Mensch frei und gleich an Würde und Rechten geboren ist.

In einem zweiten Teil der Rezension möchte ich die Konzepte von Tom Blees noch etwas diskutieren. Fürs erste sollen jedoch zwei Gedanken aus dem Buch festgehalten werden, die mir faszinierend und visionär erscheinen: Saubere Energie als Grundrecht aller Menschen – und als Resultat davon die Erschaffung einer Post-Scarcity-Gesellschaft. Das ist eine Zukunftsgesellschaft, in der kein Mensch mehr Mangel an Energie oder materiellen Ressourcen erleiden muss, die Armut mit anderen Worten weltweit abgeschafft ist. Tom Blees entwirft eine Zukunft, die sich diesem Ziel mithilfe der drei genannten Technologien – IFR, Boromobile, Plasmarecycling – sowie des gemeinnützigen Weltwerks GREAT annähert. Auch wenn die Menschheit sich eventuell für einen anderen Pfad dorthin entscheidet: Sie sollte die Post-Scarcity-Gesellschaft im Auge behalten.

Das Grundrecht auf Energieversorgung ist aus europäischer Sicht ein klassisch sozialdemokratisches Projekt: Absicherung des Einzelnen durch die Gemeinschaft. Tom Blees bezeichnet in seinem Buch das Projekt GREAT als „socialist“. In Amerika werden meist Sozialdemokratie und Sozialismus unter dem Begriff „Socialism“ zusammengefasst, ein Trend, der zur Zeit auch Deutschland zu erfassen scheint. Tom Blees entkräftet Einwände der Kapitalismus-Fanatiker gegen die Verstaatlichung der Kernenergie mit einem Argument, dass so elegant ist, dass ich es hier wörtlich zitieren möchte (p. 254): „Make no mistake about it, America is a socialist country. Indeed, it would be quite impossible to find any country that isn’t, since the term simply connotes some degree of publicly funded benefits which accrue to all a society’s members. Without that there would be no society.

UPDATE: Tom Blees hat das komplette Buch zum freien Download zur Verfügung gestellt!

2 Gedanken zu „Energie-Sozialdemokratie: Das Weltwerk (Buchrezension: Prescription for the Planet – Teil 1)

  1. Das Plasmarecycling wird hier etwas unzureichend dargestellt. Hier wird nur die einfachste Form des Plasmarecycling beschrieben die übrigens auch schon industriell genutzt wird siehe etwa: http://www.westinghouse-plasma.com/ .

    Tatsächlich bietet Plasmarecycling noch weit mehr Möglichkeiten so ist es prinzipiell Möglich das Plasma elektromagnetisch in seine Chemischen Elemente aufzutrennen, selbst Isotopenanreicherung ist möglich. Das steckt zwar noch alles etwas in den Kinderschuhen aber es gibt hier keine prinzipiellen Hürden.

    Plasmarecycling hat wirklich das Potenzial dazu eine Technologie zu sein die völlig beliebige Abfälle in sortenrein getrennte Rohstoffe verwandeln kann.

    Der größte Nachteil des Plasmarecycling ist das es vor allem in seinen komplexen Formen recht energieintensiv ist aber auch nicht soooo energieintensiv wie man vielleicht auf den ersten Blick glauben könnte und zudem wird das natürlich bei fallenden Energiepreisen ein immer geringeres Problem. Wie erwähnt kann das Plasmarecycling sogar energieneutral sein oder gar eine positive Energiebilanz haben wenn man brennbare Bestandteile des Abfalls zur Energiegewinnung verbrennt.

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